Henia Durmashkin
Henia Henny Durmashkin-Gurko (geboren am 16. November 1923 in Vilnius; gestorben am 8. August 2002 in Englewood Cliffs, New Jersey) war eine litauische Sopranistin und Überlebende des Holocaust, die als Hebräischlehrerin gearbeitet hat.
Leben
Henia Durmashkin wurde am 16. November 1923 in Vilnius geboren. Ihre Mutter hieß Shayna Durmashkin (1890–1943) und ihr Vater Akiva Durmashkin (1887–1943) arbeitete als Dirigent, Komponist und Impresario. Er führte sie, ihren Bruder, den Dirigenten Wolf Durmashkin, und ihre Schwester, die Pianistin Fania Durmashkin, früh an die Musik heran. So wuchs sie mit der Musik von Mozart, Beethoven, Chopin, Grieg, Liszt und Tschaikowsky auf. Henia Durmashkin besuchte das hebräischsprachige Tarbut Gymnasium („Kunstgymnasium“) in Vilnius und erhielt eine Ausbildung als Sängerin bei der Gesangspädagogin Krzyzanovska. Sie war das einzige jüdische Mitglied im städtischen Chor während der sowjetischen Besatzung Vilnius und wurde nach der deutschen Besetzung durch die Wehrmacht im Ghetto Vilnius inhaftiert.[1]
Überleben im Holocaust
Im Ghetto musizierte sie weiter und trat unter anderem unter der Leitung ihres Bruders mit Liedern und Arien auf. Die Situation im Ghetto beeinflusste im Laufe der Zeit ihre Stimme. Ihr Vater Akiva Durmashkin wurde kurze Zeit später nach einer Aktion von der Familie getrennt und deportiert.[2] Nach der Liquidation des Ghettos wurde ihre Mutter Shayna als zu schwach für Arbeit eingestuft und im Wald von Ponary mit den anderen, die zur Zwangsarbeit zu schwach waren, ermordet. Ihr Bruder Wolf Durmashkin wurde von den Schwestern getrennt und in das KZ-Außenlager Klooga deportiert, wo er kurz vor der Auflösung des Lagers 1944 getötet wurde. Henia und Fania Durmashkin wurden zunächst in das KZ Riga-Kaiserwald bei Riga, dann in das KZ-Außenlager Riga Dünawerke deportiert, wo sie weiterhin im Kulturleben aktiv war. Sie schrieb Lieder und trat als Sängerin auf. Auch schrieb sie Texte für eine Operette, die im Lager aufgeführt wurde. Gemeinsam mit ihrer Schwester wurde sie nach etwa einem Jahr in das KZ Stutthof bei Danzig verlegt. Von dort wurden sie für etwa zwei Monate in das Zwangsarbeitslager Poniewiez in Litauen und danach in das KZ Dachau, zunächst in das Außenlager Landsberg, später in das Hauptlager gebracht. Dort arbeitete sie in der Küche und beteiligte sich auch da am Kulturleben. Sie wurde Anfang Mai 1945 während des Todesmarsches von der amerikanischen Armee befreit.[1]
Nach dem Holocaust
Nach ihrer Befreiung aus dem KZ kamen sie gemeinsam mit anderen Mitgliedern des ehemaligen Dachauer Lagerorchesters in das DP-Lager im Kloster Sankt Ottilien. Dort wurden Überlebende aufgenommen und im angeschlossenen Krankenhaus behandelt. Nur 21 Tage später standen die Schwestern das erste Mal wieder auf der Bühne. Gemeinsam mit anderen Überlebenden hatten sie ein Orchester gegründet. Danach kam sie in das DP-Lager Fürstenfeldbruck.[3] Das Orchester nannte sich The Represenzentanc Orkester fun der Szeerit Hapleitah (das Orchester, das den überlebenden Rest repräsentiert). Sie trat in den Lagern, aber auch in München, Nürnberg und Frankfurt am Main als Sängerin auf. Zu ihrem Repertoire zählten vor allem hebräische Lieder und Ghettolieder. Als der Dirigent und Pianist Leonard Bernstein 1948 ins DP-Lager Landsberg kam, trat er mit ihr, ihrer Schwester und den anderen Mitgliedern des Orchesters auf. Er begleitete sie bei den Liedern „Kalanijot“ und „Jerushalaim“ am Klavier.[1]
Über das Konzert schrieb Bernstein, tief bewegt von dieser Erfahrung, an seine Sekretärin Helen Coates:[4]
„Ich wurde von Paraden von Kindern mit Blumen und den größten Ehren empfangen... Ich dirigierte...ausgerechnet den Freischütz und weinte mir das Herz aus dem Leib.“
Am 10. Mai 2018, 70 Jahre nach Bernsteins erster Aufführung, fand in Landsberg am Lech ein Gedenkkonzert statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde der erstmals verliehene Wolf Durmashkin Composition Award verliehen, benannt nach dem Bruder von Fania und Henia Durmashkin, der 1944 ermordet worden war.[5]
Auswanderung in die Vereinigten Staaten
Im Jahr 1949 konnte Henia Durmashkin mit ihrer Schwester in die Vereinigten Staaten auswandern. Dort lebten bereits einige ihrer Verwandten. Zunächst wohnte sie in der Lower East Side von New York, dort wurde sie vermutlich vom Joint Distribution Committee unterstützt. Im Jahr 1950 heiratete sie Simon Gurko, den sie an Bord des Auswanderungsschiffes kennengelernt hatte. Das Paar bekam drei Kinder. Als professionelle Sängerin trat sie in den Vereinigten Staaten nicht mehr auf, jedoch gemeinsam mit ihrer Schwester, die inzwischen auch geheiratet hatte, bei jüdischen Veranstaltungen, wie der Organisation Nusach Vilna. 1962 nahm sie die Schallplatte „Songs to Remember“ mit Ghettoliedern auf. Nachdem ihre Kinder erwachsen waren, studierte sie am Jewish Theological Seminary an der Columbia University und unterrichtete anschließend einige Jahre Hebräisch an verschiedenen Schulen. Im Jahr 2000 war sie als Zeitzeugin an der Konferenz „Life Reborn: Jewish Displaced Persons, 1945-1951“ in Washington D.C. beteiligt.[1][6]
Henia Durmashkin-Gurko starb am 8. August 2002 in Englewood Cliffs, New Jersey.[7]
In St. Ottilien wurde Henia Durmashkin mit einem FrauenOrt geehrt.[8]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d Sophie Fetthauer: Henny Durmashkin-Gurko, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen (Hg.), Hamburg: Universität Hamburg, 2006, abgerufen am 30. November 2025
- ↑ Oral history interview with Henny Gurko, abgerufen am 30. November 2025
- ↑ Fuerstenfeldbruck Online. In: fuerstenfeldbruck.de. Abgerufen am 30. November 2025.
- ↑ 1948 Landsberger Konzert. In: ort.org. holocaustmusic.ort.org, abgerufen am 30. November 2025 (deutsch).
- ↑ News – 09. Nov. 2017 – Kompositionswettbewerb zum Thema „Musik und Holocaust“ erstmals ausgeschrieben. In: miz.org. Abgerufen am 30. November 2025.
- ↑ Text only yellow poster for a performance by members of the St. Ottilien displaced persons orchestra. In: ehri-project.eu. The EHRI Portal, abgerufen am 1. Dezember 2025.
- ↑ The Durmashkin-Beker-Gurko family. In: eilatgordinlevitan.com. Abgerufen am 1. Dezember 2025.
- ↑ Starke Frauen Bayern: Henia Durmashkin. In: bayerns-frauen.de. Starke Frauen Bayern, abgerufen am 30. November 2025.