Oerel-Interstadial
| Glaziale/ Interglaziale |
Stadiale/ Interstadiale[1] |
Zeitraum (v. Chr.)[2] |
|---|---|---|
| Weichsel- Spätglazial | ||
| Jüngere Dryaszeit | 10.730–9.700 | |
| Alleröd-Interstadial | 11.400–10.730 | |
| Ältere Dryaszeit | 11.590–11.400 | |
| Bölling-Interstadial | 11.720–11.590 | |
| Älteste Dryaszeit | 11.850–11.720 | |
| Meiendorf-Interstadial | 12.500–11.850 | |
| Weichsel- Hochglazial | ||
| Mecklenburg-Phase | 15.000–13.000 | |
| Pommern-Phase | 18.200–15.000 | |
| Lascaux-Interstadial | 19.000–18.200 | |
| Laugerie-Interstadial | 21.500–20.000 | |
| Frankfurt-Phase | 22.000–20.000 | |
| Brandenburg-Phase | 24.000–22.000 | |
| Tursac-Interstadial | 27.000–25.500 | |
| Maisières-Interstadial | 30.500–29.500 | |
| Denekamp-Interstadial | 34.000–30.500 | |
| Huneborg-Stadial | 39.400–34.000 | |
| Hengelo-Interstadial | 41.300–39.400 | |
| Moershoofd-Interstadial | 48.700 | |
| Glinde-Interstadial | 51.500 | |
| Ebersdorf-Stadial | 53.500 | |
| Oerel-Interstadial | 57.700 | |
| Weichsel- Frühglazial | ||
| Schalkholz-Stadial | 60.000 | |
| Odderade-Interstadial | 74.000 | |
| Rederstall-Stadial | ? | |
| Brörup-Interstadial | ? | |
| Amersfoort-Interstadial | ? | |
| Herning-Stadial | 115.000 | |
| Eem-Warmzeit | ||
| 126.000 |
Das Oerel-Interstadial war eine knapp 2000 Jahre dauernde Zwischenerwärmung der Weichsel-Kaltzeit. Es erfolgte zu Beginn des OIS 3 im Zeitabschnitt 58.300 bis 56.500 Jahre vor heute – noch vor den letzten starken Eisvorstößen des Weichsel-Hauptglazials.[3]
Etymologie
Die Typlokalität Oerel ist eine niedersächsische Gemeinde in der Samtgemeinde Geestequelle bei Bremervörde (Landkreis Rotenburg/Wümme). Oerel, früher oft auch Örel, leitet sich ab von Urhala bzw. Vrlaha – urkundlich erstmals erwähnt im Jahr 937.
Die Wortschöpfung Interstadial setzt sich zusammen aus dem Lateinischen Adjektiv inter mit der Bedeutung „zwischen, dazwischen“ und dem sächlichen Substantiv Stadial, abgeleitet vom Altgriechischen στᾰ́σῐς (stắsĭs) „Stand, Lage, Position, Stasis, Stillstand“. Sie bezeichnet somit die Zeit zwischen zwei Eishöchstständen.
Erstbeschreibung
Das Oerel-Interstadial, auch Oerel Intervall, ist das erste Mittel-Weichsel Interstadial im Mittleren Pleniglazial und wurde im Jahr 1986 erstmals von Karl-Ernst Behre und Udo Lade beschrieben.[4]
Der Torf des Oerel-Interstadials war aber bereits im Jahr 1965 von Willi Selle und Heinrich Schneekloth erwähnt worden.[5]
Geographie
Die Typlokalität des Oerel-Interstadials liegt inmitten von Oerel in der Füllung eines drenthezeitlichen Toteislochs – als drittes von vier Interstadialen in Superposition über dem Eemium. Der Typhorizont wird im Liegenden und Hangenden durch Sande begrenzt. Typusprofil ist das Profil OE 61 mit Profilbohrung und dem zugehörigen Pollendiagramm von Karl-Ernst Behre und Udo Lade (1986).
Allgemeine Einführung
Das Isotopenstadium OIS 3 bzw. MIS 3 der Weichsel-Kaltzeit brachte zwischen 57.000 und 28.000 Jahre vor heute eine klimatische Verbesserung – im Vergleich zum vorangegangenen MIS 4 und dem darauffolgenden MIS 2. Während dieser relativ milderen Periode durchlebte die Menschheit eine sehr große Veränderung, wobei die Werkzeugtechniken des Mittleren Paläolithikums durch neue Herstellungsverfahren des Oberen Paläolithikums ersetzt wurden. Darüber hinaus erschienen erstmals Industrien basierend auf hartem Material tierischen Ursprungs (Elfenbein, Geweihstangen und Knochen). Erstmals wurden auch Kunstgegenstände angefertigt, wie Statuetten mit anthropomorphen und tierischen Wesenszügen, Schmuckobjekte, Werkzeuge und Waffen. Abris (Felsüberhänge) und Höhleninneres erfuhren künstlerische Ausgestaltungen.
Der kulturelle Übergang war global mehr oder weniger synchron erfolgt. Diese technologische Revolution wurde und wird bis jetzt mit dem Erscheinen des modernen Menschen (Homo sapiens) in Eurasien und der Verdrängung des Neandertalers – der noch vor 37.000 Jahren vor heute verschwinden sollte – in Verbindung gebracht.
Der Zeitabschnitt 57.000 bis 40.000 Jahre vor heute sah ab dem Beginn des MIS 3 eine signifikante Erwärmung, die sich durch drei gemäßigte Wärmeoszillationen auszeichnet – dem Oerel-Interstadial, dem Glinde-Interstadial und dem Moershoofd-Interstadial. In diesem Intervall gingen die Steinindustrien des Mittleren Paläolithikums ihrem Ende entgegen. Es kann jedoch nicht von einer Degeneration gesprochen werden, vielmehr handelte es sich um einen dynamischen Evolutionsprozess, der offensichtlich mit der Klimaverbesserung in Beziehung stand.[6]
Zu Beginn des MIS 3 und des Mittleren Pleniglazials der Weichsel-Kaltzeit etablierte sich im Norden Deutschlands eine Steppentundra, die Rhein-Maas-Niederung in Richtung der Niederlande war jedoch mit Koniferenwäldern bestanden.[7] Tau-Frost-Zyklen waren gestaltend für die Landschaften des Mittelweichsels. In manchen Gebieten entstanden daher seichte Thermokarstseen auf Schwemmebenen, anderweitig bildeten sich Frostrisse und auch Eiskeile, Kryoturbation setzte ein, und es kam gelegentlich zu stark wechselnden Sedimentations- und Abflussraten.[8]
Geologie
Die Typlokalität Oerel liegt im nördlichen Niedersachsen im Elbe-Weser-Dreieck. Dieses Gebiet gliedert sich etwa zur Hälfte in Niederungsbereiche, die von Mooren und vor allem von Marschen eingenommen werden, und zur anderen Hälfte in Geestbereiche, die im Drenthe-Stadium der Saale-Kaltzeit angelegt worden sind. Warthestadiales und weichselzeitliches Eis haben die Typregion nicht mehr erreicht. Die äußersten Randlagen des Weichseleises haben zu Oerel eine Mindestentfernung von rund 75 Kilometer und die des Wartheeises, prägnant markiert durch die Harburger Berge, noch eine Entfernung von rund 50 Kilometer. Von Gletschereis war das Elbe-Weser-Dreieck zuletzt anlässlich der jüngeren Vereisungsphase des Drenthe-Stadiums (Drenthe-2-Vorstoß) bedeckt.
Geologisch wird das Oerel-Interstadial an der Typlokalität durch einen Torf repräsentiert. Der Horizont besitzt nur eine Gesamtmächtigkeit von 79 Zentimeter und befindet sich 394 Zentimeter unter der Oberfläche. Er liegt in der Senke von Oerel und füllt dort ein drenthezeitliches Toteisloch.
Die elliptische, nur 180 × 80 Meter messende, senkenfüllende Torflage, schließt sich in Oerel unmittelbar östlich der Lamstedter Staffel an – eine jüngere Phase des zweiten Drenthe-Eisvorstoßes. Es handelt sich hierbei um einen Moränenrücken, genauer um eine Nord-Süd verlaufende Moränenüberschiebung, die ihren morphologischen Ausdruck in Erhebungen wie dem 36,7 Meter hohen Acker-Berg und dem 23,1 Meter hohen Hohen Oerel findet. Östlich der Senke folgt das 5 Kilometer breite, marschige Tal der Oste.
Stratigraphie
Das Oerel-Interstadial (Weichsel Pleniglazial II oder abgekürzt WP II) ist das dritte von vier Interstadialen oberhalb des Eemiums. Im Liegenden sitzt es dem 52 Zentimeter mächtigen Schalkhof-Stadial aus niveofluviatilen Sanden auf und wird seinerseits im Hangenden vom 94 bis maximal 150 Zentimeter mächtigen Ebersdorf-Stadial überlagert, welches ebenfalls aus niveofluviatilen Sanden aufgebaut wird.
Das Oerel-Interstadial kann mit dem Grönland-Interstadial 16 (GI-16) assoziiert werden. Ihm war das recht lange Grönland-Stadial 18 (GS-18) vorhergegangen. Dazwischen legte sich eine klimatisch sehr unruhige Periode mit raschen kurzzeitigen Wechseln (GS-16, GI-16.2, GS-17.1, GI-17.1, GS-17.2 und GI-17.2). Auf das Oerel-Interstadial folgte das Ebersdorf-Stadial mit GS-16.1, sowie GI-15.2, GS-15.2, GI-15.1 und GS-15.1.
Feingliederung
Das Weichsel-Pleniglazial begann laut Burchard Menke und Risto Tynni (1984) nach dem Odderade-Interstadial mit dem Schalkholz-Stadial, bezeichnet als WP I.[9] Während des Schalkholz-Stadials waren hellgraue Feinsande abgelagert worden, deren Mächtigkeit recht schwankend ist – zwischen einigen Dezimetern und 1,90 Meter (im Typusprofil OE 61 waren 79 Zentimeter sedimentiert worden). Sehr wahrscheinlich war damals keine Vegetationsdecke vorhanden.
Über den Feinsanden folgte übergangslos der Torf des Oerel-Interstadials, der gleichzeitig eine klimatische Verbesserung anzeigt. Im Typusprofil im Zentrum der Oerel-Senke erreicht der Torf eine Mächtigkeit von 79 Zentimeter. Die Torfablagerung dehnte sich etwa 100 bis 200 Meter über das Zentrum der Mulde hinweg aus – wie mehrere Kernbohrungen zeigen konnten.
Flora
Im unteren Abschnitt des Torfs ist nur wenig an mineralogenem Silt vorhanden, der Torf baut sich vielmehr vorwiegend aus braunen Laubmoosen wie Helodium blandowii auf, welche einen pH-Wert von 4,5 bis 5,5 anzeigen.[10] Weitere Taxa sind Bauchiges Birnmoos (Bryum pseudotriquetrum), Herzblättriges Schönmoos (Calliergon cordifolium), Straminergon stramineum, Drepanocladus (Drepanocladus exannulatus), Kröten-Binse (Agathryon bufonium bzw. Juncus bufonius), Amblystegium riparium(bzw. Leptodictyum riparium), Mnium (Mnium punctatum), Schnabelriede (Rhynchospora alba) und Sphagnum recurvum. Anhand von Makroresten lässt sich eine örtliche Kräuterpopulation erkennen – bestehend vorwiegend aus Schnabel-Segge (Carex rostrata), Wasser-Segge (Carex aquatilis), Braun-Segge (Carex nigra) sowie (Carex rostrata/vesicaria). Nasse Abschnitte werden durch Sumpf-Blutauge (Potentilla palustris bzw. Comarum palustre) repräsentiert. Die im unteren Abschnitt vorhandenen Reste von Zwergbirken (Betula nana) dürften jedoch von außerhalb des Moors stammen.
Oberhalb von 433 Zentimeter ereignete sich ein defintiver Wechsel. War im unteren Abschnitt (473 bis 433 Zentimeter) die Dekompositionsrate noch hoch, so kam es jetzt zusammen mit einem deutlichen Anwachsen von Torfmoosen (Sphagnum) zu einer weitaus besseren Erhaltung pflanzlicher Überreste. Der pH-Wert wurde saurer, jedoch deuten Taxa wie Spitzblättriges Spießmoos (Calliergonella cuspidata) und Sumpf-Streifensternmoos (Aulacomnium palustre bzw. Comarum palustre) auf Störungen hin. Hierauf verweist auch das Sparrige Sumpfmoos (Paludella squarrosa), das bei einem pH von 4,6 bis 6,7 gedeiht, einen hohen Ca++-Gehalt von 5,1 bis 21,5 Milligramm/Liter benötigt und kein stagnierendes Wasser verträgt. Das Rundliche Torfmoos (Sphagnum teres) wird ab jetzt häufig, auch Homalothecium (Camptothecium nitens), Campylium, Meesia longiseta, (Mnium cinclidioides), Wacholder-Widertonmoos (Polytrichum juniperinum), Sphagnum-Kapseln und (Sphagnum imbricatum) treten auf.
Von zirka 415 Zentimeter aufwärts setzt ein Übergang zu nahezu ombrotrophischen Verhältnissen ein – erkennbar an sehr gut erhaltenen Moosüberresten wie beispielsweise Sphagnum und Strohmoos (Straminergon stramineum). Sehr häufig ist jetzt insbesondere das Scheiden-Wollgras (Eriophorum vaginatum) und später dann das Torfmoos (Sphagnum imbricatum). Letzteres Taxon zeigt seine Hochmoorvarietät, charakterisiert durch eine typische Rippenbildung über die ganzen Blätter hinweg. Die Aufbeulungen im Hochmoor waren wahrscheinlich mit Schwarzer Krähenbeere (Empetrum nigrum) bewachsen, von dem viele Samen gefunden wurden, sowie von der Besenheide (Calluna vulgaris). Im Pollendiagramm zeigen beide Taxa, besonders aber Empetrum, sehr hohe Werte im oberen Abschnitt des Torfs. Recht selten ist das Taxon Stellaria. Auch Kerne der Echten Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) wurden angetroffen.
Mit Ausnahme der sehr häufigen Zwergbirke (Betula nana) wurden im Oerel-Interstadial keinerlei weitere Baumreste, insbesondere Birken angetroffen. Die sehr zahlreichen Blätterfunde von Zwergbirken in den oberen Abschnitten deuten darauf hin, dass diese Sträucher im Moor selbst heimisch waren. Wahrscheinlich waren Zwergbirken auch in der umliegenden Strauchtundra beheimatet.
Der Oerel-Torf wird schließlich ganz scharf von der nächsten Sandlage zugedeckt.
Fauna
Im unteren Abschnitt zwischen 450 und 430 Zentimeter wurden insgesamt 30 Insektenarten registriert. Darunter am schattigen Boden zwischen nassen Blättern lebende Käfer wie beispielsweise der Bartläufer Leistus rufescens (lebt insbesondere entlang kleinen Bächen und Erlensümpfen) und auch der Laufkäfer Patrobus atrorufus. Der Grabkäfer Pterostichus diligens beschränkt sich ebenfalls auf Nasshabitate, vor allem auf Uferzonen oligotrophischer und dystrophischer Seen und auf Sphagnum-Moore. Dem entgegengesetzt zieht der Kahnläufer Calathus melanocephalus einigermaßen trockenen Boden mit relativ spärlicher Bewachsung vor, wie beispielsweise Trockenwiesen, Graslandschaften, Dünen und Heiden. Von Bedeutung ist der Glanzflachläufer Agonum consimile, der ein rein nördliches, paläarktisches Taxon darstellt und vor allem in der Birkenzone Skandinaviens vorkommt. Agonum consimile findet sich in moosreichen Sümpfen, die weitgehend von Seggen (Carex) und Wollgräsern (Eriophorum) dominiert werden.
Die angetroffenen Kurzflügler der Unterfamilie Omaliinae – Pycnoglypta lurida, Olophrum fuscum, Eucecosum brachypterum und Boreaphilus henningianus sind alle charakteristisch für Nasshabitate alpiner/subalpiner Prägung, in denen sie anderen kleinen Arthropoden zwischen abgestorbenen Blättern und anderweitig verwesender organischer Materie in der Streuschicht nachstellen. Heutzutage sind diese Taxa im nördlichen Fennoskandien sehr verbreitet, einige Arten finden sich aber auch im alpinen Gelände Zentraleuropas. Tachinus elongates tritt in ganz ähnlichen Environments auf. Wie auch im folgenden Glinde-Interstadial sind die Kurzflügler-Taxa Quedius, Lathrobium und Stenus ebenfalls vorhanden.
Unter den Insekten finden sich auch ans Wasser gebundene Taxa. Beispielsweise Köcherfliegen mit der sehr artenreichen Familie Limnephilidae. Die geringe Anzahl von Larvenresten macht jedoch eine Artunterscheidung schwierig. Die Larven leben sowohl im stagnierenden Flachwasser als auch in Fließgewässern. Zugegen sind auch Dytiscidae mit den Gattungen Hydroporus, Agabus und Ilybius. Adultformen wie auch Larven sind beides Prädatoren in unterschiedlichen Flachwasserenvironments. Kopf und Halsschild (Pronotum) des am Wasser lebenden Räubers Helophorus stimmen mit Helophorus paraminutus und Helophorus minutes überein – die Taxa sind somit nur sehr schwer auseinanderzuhalten.[11] Beide Arten werden in seichten Grastümpeln angetroffen. Ein weiterer Vertreter von Helophorus dürfte Helophorus griseus sein, welcher ein weites Verbreitungsgebiet aufweist – von Westeuropa über Zentraleuropa, durch das südliche Skandinavien bis hinein nach Russland. Heliophorus griseus bevorzugt schlammig-tonige Tümpel. Wie dann auch später im Glinde-Interstadial gesellt sich außerdem noch die Gattung Cyphon hinzu.
Unter den Insekten sind auch eine ganze Anzahl von Blattkäfern. Die Flohkäfer ernähren sich hauptsächlich von Kreuzblütlern (Cruciferae). Sphaeroderma kommen auf verschiedenen Kräuterpflanzen und Sträuchern vor, wohingegen Chaetocnema vorwiegend auf Gräsern, Seggen oder Riedpflanzen lebten. Zugegen ist auch der polyphage, von Wurzeln sich ernährende Dickmaulrüssler Otiorhynchus dubius.
Ein Insektenkiefernfund verweist außerdem auf Ameisen (Formicidae).
Das Oerel- und das Glinde-Interstadial besitzen eine sehr ähnliche Faunenzusammensetzung und teilen sich eine ganze Reihe von Taxa. Die Tiere dürften mit hoher Wahrscheinlichkeit durchaus auch in den anhand von Pollen und Pflanzenresten indizierten Environments gelebt haben.
Baumtaxa fehlen anscheinend vollkommen, jedoch benötigen der Bartläufer Leistus rufescens und der Laufkäfer Patrobus atrorufus schattige Umweltbedingungen, die aber von Sträuchern ausreichend gewährleistet waren.
Paläoenvironment
Die von Mooren durchsetzte Strauchtundra des Oerel-Interstadials erscheint im Pollendiagramm neben den Zwergbirken auch in Gestalt von Wacholder und Zwergweiden, ferner durch Gräser und vielerlei Kräuter, darunter sehr viele typische Heliophyten.
Summarisch lässt sich sagen, dass Makropflanzenreste als auch Pollen während des Oerel-Interstadials eindeutig auf eine baumlose Strauchtundra hindeuten. In gewisser Weise ähnelte es den jüngeren Abschnitten des Herning-Stadials, des Redderstall-Stadials, aber auch der Jüngeren Dryas. Interstadiale werden folglich im Vergleich mit vorangegangenen und nachfolgenden Perioden nicht durch einen absoluten, sondern nur durch einen relativen Vegetationsinhalt gekennzeichnet.
Im Oerel-Interstadial (WP II) weisen die Überreste von Zwegbirke (Betula nana) und Heidekrautgewächsen (Ericaceae) eindeutig auf eine offene, weitestgehend baumlose Strauchtundra hin. Der Anfang des Interstadials hatte hierbei bessere trophische Verhältnisse als das vorangegangene Interstadial. Charakteristisch hierfür sind (Carex aquatilis) und Moose wie (Calliergon cordifolium). Bald jedoch änderten sich die anfangs relativ milden Bedingungen hin zu mehr sauren pH-Werten und in den jüngeren Abschnitten war ein Hochmoor entstanden, beherrscht von Sphagnum-Taxa und (Eriophorum vaginatum).
Eine große Anzahl von Insektentaxa war zugegen, welche alle offene Habitate bevorzugten und heutzutage zumeist in alpinen oder subalpinen Regionen vorkommen. Als Beispiel hierfür möge (Agonum consimile) dienen – eine ausgesprochen nördliche, paläarktische Art.
Paläoklima
Paläotemperaturen lassen sich anhand von stenothermen Käfern (mit eingeengtem Temperaturbereich) erschließen – mittels der MCR-Methode (Englisch mutual climatic range oder abgekürzt MCR). Für das Oerel-Interstadial ergeben sich folgende Abschätzungen: eine mittlere Sommertemperatur von rund 10,5 °C im Abschnitt 455 bis 440 Zentimeter und 11 °C im Abschnitt 440 bis 430 Zentimeter sowie eine Wintertemperatur von - 10,5 °C im Abschnitt 455 bis 440 Zentimeter und - 5,0 °C im Abschnitt 440 bis 430 Zentimeter. Im Vergleich zum nachfolgenden Glinde-Interstadial sind diese Werte etwas höher. Der wärmste Monat erreichte im Oerel-Interstadial durchschnittlich 12,0 bis 12,5 °C, der kälteste durchschnittlich bis zu - 10,5 °C.[12]
Laut Gerfried Caspers und Holger Freund (2001) betrugen für das Oerel-Interstadial die durchschnittlichen Sommertemperaturen 9 bis 10 °C, die Wintertemperaturen - 17 °C und die Jahresdurchschnittstemperaturen - 8 °C.[13]
Insgesamt war das Oerel-Interstadial nicht bedeutend wärmer als das vorangegangene OIS 4.
Datierung
Vom Typusprofil in Oerel liegen sechs dicht beieinander liegende konventionelle Radiokarbondaten vor, nach denen dieses Interstadial in den Zeitraum zwischen 53.500 und 57.700 14C-Jahren vor heute fällt.[14]
Das Geozentrum Hannover gibt 55.400 bis 57.700 Jahre vor heute für das Oerel-Interstadial an.[15] Andrea Pintar (2025) erwähnt in ihrer Doktorarbeit 55.400 ± 900 bis 57.000 ± 1330 14-C Jahre vor heute.[16] Hierbei ist anzumerken, dass sowohl 57.700 als auch 57.000 Jahre vor heute sich inmitten des GI-16.1 befinden und somit als zu jung anzusehen sind.
Laut dem Eisbohrkern GRIP ist das Oerel-Interstadial mit dem Grönland-Interstadial GI 16.1 (abc) und wahrscheinlich auch GI 16.2 zu assoziieren, welche insgesamt von 56.500 bis 58.300 Jahre vor heute dauerten.[17] Möglicherweise erstreckte sich das Oerel-Interstadial auch noch bis in die vorgeschalteten Interstadiale GI-17.1 (abc) und GI-17.2 hinein. In diesem Fall begann es bereits ab 59.500 Jahre vor heute.
Siehe auch
- Ebersdorf-Stadial
- Glinde-Interstadial
- Interstadial
- Käfer
- Kaltzeit
- Köcherfliegen
- Moose
- Oerel
- Paläolithikum
- Sand
- Schalkholz-Stadial
- Torf
- Weichsel-Kaltzeit
Einzelnachweise
- ↑ Thomas Litt, Achim Brauer, Tomasz Goslar, Josef Merkt, Krystyna Bałaga, Helmut Müller, Magdalena Ralska-Jasiewiczowa, Martina Stebich, Jörg F. W. Negendank: Correlation and synchronisation of Lateglacial continental sequences in northern central Europe based on annually laminated lacustrine sediments. In: Quaternary Science Reviews. vol. 20, Nr. 11, Mai 2001, S. 1233–1249.
- ↑ Zur Vereinheitlichung wurden die Altersangaben der Klimastufen des Weichsel-Spätglazials umgerechnet auf v. Chr. Bei den dendrochronologischen und warvenchronologischen Daten ist der Bezugspunkt das Jahr 1950, d. h. es müssen 1950 Jahre abgezogen werden, um v. Chr.-Angaben zu erhalten. Die Eiskerndaten beziehen sich dagegen auf das Bezugsjahr 2000. Die Altersangaben ab dem Weichsel-Hochglazial sind jeweils der ungefähre Beginn des entsprechenden Zeitintervalls v.h.
- ↑ Thomas Litt, Karl-Ernst Behre, Klaus-Dieter Meyer, Hans-Jürgen Stephan und Stefan Wansa: Stratigraphische Begriffe für das Quartär des norddeutschen Vereisungsgebietes. In: Eiszeitalter und Gegenwart/Quaternary Science Journal. Band 56, Nr. 1–2. Hannover 2007 ([1] [PDF]).
- ↑ Karl-Ernst Behre und Udo Lade: Eine Folge von Eem und 4 Weichsel-Interstadialen in Oerel/Niedersachsen und ihr Vegetationsablauf. In: Eiszeitalter und Gegenwart. Band 36. Hannover 1986, S. 11–36 ([2] [PDF]).
- ↑ Willi Selle und Heinrich Schneekloth: Ergebnisse einer Kernbohrung in Oerel, Kreis Bremervörde; drei Interstadiale über Ablagerungen des Eem-Interglazials. In: Zeitschrift der deutschen geologischen Gesellschaft. Band 115. Hannover 1965, S. 109–117.
- ↑ François Djindjian: Les méthodes de reconstitution des paléoclimats. In: Les sociétés humaines face aux changements climatiques. Volume 1 – La préhistoire des origines de l'humanité à la fin du Pléistocène. Archeopress Archeology, 2022 ([3] [PDF]).
- ↑ Freek S. Busschers, Cornelis Kasse, R. T. van Balen, Jef Vandenberghe, K. M. Cohen, H. J. T. Weerts, J. Wallinga, C. Johns, P. Cleveringa und F. P. M. Bunnik: Late Pleistocene Evolution of the Rhine-Meuse System in the Southern North Sea Basin: Imprints of Climate Change, Sea-Level Oscillation and Glacio-Isostacy. In: Quaternary Science Reviews. Band 26, 2007, S. 3216–3248, doi:10.1016/j.quascirev.2007.07.013.
- ↑ Frédéric Guiter, Valérie Andrieu-Ponel, Jacques-Louis de Beaulieu, Rachid Cheddadi, Marianna Calvez, Philippe Ponel, Maurice Reille, Thierry Keller und Claud Goeury: The Last Climatic Cycles in Western Europe: A Comparison Between Long Continuous Lacustrine Sequences from France and Other Terrestrial Records. In: Quaternary International. Band 111, Nr. 1, 2003, S. 59–74, doi:10.1016/S1040-6182(03)00015-6.
- ↑ Burchard Menke und Risto Tynni: Das Eeminterglazial und das Weichselfrühglazial von Rederstall/Dithmarschen und ihre Bedeutung für die mitteleuropäische Jungpleistozän-Gliederung. In: Geologisches Jahrbuch A. Band 7, 1984, S. 1–120.
- ↑ Ryszard Ochrya, Piotr Szmajda, H. Bocheński und K. Karcmarz: Atlas of the geographical distribution of spore plants in Poland. In: Z. Tubolewski und T. Wojterski (Hrsg.): Series V, Mosses (Musci), Part IV. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warszawa, Poznań 1988.
- ↑ Robert Angus: Insecta, coleoptera, hydrophilidae, helophorinae. In: Süsswasserfauna von Mitteleuropa. Band 20/10-2. Stuttgart 1992.
- ↑ Karl-Ernst Behre, Adam Hölzer und Geoffrey Lemdahl: Botanical macro-remains and insects from the Eemian and Weichselian site of Oerel (northwest Germany) and their evidence for the history of climate. In: Vegetation History and Archeobotany. Band 14, 2005, S. 31–53, doi:10.1007/s00334-005-0059-x.
- ↑ Gerfried Caspers und Holger Freund: Vegetation and Climate in the Early and Pleni-Weichselian in Northern Central Europe. In: Journal of Quaternary Science. Band 16, Nr. 1, 2001, S. 31–48, doi:10.1002/10991417(200101)16:1<31::AID-JQS577>3.0.CO;2-3.
- ↑ Karl-Ernst Behre und Johannes van der Plicht: Towards an absolute chronology for the last glacial period in Europe: radiocarbon dates from Oerel, northern Germany. In: Vegetation History and Archeobotany. Band 1, 1992, S. 111–117 ([4] [PDF]).
- ↑ H. Streif: Das Quartär in Niedersachsen und benachbarten Gebieten - Gliederung, geologische Prozesse, Ablagerungen und Landschaftsformen. 2004 ([5]).
- ↑ Andrea Pintar: We Are But A Part of This World: A Biography of Landscape Approach to Tracing Human-Environmental Entanglement from the Mid to Late Pleistocene through the Holocene, and into the Anthropocene. In: Doktorarbeit. Vrije Universiteit Amsterdam, 2025 ([6] [PDF]).
- ↑ Sune O. Rasmussen und Kollegen: A stratigraphic framework for abrupt climatic changes during the Last Glacial period based on three synchronized Greenland ice-core records: refining and extending the INTIMATE event stratigraphy. In: Quaternary Science Reviews. Band 106, 2014, S. 14–28, doi:10.1016/quascirev.2014.09.007.