Kuhreiher

Kuhreiher

Kuhreiher (Ardea ibis)

Systematik
Klasse: Vögel (Aves)
Ordnung: Pelecaniformes
Familie: Reiher (Ardeidae)
Unterfamilie: Ardeinae
Gattung: Ardea
Art: Kuhreiher
Wissenschaftlicher Name
Ardea ibis
(Linnaeus, 1758)

Der Kuhreiher (Ardea ibis, Synonym: Bubulcus ibis) gehört zur Familie der Reiher aus der Ordnung Pelecaniformes. Er ist in Afrika, einigen Gebieten im Nahen Osten, in Südeuropa, Süd-, Mittel- und im Süden von Nordamerika verbreitet, sein Verbreitungsgebiet hat sich insbesondere im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark ausgedehnt. Ursprünglich wurden zwei Unterarten unterschieden, die Kuhreiher in Indien, Südostasien und Australien werden heute aber als eigenständige Art aufgefasst (Koromandelkuhreiher (Ardea coromanda)).[1]

Die IUCN stuft den Kuhreiher als nicht gefährdet (least concern) ein.[2]

Aussehen

Der Kuhreiher erreicht eine Körperlänge von 46 bis 56 Zentimeter und wiegt zwischen 300 und 400 Gramm. Die Flügelspannweite beträgt 88 bis 96 Zentimeter.[3]

Auf den ersten Blick erinnert der Kuhreiher an den Rallenreiher, der jedoch etwas dunkler und kleiner ist. Ausgewachsene Tiere besitzen ein hauptsächlich weißes Gefieder, einen gelben Schnabel und gelbe bis rötliche, außerhalb der Brutzeit schwarze Beine. Außerhalb der Fortpflanzungszeit ist die Augenumgebung grünlich bis gelb. Im Prachtkleid zur Brutzeit trägt der Kuhreiher Federbüschel auf dem Kopf und rotbräunlich gefärbte Federn auf Rücken, Brust und Kopf. Die Augenumgebung ist dann blau, während der Hochbalz sind außerdem der Schnabel und die Zügel rötlich.

Verbreitung

Verbreitung weltweit

Ursprünglich war der Kuhreiher nur in der alten Welt beheimatet und kam in Südeuropa, Nordwestafrika, der Region südlich der Sahara, auf Madagaskar, im Süden der Türkei und im Südwesten Asiens sowie in Südrussland vor.[4]

Der Kuhreiher hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts stark ausgebreitet. Er hat dabei von der Umwandlung von Waldgebieten in Weideland profitiert. Die Bestandszahlen sind vor allem in Regionen mit hohen jährlichen Niederschlagsmengen gestiegen. Der Bestandsanstieg wurde insbesondere dann begünstigt, wenn die Region zuvor eine niedrige Dichte an Megaherbivoren aufwies und mittlerweile intensiv als Weideland genutzt wird. Die Arealausweitung in afrikanische und australische Regionen mit niedrigeren Niederschlagsmengen wurde durch die Anlage künstlicher Gewässer und Bewässerungsanlagen unterstützt. Landwirte schätzen gewöhnlich die Ansiedlung von Kuhreihern, da sie Weideschädlinge fressen. Eine hohe Dichte an Kuhreihern trägt dazu bei, die Zahl der Schildzecken zu reduzieren, die an Rindern saugen.[5]

Ausbreitung in Amerika

Um das Jahr 1877 waren erste Kuhreiher in Südamerika zu sehen, ab 1930 besiedelte die Art von Britisch-Guayana ausgehend Nord- und Südamerika. Das amerikanische Verbreitungsgebiet reicht heute von Kanada, wo diese Art ab 1940 einwanderte, über Mittelamerika bis nach Chile. Auf Hawaii wurde die Art 1949 eingeführt. Mittlerweile ist der Kuhreiher eine der häufigsten Reiherarten der warm-gemäßigten Regionen Amerikas.[4]

Verbreitung in Europa

Der europäische Gesamtbestand betrug in den 1970er Jahren etwa 50.000 Brutpaare. Seitdem hat der Bestand teils stark zugenommen. Europäischer Verbreitungsschwerpunkt ist die Iberische Halbinsel. Allein dort kommen seit den 1990er Jahren mehr als 80.000 Brutpaare vor.

In Mitteleuropa gibt es in den meisten Ländern eine geringe, jedoch wachsende Zahl an Brut- und Jahresvögeln. Dies ist zum Teil auch darauf zurückzuführen, dass der Bestand in Südwesteuropa zugenommen hat und es dadurch verstärkt einen Einflug in Mitteleuropa gibt. In Frankreich gibt es einen zunehmenden Brutvogelbestand,[6] in Belgien brütet die Art seit 1998, im Jahr 2000 gab es schon neun Nester. In den Niederlanden brütet der Kuhreiher gleichfalls seit 1998.[7] In Österreich wurden brütende Kuhreiher erstmals 2022 am Unteren Inn beobachtet.[8] Für Deutschland wurde im August 2023 erstmals ein Brutpaar am Altmühlsee (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen) nachgewiesen.[9] 2024 und 2025 folgten Brutnachweise in den Landkreisen Straubing-Bogen und Landshut.[10]

Daneben gibt es auch regelmäßig Beobachtungen von Gefangenschaftsflüchtlingen. Kuhreiher werden in über 100 europäischen Zoos gehalten[11], oft in freifliegende Kolonien.[12]

Wanderungen

Der Kuhreiher ist ein Kurzstreckenzieher beziehungsweise Teilzieher. Die Brutvögel Spaniens wandern ungerichtet ab, wobei hierbei nicht deutlich zwischen nachbrutzeitlichen Streuungswandungern und einem Wegzug zu trennen ist. Bei den Nordafrikanischen Kuhreihern erfolgen zum Teil sehr weite Flüge zu Nahrungsgründen, es ist aber kein Zug zu beobachten. Auch die Brutvögel in Südfrankreich sind dort Überwinterer. Einzelne Wanderungen europäischer Brutvögel bis nach Südafrika sind nachgewiesen, jedoch handelt es sich hier ebenfalls mehr um Zerstreuungswanderungen als um einen gerichteten Zug.[13]

Lebensraum

Im Gegensatz zu anderen paläarktischen Reihern ist der Kuhreiher nicht sehr stark an Wasser gebunden. Er fängt auch gerne Insekten in trockeneren Gebieten wie Feldern und Weiden. Oft bewegt er sich zwischen Viehherden, auch setzt er sich gerne weidenden Tieren auf den Rücken. Daneben kommt er auch in sumpfigen Gebieten sowie auf Überschwemmungsflächen vor. Er schließt sich sehr häufig pflanzenfressenden Großsäugern an oder folgt auch pflügenden Bauern.

Lebensweise

Kuhreiher sind tagaktive Vögel und sind außerdem sehr sozial. Sie sind regelmäßig in kleinen Trupps auf Nahrungssuche, wobei die Gruppenjagd die Effizienz der Nahrungssuche erhöht. Lediglich individuelle Kleinstterritorien werden verteidigt. Kuhreiher nisten in Kolonien und sind dabei häufig mit anderen Reiherarten vergesellschaftet.

Zum Nahrungsspektrum des Kuhreihers gehören Heuschrecken, Spinnen, Zecken, Frösche, Reptilien und kleinere Säugetiere. Im Winterhalbjahr spielen Regenwürmer eine größere Rolle im Nahrungsspektrum. Während der Nahrungssuche folgen Kuhreiher weidendem Vieh wie Schafen, Ziegen, Pferden und Kühen. Regelmäßig lesen sie auch Ektoparasiten von weidendem Vieh ab.

Fortpflanzung

Ihre Geschlechtsreife erreichen Kuhreiher im 2. Lebensjahr. Sie führen eine monogame Saisonehe, wobei Bigynie jedoch beobachtet werden kann.[14][15] Die Nester werden auf Bäumen oder in Büschen sowie im Röhricht errichtet. Gewöhnlich trägt das Männchen das Nistmaterial ein, das das Weibchen in durchschnittlich sechs bis sieben Tagen zu einem Nest verbaut. Der Legebeginn ist im April. Die Gelege umfassen in der Regel vier bis fünf Eier, wobei ein Legeabstand von ein bis zwei Tagen besteht. Die Eier werden von beiden Elternvögeln 22 bis 26 Tage lang bebrütet. Die Jungvögel schlüpfen asynchron und werden erst ab dem 10. Tag von den Elternvögeln auch allein gelassen. Mit etwa 20 Tagen verlassen sie das Nest. Sie sind jedoch erst mit 25 bis 35 Tagen flügge.[16]

Parasiten

Duplicaecum ibisi ist ein im Magen von Kuhreihern vorkommender Parasit.[17]

Belege

Literatur

  • Hans-Günther Bauer, Einhard Bezzel und Wolfgang Fiedler (Hrsg.): Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 1: Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. Aula-Verlag Wiebelsheim, Wiesbaden 2005, ISBN 3-89104-647-2.
  • P. J. Higgins (Hrsg.): Handbook of Australian, New Zealand & Antarctic Birds, Band 1, Ratites to Ducks, Oxford University Press, Oxford 1990, ISBN 0-19-553068-3.
  • James A. Kushlan & James A. Hancock: Herons. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-854981-4.

Einzelbelege

  1. Frank Gill, David Donsker & Pamela Rasmussen (Hrsg.): Ibises, spoonbills, herons, Hamerkop, Shoebill, pelicans in der IOC World Bird List
  2. Bubulcus ibis in der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN 2009. Eingestellt von: BirdLife International, 2009. Abgerufen am 10. März 2010.
  3. Bauer et al., S. 259.
  4. a b R. C. Telfair II (2024). Western Cattle-Egret (Ardea ibis), Version 1.1. In Birds of the World (P. G. Rodewald, B. K. Keeney, S. M. Billerman und M. A. Bridwell, Hrsg.). Cornell Lab of Ornithology, Ithaca, NY, USA. doi: 10.2173/bow.categr1.01.1
  5. Higgins, S. 1018.
  6. Bauer et al., S. 259 und S. 260.
  7. Bauer et al., S. 259.
  8. Erstmals brüten Kuhreiher in Österreich. orf.at, 8. Juli 2022.
  9. "Sensation": Erstmals brüten Kuhreiher am Altmühlsee. 10. August 2023, abgerufen am 10. August 2023.
  10. Gerlach, B., R. Dröschmeister, T. Langgemach, K. Berlin, K. Borkenhagen, M. Busch, S. Davids, V. Dierschke, M. Hauswirth, T. Heinicke, F. Kunz, C. König, K. Koffijberg, K. Lindner, N. Markones, A. Morkovin, C. Pertl, S. Trautmann, J. Wahl, W. Züghart & C. Sudfeldt: Vögel in Deutschland – Bestandssituation 2025. DDA, BfN, LAG VSW, Münster. (PDF). Eigenverlag des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten e. V., 2025, ISBN 978-3-9819703-5-7, S. 24 (dda-web.de [PDF]).
  11. Kuhreiher auf Zootierliste.de, abgerufen am 8. Juli 2022.
  12. Lars Svensson (Text, Karten), Killian Mullarney, Dan Zetterström (Illustrationen und Bildlegenden): Der Kosmos Vogelführer: alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. 2. Auflage. Kosmos, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-440-12384-3, S. 82 (schwedisch: Fågelguiden. Übersetzt von Peter H. Barthel).
  13. Bauer et al., S. 259.
  14. Codrops: Kuhreiher - Steckbrief, Verbreitung, Bilder. Abgerufen am 10. Mai 2022 (deutsch).
  15. Vogelarten: Graureiher (Ardea alba). Abgerufen am 10. Mai 2022.
  16. Bauer et al., S. 260.
  17. G. Majumdar, G. K. Chakravarty: New nematodes from birds. Part II. In: Zeitschrift für Parasitenkunde. Band 23, 1963, S. 405–410.
Commons: Kuhreiher – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Kuhreiher – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen