Jean-Baptiste Willermoz
Jean-Baptiste Willermoz (* 10. Juli 1730 in Lyon; † 29. Mai 1824 ebenda) war ein französischer Seidenhändler, Freimaurer und Martinist. Er spielte im späten 18. Jahrhundert eine führende Rolle in den mystischen Strömungen der Freimaurerei. Willermoz gilt als einer der Hauptbegründer des Régime Écossais Rectifié (Rektifizierter Schottischer Ritus) und war ein enger Vertrauter von Martinez de Pasqually, dem Gründer der Martinistenloge „Ordre des Élus Coëns“. Er hatte einen entscheidenden Einfluss auf die Einführung des Martinismus in die Freimaurerei.
Biografie
Herkunft und Frühes Leben
Jean-Baptiste Willermoz wurde 1730 in Lyon geboren und wuchs dort in einer großbürgerlichen Familie auf. Er war das älteste von dreizehn Kindern; sein Vater Claude Catherine Willermoz war Händler für Seiden- und Stoffwaren (frz. mercier). Er war der Bruder von Pierre-Jacques Willermoz, einem Arzt und Chemiker, der auch an der Encyclopédie von Diderot und D'Alembert mitarbeitete. Die Familie war tief katholisch geprägt; ein Bruder wurde Priester. In Lyon erlernte Willermoz früh das Geschäft seines Vaters: Bereits im Alter von 15 Jahren begann er eine Lehre bei einem Seidenhändler, und mit 24 Jahren betrieb er sein eigenes Seidengeschäft. Die Seidenindustrie war damals das Hauptgewerbe der Stadt Lyon.[1][2] Willermoz stieg in Lyon mit seinem Seidengeschäft zu den führenden Kaufleuten der Stadt auf. Als Großbürger engagierte er sich auch sozial: Er war als „directeur bénévole“ in Wohltätigkeitsvereinen tätig und galt als einflussreiche Persönlichkeit im bürgerlichen Umfeld Lyons. Er übernahm auch öffentliche Ämter.[3] 1782 verkaufte Willermoz sein Geschäft, um sich vollständig seinen freimaurerischen und esoterischen Interessen widmen zu können.[1]
Freimaurerei
Neben dem großen Einfluss des Katholizismus galt Lyon zur Zeit der Französischen Revolution auch als eine Hochburg des Okkultismus und der Freimaurerei, mit knapp 1000 Logenmitgliedern. Willermoz trat 1750 im Alter von 20 Jahren in die Freimaurerei ein. Er durchlief rasch die Grade und wurde 1752 zum „Vénérable“ (Meister) seiner Loge in Lyon gewählt. Ein Jahr später, 1753, war er Mitbegründer der Loge „La Parfaite Amitié“ (Vollkommende Freundschaft) in Lyon.[1] Schon in dieser Zeit war er überzeugt, dass die tieferen Geheimnisse der Freimaurerei in höheren Graden verborgen lagen. 1756 gründete er eine eigene Abteilung seiner Loge (Sagesse), welche sich okkulten und esoterischen Praktiken nach Vorbild der Rosenkreuzer widmete.[3]
1760 gehörte Willermoz zu den Mitbegründern der „Grande Loge des Maîtres Réguliers de Lyon“, einer provinziellen Großloge innerhalb der Grande Loge de France. Diese Großloge führte damals ein System von zunächst sieben Graden ein und erhielt sogar eine Genehmigung, schottische Hochgrade zu praktizieren, dank Sondererlaubnis von Großmeister Louis de Bourbon, comte de Clermont. Willermoz’ zunehmend esoterischer Wissensdrang trieb die Erweiterung des Systems voran, das bald auf 25 Grade erweitert wurde.[2] Er selbst wurde um 1761 Großmeister der Großloge Lyon. Zu seinen Ambitionen gehörte auch die Einführung eines „Ritter des Schwarzen Adlers“-Ritus; 1763 gründete er zusammen mit seinem Bruder Pierre-Jacques ein streng geheimes „Souverain Chapitre des Chevaliers de l’Aigle Noir Rose-Croix“, in dem alchemistische Praktiken gepflegt wurden, verborgen vor regulären Logenmitgliedern.[4]
In den 1770er Jahren wandte sich Willermoz der Strikten Observanz zu, einem deutschen Freimaurersystem mit Tempelritus, dank seiner Kontakte zu Karl Gotthelf von Hund und Altengrotkau. 1774 wurde er in der Strikten Observanz als Eques ab Eremo („Ritter“) aufgenommen. Unter seiner Führung wurden die Lyoner Logen der Observanz reformiert: 1778 organisierte er den „Convent des Gaules“ in Lyon, auf dem die martinistischen Lehren Pasquallys (ohne deren theurgische Zeremonien) offiziell übernommen wurden, nachdem Willermoz das Vertrauen von Karl von Hessen-Kassel und Ferdinand von Braunschweig-Wolfenbüttel (zwei der wichtigsten deutschen Freimaurer ihrer Zeit) gewonnen hatte.[1] Dadurch wurde auch der neue Orden der „Wohltätigen Ritter der heiligen Stadt“ (frz. Chevaliers Bienfaisants de la Cité Sainte) begründet, der den Übergang zum Régime Écossais Rectifié (Rektifizierter Schottischer Ritus) markierte.[5]
Vier Jahre später, beim Wilhelmsbader Convent 1782, kam es zum endgültigen Bruch mit der alten Strikten Observanz. Die Templerlegende wurde unter dem maßgeblichen Einfluss von Willmeroz fallengelassen und stattdessen die Idee einer „Geistesherrschaft“ der Tempelrittertugenden betont und das Lyoner System von Willmeroz eingeführt. Das Ziel der Wiederherstellung des Templerordens wurde aufgegeben.[6][1] Mit diesen Reformen hatte Willermoz wesentlich zur Entstehung der mystisch-christlichen Freimaurerei in Frankreich beigetragen.
In den 1780er Jahren widmete sich Willermoz der Erforschung des Mesmerismus, den er mehrere Jahre lang erforschte.[1] Während der Französischen Revolution entging er nur knapp der Guillotine, die jedoch einen seiner Brüder traf.[5] Er bekam 1800 eine leitende Funktion im Département Rhône und übt dieses Amt bis 1815 aus.[1] Er heiratete im Alter von 66 Jahren eine junge Frau und wurde mit 70 Vater.[1] In seinen späteren Jahren verfasste er mystische Schriften, darunter den Traité des deux natures (1818), in dem er auf Basis der Lehre Pasquallys die christliche Esoterik und das Kreuzsymbol betonte. Zu seinen Nachlässen gehörte auch die Schrift "Les Sommeils", mit Protokollen spiritistischer Seancen, die möglicherweise in seinem freimaurerischen Kreis stattfanden.[5] Er blieb bis zu seinem Tod im Alter von 93 Jahren in der Freimaurerei aktiv.
Im Jahr 1782 schrieb Willermoz, dass es drei Arten von alchemistischen Freimaurern gäbe:
- Diejenigen, die glauben, dass der Zweck der Freimaurerei darin besteht, den Stein der Weisen herzustellen.
- Diejenigen, die nach dem Panakeia (Allheilmittel) suchen.
- Diejenigen, die nach der Wissenschaft des Großen Werks suchen, durch die der Mensch die Weisheit und Praktiken des frühen Christentums finden würde (er selbst zähle sich zu dieser Gruppe)[4]
Martinismus
Jean-Baptiste Willermoz war ein zentraler Vertreter des 18.‑Jahrhundert‑Martinismus, der sich aus der Lehre des Louis-Claude de Saint-Martin und insbesondere aus den Élus-Coëns von Martinez de Pasqually speiste. 1765 schloss er sich dem Orden der Élus Coëns de l’Univers an, der von Pasqually etwa 1754 gegründet worden war. Dieses Hochgrad-System basierte auf der Geheimlehre der Réintégration (Wiederherstellung des ursprünglichen, göttlichen Zustands des Menschen) und übte ausgeprägte theurgische Rituale aus. Bereits 1766 lernte Willermoz seinen Lehrer und Ordensgründer Martinez de Pasqually persönlich kennen und wurde zu einem seiner eifrigsten Schüler. Er stieg im Orden zum Grade des Réau-Croix auf und widmete sich intensiv der täglichen Gebetspraxis und magischen Zeremonien.[1]
Willermoz war von Pasquallys Lehre fasziniert, übte aber Kritik an dessen organisatorischem Wirken: Das unreife System befand sich noch im Aufbau, und Pasquallys häufige Reisen – vor allem seine Abreise nach Saint-Domingue 1772 – verzögerten die Entwicklung des Ordens. Pasquallys Sekretär Louis-Claude de Saint-Martin kam nach Lyon und wohnte zeitweise bei Willermoz. Zusammen mit Saint-Martin arbeitete Willermoz ab 1774 an einer Zusammenfassung der Pasquallyschen Lehre (den sogenannten „Lyoner Lektionen“), um den Orden nach Pasquallys Tod 1774 weiterzuführen. In dieser Zeit verfasste Saint-Martin in Willermoz’ Haus sein erstes Werk Des erreurs et de la vérité.[1]
Nach Pasquallys Tod übernahm Willermoz faktisch die Leitung der Lyoner Coëns. Er wurde Generalinspektor des Ordens und galt als die treibende Kraft des verbliebenen Ordens. Willermoz versuchte, die wesentlichen Elemente des martinistischen Glaubens (insbesondere die Idee der göttlichen Réintégration durch Jesus Christus und die Rolle des Kreuzsymbols) zu bewahren, während er das theurgische Ritual weiterentwickelte. Später flossen seine Ideen in die Riten des Régime Écossais Rectifié ein.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j Dominique Clairembault: Jean-Baptiste Willermoz (1730-1824) : La soie et le compas. 22. August 2015, abgerufen am 30. Oktober 2025 (französisch).
- ↑ a b Jean-Baptiste Willermoz, un franc-maçon mystique. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ a b Jean Baptiste Willermoz und die Großloge von Lyon – Freimaurer-Wiki. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ a b Jean-Pierre Bayard: Le symbolisme maçonnique traditionnel. Edimaf, 1981, S. 245–248 (google.de [abgerufen am 30. Oktober 2025]).
- ↑ a b c Jean-Baptiste Willermoz – Freimaurer-Wiki. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ Wilhelmsbader Konvent – Freimaurer-Wiki. Abgerufen am 30. Oktober 2025.