Khatvanga (Waffe)
Ein Khatvanga (Sanskrit खट्वाङ्ग IAST khaṭvāṅga, tibetisch ཁ་ཏྭམ་ག Wylie kha twam ga) ist ein Kultgegenstand im Hinduismus und tantrischen Buddhismus. Es ist ein längerer Stab, gekennzeichnet durch einen Doppelvajra, drei stilisierte Schädel und einen flammenden Dreizack oder weiteren Vajra an seinem oberen Ende. Eine Waffe und Attribut von Götterbildern des Hinduismus und des tantrischen Buddhismus. Ein Dreizack ist beispielsweise die kennzeichnende Waffe von Lord Shiva, und Statuen sowie Bilder des Padmasambhava (Guru Rinpoche) zeigen üblicherweise einen Khatvanga von der Beuge des linken Ellenbogens zu seiner linken Schulter.
Herkunft
Der tantrische Stab Khatvanga, die Handtrommel Damaru und die Schädelschale Kapala waren die drei wichtigsten Attribute der Hindu Kapalika Yogins. Von dort wurden sie in den tantrischen Buddhismus als Symbole für Körper, Sprache und Geist übernommen. Bei wandernden Bettlern war ein Stab, neben der obligatorischen Almosenschale und dem dreiteiligen Mönchsgewand, eines der wenigen nach Ordensregeln erlaubten persönlichen Gegenstände für den täglichen Gebrauch.
Der indische Historiker Gopinatha Rao verwendet die Bezeichnung Khatvanga auch für eine einfache Keule aus einem menschlichen Oberarm- oder Schenkelknochen, auf den ein menschlicher Totenschädel befestigt wurde[1]. Er weist aber ausdrücklich darauf hin, dass diese "merkwürdige Waffe", wie er sie nennt, wohl aus sehr alten Zeiten überliefert sein muss.
Darstellung
Ein Khatvanga besteht aus einem achtseitigen Stab aus hellem Sandelholz. Unten ist er mit einem Halbvajra aus Metall abgeschlossen. Dieser besteht meistens aus Bronze, aber auch solche aus Eisen sind belegt. Auf diesem Stab ist zunächst horizontal ein kreuzförmiger Doppel-Vajra (Vishvavajra) mit daran befestigten, oft farbigen Seidenbändern montiert. Zusätzlich zu den Seidenbändern sollte auch noch eine Schnur mit einer aufgereihten kleinen Handtrommel Damaru und einer kleinen Glocke angebracht sein, manchmal noch ergänzt durch ein kleines Sonne und Mond Emblem. Darüber befindet sich die Darstellung einer goldenen Vase, die symbolisch den lebensverlängernden Trank Amrita enthält. Sie stellt in der Vorstellung das Herz des Khatvangas dar. Auf dem Deckel der Vase befinden sich übereinander drei stilisierte Köpfe. Diese können direkt auf der Vase montiert sein, es gibt aber auch dokumentierte Ausführungen, wo zwischen Vase und unterstem Kopf noch ein aufrecht stehender Doppelvajra angebracht ist. Der untere Kopf, wenn koloriert rote, stellt einen frisch abgeschlagenen Kopf dar. Der mittlere, wenn koloriert grüne, soll einen bereits in Verwesung befindlichen Kopf darstellen, und der obere, wenn koloriert weiße, einen Totenschädel. Auf diesen ist in der Regel ein oft flammender Dreizack (Trishula) montiert. Anstelle eines Trishula kann aber auch ein weiterer Halbvajra oder ein aufrecht stehender Vajra angebracht sein. Die Länge eines echten Khatvanga variiert zwischen Körpergröße und zwei Drittel der Körpergröße des Trägers. Khatvangas für rein rituelle Zwecke hoher budhistischer Würdenträger können kürzer sein.
In der Literatur sind auch sehr alte, historische Khatvangas aus beschnitztem Holz beschrieben, die deutlich einfacher gestaltet sind. Solche Exemplare, sofern die Echtheit bestätigt werden konnte, sind extrem selten.
Symbolik
Die Symbolik eines Khatvanga ist komplex. In der Literatur (siehe dort) sind mehrere Deutungen der einzelnen Elemente beschrieben, wobei die Deutungen von hinduistischen und buddhistischen Schulen von einander abweichen. Eine der Interpretationen verbindet die drei Köpfe, die Vase und den Doppelvajra, von oben nach unten, mit den Keimsilben Om, A, Hum, Swa und Ha der fünf Adibuddhas. Eine andere Interpretation verbindet den Aufbau eines Khatvanga mit dem heiligen Berg Meru. Bei einer männlichen, tantrischen Gottheit symbolisiert der Stab auch die weibliche Partnerin, bei einer Göttin den männlichen Partner.
Handel
Wie für fast alles im hinduistischen und buddhistische religiösen Kontext war auch das Aussehen eines Khatvangas in engen Grenzen vorgeschrieben und dokumentiert[2]. Die meisten, heute im Handel für indische/tibetische Kultobjekte als Khatvanga angebotenen Stäbe, sind lediglich stark verkürzte, moderne Nachbildungen von meistens nur 40 bis 55 cm Länge. Oft werden sie zusätzlich auch als buddhistische "Zauberstäbe" bezeichnet, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Es sind auch Stäbe erhältlich, die unten in einer Phurba auslaufen. Stäbe von 25 bis 50 cm Länge mit nur einem Kopf, die häufig auch als Khatvanga bezeichnet werden, sind unrichtig benannt. Es handelt sich dabei um eine Schlagwaffe zornvoller Gottheiten, wie z. B. des hinduistischen Todesgottes Yama, die in der Fachliteratur als Danda, tibetisch ཐོད་འབྱུག་ Wylie thod dbyug oder Gada geführt wird.
Literatur
- Robert Beer: The Handbook of Tibetan Buddhist Symbols. Serindia Publications Inc., Chicago 2003, ISBN 1-932476-03-2, S. 102 (englisch).
- Michael Henss: Buddhist Ritual Art of Tibet. Arnoldsche Art Publishers, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-89790-567-2, S. 182 (englisch).