Élus Coëns
Die Élus Coëns (vollständiger Name Ordre des Chevaliers Maçons Élus Coëns de l’Univers, Deutsch in etwa „Orden der auserwählten Priester-Freimaurer des Universums“) waren ein im 18. Jahrhundert in Frankreich gegründeter esoterischer Geheimbund, der im Umfeld der Freimaurerei agierte. Der Gründer Martinez de Pasqually (1727–1774) vermittelte darin eine mystisch-christliche Lehre von der Réintégration („Wiedereingliederung“) des Menschen in die göttliche Einheit, die durch rituelle Beschwörungen von Engeln und Geistwesen (Theurgie) angestrebt wurde. Der Ritus erschien in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und gilt als erste Strömung der martinistischen Tradition (auch Martinézismus genannt). Trotz seines kurzen Bestehens übte der Orden erheblichen Einfluss auf nachfolgende esoterische Systeme innerhalb und außerhalb der Freimaurerei aus.
Geschichte
Martinez de Pasqually (vollständig Jacques de Livron Joachim de la Tour de la Casa Martinez de Pasqually) war ein wahrscheinlich in Grenoble geborener Theosoph und Freimaurer iberischer Abstammung, der um die Mitte des 18. Jahrhunderts begann, einen eigenen Hochgradritus zu entwickeln.[1] 1754 eröffnete er in Montpellier seine erste Loge, die er loge des Juges Écossais („Loge der Schottischen Richter“) nannte. 1760 folgte eine weitere Logengründung in Toulouse, wobei dort erstmals die Bezeichnung Élus Coëns („Auserwählte Priester“) aufkam. Im Jahr 1766 begab sich Pasqually nach Paris, um die Anerkennung seines Systems bei der Großloge von Frankreich zu erwirken – ein Vorhaben, das jedoch scheiterte, nicht zuletzt da die französische Freimaurerei zu jener Zeit intern zerstritten war. In Paris traf Pasqually jedoch auf Jean-Baptiste Willermoz aus Lyon, der bald zu seinem eifrigsten Unterstützer und wichtigstem Schüler wurde.[2]
1767 etablierte Pasqually ein Souveränes Tribunal als oberste Leitung seines Ordens, der von der regulären Freimaurerei aufgrund ihres okkulten Charakters verboten worden war[1]; dieses Jahr gilt als formaler Gründungszeitpunkt des Ordre des Chevaliers Maçons Élus Coëns de l’Univers.[3] Zu den Eingeweihten des Ordens zählte ab 1768 auch Louis-Claude de Saint-Martin, der seine Militärlaufbahn aufgab, um Pasquallys persönlicher Sekretär zu werden. In den folgenden Jahren entwickelte Pasqually die Lehren und Rituale der Élus Coëns weiter und begann mit der Abfassung seines umfangreichen Werkes Traité de la Réintégration des êtres (Abhandlung zur Wiedereingliederung der Wesen), das als doktrinale Grundlage der Ordensphilosophie diente. Der Orden erreichte in seiner Blütezeit ca. ein Dutzend Tempel mit knapp 100 Mitgliedern.[1]
1772 verließ Pasqually Frankreich, um in Hispaniola eine Erbschaft entgegenzunehmen; dort verstarb er 1774. Ohne die charismatische Führungsfigur zerfiel die Organisation rasch: Einige Provinzlogen schlossen sich 1776 der Großloge von Frankreich an, und 1781 ordnete der letzte Groß-Souverän des Ordens, Sébastien de Las Casas, die Schließung der noch bestehenden Coëns-Tempel an. Obwohl der Orden somit offiziell aufgelöst wurde, praktizierten einige Mitglieder weiterhin im Verborgenen die theurgischen Zeremonien. Pasquallys theosophische Lehren gingen ebenfalls nicht verloren, sondern wurden von seinen Schülern in anderen Systemen weitergetragen, insbesondere durch die Bemühungen von Willermoz und Saint-Martin.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erwachte in okkultistischen Kreisen neues Interesse an Pasquallys Überlieferung. Insbesondere in der von Gérard Encausse (Papus) begründeten martinistischen Bewegung in Frankreich wurden Lehren der Élus Coëns wieder aufgegriffen und mit der Mystik Saint-Martins verbunden. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es sogar zu einer direkten Wiederbelebung der Ordensrituale: 1942 initiierte der Okkultist Robert Ambelain (Ordensname Sâr Aurifer) einen neuen Zweig namens Ordre Martiniste des Élus Cohens. Ambala leitete den Orden bis zu dessen endgültiger Schließung im Jahr 1964.[4]
Struktur
Der Orden der Élus Coëns war hierarchisch gegliedert und als System freimaurerischer Hochgrade konzipiert. Die Mitgliedschaft setzte in der Regel voraus, dass der Aufzunehmende bereits Freimaurer war, da die Ordenslehre bewusst auf der Symbolik der traditionellen Johannisgrade aufbaute. Über die drei Basisgrade (Lehrling, Geselle, Meister) hinaus verfügte das System der Élus Coëns über mehrere eigene Initiationsstufen, die in aufsteigender Reihenfolge durchlaufen wurden. Die erste Klasse hat drei symbolische Grade, darunter den des „maître parfait élu“, dann die eigentlichen Coen-Grade: Coën-Lehrling, Coën-Geselle und Coën-Meister, Großmeister Coën oder Großarchitekt, Chevalier d'Orient oder Ritter Serubbabel, Commandeur d'Orient oder Kommandeur Serubbabel auf der zweithöchsten Stufe und schließlich der letzte Grad, die höchste Weihe des Reaux Croix.[4]
Die Bezeichnungen der Grade entstammen teils der biblischen Terminologie (z. B. Bezug auf Serubbabel, den Erbauer des Zweiten Tempels) und teils der christlich-mystischen Symbolik (Rotes Kreuz als Zeichen der höchsten Einweihung). Der Großmeister Pasqually selbst stand dem Orden als Grand Souverain (Groß-Souverän) vor und berief das leitende „Tribunal“ ein, das wichtige Entscheidungen traf. Lokale Gruppen der Élus Coëns wurden oft als Temple (Tempel) bezeichnet; diese zählten meist nur wenige eingeweihte Mitglieder, da der Orden insgesamt klein blieb. Pasqually ernannte zu Lebzeiten keinen Nachfolger mit vergleichbarer Autorität, ein Umstand, der zur Zersplitterung nach seinem Tod beitrug.
Lehre und Philosophie
Die Lehre der Élus Coëns bildete eine christlich-mystische Esoterik illuministischer Prägung, welche traditionelle christliche Elemente mit kabbalistischen und theosophischen Ideen kombinierte. Der Orden verstand sich als spirituelle Elite, die an einer unsichtbaren, überkonfessionellen „Kirche“ teilhatte. Ziel der Werke der Élus Coëns war es, den Pfad zu verborgenen göttlichen Erkenntnissen zu öffnen – in Vorbereitung auf einen kommenden Untergang der äußeren, „materiellen“ Kirche. Durch einen stufenweisen Einweihungsweg sollte der Mensch wieder zur direkten Erkenntnis Gottes gelangen und die durch den Sündenfall Adams verlorene ursprüngliche Einheit mit dem Göttlichen zurückerlangen.[4]
Pasquallys theosophische Doktrin fußte auf einer gnostisch beeinflussten Auslegung der biblischen Schöpfungs- und Sündenfallgeschichte. In seinem Traité de la Réintégration beschreibt er eine emanationistische Kosmologie: Die materielle Welt gilt darin als Gefängnis für die gefallenen Engel, für die Adam einst als Stellvertreter Gottes eingesetzt war. Durch den Sündenfall Adams verlor der Mensch seine hohe Stellung und wurde in die Unwissenheit und Gebundenheit an die Materie gestürzt.[2] Dennoch wirkte laut Pasqually Gott durch auserwählte Menschen weiter an der Réconciliation (Versöhnung): Über die Generationen der Patriarchen und Propheten des Alten Bundes wurden heilende Operationen durchgeführt (Opérations), um die gefallene Schöpfung schrittweise zu reinigen. Diese fortschreitende Wiederannäherung zwischen Gott und Mensch erreichte ihren Höhepunkt schließlich in der Ankunft Christi, durch den die Wiedereingliederung in den göttlichen Urzustand endgültig ermöglicht wurde.[3]
Ein zentraler Begriff der Lehre ist die Réintégration („Wiedereingliederung“). Gemeint ist die Rückführung der Schöpfung in ihren ursprünglichen vollkommenen Zustand, in dem Mensch und Engel wieder in Harmonie mit Gott stehen. Um dies zu erreichen, praktizierten die Élus Coëns einen theurgischen Ritualweg. Die Mitglieder unterzogen sich intensiven Reinigungsübungen und verwendeten in geheimen Zeremonien Gebete, Exorzismen und Beschwörungsformeln, um mit geistigen Wesen in Kontakt zu treten. Insbesondere im höchsten Grade (Réau-Croix) sollten die Adepten mittels Theurgie (d. h. ritueller „Gotteswirkung“) die Gegenwart von Engeln und Geistwesen herbeiführen, um Hilfe bei der Überwindung des Bösen in der Welt zu erhalten. Man erhoffte sich, durch Beistand dieser himmlischen Mächte die Reinigung der materiellen Welt von dämonischen Einflüssen zu bewirken und so letztlich den Sündenfall rückgängig zu machen.[4]
Die Spiritualität der Élus Coëns war trotz ihres okkult-magischen Charakters eng mit dem christlichen Glauben verknüpft. Pasqually legte Wert darauf, dass seine Schüler im Einklang mit der römisch-katholischen Kirche lebten: Er verlangte von ihnen sittliche Reinheit, regelmäßige Beichte und Kommunion sowie die genaue Befolgung der kirchlichen Vorschriften. Die theurgischen Rituale des Ordens waren in diesem Sinne kein Ersatz für den kirchlichen Gottesdienst, sondern eine esoterische Ergänzung dazu. Pasquallys magische Praxis orientierte sich an der traditionellen christlichen Dämonologie und der Engellehre; die Rituale griffen Elemente der jüdischen Kabbala, der Hermetik und der christlichen Kabbalistik auf.[3][4] Einige hochgradige Mitglieder der Élus Coëns führten detaillierte Aufzeichnungen über die verwendeten Zeichen und Siegel. So enthält etwa das Notizbuch von Léonard Joseph Prunelle de Lière (1740–1828), einem Schüler Pasquallys, zahlreiche Abbildungen der Siegel guter Engel und böser Dämonen.
Einfluss auf den Martinismus
Die später sogenannte martinistische Tradition geht auf drei eng verbundene esoterische Strömungen im 18. Jahrhundert zurück: die theurgisch-magische Schule von Martinez de Pasqually, den mystisch-inneren Weg von Louis-Claude de Saint-Martin und die freimaurerisch-ritterliche Variante von Jean-Baptiste Willermoz.[3] Bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Begriffe Martinezismus bzw. Martinismus nicht immer trennscharf verwendet und teils sowohl auf die Lehren Pasquallys als auch auf jene Saint-Martins bezogen. Saint-Martin, der nach Pasquallys Tod 1774 die aufwändigen theurgischen Praktiken der Élus Coëns zunehmend kritisch sah und stattdessen einen stillen innerlichen Pfad der Herzensfrömmigkeit verfolgte, gilt als Namensgeber des „Martinismus“ im engeren Sinne. Er propagierte, im Gegensatz zu Pasquallys Ritualtheurgie, eine unmittelbare Herzensbindung an Gott – einen Weg der inneren Versenkung und Nächstenliebe, der ohne formelle Magie zur Wiedervereinigung mit dem Göttlichen führen solle. Dennoch ist auch Saint-Martins mystische Philosophie von den Ideen Pasquallys durchdrungen.[4]
Zu den wichtigsten Erben Pasquallys gehörte Jean-Baptiste Willermoz, ein begeisterter Freimaurer und Mitglied der Élus Coëns, der 1768 bis zum höchsten Grad (Réau-Croix) aufstieg. Willermoz bemühte sich, die Lehren seines Meisters mit dem vorhandenen freimaurerischen Hochgradsystem zu vereinen. Er trat 1773 dem deutschen Templerorden der Strikten Observanz bei und reformierte diesen beim Konvent von Wilhelmsbad 1782 grundlegend. Dabei schuf er den Régime Écossais Rectifié (Rectifizierten Schottischen Ritus) mit dem angegliederten Ritterorden der Chevaliers Bienfaisants de la Cité Sainte (CBCS). In diesem System verband Willermoz die ritterliche Templer-Tradition der Freimaurerei mit wichtigen Teilen von Pasquallys Doktrin, verzichtete jedoch auf die expliziten Evokationsrituale der Élus Coëns.[4] Die Lehren Pasqually wurden so in der Freimaurei verankert. Sie verbreitete sich von Frankreich aus in mehrere Länder Europas und beeinflussen den europäischen Okkultismus bis in die Gegenwart.[2]
Während Willermoz innerhalb der Freimaurerei wirkte, verbreitete Saint-Martin seine Lehren außerhalb offizieller Logen, vor allem durch schriftstellerische Tätigkeit. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bildeten sich lose Kreise von Saint-Martins Anhängern (oft Société des Intimes genannt), die seine theosophischen Ideen studierten. Einen organisierten Orden gründete Saint-Martin selbst nicht. Erst gut 100 Jahre später, in der französischen Okkultismus-Bewegung der Belle Époque, kam es zur institutionellen Begründung eines Martinistenordens: 1884 schufen Gérard Encausse (Papus) und Augustin Chaboseau den Ordre des Supérieurs Inconnus (Orden der Unbekannten Oberen) als Zusammenschluss von Okkultisten, der ausdrücklich in der Tradition Saint-Martins und Pasquallys stehen sollte.[3] Allerdings verzichtete Papus’ Martinistenorden auf eigene theurgische Rituale; er beschränkte sich auf einen initiatorischen Unterricht in drei Graden und legte den Schwerpunkt auf spirituelle Entwicklung und Studierzirkel im Sinne Saint-Martins.
Erst im 20. Jahrhundert wurden die eigentlichen theurgischen Praktiken der Élus Coëns wieder aufgenommen. Wie bereits erwähnt, gründete Robert Ambelain 1942 einen eigenständigen Zweig, der die zeremonielle Arbeit des ursprünglichen Ordens weiterführte. Obwohl dieser Zweig erlosch, blieb die Faszination für Pasquallys Lehren in esoterischen Gemeinschaften lebendig. Moderne Martinisten berufen sich häufig auf Martinez de Pasqually als einen der „drei Meister“ ihrer Tradition, neben Saint-Martin und Willermoz. Im Jahr 2002 wurde in Skandinavien der Ordre Reaux Croix (ORC) gegründet – ein kleiner initiatischer Orden, der sich explizit auf die Lehren des Martinez de Pasqually stützt und versucht, dessen theurgisches System für moderne Interessierte zugänglich zu machen.[4]
Weblinks
- Elus Coëns Freimaurer-Wiki
Einzelnachweise
- ↑ a b c Biographie de Martinez de Pasqually. Abgerufen am 1. November 2025.
- ↑ a b c John Michael Greer: The Element encyclopedia of secret societies : the ultimate a-z of ancient mysteries, lost civilizations and forgotten wisdom. New York : Barnes and Noble, 2008, ISBN 978-1-4351-1088-5, S. 170–171 (archive.org [abgerufen am 1. November 2025]).
- ↑ a b c d e Harry Binford: The French Connection: Louis Claude de Saint-Martin and the Martinist Tradition. Abgerufen am 1. November 2025 (britisches Englisch).
- ↑ a b c d e f g h Who were the Élus Coëns – The Square Magazine. Abgerufen am 1. November 2025 (britisches Englisch).