Aven de Marillac

Der Aven de Marillac ist eine prähistorische Fundstätte im Gemeindegebiet von Marillac-le-Franc im südwestfranzösischen Département Charente. Die archäologischen Grabungen erbrachten Funde gegen Ende des Mittelpaläolithikums, darunter Reste von Neandertalern sowie Stein- und Knochenartefakte des Moustériens.

Etymologie

Das französische Wort „aven“ leitet sich ab vom Okzitanischen „avenc“ – mit der Bedeutung Schachthöhle oder Doline. Der Ortsname „Marillac“ geht wahrscheinlich auf den gallorömischen Eigennamen „Marillius“ zurück, gefolgt vom Suffix -acum (zusammen somit „Marilliacum“, das ein Anwesen oder eine Domäne des Marillius bezeichnet). Marillac-le-Franc hieß im Jahr 1060 noch „Mareslaco“ und 1324 „Marilhaco“.

Einführung

In Eurasien bestehen nahezu 250 Fundstätten, die menschliche Überreste von Neandertalern enthalten. Hiervon befinden sich 30 % (d. h. 75) allein in Frankreich. Im Département Charente lassen sich darunter immerhin 15 erwähnen. Die Fundstätte Les Pradelles im Nordosten von Marillac-le-Franc war einst auf einer kleinen Kalkanhöhe gelegen, welche heute aber verschwunden ist. Unter Wissenschaftlern gilt Les Pradelles als einzigartig in Frankreich, um nicht zu sagen als einzigartig in Westeuropa.

Geographie

Die 27,36 Ar große Fundstätte liegt am Ostrand des Karsts von La Rochefoucauld beim Weiler Les Pradelles – 300 Meter nordöstlich des Gemeindezentrums von Marillac-le-Franc und etwa 3,5 Kilometer östlich von La Rochefoucauld – Ortsmitte. In unmittelbarer Nähe führt die D 392 vorbei (Route de Rancogne). Die Fundstätte befindet sich etwas rechtsseitig zurückversetzt (um 20 Meter) von der hier nach Südsüdwest abfließenden Ligonne – einem kleinen rechtsseitigen Nebenfluss der Tardoire. Auf der IGN-Karte wird der Aven noch als „gouffre“ bezeichnet.

Topographische Gegebenheiten

Eigentliche Fundstätte ist eine Geländedepression mit geringem Tiefgang (etwa 7 bis maximal 9 Meter), die von einem Gang (franz. „galerie“) in Richtung Ligonne verlängert wird. Die 20 Meter lange und 10 Meter breite Depression ist nach Ostsüdost ausgerichtet. Sie öffnet sich entlang einer einstigen, sehr diskreten Scheitellinie in den Kalkschichten und stellt ein sehr komplexes, nach oben sich öffnendes Karstphänomen (ehemalige Karsthöhle) dar. Die Fundstätte liegt auf einer Höhe von 108 Meter und ist oft von der Ligonne geflutet worden, die an der Ostseite vorbeifließt und 100 Meter vor der Fundstätte eine Versickerungsstrecke im Karst aufweist.

Geologie

Die Fundstätte befindet sich in flach nach Südwesten einfallenden Kalkschichten des Doggers, genauer in Bajocium (Formation j1). Diese gehören zum Nordostrand des Aquitanischen Beckens und liegen wie bereits angesprochen im Einzugsbereich des Karsts von La Rochefoucauld. Das Bajocium ist generell ein feinkörniger, gelblicher, ockerfarben gepunkteter, Silex enthaltender Kalk, der bis zu 95 Meter an Mächtigkeit erreichen kann.

Im Zuge der Verkarstung hatten sich im Kalk Karstkammern herausbilden können.

Die gesamte Juraabfolge liegt auf dem Grundgebirge des westlichen Massif Central, das etwa 5 Kilometer weiter östlich bei Rochebertier (Gemeindegrenze von Mazerolles und Yvrac-et-Malleyrand) ansteht. Es handelt sich hier um flach (mit 20°) nach Nordwesten einfallende Glimmerschiefer der Mazerolles-Einheit.

Auf den Kalk greift von Osten quartäres Kolluvium (Formation C) über – tonig, sandige Hanglagen sowie ein an Silex-reiches Trockental. Das Trockental wurde vom Flusslauf der Margot angelegt, das an der Fundstätte rechtsseitig in die Ligonne übergeht (die Margot mündet jetzt aber erst westlich von Marillac in die Ligonne). Das Kolluvium überlagert seinerseits teils älteres, möglicherweise tertiäres Kolluvium (Formation RCIII-IV), das den gesamten Westabhang des Grundgebirges mit seinen jurassischen Deckschichten verhüllt. Die Ligonne fließt jetzt in einer tonigen, quartären Niederterrasse (Formation Fy-z).

Die Kalke des Bajociums zeigen weiter nördlich Nordwest-Südost-streichende Verwerfungen, die als Seitenverschiebungen ausgebildet sein können.

Geschichtliches

Der Aven de Marillac wurde im Jahr 1898 zufällig entdeckt und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs sodann als Steinbruch verwendet. Seine erstmalige Erwähnung erfolgte im selben Jahr durch E. Vincent.[1] In den Jahren 1933 und 1934 führte Pierre David erste Grabungen durch.[2] Der Eigner des Steinbruchs Auguste Richeboeuf hatte seit dem Zeitpunkt der Entdeckung wichtiges Material angesammelt, welches sodann untersucht wurde.[3]

Zwischen 1967 und 1980 nahm der französische Paläoanthropologe Bernard Vandermeersch die Grabungsarbeiten wieder auf, welche jetzt wissenschaftlich durchgeführt wurden. Ihm folgte sodann zwischen 2001 und 2013 Bruno Maureille, einer seiner Schüler. Seit seiner Professur für Urgeschichte an der Université de Bordeaux unternahm Maureille jedes Jahr im Juli und August eine Grabungskampagne vor Ort – in Zusammenarbeit mit US-amerikanischen Forschern wie Alan T. Mann der Princeton University (Ausgrabungen Maureille-Mann 2002 bis 2012).

Seit 2002 ist die Fundstätte im Besitz des Ministère de la Culture. Ihre östliche Hälfte wird von einem Schutzdach abgedeckt.

Stratigraphische Abfolge

Die von Bernard Vandermeersch im Jahr 1987 vorgestellte Stratigraphie baut sich aus 12 Lagen auf, welche knapp 4 Meter in Anspruch nehmen. In ihrer Arbeit aus dem Jahr 2007 unterscheiden Jean-Pierre Texier und Isabelle Couchoud auf der Ostseite 6 Lagen mit insgesamt 12 Fazies.[4] Dies sind vom Hangenden zum Liegenden die lithologischen Einheiten (franz. Unités lithologiques oder abgekürzt UL)

  • UL F mit Fazies 3 und 8 – konsekutive kolluviale Umlagerungen mit subaktuellen Wiederaufarbeitungen.
  • UL E mit Fazies 7 – sehr unterschiedlich dimensionierte Kalkplatten und -gerölle in einer braunroten, sandig-tonigen Matrix. Die Schicht führt einen Calcisol.[5]
  • UL D mit Fazies 5 und 6 – Rutschungen (Hangschutt mit offener bis halboffener Struktur – Fazies 5), deren oberer Abschnitt seitwärts Schichtcharakter annimmt (Fazies 6).
  • UL C mit Fazies 4a, 4b, 4c und 4d – ineinander verzahnende Gesteinsbruchstücke, deren Zwischenräume von einer mehr oder weniger feinen Grundmasse verfüllt werden. Die vier Fazies lassen sich anhand der Farbgebung und dem Gefüge der Grundmasse auseinanderhalten.
  • UL B mit Fazies 2a und 2b – Gerölllagen, die mehr oder weniger mit einer dunkelbraunen, tonig-sandigen Matrix verbunden werden.
  • UL A mit Fazies 1 – sterile, sandige Karsttone. Enthalten manchmal auch noch im Hangenden eine von Karsttonen bedeckte Stalagmitplatte. Womöglich handelt es sich hier vor Einsetzen der Tonverfüllung um eine ehemalige Stalagmitdecke.

Archäologisches Material erscheint erstmals zusammen mit Koprolithen in der Schicht UL B (Fazies 2a). Sehr reichhaltig werden die archäologischen Überreste sodann in der Schicht UL C, vor allen Dingen in der Fazies 4a und 4b. Auch in der Schicht UL D (Fazies 5) findet sich noch archäologisches Material, wenn auch wesentlich geringer als in den beiden vorangegangenen Schichten. Die Fazies 6 enthätl so gut wie keine Fragmente mehr. Die beiden obersten Schichten UL E und UL F sind steril.

Vor rund 32.000 Jahren wurde der Aven endgültig verfüllt und somit endete seine Okkupation.

Angetroffene Fauna

Unter der angetroffenen Paläofauna wies bereits 1934 Pierre David die Gegenwart von Rentier (Rangifer tarandus – mit 99 % beherrschendes Faunenelement), Wildpferd (Tarpan – Equus ferus), Steppenbison (Bos priscus) und Bär (Ursus) aus. Die vom Steinbruchsbesitzer Herrn Richebœuf aufgelesene Fauna enthielt ebenfalls Rentier, Wildpferd und Bär, zusätzlich jedoch noch Wisent, Wolf (Canis lupus spelaeus), Höhlenhyäne (Crocuta crocuta spelaea), Höhlenlöwe (Panthera spelaea), Fuchs, Murmeltier und Saigaantilope (umstritten).

Menschliche Überreste

Die erste Grabung durch Pierre David war auf einen menschlichen Unterkiefer gestoßen.[6] Dieser wurde später von A. Ragout und L. Balout[7] sowie von J. Piveteau[8] beschrieben.

Im Jahr 1987 fand Bernard Vandermeersch Zähne, das Bruchstück eines Scheitelbeins und das Teilstück einer Schädelkalotte, die zu einem erwachsenen Neandertaler gehörte. Auf dem Hinterhauptbein sind Kratzspuren zu beobachten, die wahrscheinlich auf eine Zweitbestattung zurückzuführen sind. Eventueller Kannibalismus (aufgrund von Schnittmarken oder Schlagspuren) oder auch Einwirkung von Raubtieren sind aber nicht auszuschließen.

Bruno Maureille und Alan E. Mann haben ihrerseits noch weitere Fragmente freigelegt (unter anderem im Jahr 2001 einen Backenzahn), welche im Anthropologielabor der Université Bordeaux I untersucht wurden. Bis 1986 waren 30 Neandertalreste bekannt, mittlerweile hat sich diese Zahl aufgrund neuerer Untersuchungen auf über 100 erhöht.

Steinartefakte

Die archäologischen Grabungen ergaben, dass die Fundstätte Marillac im Mittelpaläolithikum von Neandertalern frequentiert wurde. Reichhaltig an Steinartefakten vertreten sind Schaber. Es wurden zwei unterschiedliche Ausgangsmaterialien verwendet:

  • ein stark zersplitterter Silex minderwertiger Qualität – gefunden in unmittelbarer Nähe und an Ort und Stelle verarbeitet
  • ein hochwertigerer, besser zur Verarbeitung geeigneter Silex – stammend von Fundstellen bei Angoulême.

Die Schaber waren nicht an Ort und Stelle hergestellt worden. Jedoch stammen die Retuschierungsabschläge aus dem Aven. Die Werkzeuge waren nachgeschärft worden, um ihre Lebensdauer zu verlängern.

Die Steinartefakte setzen sich zu 70 % aus Schabern zusammen – darunter Transversalschaber und Einfachschaber des Typs La Quina. Hinzu kommen einige Stichel und einige gezähnte Werkzeuge (franz. denticulés).

Zeitliche Entwicklung und Altersdatierungen

Marine Frouin und Kollegen konnten anhand verschiedener Datierungsmethoden für den Aven de Marillac eine Alterszeitspanne vom ausgehenden OIS 4 (bzw. MIS 4 – vor 60.000 Jahren vor heute) bis ins OIS 3 (MIS 3) vor rund 50.000 Jahren vor heute ermitteln.[9] Es darf aber davon ausgegangen werden, dass der Aven gut 15.000 bis 20.000 Jahre benutzt wurde.

Ältestes, radiometrisch mit der Methode Uran-Thorium bestimmtes Element im Aven, ist die Stalagmitdecke in der basalen Schicht UL A. Sie erbrachte 82.000 ± 800 Jahre vor heute und befindet sich somit zu Beginn von OIS 5a (gemäß Lorraine E. Lisiecki und Maureen E. Raymo 2005).[10]

Die sterilen Karsttonablagerungen der Schicht UL A (Fazies 1) wurden durch einen unterirdischen Flusslauf abgelagert. Datierungen ergeben hierfür als Ablagerungsbeginn das Ende von OIS 5, ihr Ablagerungsende erfolgte zu Beginn von OIS 4. Ein Thermoluminiszenzalter (OSL-Alter) an Quarz erbrachte 71.200 ± 8.600 Jahre vor heute.

Danach hatte sich der Aven nach außen geöffnet und konnte folglich von Tieren und Menschen aufgesucht werden. Erstbesiedler waren Fleischfresser – wie Faunenreste und Koprolithen an der Basis von Fazies 2a belegen. Die markante Anwesenheit der Schmalköpfigen Wühlmaus (Microtus gregalis) und die am Kollagen von Pflanzenfressern ermittelten δ15N-Werte deuten auf ein sehr kaltes und rigoröses Klima hin.[11] Es erscheint somit durchaus wahrscheinlich, dass sich der Aven – im Einklang mit derartigen klimatischen Begebenheiten – während des OIS 4 nach außen öffnete und somit Karnivoren Zutritt erlaubte.

In der 45 Kilometer weiter südöstlich gelegenen Villars-Höhle (Département Dordogne) haben deren Speläotheme zwischen 68.000 und 61.000 Jahren vor heute eine extrem kalte und trockene Klimaphase aufgezeichnet – die Villars Cold Phase (D3). Diese korrespondiert teilweise mit dem Heinrich-Ereignis H6 zwischen 63.000 und 60.000 Jahren vor heute.[12] Leider verhindert die fehlende Datierung von Fazies 2a eine Präzisierung der klimatischen Zusammenhänge, sowie des Zeitpunkts der Öffnung des Avens und der Erstbesiedlung durch Karnivoren zu Beginn der Fazies 2a.

Ab der Schicht UL B (Fazies 2a und dann Fazies 2b) breiteten sich die Neandertaler recht rasch aus und waren für die Faunenreste verantwortlich. Ihr wiederholter Aufenthalt dürfte jedoch nur von relativ kurzer Dauer gewesen sein und erfolgte wahrscheinlich immer zur selben Jahreszeit – entweder am Ende der warmen Jahreszeit oder zu Beginn der kalten Jahreszeit. Die Neandertalergruppen benutzten den Aven, um dort die außerhalb getöten Rentiere auszuschlachten und um an die nahrhaftesten Körperteile zu gelangen.[13] Sie waren Hersteller des Moustériens vom Typ Quina.[14] Ein angebrannter Silex aus der Fazies 2b hat Thermoluminiszenz-Alter von 58.000 ± 4.800 (bzw. 57.600 ± 4.600) Jahre vor heute geliefert[15] und entspricht somit dem Ende des OIS 4 und dem Beginn des OIS 3, situiert bei rund 62.000 Jahren vor heute. Dieses Alter ist kohärent mit den Datierungen des La Quina-Technokomplexes in Südwestfrankreich, der sich vom OIS 5 bis zum OIS 3 erstreckt. In La Quina selbst ist der gleichnamige Industriekomplex vom Ende des OIS 4 (60.000 Jahre vor heute) bis in die Mitte des OIS 3 gegenwärtig (bis etwa 43.000 Jahre vor heute).[9]

In der Fundstätte Chez-Pinaud der Gemeinde Jonzac (Charente) wird der La Quina-Technokomplex auf 72.700 ± 7.900 Jahre vor heute datiert (Ende von OIS 5 und Anfang von OIS 4).[16] Fundstätten im Département Dordogne und im Département Lot-et-Garonne (beispielsweise Roc-de-Marsal, Combe Capelle Bas, Sous-les-Vignes) deuten aber auf eine wesentlich jüngere Chronologie, die bei rund 45.000 Jahren vor heute angesiedelt ist.[17] Diese Diskrepanzen belegen die Notwendigkeit, die Datierungen generell für die Schlüsselfundstätten des Paläolithikums zu vervielfachen und zu verfeinern und auch das Artefaktenspektrum systematischer zu untersuchen.

Der Schichtbeginn von UL C (Fazies 4a) wird auf rund 57.000 Jahre vor heute datiert und ist nur unwesentlich jünger als der Silex aus UL B (Fazies 2b). Das Faunenspektrum der Fazies 4a besteht im Wesentlichen aus Kältetaxa des Oberen Pleistozäns und unterscheidet sich kaum von der vorangegangenen Fazies 2b.

Die folgende Fazies 4b liefert ein Alter von 52.800 ± 2.900 Jahre vor heute. Zu dieser Zeit befand sich die Fundstätte wahrscheinlich in einer offenen, grasbewachsenen Steppenlandschaft, die von gelegentlichem Buschwerk und ganzjährigen Wasserstellen – belegt durch Teichfrösche (Pelophylax kl. esculentus) und Fische – durchsetzt wurde.[18]

Zwischen der Fazies 4a und 4b lassen sich bei den Kleinsäugern in ihrer Artenzusammensetzung bedeutende Unterschiede feststellen – mit einer Zunahme von kälte- und trockenheitsliebenden Spezies wie beispielsweise dem Echten Halsbandlemming (Dicrostonyx torquatus) und dem Grauen Murmeltier (Marmota baibacina).[19] Auch die gemessene Sauerstoffisotopenzusammensetzung der beiden Fazies zeigt bei Zähnen von Nagetieren deutliche Unterschiede – weswegen auch auf eine Zunahme der Aridität in Fazies 4b geschlossen wird. Eine Korrelation mit dem Heinrich-Ereignis HE 6 wird ebenfalls in Betracht gezogen.

Gegen Ende der Schicht UL C verändert sich der Impakt der Prädatoren auf die Faunenzusammensetzung: waren in der Fazies 4a noch die Neandertaler ausschlaggebend, so teilen sie sich die Fazies 4b mit anderen Karnivoren.

Die Schicht UL D wird durch den intensiven Einsturz der Wände und der Decke im Aven gekennzeichnet (Fazies 5 und 6). Diese Erosionserscheinungen können jedoch keinerlei Auskunft über die damals herrschenden paläoklimatischen Bedingungen während der erneuten Sedimentverfüllung geben. Ganz im Gegensatz stehen hierzu jedoch die geschichteten Ablagerungen im Hangenden (Fazies 6). Hierbei handelt es sich um Solifluktionen, die im Verlauf des OIS 3 in einem periglazialen Klima vor sich gingen[20] – möglicherweise liiert mit einem Heinrich-Ereignis (HE 5 bzw. HE 5a).

Mit Beginn der Fazies 5 sind die Karnivoren prinzipiell für die Ansammlung der Faunenreste verantwortlich. Die Artenzusammensetzung plädiert für ein rigoroses Klima und korreliert mit paläoklimatischen Daten.[21] In dieselbe Richtung gehen bisher unveröffentlichte Pollendaten – präserviert in den Koprolithen der Karnivoren. Die Gegenwart von Menschen wird attestiert durch einige Werkzeuge des Moustériens sowie durch Schnitt- und Schlachtspuren auf Knochenfragmenten.

Die Schicht UL E befindet sich oberhalb der Solifluktionslagen. Ihre großen Kalkplatten (Fazies 7) markieren die finale Deckeneinsturzphase der ehemaligen Karsthöhle. Dieser Abschnitt der Fundstätte beendet somit die Existenz des Avens und wird anhand von Radiokohlenstoffaltern zwischen 38.000 und 35.000 Jahren vor heute gegen Ende des OIS 3 verfüllt. Radiokohlenstoffalter von darüber lagernden Faunenresten ergaben 33.320 ± 440 Jahre vor heute.

Auch wenn der Ostabschnitt von Les Pradelles somit stellenweise zugeschüttet worden war, so blieb der Westabschnitt für Karnivoren weiterhin zugänglich, die sich hier bereits zwischen 45.000 und 43.000 Jahren vor heute etabliert hatten. Die topographisch etwas abgesonderte Grotte aux Poules („Hühnerhöhle“) dürfte ebenfalls dieser zeitlichen Entwicklung gefolgt sein. Leider ist es bisher noch nicht möglich genau einzuschätzen, inwieweit Ost- und Westabschnitt von Les Pradelles miteinander korrespondieren.

Zusammenschau

Der Aven de Marillac war während des Mittelpaläolithikums von Neandertaler-Jäger und Sammlern frequentiert worden – wie zahlreiche fragmentarische Knochenfunde und Zahnreste eindeutig belegen.[22]

Wichtig für die zeitliche Einordnung der Fundstätte sind folgende Zeitmarken:

  • Das OIS 5 dauerte bis 72.400 Jahre vor heute und endete mit OIS 5a bzw. dem Grönland-Stadial GS-20 (von 74.100 bis 72.400 Jahre).
  • Das OIS 4 entspricht dem Zeitabschnitt 72.400 bis 59.500 Jahre vor heute und enthält die Villars Cold Phase von 68.000 bis 61.000 Jahre vor heute. Am Ende dieser Kältephase ereignete sich das Heinrich-Ereignis HE 6 (auch nur H 6). Das OIS 4 war ein ausgesprochen kalter Abschnitt mit den Grönland-Stadialen GS-19.2, GS-19.1 und GS-18, nur kurzzeitig unterbrochen von den Dansgaard-Oeschger-Ereignissen DO-19.2, DO-19.1 und DO-18.
  • Das OIS 3 begann vor 59.500 Jahren vor heute und endete vor 27.800 Jahren vor heute. Es enthält die Heinrich-Ereignisse HE 5 bzw. GS-13 (um 48.300 bis 47.000 Jahre vor heute) und HE 4 bzw. GS-9 (39.900 bis 38.300 Jahre vor heute) sowie die Dansgaard-Oeschger-Ereignisse D-O-17 bis D-O-3 inklusive. Das OIS 3 war bis 44.300 Jahre klimatisch noch wesentlich milder (interstadialer) als das vorangegangene OIS 4 (mit DO-17.2, DO-17.1, DO 16.2, DO 16.1, DO-15.2, DO-15.1, DO-14, DO-13 und DO-12), wurde aber danach zusehends kälter (stadialer) mit den Grönlandstadialen GS-12 bis GS-3.
  • Ab 38.000 Jahre vor heute wurde der Aven verfüllt und noch vor dem Heinrich-Ereignis HE 3 bzw. dem GS-5.1 (um 30.600 bis 28.900 Jahre vor heute) zusedimentiert.

Die Benutzung des Avens erfolgte während der zweiten Hälfte der Weichsel-Kaltzeit und erstreckt sich über folgende Stufen:[23]

Vorgefunden wurden in der Fazies 2a und 2b Steinartefakte des Moustériens vom Typus Quina, welche mittlerweile ein Referenzprofil für diesen Typus darstellen. Die Artefakte waren mit überaus zahlreichen Rentierknochen assoziiert – was auf eine sehr differenzierte Bearbeitung der erlegten Beutetiere hindeutet.

Mittlerweile wird der Aven de Marillac als ein jahreszeitlicher Jagdunterstand interpretiert, welcher auf die Bearbeitung von Rentierkadavern spezialisiert war, deren Verzehr aber erst auf viel später aufgeschoben erfolgte.[24]

Die überdurchschnittliche Präsenz von Faunenresten, die Eigentümlichkeiten in der Verwertung der erlegten Beutetiere zusammen mit den benutzten Steinwerkzeugen deuten alle darauf hin, dass es sich bei der Moustérien-Fundstätte Les Pradelles um eine sehr spezialisierte, Aufgaben-spezifische Lokalität handelte, in welcher eine große Anzahl von auf ihren jährlichen Wanderungen getöten Rentieren bearbeitet wurden.[25]

Herausragend in diesem Zusammenhang ist die Fazies 4a, in der nahezu 500 Retuschierer von Rentierknochen (Englisch bone retouchers) aufgefunden wurden. Durch den Vergleich mit publizierten experimentellen Ergebnissen konnten drei Retuschiergruppen identifiziert und ihre respektive Rolle bei der Herstellung lithischer Artefakte etabliert werden.[24]

Siehe auch

Literatur

  • A. Bambier, J.-P. Capdeville, E. Cariou, J.-P. Floc’h, J. Gabilly und P. Hantzpergue: La Rochefoucauld – 1831. Notice explicative de la feuille La Rochefoucauld à 1/50000. In: Carte géologique de la France à 1/50000. Bureau de recherches géologiques et minières (BRGM), Orléans 1983.
  • André Debénath: Recherches sur les terrains quaternaires charentais et les industries qui leur sont associé́es, Doctorat d’é́tat (Doktorarbeit). 1 t. Université Bordeaux I, Faculté des Sciences, 1974, S. 359–377.
  • Marine Frouin und Kollegen: Chronologie du site moustérien de type Quina des Pradelles (Marillac-le-Franc, Charente, France). In: PALEO. Band 28, 2017, doi:10.4000/paleo.3111 ([6]).
  • Liliane Meignen, Laurence Bourguignon, Alan Mann und Bruno Maureille: La séquence du Moustérien Quina des Pradelles (Marillac-le-Franc, Charente): approche techno-économique des industries. In: Bulletin de la Société préhistorique française. Band 122, Nr. 3, 2025, S. 335–367 ([7] [PDF]).
  • Bruno Maureille und Kollegen: Les Pradelles. Rapport de fouilles programmées triennales (2005–2007) 1ère année : 2005. 2005, S. 208 ([8] [PDF]).
  • Bruno Maureille, Alan E. Mann und Kollegen: Les Pradelles à Marillac-le-Franc (Charente). Fouilles 2001–2007 : nouveaux résultats et synthèse. In: J. Buisson-Catil und J. Primault, Préhistoire entre Vienne et Charente. Hommes et sociétés du Paléolithique (Hrsg.): Association des publications chauvinoises. mém. XXXVIII. Chauvigny 2010, S. 145–162.
  • C. Mussini: Les restes humains moustériens des Pradelles (Marillac-le-Franc, Charente, France): étude morphométrique et réflexions sur un aspect comportemental des Néandertaliens. Université de Bordeaux 1 (Doktorarbeit), 2011.
  • Bernard Vandermeersch: Marillac-le-Franc. In: Gallia Préhistoire. t. 23, fasc. 2, 1980, S. 302–303.

Einzelnachweise

  1. E. Vincent: Histoire de Marillac-le-Franc, Charente. Société Anonyme l'Imprimerie Charles Thèze, Rochefort-sur-Mer 1898.
  2. Pierre David: Communication en séance „Ossements fossiles découverts récemment dans un abri-repaire inédit“. In: Bulletins et Mémoires de la Société Archéologique et Historique de Charente. 1934, S. 37–38.
  3. André Debénath: Néandertaliens et Cro-Magnons, les temps glaciaires dans le bassin de la Charente. In: Le Croît Vif. 2006, ISBN 2-916104-00-3.
  4. Jean-Pierre Texier und Isabelle Couchoud: L’analyse géologique et stratigraphique. In: Bruno Maureille, Les Pradelles, Commune de Marillac-le-Franc, Charente (Hrsg.): Rapport triennal. 2007, S. 66–82.
  5. D. Baize und B. Jabiol: Guide pour la description des sols. INRA, Paris 1995.
  6. Pierre David: Les fouilles de l'abri-repaire de Marillac, près La Rochefoucault. In: Bulletins et Mémoires de la Société d'Archéologie et d'Histoire de la Charente. 1935, S. 89–90.
  7. A. Ragout und L. Balout: Enquête sur le gisement moustérien de Marillac(Charente). In: Bulletin de la Société Préhistorique Française. 1942, S. 105–113.
  8. J. Piveteau: Traité de Paléontologie.T.7.Primates-Paléontologie Humaine. Vers la forme humaine. Le problème biologique de l'Homme. Les époques de l'intelligence. Masson et Cie, Paris 1957.
  9. a b Marine Frouin und Kollegen: Chronologie du site moustérien de type Quina des Pradelles (Marillac-le-Franc, Charente, France). In: PALEO. Band 28, 2017, doi:10.4000/paleo.3111 ([1]).
  10. Lorraine E. Lisiecki und Maureen E. Raymo: A Pliocene-Pleistocene stack of 57 globally distributed benthic d18O records. In: Paleoceanography. Band 20, 2005, S. PA1003.
  11. M. Fizet und Kollegen: Effect of diet, physiology and climate on carbon and nitrogen isotopes of collagen in a late Pleistocene anthropic paleoecosystem (France, Charente, Marillac). In: Journal of Archaeological Science. Band 22, 1995, S. 67–79.
  12. M. F. Sánchez-Goñi, E. Bard, A. Landais, L. Rossignol und F. d’Errico: Air-sea temperature decoupling in western Europe during the last interglacial-glacial transition. In: Nature Geoscience. Band 6, 2013, S. 837–841, doi:10.1038/ngeo1924.
  13. Sandrine Costamagno, Laurence Bourguignon, Marie-Cécile Soulier, Liliane Meignen, Cédric Beauval, William Rendu, Célimene Mussini, Alan Mann und Bruno Maureille: Bone retouchers and site function in the Quina Mousterian: the case of Les Pradelles (Marillac-le-Franc, France). Hrsg.: J. M. Hudson, A. García Moreno, E. Noack, E. Turner, A. Villaluenga und S. Gaudzinski-Windheuser, “Retouching the Palaeolithic, Becoming Human and the Origins of Bone Tool Technology”. Schloss Herrenhausen, Hanover 2017 ([2] [PDF]).
  14. Laurence Bourguignon: Le Moustérien de type Quina: nouvelle dé́finition d’une entité technique. In: Thèse de doctorat (Université Paris X-Nanterre – Doktorarbeit). 1997.
  15. Bruno Maureille und Kollegen: Les Pradelles à Marillac-le-Franc (Charente): Fouilles 2001–2007: nouveaux résultats et synthèse. In: J. Buisson-Catil und J. Primault, Préhistoire entre Vienne et Charente: Hommes et Sociétés du Paléolithique (Hrsg.): Société de Recherches Archéologiques de Chauvigny. Mémoire 38. Association des Publications Chauvinoises, Chauvigny 2010, S. 145–162.
  16. D. Richter und Kollegen: Thermoluminescence dates for the Middle Palaeolithic site of Chez-Pinaud Jonzac (France). In: Journal of Archaeological Science. Band 40, 2013, S. 1176–1185, doi:10.1016/j.jas.2012.09.003.
  17. G. Guerin und Kollegen: The complementarity of luminescence dating methods illustrated on the Mousterian sequence of the Roc de Marsal: A series of reindeer-dominated, Quina Mousterian layers dated to MIS 3. In: Quaternary International. Band 433, Part B, 2017, S. 102–115.
  18. Bruno Maureille und Kollegen: Les Pradelles. In: Rapport de fouilles programmé́es triennales (2010–2012). 2013, S. 281.
  19. Aurélien Royer, Christophe Lécuyer, Sophie Montuire, Gilles Escarguel, François Fourel, Alan Mann und Bruno Maureille: Late Pleistocene (MIS 3–4) climate inferred from micromammal communities and δ18O of rodents from Les Pradelles, France. In: Quaternary Research. Band 80, Nr. 1, 2013, S. 113–124, doi:10.1016/j.yqres.2013.03.007.
  20. Jean-Pierre Texier: Histoire gé́ologique des sites pré́historiques classiques du Pé́rigord, La Micoque, la Grotte Vaufrey, le Pech de l’Azé I et II, La Ferrassie, l’Abri Castanet, Le Flageolet, Laugerie-Haute. In: Documents pré́historiques. n° 25. Paris 2009, S. 193.
  21. Dominique Genty und Kollegen: Isotopic characterization of rapid climatic events during OIS3 and OIS4 in Villars Cave stalagmites (SW-France) and correlation with Atlantic and Mediterranean pollen records. In: Quaternary Science Reviews. Band 29, Nr. 19–20, 2010, S. 2799–2820, doi:10.1016/j.quascirev.2010.06.035.
  22. María Dolores Garralda, Bruno Maureille, Adeline Le Cabec, Gregorio Oxilia, Stefano Benazzi, Matthew M. Skinner, Jean-Jaques Hublin und Bernard Vandermeersch: The Neanderthal teeth from Marillac (Charente, SW of France): morphology, comparisons and paleobiology. In: Journal of Human Evolution. Band 138, 2020, S. 1–27, doi:10.1016/j.jhevol.2019 ([3] [PDF]).
  23. Sune O. Rasmussen und Kollegen: A stratigraphic framework for abrupt climatic changes during the Last Glacial period based on three synchronized Greenland ice-core records: refining and extending the INTIMATE event stratigraphy. In: Quaternary Science Reviews. Band 106, 2014, S. 14–28, doi:10.1016/quascirev.2014.09.007 ([4]).
  24. a b Sandrine Costamagno, Laurence Bourguignon, Marie-Cécile Soulier, Liliane Meignen, Cédric Beauval, William Rendu, Célimene Mussini, Alan Mann und Bruno Maureille: Bone Retouchers and Site Function in the Quina Mousterian: the case of Les Pradelles (Marillac-le-Franc, France). In: J. M. Hudson, A. García Moreno, E. Noack, E. Turner, A. Villaluenga und S. Gaudzinski-Windheuser, Retouching the Palaeolithic, Becoming Human and the Origins of Bone Tool Technology (Hrsg.): International Workshop. Hannover 2015, S. 165–195 ([5] [PDF]).
  25. W. Rendu, Sandrine Costamagno, Liliane Meignen und M.-C. Soulier: Monospecific faunal spectra in Mousterian contexts: implications for social behavior. In: Quaternary International. Band 247, 2012, S. 50–58.

Koordinaten: 45° 44′ 29″ N, 0° 25′ 59″ O