Kyo Koike

Kyo Koike (japanisch 小池 恭; * 11. Februar 1878 in der Präfektur Shimane, Japan; † 31. März 1947 in Seattle, USA) war ein japanisch-amerikanischer Arzt, Fotograf und Dichter.[1] Er gilt als zentrale Figur der Piktorialismus-Bewegung in Seattle in den 1920er Jahren und war Mitbegründer des Seattle Camera Club.[2]

Leben

Kyo Koike entstammte einer Familie von Ärzten, die in der Tradition der chinesischen Kräutermedizin standen. Er besuchte die Medizinische Hochschule in Okayama, wo er westliche Medizin auf Deutsch studierte. Nach seiner Ausbildung betrieb er in Japan eine erfolgreiche Praxis, bevor er im Alter von 38 Jahren, im Jahr 1916, in die Vereinigten Staaten auswanderte. Ein Freund hatte ihn überredet, nach Seattle zu kommen, um japanischen Einwanderern medizinische Versorgung zu bieten. In Seattle eröffnete Kyo Koike eine Praxis in der Main Street nahe der 5th Avenue. Er lebte in einem Raum hinter der Praxis und hielt lange Öffnungszeiten, um seinen Landsleuten, die meist als Arbeiter beschäftigt waren, auch nach Feierabend ärztliche Hilfe zu ermöglichen. Neben seiner Tätigkeit als Arzt widmete er sich intensiv der Fotografie, mit der er bereits in Japan begonnen hatte, sowie der Dichtkunst. Er war aktives Mitglied der japanisch-amerikanischen Gemeinde Seattles und gründete einen Haiku-Club.[1]

Kyo Koikes erste öffentliche Ausstellung fand 1924 im Kaufhaus Frederick & Nelson statt und markierte den Beginn der Piktorialismus-Bewegung in Seattle. Der Piktorialismus verstand Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel, bei dem Atmosphäre, Emotion und Naturdarstellung im Vordergrund standen. Diese Richtung unterschied sich deutlich von der kommerziellen Porträtfotografie der japanischen Gemeinde und später von der sozialrealistischen und modernistischen Fotografie während des Zweiten Weltkriegs. Im Jahr 1924 gründete Kyo Koike gemeinsam mit anderen Issei-Fotografen, darunter Frank Kunishige, Hideo Morinaga, Hiromu Kira und Iwao Matsushita, den Seattle Camera Club. Später traten auch einige nicht-japanischstämmige Mitglieder bei, darunter die Fotografin Ella McBride. Kyo Koike war Herausgeber des Clubmagazins Notan (Licht und Schatten), das von 1925 bis 1929 erschien. In einem offenen Brief im Jahr 1927 rief er nichtjapanische Fotografen zur Mitarbeit auf, erhielt jedoch wenig Resonanz.[1]

Kyo Koike nahm mit seinen Werken an zahlreichen nationalen und internationalen Salons teil. 1928 wurde er als Associate in die Royal Photographic Society of Great Britain aufgenommen und zählte um 1929 zu den weltweit meistgezeigten Piktorialisten. Die Themen seiner Fotografien reichten von stimmungsvollen Darstellungen von Kindern, Landschaften und städtischen Szenen bis zu Naturaufnahmen, insbesondere aus der Umgebung des Mount Rainier, den Kyo Koike als heiligen Berg verehrte. In seinen Schriften, etwa in Camera Craft (San Francisco, 1925), betonte er die Bedeutung der Vorstellungskraft und des ersten Eindrucks für die künstlerische Arbeit. Während er sich auf ruhige Naturdarstellungen spezialisiert hatte, widmeten sich andere Clubmitglieder wie Frank Kunishige auch der Akt- und Tanzfotografie.[1][2]

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 löste sich der Seattle Camera Club aufgrund finanzieller Schwierigkeiten auf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Kyo Koike zusammen mit anderen japanischstämmigen Amerikanern inhaftiert. Er wurde zunächst Leiter der medizinischen Einrichtung im Internierungslager Camp Harmony in Puyallup, Washington, und später im Minidoka Internment Camp in Idaho, wo er routinemäßige medizinische Aufgaben übernahm. Fotografie war in den Lagern anfangs verboten. Kyo Koike pflegte jedoch Korrespondenz mit anderen inhaftierten Fotografen, schrieb Haikus und widmete sich dem Holzschnitzen. Nach seiner Entlassung kehrte er nach Seattle zurück, wo er sich der buddhistischen Gemeinde und dem Haiku-Kreis anschloss. Er starb 1947 im Alter von 69 Jahren. Über eine Ehe oder Nachkommen ist nichts bekannt.[1]

Iwao Matsushita ist es zu verdanken, dass der fotografische Nachlass von Kyo Koike sowie die Unterlagen des Seattle Camera Clubs bewahrt wurden. Er übergab die Materialien der University of Washington Libraries. Historiker wie Robert D. Monroe und Kazuko Nakane würdigten Koikes Beitrag zur Entwicklung der japanisch-amerikanischen Kunstfotografie. Der Seattle Camera Club gilt als bedeutendes Kapitel der Fotogeschichte des amerikanischen Westens in der Zwischenkriegszeit.[1]

Werke (Auswahl)

Literatur

  • Louis Fiset, Imprisoned Apart: The World War II Correspondence of an Issei Couple, Seattle: University of Washington Press, 1997.
  • Shelley Sang Hee Lee, Claiming the Oriental Gateway: Prewar Seattle and Japanese American, Philadelphia: Temple University Press, 2011.
  • David F. Martin, Nicolette Bromberg, Shadows of a Fleeting World: Pictorial Photography and the Seattle Camera Club, Seattle: University of Washington Press, 2011.
  • Robert D. Monroe, Light and Shade: Pictorial Photography in Seattle, 1920–1940, and the Seattle Camera Club, in Turning Shadows into Light, hrsg. von Mayumi Tsutakawa und Alan Chong Lau, Seattle: Young Pine Press, 1982.
  • Rachel Sailor, ‘You Must Become Dreamy’: Complicating Japanese-American Pictorialism and the Early Twentieth-Century Regional West, in: European Journal of American Studies 9.3 (2014).
  • Carol Zabilski: Dr. Kyo Koike, 1878–1947: Physician, Poet, Photographer, in: Pacific Northwest Quarterly 68.2 (April 1977).
Commons: Kyo Koike – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Kyo Koike | Densho Encyclopedia. Archiviert vom Original am 11. September 2025; abgerufen am 13. November 2025 (englisch).
  2. a b Preserving a Legacy of Light and Shadow: Iwao Matsushita, Kyo Koike, and the Seattle Camera Club. Abgerufen am 13. November 2025.