Glinde-Interstadial
| Glaziale/ Interglaziale |
Stadiale/ Interstadiale[1] |
Zeitraum (v. Chr.)[2] |
|---|---|---|
| Weichsel- Spätglazial | ||
| Jüngere Dryaszeit | 10.730–9.700 | |
| Alleröd-Interstadial | 11.400–10.730 | |
| Ältere Dryaszeit | 11.590–11.400 | |
| Bölling-Interstadial | 11.720–11.590 | |
| Älteste Dryaszeit | 11.850–11.720 | |
| Meiendorf-Interstadial | 12.500–11.850 | |
| Weichsel- Hochglazial | ||
| Mecklenburg-Phase | 15.000–13.000 | |
| Pommern-Phase | 18.200–15.000 | |
| Lascaux-Interstadial | 19.000–18.200 | |
| Laugerie-Interstadial | 21.500–20.000 | |
| Frankfurt-Phase | 22.000–20.000 | |
| Brandenburg-Phase | 24.000–22.000 | |
| Tursac-Interstadial | 27.000–25.500 | |
| Maisières-Interstadial | 30.500–29.500 | |
| Denekamp-Interstadial | 34.000–30.500 | |
| Huneborg-Stadial | 39.400–34.000 | |
| Hengelo-Interstadial | 41.300–39.400 | |
| Moershoofd-Interstadial | 48.700 | |
| Glinde-Interstadial | 51.500 | |
| Ebersdorf-Stadial | 53.500 | |
| Oerel-Interstadial | 57.700 | |
| Weichsel- Frühglazial | ||
| Schalkholz-Stadial | 60.000 | |
| Odderade-Interstadial | 74.000 | |
| Rederstall-Stadial | ? | |
| Brörup-Interstadial | ? | |
| Amersfoort-Interstadial | ? | |
| Herning-Stadial | 115.000 | |
| Eem-Warmzeit | ||
| 126.000 |
Das Glinde-Interstadial war eine knapp 3.000 Jahre dauernde Zwischenerwärmung der Weichsel-Kaltzeit. Es erfolgte im Verlauf des OIS 3 im Zeitabschnitt 51.550 bis 48.700 Jahre vor heute – noch vor den letzten starken Eisvorstößen des Weichsel-Hauptglazials.[3]
Etymologie
Die Typlokalität Glinde ist eine Ortschaft in der Gemeinde Oerel bei Bremervörde (Landkreis Rotenburg/Wümme in Niedersachsen) – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt Glinde. Glinde leitet sich etymologisch vom Niederdeutschen ab und trägt die Bedeutung „hell, klar, leuchtend“ (siehe beispielsweise Glinder Au).
Die Wortschöpfung Interstadial setzt sich zusammen aus dem Lateinischen inter mit der Bedeutung „zwischen, dazwischen“ und dem Substantiv Stadial, abgeleitet vom Altgriechischen στᾰ́σῐς (stắsĭs) „Stand, Lage, Position, Stasis, Stillstand“. Sie bezeichnet somit die Zeit zwischen zwei Eishöchstständen.
Erstbeschreibung
Das Glinde-Interstadial, auch Glinde Intervall, ist das zweite Mittel-Weichsel Interstadial im Mittleren Pleniglazial und wurde im Jahr 1986 erstmals von Karl-Ernst Behre und Udo Lade beschrieben.[4]
Geographie
Die Typlokalität des Glinde-Interstadials liegt inmitten von Oerel in der Füllung eines drenthezeitlichen Toteislochs – als letztes von vier Interstadialen in Superposition über dem Eemium. Der Typhorizont wird im Liegenden und Hangenden durch Sande begrenzt. Typusprofil ist das Profil OE 61 mit Profilbohrung und dem zugehörigen Pollendiagramm von Karl-Ernst Behre und Udo Lade (1986).
Verbreitung
In Deutschland sind so gut wie keine weiteren Profile dieses Zeitabschnitts mehr bekannt, Ausnahmen hiervon dürften jedoch die Profile Königsaue im nordöstlichen Harzvorland[5] und das Profil Samerberg darstellen (wobei letzteres bereits in den alpinen Bereich mit Würmsystematik fällt).[6] Grande Pile mit dem Pile-Interstadial im Nordosten Frankreichs manifestiert gleiche Radiokohlenstoffalter.[7] Von Bedeutung ist ferner das Profil Les Echets bei Lyon.[8] Auch um Kostjonki (Russisch Костёнки) am mittleren Don im Süden Russlands wird das Interstadial angetroffen.
Allgemeines
Das Isotopenstadium OIS 3 bzw. MIS 3 der Weichsel-Kaltzeit brachte zwischen 57.000 und 28.000 Jahre vor heute eine klimatische Verbesserung – im Vergleich zum vorangegangenen MIS 4 und dem darauffolgenden MIS 2. Während dieser relativ milderen Periode durchlebte die Menschheit eine sehr große Veränderung, wobei die Techniken des Mittleren Paläolithikums durch Techniken des Oberen Paläolithikums ersetzt wurden. Darüber hinaus erschienen erstmals Industrien basierend auf harter tierischer Materie (Elfenbein, Geweihholz und Knochen). Erstmals wurden auch Kunstgegenstände angefertigt, wie Statuetten mit anthropomorphen und tierischen Wesenszügen, Schmuckobjekte, Werkzeuge und Waffen. Abris (Felsüberhänge) und Höhleninneres erfuhren künstlerische Ausgestaltungen.
Der kulturelle Übergang war global mehr oder weniger synchron erfolgt. Diese technologische Revolution wurde und wird bis jetzt mit dem Erscheinen des modernen Menschen (Homo sapiens) in Eurasien und der Verdrängung des Neandertalers – der noch vor 37.000 Jahren vor heute verschwinden sollte – in Verbindung gebracht.
Der Zeitabschnitt 57.000 bis 40.000 Jahre vor heute sah ab dem Beginn des MIS 3 eine signifikante Erwärmung, die sich durch drei gemäßigte Wärmeoszillationen auszeichnet – dem Oerel-Interstadial, dem Glinde-Interstadial und dem Moershoofd-Interstadial. In diesem Intervall gingen die Steinindustrien des Mittleren Paläolithikums ihrem Ende entgegen. Es kann jedoch nicht von einer Degeneration gesprochen werden, vielmehr handelte es sich um einen dynamischen Evolutionsprozess, der offensichtlich mit der Klimaverbesserung in Beziehung stand.[9]
Geologie
Einführung
Die Typlokalität Oerel liegt im nördlichen Niedersachsen im Elbe-Weser-Dreieck. Dieses Gebiet gliedert sich etwa zur Hälfte in Niederungsbereiche, die von Mooren und vor allem von Marschen eingenommen werden, und zur anderen Hälfte in Geestbereiche, die im Drenthe-Stadium der Saale-Kaltzeit angelegt worden sind. Warthestadiales und weichselzeitliches Eis haben die Typregion nicht mehr erreicht. Die äußersten Randlagen des Weichseleises haben zu Oerel eine Mindestentfernung von rund 75 Kilometer und die des Wartheeises, prägnant markiert durch die Harburger Berge, noch eine Entfernung von rund 50 Kilometer. Von Gletschereis war das Elbe-Weser-Dreieck zuletzt anlässlich der jüngeren Vereisungsphase des Drenthe-Stadiums (Drenthe-2-Vorstoß) bedeckt.
Geologisch wird das Glinde-Interstadial an der Typlokalität durch einen reinen Torf (Seggen-Torf) eines Niedermoors repräsentiert. Im Hangenden der Lage tritt auch noch ein wenig (6 Zentimeter) rein organische Mudde (humoser Silt) hinzu. Der Horizont besitzt nur eine Gesamtmächtigkeit von 31 Zentimeter und befindet sich 269 Zentimeter unter der Oberfläche. Er liegt in der Senke von Oerel und füllt dort ein drenthezeitliches Toteisloch. Der Torf besteht aus nahezu hundertprozentiger organischer Materie mit nur wenigen, dünnen Siltlagen.
Die elliptische, nur 65 × 35 Meter messende Senke, schließt sich in Oerel unmittelbar östlich der Lamstedter Staffel an – eine jüngere Phase des zweiten Drenthe-Eisvorstoßes. Es handelt sich hierbei um einen Moränenrücken, genauer um eine Nord-Süd verlaufende Moränenüberschiebung, die ihren morphologischen Ausdruck in Erhebungen wie dem 36,7 Meter hohen Acker-Berg und dem 23,1 Meter hohen Hohen Oerel findet. Östlich der Senke folgt das 5 Kilometer breite, marschige Tal der Oste.
Stratigraphie
Das Glinde-Interstadial (Weichsel Pleniglazial IV oder abgekürzt WP IV) ist das letzte von vier Interstadialen oberhalb des Eemiums. Im Liegenden sitzt es dem 1,5 Meter mächtigen Ebersdorf-Stadial aus niveofluviatilen Sanden auf, welches seinerseits das Oerel-Interstadial überlagert. Mit dem Oerel-Interstadial setzte das Mittlere Pleniglazial ein (um 58.000 Jahre vor heute). Im Hangenden folgt auf das Glinde-Interstadial nach einer erneuten Abkühlungsphase stratigraphisch das Moershoofd-Interstadial, das aber an der Typlokalität nicht vorhanden ist (die Hohlform von Oerel war mit dem Glinde-Torf so gut wie aufgefüllt). Abgedeckt wird das Glinde-Interstadial an der Typlokalität von 74 Zentimeter Flusssanden (auch niveofluviatilen Ursprungs), von 45 Zentimeter holozänem Torf und schließlich von 150 Zentimeter akkumulierten Bodens.
Das Glinde-Interstadial kann mit dem Grönland-Interstadial 14 (GI-14) assoziiert werden. Ihm vorausgegangen war das Grönland-Stadial 15 (GS-15), das in die beiden Phasen GS-15.1 und GS-15.2 unterteilt werden kann. Auf das GI-14 waren das nur kurzlebige Stadial GS-14 und das Interstadial GI-13 gefolgt.
Feingliederung
Die Folge des Glinde-Interstadials setzt 300 Zentimeter unterhalb der Oberfläche ein mit einem Seggentorf, der zunächst unter nassen, fast limnischen Bedingungen abgelagert worden ist und viele Seggenarten (Carex), dazu Sumpfbinsen-Früchtchen, Pollen von Blutweiderichen (Lythrum), Hahnenfuß (Ranunculus bzw. synonym Batrichium) und andere Taxa enthält. Bei Zentimeter 279 erfolgt eine noch stärkere Vernässung mit einem Übergang zur Feindetritus-Mudde, und ab Zentimeter 273 liegt nur noch ein feinsandiger Schluff mit humosen Lagen vor. Von 269 bis 260 Zentimeter folgt schließlich ein sandiger Kies und darauf weitgehend steriler weichselzeitlicher Sand.
Paläoenvironment
Das Pollendiagramm verweist generell auf eine offene, baumlose Strauchtundra. Der Wert an Nichtbaumpollen (NBP) beträgt 78,2 %. Dennoch wurden Pollen von Myrica angetroffen. Die Pinus-Werte (Kiefern) sind mit 0,95 % sehr gering. Auch der Anteil der Sträucher und Zwergsträucher war im Glinde-Interstadial deutlich schwächer als noch im Oerel-Interstadial. Weidenpollen (Salix) erreichen im unteren Abschnitt 9,1 % und Weide ist auch als Holz vertreten. Die Werte von Birke (Betula) sind etwas höher als im vorangegangenen Oerel-Interstadial; auch aus dem Glinde -Interstadial gibt es Makroreste von Zwergbirke (Betula nana), jedoch nicht von Baumbirken.
Im ersten Abschnitt des Glinde-Interstadials herrschten noch sehr nasse Verhältnisse – wie an zahlreichen Früchtchen von Gewöhnlichem Tannenwedel (Hippuris vulgaris), der recht häufigen Sumpfbinse (Eleocharis palustris) und Funden von Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris), Kröten-Binse (Agathryon bufonium) und Gewöhnlichem Zwerg-Laichkraut (Potamogeton pusillus) abgelesen werden kann. Die Sumpf-Vegetation wurde von sehr häufigem Gift-Hahnenfuß (Ranunculus sceleratus) und ebenso häufigem Brennenden Hahnenfuß (Ranunculus flammula) zusammen mit dem häufigsten Taxon, der Wasser-Segge (Carex aquatilis), ferner Schnabel-Segge (Carex rostrata), Späte Gelb-Segge (Carex oederi) und Sumpf-Weidenröschen (Epilobium palustre) beherrscht – was auf mesotrophe oder noch reichere Nahrstoffverhältnisse hindeutet. Dies wird durch die Moosvegetation gestützt die ein basenreiches, nasses Environment anzeigt.
Oberhalb von 285 Zentimeter wurden die Verhältnisse deutlich saurer, indiziert durch das Auftreten von Drepanocladus (Drepanocladus exannulatus).
Den lokalen Ablagerungsverhältnissen entsprechend sind Arten aus dem feuchten Bereich stark vertreten, dennoch erreichen die Cyperaceae (Sauergrasgewächse) nie 60 % (um 44,5 %), und Pollendiagramm sowie Makroreste reflektieren auch trockenere Gebiete der Umgebung.
Sehr wichtig ist vor allem, dass Wacholder (Juniperus) fast völlig fehlt und die Heidekrautartigen (Ericales) erheblich zurücktreten. Die Makroreste zeigen jedoch, dass das sehr häufige Taxon Schwarze Krähenbeere (Empetrum nigrum) als Anzeiger einer Strauchtundrenlandschaft fast während des ganzen Interstadials vorhanden war.
Flora
Insgesamt ist aus der Pollenflora erkennbar, dass die Vegetation während des Glinde-Interstadials offener war als im vorangegangenen Oerel-Interstadial: charakteristische Sonnenpflanzen (Heliophyten), wie Helianthemum, Grasnelken (Armeria) und die Glockenblumengewächse (Campanulaceae), treten im Glinde-Interstadial wesentlich häufiger auf; Dorniger Moosfarn (Selaginella selaginoides) fehlt im Oerel-Interstadial, ist aber im Glinde-Interstadial nicht nur mit Mikrosporen, sondern mehrfach sogar mit Megasporen vorhanden. Pollen von Wegerichen (Plantago) sind mit einem Maximum von 7,7 % im Glinde-Interstadial häufig. Die weichselzeitliche Plantago-Art ist nach wie vor unbekannt; die Pollenkörner liegen morphologisch meist zwischen dem Strand-Wegerich (Plantago maritima) und dem Breitwegerich (Plantago major) bzw. Mittlerer Wegerich (Plantago media), wobei die Ähnlichkeit mit den beiden letzteren größer ist als mit Plantago maritima. Nach dem Klima zu urteilen, ist hier wohl vor allem mit Plantago alpina (Alpen-Wegerich) zu rechnen, der morphologisch auch hierhin gehört.
Unter den Laubmoosen (Bryophyta) sind folgende Taxa anzuführen: Calliergon cordifolium (Herzblättriges Schönmoos), Campylium (Goldschlafmoose), (Drepanocladus exannulatus), Helodium blandowii, Leptodictyum riparium, Rundliches Torfmoos (Sphagnum teres) und Glänzendes Filzschlafmoos (Tomenthypnum nitens).
Pollendiagramme für die Umgebung von Kostjonki im Süden Russlands lassen dort eine recht hohe Bewaldungsrate erkennen (mit 60 % Baumpollen). Es gediehen Ulmenwälder mit gelegentlichen Hainbuchen, Fichten, Erlen und Birken. Nasswiesen lassen sich für Terrassenrefugia der Don-Seitentäler rekonstruieren. Sie setzten sich aus verschiedenen mesophilen Gräsern, Seggen und dem Rautenfarn Botrychium ramosum zusammen. An höhergelegenen Wasserscheiden fanden sich xerophile Pflanzenvergesellschaftungen bestehend aus Artemisia, Chenopodiaceae (Gänsefußgewächse) zusammen mit Büschen von Ephedra (Meerträubel) und Carpinus orientalis (Orientalische Hainbuche) an der Fundstätte Streliza nahe Kostjonki.[10]
Relativ warme Klimabedingungen werden durch Pollen breitblättriger Baumtaxa angezeigt – hierunter Gemeine Hainbuche (Carpinus betulus), Sommerlinde (Tilia platyphyllos), Winterlinde (Tilia cordata), Flatterulme (Ulmus laevis), Feldulme (Ulmus minor), Stieleiche (Quercus robur), Gemeine Hasel (Corylus avellana), Eschen (Fraxinus) und Ahorne (Acer) – unter der Vorherrschaft der mesoxerophyten und mikrothermen Ulmenart Flatterulme (Ulmus laevis). Weitere angetroffene Baumpollen sind Erlen (Alnus), Hänge-Birke (Betula alba), Heckenkirschen (Lonicera), Weiden (Salix), Waldkiefer (Pinus sylvestris) und Fichten (Picea). Unter den Nichtbaumpollen finden sich Heidekrautgewächse (Ericaceae), Liliengewächse (Liliaceae), Nelkengewächse (Caryophyllaceae), die Wasser- und Sumpfpflanze Fieberklee (Menyanthes trifoliata), die Ruderalpflanze Vogelknöterich (Polygonum aviculare), Hülsenfrüchtler (Fabaceae), Cichorieae, Korbblütler (Asteraceae), Sauergrasgewächse (Cyperaceaeà), Wegeriche (Plantago sp.), der ruderale Breitwegerich (Plantago major), Gänsefußgewächse (Chenopodiaceae), Artemisia, Süßgräser (Poaceae) und der Rautenfarn (Botrychium ramosum) als Anzeiger für Trockenwiesen und Waldlichtungen. Isoliert unter den Wasserpflanzen stehen die warmklimatische Wassernuss (Trapa natans) sowie das Tausendblatt (Myriophyllum sp.).
Überregionale Korrelationen zeigen, dass das Ulmenmaximum in der Region Kostjonki-Borschtschjowo (russ. Борщёво) dem Optimum des Glinde-Interstadials in Norddeutschland entspricht. Als parallel hierzu ist das Eichenmaximum im Bohrkern M72/5-25-GC1 des südlichen Schwarzen Meeres anzusehen, als auch in den Aufzeichnungen des Monticchio-Sees in Italien.
Fauna
An Kleintierfauna sind 15 Käfertaxa (Coleoptera) und wenige Reste von Hautflüglern (Hymenoptera) erwähnenswert.[11] Unter den Coleoptera beispielsweise der Laufkäfer (Patrobus septentrionis), Schwimmkäfer (Hydroporus), der Wasserkäfer (Helophorus sibiricus), Cyphon coarctatus (Cyphon), Schmalwasserkäfer (Cercyon tristis) und (Cercyon haemorrhoidalis), die Kurzflügler Olophrum fuscum, Stenus, Lathrobium und Quedius, der Blatthornkäfer (Aphodius), der Dickmaulrüssler (Otiorhynchus dubius) und der Rüsselkäfer (Dorytomus).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die rekonstruierte Insektenfauna des Glinde-Interstadials Taxa mit nördlicher Verbreitung aufweist, welche als an Kälte angepasste Arten angesehen werden können. Ausgesprochene Waldbewohner sind nicht darunter. Vielmehr sind sämtliche Taxa auf baumlose, offene Habitate beschränkt.
Großwild wurde in Kostjonki angetroffen. Unter anderem die Taxa Ren (Rangifer tarandus – bei weitem beherrschend), Wollhaarmammut (Mammuthus primigenius), Wollnashorn (Coelodonta antiquitatis), Rothirsch (Cervus elaphus) und Wolf (Canis lupus). Diese attestieren insgesamt ein relativ mildes Klima mit Baumbestand.[12]
Kostjonki besitzt auch eine reichhaltige Molluskenfauna im Glinde-Horizont. Darunter dominieren mit 75,6 % Nassbodenanzeiger. Mit der Puppenschnecke Pupilla loessica und der Bernsteinschnecke Succinea oblonga elongata sind mit bis zu 31 % auch Kältetaxa vorhanden. Sie verweisen auf die Tatsache, dass gegen Ende der Paläobodenentwicklung sich kältere klimatische Bedingungen etablierten.
Paläoklima
Paläotemperaturen lassen sich anhand von stenothermen Käfern (mit eingeengtem Temperaturbereich) erschließen – mittels der MCR-Methode (Englisch mutual climatic range oder abgekürzt MCR). Für das Glinde-Interstadial ergeben sich folgende Abschätzungen: eine mittlere Sommertemperatur von rund 9,5 °C und eine Wintertemperatur von - 17,5 °C. Im Vergleich zum subarktischen Oerel-Interstadial (mit einer mittleren Sommertemperatur von 11 °C und einer Wintertemperatur von - 10,5 °C bis - 5 °C) sind diese Werte etwas niedriger. Der wärmste Monat erreichte im Glinde-Interstadial durchschnittlich 11,5 °C, der kälteste durchschnittlich - 14,5 °C.[11]
Das dem Glinde-Interstadial vorausgegangene Stadial, unterteilt in GS 15.1 und GS 15.2, besaß δ18O-Werte von durchschnittlich - 42,7 ppm SMOW. Mit Beginn des Interstadials um 54.200 Jahre vor heute schnellten die Werte aufgrund der rasanten Erwärmung hoch auf - 38,2 ppm. Bis zum Ende des Interstadials GI-14 verfielen diese Anfangswerte aber wegen einer allmählichen Auskühlung dann wieder bis auf - 40,0 ppm. Der Unterschied vom vorangegangenen Stadial zum Beginn des Interstadials beträgt somit 4,5 ppm. Die langsame Abkühlung innerhalb des Interstadials beanspruchte 1,8 ppm.[13]
Gegen 48.300 Jahre vor heute setzte dann das Heinrich-Ereignis H 5 ein, welches sehr niedrige δ18O-Werte von - 44,5 ppm mit sich brachte – und somit auch sehr niedrige Temperaturen (Abschätzungen für den Nordostatlantik belaufen sich auf 4 °C 10 Meter unter der Wasseroberfläche. Gegen Ende des Glinde-Interstadials lagen diese noch bei rund 12 °C).
Datierung
Radiokohlenstoffalter des Glinde-Interstadials stammen von Karl-Ernst Behre und Johannes van der Plicht (1992). Ihre Werte streuen hierbei von 48.770 ± 360 über 50.250 ± 700 bis hin zu 51.600 ± 550 Jahre vor heute.[14] Das Geozentrum Hannover gibt 51.000 bis 48.000 Jahre vor heute für das Glinde-Interstadial an.[15]
In ihrer neueren Arbeit aus dem Jahr 2015 geben Galina Levkovskaya und Kollegen für das Glinde-Interstadial ein Zeitintervall von 54.000 bis 49.000 Jahre vor heute an – mit einem Optimum zwischen 51.000 bis 50.000 Jahren vor heute.[16] Dies entspricht wesentlich besser dem Grönland-Interstadial 14 (GI-14) bzw. dem Dansgaard-Oeschger-Ereignis DO-14, das anhand des Eisbohrkerns GRIP von 54.200 bis 49.600 Jahre vor heute dauerte. Das DO-14 erscheint auch deutich im 13C/14C-Profil des Stalagmiten Vil.9 der Villars-Höhle in Südwestfrankreich.[17]
Laut I. S. Shumilovskikh und Kollegen (2014) ergeben die Pollenaufzeichnungen aus dem Bohrkern M72/5-25 des Schwarzen Meers 54.000 bis 51.000 Jahre vor heute.[18]
Lumineszenzalter (IRSL/OSL) aus dem Glinde-Horizont von Kostjonki ergaben 50.520 ± 4.380, 51.330 ± 4.950 und 52.440 ± 3.850 Jahre vor heute.
Archäologie
In Kostjonki wurden im Glinde-Horizont neben paläozoologischen Überresten 10 Steinartefakten angetroffen, von denen zwei eine Sekundärbearbeitung aufweisen. Ausgangsmaterial ist örtlicher bunter Feuerstein (Silex) aus der Kreidezeit. Es ist noch nicht geklärt, ob diese Artefakten bereits ins Obere oder noch ins Mittlere Paläolithikum zu stellen sind.[19]
Der Aven de Marillac im französischen Département Charente war während des Glinde-Interstadials von Neandertalern als Jagdunterstand genutzt worden. Die Fazies 4b des Avens konnte hier mit 52.800 ± 2.900 Jahre vor heute datiert werden. Zu dieser Zeit befand sich die Fundstätte wahrscheinlich in einer offenen, grasbewachsenen Steppenlandschaft, die von gelegentlichem Buschwerk und ganzjährigen Wasserstellen – belegt durch Teichfrösche (Pelophylax kl. esculentus) und Fische – durchsetzt wurde.[20] Die hinterlassenen Artefakte gehören der Industrie des Moustériens an. Zahlreiche Skelettfunde von Neanderthalern wurden hier gemacht. Eindeutig beherrschendes und bejagtes Großwild war in Marillac das Ren.
Siehe auch
- Aven de Marillac
- Interstadial
- Ebersdorf-Stadial
- Eemium
- Hautflügler
- Käfer
- Laubmoose
- Moershoofd-Interstadial
- Moose
- Oerel
- Oerel-Interstadial
- Paläolithikum
- Pollen
- Saale-Kaltzeit
- Torf
- Villars-Höhle
- Weichsel-Kaltzeit
Einzelnachweise
- ↑ Thomas Litt, Achim Brauer, Tomasz Goslar, Josef Merkt, Krystyna Bałaga, Helmut Müller, Magdalena Ralska-Jasiewiczowa, Martina Stebich, Jörg F. W. Negendank: Correlation and synchronisation of Lateglacial continental sequences in northern central Europe based on annually laminated lacustrine sediments. In: Quaternary Science Reviews. vol. 20, Nr. 11, Mai 2001, S. 1233–1249.
- ↑ Zur Vereinheitlichung wurden die Altersangaben der Klimastufen des Weichsel-Spätglazials umgerechnet auf v. Chr. Bei den dendrochronologischen und warvenchronologischen Daten ist der Bezugspunkt das Jahr 1950, d. h. es müssen 1950 Jahre abgezogen werden, um v. Chr.-Angaben zu erhalten. Die Eiskerndaten beziehen sich dagegen auf das Bezugsjahr 2000. Die Altersangaben ab dem Weichsel-Hochglazial sind jeweils der ungefähre Beginn des entsprechenden Zeitintervalls v.h.
- ↑ Thomas Litt, Karl-Ernst Behre, Klaus-Dieter Meyer, Hans-Jürgen Stephan und Stefan Wansa: Stratigraphische Begriffe für das Quartär des norddeutschen Vereisungsgebietes. In: Eiszeitalter und Gegenwart/Quaternary Science Journal. Band 56, Nr. 1–2. Hannover 2007 ([1] [PDF]).
- ↑ Karl-Ernst Behre und Udo Lade: Eine Folge von Eem und 4 Weichsel-Interstadialen in Oerel/Niedersachsen und ihr Vegetationsablauf. In: Eiszeitalter und Gegenwart. Band 36. Hannover 1986, S. 11–36 ([2] [PDF]).
- ↑ Dietrich Mania und Volker Toepfer: Königsaue. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1973, S. 164.
- ↑ Eberhard Grüger: Spätriß, Riß/Würm und Frühwürm am Samerberg in Oberbayern — ein vegetationsgeschichtlicher Beitrag zur Gliederung des Jungpleistozäns. In: Geologica Bavarica. Band 80. München 1979, S. 5–64.
- ↑ Geneviève Woillard: The last interglacial-glacial cycle at Grande Pile in Northeastern France. In: Bulletin Soc. belge de Géologie. Band 88. Brüssel 1979, S. 51–69 ([3] [PDF]).
- ↑ Jacques-Louis De Beaulieu und Maurice Reille: A long Upper Pleistocene pollen record from Les Echets, near Lyon, France. In: Boreas. Band 13. Oslo 1984, S. 111–132, doi:10.1111/j.1502-3885.1984.tb00066.x.
- ↑ François Djindjian: Les méthodes de reconstitution des paléoclimats. In: Les sociétés humaines face aux changements climatiques. Volume 1 – La préhistoire des origines de l'humanité à la fin du Pléistocène. Archeopress Archeology, 2022 ([4] [PDF]).
- ↑ N. S. Bolikhovskaya: Evolution of Loess-soil Sediments of Northern Eurasia (Evolyutsija lyossovo-pochvennoj formacii Severnoj Evrazii). Moscow State University, Moskau 1995.
- ↑ a b Karl-Ernst Behre, Adam Hölzer und Geoffrey Lemdahl: Botanical macro-remains and insects from the Eemian and Weichselian site of Oerel (northwest Germany) and their evidence for the history of climate. In: Vegetation History and Archeobotany. Band 14, 2005, S. 31–53, doi:10.1007/s00334-005-0059-x.
- ↑ M. V. Anikovich: The chronology of Paleolithic sites in the Kostienki Borshchevo area. In: Archaeology, Ethnology and Anthropology of Eurasia. Band 3, Nr. 23, 2005, S. 70–86.
- ↑ Sune O. Rasmussen und Kollegen: A stratigraphic framework for abrupt climatic changes during the Last Glacial period based on three synchronized Greenland ice-core records: refining and extending the INTIMATE event stratigraphy. In: Quaternary Science Reviews. Band 106, 2014, S. 14–28, doi:10.1016/quascirev.2014.09.007.
- ↑ Karl-Ernst Behre und Johannes van der Plicht: Towards an absolute chronology for the last glacial period in Europe: radiocarbon dates from Oerel, northern Germany. In: Vegetation History and Archeobotany. Band 1, 1992, S. 111–117 ([5] [PDF]).
- ↑ H. Streif: Das Quartär in Niedersachsen und benachbarten Gebieten - Gliederung, geologische Prozesse, Ablagerungen und Landschaftsformen. 2004 ([6]).
- ↑ Galina M. Levkovskaya und Kollegen: Supra-regional correlations of the most ancient paleosols and Paleolithic layers of Kostenki-Borschevo region (Russian Plain). In: Quaternary International. Band 365, 2015, S. 114–134, doi:10.1016/j.quaint.2014.11.043.
- ↑ Dominique Genty, D. Blamart, R. Ouahdi, M. Glimour, A. Baker, J. Jouzel und Sandra Van-Exter: Precise dating of Dansgaard-Oeschger climate oscillations in Western Europe from stalagmite data. In: Nature. Band 421, 2003, S. 833–837 ([7] [PDF]).
- ↑ I. S. Shumilovskikh, D. Fleitmann, N. R. Nowazcyk, H. Behling, F. Marret, A. Wegwerth und H. W. Arz: Orbital and millenial-scale environmental changes between 64 and 20 ka BP recorded in Black Sea sediments. In: Climate of the Past. Band 10, 2014, S. 939–954.
- ↑ M. V. Anikovich, V. V. Popov und N. I. Platonova: Paleolithic of Kostenki-Borschevo Region in the Context of Upper Paleolithic of Europe (Paleolit Kostenkovsko Borshchevskogo raiona v kontekste verkhnego paleolita Evropy). Nestor-Istorija, Sankt Petersburg 2008.
- ↑ Bruno Maureille und Kollegen: Les Pradelles. In: Rapport de fouilles programmé́es triennales (2010–2012). 2013, S. 281.
Koordinaten: 53° 27′ 59″ N, 9° 3′ 35″ O