Kapala (Kultgegenstand)
Eine Kapala (Sanskrit कपाल IAST kapāla, tibetisch ཐོད་པ Wylie thod pa) ist eine Schädelkalotte, vorwiegend für rituelle, tantrische Praktiken. Historisch wurde dafür das ovale Schädeldach eines menschlichen Totenschädels abgesägt, der oft einer Stätte für Himmelsbestattung entnommen wurde, und umgedreht als Opferschale verwendet. Sie gilt als einer der bedeutungsvollsten Kultgegenstände im esoterischen Buddhismus.
Gebrauch
Eine Kapala wird immer in der linken Hand gehalten, die im Buddhismus den weiblichen Aspekt symbolisiert. Bei rituellen Handlungen wird sie vor der Brust auf Höhe des Herzens gehalten.
Wesentliche Verwendungszwecke einer Kapala sind:
- als Opferschale für Speisen und Getränke für Gottheiten
- als Gegenstand der Verehrung auf einem Tempel-Altar
- als Meditationshilfsmittel für Meditationen
- als Almosen- und Trinkschale für tantrische Asketen
- als zeremonielles Objekt bei Initiations- und Ermächtigungsriten
- als rituelles Hilfsmittel um Anerkennung, Weisheit oder ein langes Leben zu erbitten
Die Präsentation einer Kapala als Altargegenstand in buddhistischen Tempeln ist in der Regel dreiteilig. Sie wird auf einem aufwendig verzierten Sockel platziert, und mit einem gleichartig gearbeiteten, kuppelförmigen Deckel abgedeckt, meistens oben mit einem Halbvajra als Griff. Die Kapala selbst wurde bisweilen auch noch mit Schnitzereien und Bemalungen verziert, die der Gottheit der Verehrung dieses Tempels gewidmet sind. Auch Metallapplikationen sind belegt. Sockel und Deckel sind meist aus Bronze gegossen und oft feuervergoldet. In den Schatzkammern bedeutender Klöster Tibets befinden sich aber auch viele hochwertige Goldschmiedearbeiten solcher Altargegenstände.
Der tantrische Stab Khatvanga, die Handtrommel Damaru und die Schädelschale Kapala waren die drei wichtigsten Attribute der Hindu Kapalika Yogins. Von dort wurden sie in den tantrischen Buddhismus als Symbole für Körper, Sprache und Geist übernommen. Die Kapala repräsentiert dabei Reinheit des Denkens.
Darstellung
Eine Kapala ist in vielen Darstellungen von hinduistischen und buddhistischen Gottheiten ein wesentliches, kennzeichnendes Attribut. Wegen der großen Zahl können hier nur einige exemplarisch genannt werden. Bei friedvollen Gottheiten ist sie mit dem lebensverlängernden Elixier Amrita gefüllt, bei den eher zornvollen Gottheiten mit Blut. Die zornvolle Gottheit Mahakala wird in der Regel mit einer Kapala in einer seiner linken Hände dargestellt. Der hinduistische Todesgott Yama hält immer in der linken Hand eine mit Blut gefüllte Kapala.
Bei Dakinis ist sie neben dem rechts gehaltenen Kartika das zweite, kennzeichnende Attribut.
Material
Echte Kapalas aus den Knochen eines menschlichen Totenschädels sind heute im Handel für Kultobjekte und Sakrale praktisch nicht mehr zu bekommen. Sie werden aber oft in Museen mit Sammlungen zur tibetischen Kulturgeschichte ausgestellt. Eine Kapala wurde vorzugsweise aus dem Schädel einer hohen, ordinierten Person oder einer anderen Person von hohem sozialem Rang hergestellt. Weitere Kriterien für die Auswahl eines Schädels waren die Anzahl und Form der Knochennähte, die einen menschlichen Schädel in mehrere Segmente teilen. Je geringer die Anzahl, desto höher wurde eine Kapala geschätzt. Nach dem Schneiden der Kalotte in die endgültige Form wurde diese gereinigt und mit vorgeschrieben Substanzen behandelt, bevor sie mit heiligen Formeln geweiht wurde.
Neben echten Kapalas wurden aber schon im Altertum kapalaförmige Opferschalen aus verschiedensten Materialien geformt. Exemplare aus Ton, Holz, Horn, Stein, aber auch aus Silber und Gold sind erhalten geblieben und in der Literatur dokumentiert.
Heute als Kapala angebotene Objekte bestehen in der Regel aus Kunstharz (Resin) und sind beschnitzt oder bemalt, oder sind aus Bronze gegossen und vielleicht feuervergoldet. Das Innere einer solchen Kapala ist häufig mit Tibetsilber ausgekleidet, einer Legierung mit sehr geringem Silberanteil von nicht mehr als 250/1000.
Literatur
- Robert Beer: The Handbook of Tibetan Buddhist Symbols Serindia Publications Inc., Chicago 2003, ISBN 1-932476-03-2, S. 110
- Michael Henss: Buddhist Ritual Art of Tibet Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89790-567-2, S. 208
- Gerd-Wolfgang Essen, Tsering Tashi Thingo: Die Götter des Himalaya (Tafelband) Prestel Verlag, München 1989, ISBN 3-7913-0994-3, S. 271
- Museum für Asiatische Kunst Berlin: TIBET-Klöster öffnen ihre Schatzkammern Hirmer Verlag, München 2006, ISBN 978-3-88609-566-7, S. 514