Geh hin, Moses

Geh hin, Moses (Originaltitel: Go down, Moses, deutschsprachige Fassung teilweise ebenfalls unter diesem Titel) ist die letzte Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Die Urfassung des Textes wurde, nachdem The Washington Post eine Publikation abgelehnt hatte, 1941 im Collier’s veröffentlicht.[1] Die deutschsprachige Übersetzung stammt von Hermann Stresau.

Kurzbeschreibung

Der Todeszellen-Insasse Samuel Worsham Beauchamp wird im Rahmen einer Volkszählung interviewt und gibt seine wahre Identität preis. Gleichzeitig hat seine Großmutter Molly Worsham Beauchamp eine Vorahnung von Unheil im Zusammenhang mit ihrem lange verschollenen Enkel. Molly bittet den Anwalt Gavin Stevens, Samuels Aufenthaltsort und Befinden zu ermitteln. Stevens erfährt bald, dass Samuel Beauchamp in den nächsten Stunden hingerichtet werden soll, spendet und sammelt genug Geld, um Samuels Leichnam für die Beerdigung nach Hause zu bringen. Als Stevens bei der Trauerfeier vorbeischaut, verlässt sie schnell wieder, weil er sich fehl am Platz fühlt.

Inhalt

Der Farbige Samuel Worsham Beauchamp hat seine Heimat vor fünf Jahren verlassen,[2] sitzt in der Todeszelle in Joliet.[3] „Es war ein anderer, der den Polyp erschoß“, behauptet er gegenüber einem Mann, der Daten für eine Volkszählung erhebt, und dass er deswegen unter falschem Namen auf der Liste der Todeskandidaten stehe.[4] Währenddessen beschleicht seine daheim gebliebene Großmutter Molly Beauchamp eine böse Vorahnung, aufgrund derer sie in der Kanzlei des Anwalts Gavin Stevens auftaucht. Molly wirft in biblischem Duktus ihrem Verpächter Roth Edmonds vor, er habe ihren Enkel Samuel verkauft: „Nach Ägypten verkauft. Pharao hat ihn“.[5] Daher wohne sie nun nicht mehr auf dem McCaslin-Landgut von Roth Edmonds, sondern mit ihrem Bruder und dessen Frau im Haushalt von Miss Worsham, der Tochter ihres ehemaligen Sklavenhalters. Stevens dementiert die melodramatische Einlassung von Molly nicht, obwohl er weiß, dass Roth Edmonds „den Jungen bei einem Einbruch in seinem Lagerhaus erwischt und ihn von seiner Besitzung verwiesen und für immer die Rückkehr verboten“ hatte.[6] Molly beauftragt Stevens, ihren Enkel ausfindig zu machen, und mit Hilfe des Chefs der Lokalzeitung und einer Pressemitteilung findet Gavins heraus, dass Samuel Beauchamp in der Todeszelle sitzt und der Fall hoffnungslos ist: Die Hinrichtung steht unmittelbar bevor.[7] Noch ehe Stevens das seiner Auftraggeberin übermitteln kann, taucht Miss Worsham in Stevens‘ Büro auf. Miss Worsham erklärt sich bereit, die Kosten von Samuels Leichenüberführung zu übernehmen, gibt Gavins 25 Dollar, der die Kosten dem Chef der Lokalzeitung gegenüber allerdings für sich auf mehr als 225 Dollar schätzt.[8] „Stevens trifft mit einigen Bedenken die Vorbereitungen und sammelt Gemeindebeiträge für die Beerdigung“,[9] gibt, da die Spenden nicht ausreichen, den Rest selbst dazu. Zwei Tage später trifft die Leiche ein, und Gavins ist hilflos angesichts der christlich-pathetischen Art zu trauern, in der immer wieder darauf angespielt wird, Roth Edmonds habe Samuel sozusagen nach Ägypten an den Pharao verkauft. Gavins versucht das nun richtig zu stellen, gibt es allerdings auf, denn „sie [=Molly] kann mich ja gar nicht hören, dachte er. Sie sah ihn nicht einmal an.“[10] Überfordert und ratlos entfernt Stevens sich von der Trauerfeier.

Textanalyse

Bei Geh hin, Moses handelt es sich um eine hauptsächlich aus der Perspektive von Gavin Stevens[11] auktorial erzählten Prosatext, „sowohl Epilog als auch Epitaph[12] von Das verworfene Erbe, so der französische Literaturwissenschaftler André Bleikasten (Universität Straßburg): Man könne Geh hin, Moses auch „als ironische Version der Rückkehr des verlorenen Sohnes“ lesen.[13] Orte der Handlung sind Joliet und Jefferson, der fiktive County Seat des von Faulkner erfundenen Yoknapatawpha County. Die Handlung spielt in einem Juli[14] im Dunstkreis der US-Volkszählung 1940.

Themen

„Der zentrale erzählerische Schwerpunkt“[15] von Geh hin, Moses ist die Heimholung der Leiche von Molly Beauchamps Enkel Samuel nach Hause. Die Geschichte zeigt, dass der Tod zwar ein allgemein menschliches Phänomen ist, „doch die Trauer darüber ist spezifisch für die soziale Konstruktion rassifizierter Identitäten“,[16] eine Erkenntnis, die Gavin Stevens am Ende sprachlos hinterlässt. Ein weiteres Thema des Textes ist „die Bedeutung der Gemeinschaft, insbesondere die Rolle der Frauen bei der Vertretung und Verteidigung ihrer Ansprüche“.[17]

Figuren (Auswahl)

  • Dr. Gavin Stevens: Dieser „County-Anwalt“[14] von Yoknapatawpha hat in Harvard und Heidelberg studiert und eine „vorzeitig weiß gewordene Mähne“.[14] Stevens wird „als sanfter und mitfühlender Mensch dargestellt“,[18] betrachtet Samuels Lage jedoch „ausschließlich mit Vorurteilen und rassistischer Voreingenommenheit“[19] und erweist sich als „weitaus herablassender und ignoranter, als er erkennt“.[20] Er „missdeutet daher ständig die Gefühle und Absichten der Großmutter“ von Samuel, Molly Beauchamp,[21] und „gibt der elitären Vorstellung nach, dass er weiß, was das Beste für die Familie ist“.[22] Stevens tritt auch in weiteren Faulkner-Werken auf: Die Freistatt, Licht im August, Griff in den Staub, Requiem for a Nun (1951, dt.: Requiem für eine Nonne, 1956), The Town (1957, dt.: Die Stadt, 1958), The Mansion (1960, dt.: Das Haus, 1960).
  • Samuel Worsham Beauchamp: Der 26-jährige[4] Enkel von Molly Beauchamp ist bei Molly aufgewachsen, da deren älteste Tochter, „seine Mutter, bei der Geburt starb und der Vater ihn im Stich ließ“.[23] Im Alter von 19 Jahren „hatte er die Gegend verlassen und war in die Stadt gekommen“,[6] war endgültig auf die schiefe Bahn geraten, die sich schon in seiner Heimat abgezeichnet hatte. Mit 21 Jahren wurde er dann verwickelt in den Vorfall, bei dem der „Polyp“ ums Leben kam.[6] Samuels Haar „war so behandelt, daß es den Schädel wie eine Kappe bedeckte, glatt zurückgebürstet und gewellt, als ob es ziseliert sei, es sah aus wie lackiert, um die Ohren ausrasiert, so daß der Kopf einer Bronze-Plastik glich, unzerstörbar und überdauernd“, und Samuels Stimme war „alles andere […] unter der Sonne als die Stimme eines Südstaatlers“.[4]
  • Molly Worsham Beauchamp: Diese „starke Mutterfigur“[24] ist „nicht mal so groß wie ein zehnjähriges Kind“[25] und „mit einem verschrumpften, unglaublich alten Gesicht“[14] versehen. Molly gehörte ebenso wie ihr einst gleichfalls als Sklave geborener Bruder dem Vater von Miss Worsham,[3] mit der Molly nun eine „Pseudoverwandtschaft“[26] verbindet.
  • Miss Worsham: Die verarmte Tochter eines einstigen weißen Sklavenhalters ist im selben Monat wie Molly geboren und mit ihr zusammen aufgewachsen, wirkt „dünn, straff“, zieht „in dem verfallenen Haus, das ihr Vater ihr hinterlassen hatte“, zusammen mit Mollys Bruder „Hühner und Gemüse […] für den Markt.“[3]

Rezeption

Die Rezeption zu Geh hin, Moses fiel relativ schmal, aber in den zeitgenössischen Kritiken durchaus positiv aus. Die einstige US-Tageszeitung Columbus Citizen bezeichnete 1942 das Werk als „klar, klein“,[27] The Plain Dealer als klar und bitter,[28] und The Salt Lake Tribune zählte Geh hin, Moses zu „den überzeugendsten und einprägsamsten Geschichten“ innerhalb von Das verworfene Erbe,[29] eine Einschätzung, die die 1947 eingestellte US-Zeitung Brooklyn Citizen teilte: „Es ist die kürzeste Geschichte im Buch; aber es ist die, in der mit den wenigsten Worten am meisten gesagt wird“.[30] Dennoch meinte der Literaturkritiker Cleanth Brooks später, dass Faulkner den Erzählband Das verworfene Erbe mit der vorangegangenen Episode Herbst im Delta statt mit Geh hin, Moses hätte enden lassen sollen.[31]

Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)

  • Go down, Moses. In: William Faulkner: Go down, Moses. Chronik einer Familie. (= detebe-Klassiker, Band 20149) Aus dem Amerikanischen von Hermann Stresau. 8. Auflage. Diogenes, Zürich 1990. ISBN 3-257-20149-4. S. 285–297.
  • Geh hin, Moses. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 301–313.

Literatur

  • John Lennard: Go Down, Moses. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 88–90.
  • Glenn Meeter: Go Down, Moses. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 148.
  • Glenn Meeter: Molly‘s Vision. Lost cause ideology and Genesis in Faulkner's „Go down, Moses“. In: Donald M. Kartiganer, Ann J. Abadie (Hrsg.): Faulkner and ideology. Faulkner and Yoknapatawpha, 1992. University Press of Mississippi, Jackson MS 1995. ISBN 0-87805-759-5, 0-87805-760-9. S. 277–296.
  • John Selzer: „Go Down Moses“ and „Go Down Moses“. In: Studies in American Fiction, Jg. 13, Nr. 1, 1985, ISSN 0091-8083, S. 89–95.

Einzelnachweise

  1. „The Post rejected the story. Collier‘s accepted it for publication in January 25, 1941“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 98.
  2. „has been absent for five years“ – Glenn Meeter: Go Down, Moses. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 148.
  3. a b c William Faulkner: Geh hin, Moses. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 301–313. Hier S. 306.
  4. a b c Faulkner, Geh hin, Moses, S. 301.
  5. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 303.
  6. a b c Faulkner, Geh hin, Moses, S. 304.
  7. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 305.
  8. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 309.
  9. „Stevens, with some misgivings, makes the arrangements and collects community contributions for the funeral“ – Meeter, Go Down, Moses, S. 148.
  10. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 311.
  11. „told mainly through the third-person view of Gavin Stevens“ – Meeter, Go Down, Moses, S. 148.
  12. „both epilogue and epitaph“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 320.
  13. „It could also be read as […] an ironic version of the return of the prodigal son“ – Bleikasten, Legacies, S. 320–321.
  14. a b c d Faulkner, Geh hin, Moses, S. 302.
  15. „the central narrative thrust“ – Ahmed Honeini: Ah’m goan home. Narration, homegoing, and whiteness in „Go Down, Moses“. In: Ahmed Honeini: William Faulkner and mortality. A fine dead sound. Taylor & Francis, London 2022. ISBN 978-0-367-50132-7. S. 144–173. Hier S. 155.
  16. „biological death is universal, yet mourning it specific to the social construction of racialized identities“ – Elizabeth Fielder: The performative funeral and identity formation in „Go Down, Moses“. In: Jay Watson, Ann J. Abadie (Hrsg.): Fifty years after Faulkner. Faulkner and Yoknapatawpha, 2012. University Press of Mississippi, Jackson MS 2016. ISBN 978-1-4968-0396-2. S. 279–294. Hier S. 280.
  17. „the importance of the community, particulary the role that women play in representing and defending its claims“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98.
  18. „presented as a gentle and sympathetic individual“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98.
  19. „solely with prejudice and racial bias“ – Honeini, Ah’m goan home, S. 166.
  20. „far more patronising and ignorant than he realises“ – John Lennard: Go Down, Moses. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 88–90. Hier S. 89.
  21. „constantly misreads the grandmother's feelings and intentions“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 98.
  22. „indulges the elitist notion that he knows what is best for the family“ – Mark Royden Winchell: Family Values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 159.
  23. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 303–304.
  24. „strong maternal figure“ – Winchell, Family Values in „Go Down, Moses“, S. 155.
  25. Faulkner, Geh hin, Moses, S. 310.
  26. „pseudokinship“ –Fielder, The performative funeral and identity formation in „Go Down, Moses“, S. 290.
  27. „bright, slight“ – Jack Keller: Faulkner southern stories gather under one title. In: The Columbus Citizen, 24. Mai 1942, Magazine section S. 4, zitiert nach Milton Thomas Inge (Red.): Go Down, Moses and Other Stories (1942). In: Milton Thomas Inge (Hrsg.): William Faulkner. The contemporary reviews. Cambridge University Press, Cambridge 1995. ISBN 0-521-38377-3. S. 227–244. Hier S. 238.
  28. „a bright, bitter story“ – Ted Robinson: Go down, Moses. In: The Plain Dealer, 12. April 1942, All Feature Section S. 3, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 229.
  29. „Among the most convincing and memorable of the tales“ – George Snell: New Faulkner tales keep to tradition. In: The Salt Lake Tribune, 7. Juni 1942, S. 13-C, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 242.
  30. „It is the shortest story in the book; but it is the one in which most is said in the fewest words“ – Jeanette Greenspan: Faulkner at his best. In: Brooklyn Citizen, 5. Juni 1942, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 241.
  31. „Cleanth Brooks believes that Faulkner should have ended his novel with ‚Delta Autumn‘“ – Winchell, Family Values in „Go Down, Moses“, S. 158.