Festungsring Namur
In den Jahren 1888 bis 1892 wurden an beiden Uferseiten der Maas insgesamt neun moderne detachierte Forts um die belgische Stadt Namur gebaut, welche als Festungsring Namur bekannt wurden.
Festungsring
Die Errichtung der Forts geht auf den belgischen General Henri Alexis Brialmont zurück. Sie wurden in einer Entfernung von etwa sieben Kilometer rings um die von der veralteten Zitadelle von Namur beherrschten Innenstadt ausgeführt. Der Grund hierfür war, das Deutschland und Frankreich ihre Grenzen in Elsass und Lothringen befestigten und das vergleichsweise unverteidigte Tal der Maas in Belgien eine gute Alternative für eine Invasion der beiden Länder bot. Da es dort recht Flach und gut ausgebaut war, boten die Ebenen Flanderns einem Angreifer gute Transportmöglichkeiten, Nahrung und Brennstoff. Brialmont erkannte, dass Deutschland und Frankreich erneut Krieg führen würden. Durch Befestigungen und Forts um Namur und Lüttich hoffte man, die beiden Länder von einem Krieg und Durchmarsch durch Belgien abzuhalten. Ziel war es, dass der Festungsring Namur die Franzosen und der Festungsring Lüttich die Deutschen abschrecken sollte.[1]
Der Bau der Forts fand nach den damaligen Standardplänen statt. Sie waren dreieckig und mit der Spitze dem Gegner zugewendet. Am 28. Juli 1888 begannen die ersten Bauarbeiten, wobei der neue und bessere Baustoff Beton verwendet wurde, allerdings ohne Bewehrung.[2] Die Bauarbeiten konnten nur am Tage stattfinden, da es in der Nacht kein Licht gab. Somit kam es zu schwachen Fugen führte, da der Beton in der Nacht nur teilweise aushärten konnte. Auch verbaute man die, zur damaligen Zeit, modernsten und stärksten Waffen. So gab es Geschütze mit einem Kaliber von 12, 15 und 21 cm, wobei nahezu alle Geschütze von der Friedrich Krupp AG stammten. Die Geschütztürme hingegen, in denen die Geschütze verbaut wurden, kamen aus Deutschland, Frankreich und Belgien.[3] In jedem Fort kam der Strom von dampfbetriebenen Elektrizitätswerken für Beleuchtung, Pumpen und Suchscheinwerfer.[4]
Liste der neun Forts vor dem Ersten Weltkrieg
- am linken Ufer der Maas:
- am rechten Ufer der Maas:
Die Kämpfe im Ersten Weltkrieg
Die ersten Kämpfe am Festungsring Namur während des Ersten Weltkrieges begannen am 16. August 1914. Dabei trafen die deutsche 2. Armee unter Generalfeldmarschall Karl von Bülow und die 3. Armee unter Generaloberst Max von Hausen mit etwa 107.000 Soldaten im Gebiet ein. In den belgischen Forts selber waren 37.000 Soldaten stationiert. Die Besatzungen wussten, dass sie einen Kampf nicht gewinnen konnten, wollten die Deutschen jedoch so lange hinhalten, bis die französische 5. Armee zur Unterstützung eintreffen sollte. Nachdem das Fort Marchovelette am 20. August 1914 angegriffen wurde, begann die deutsche 2. Armee mit einem allgemeinen Artilleriefeuer auf die Forts. Um ein Vorstoßen der französischen 5. Armee zu verhindern, griff sie zusätzlich in Richtung Charleroi an. Dadurch gelang es den deutschen Truppen, die französisch 5. Armee aufzuhalten. Es gelang nur einem Regiment in den Festungsring vorzustoßen, um dort Unterstützung zu leisten.
Während der darauffolgenden Belagerung wandten die deutschen Truppen die gewonnenen Erfahrungen während der Belagerung und der Angriffe auf den Festungsring Lüttich an. Um schwere Verluste, wie in Lüttich zu vermeiden, ging die Truppen gleich in eine Belagerungstaktik über und setzten ab dem 21. August 1914 schwere und schwerste Belagerungsartillerie ein. So kamen unter anderem vier österreich-ungarische 30,5-cm-M.11-Mörser und die Kurze Marine-Kanone 12 L/16 (Gamma-Gerät) „Dicke Berta“ zum Einsatz. Infolge des schweren Beschusses wurden die Feldtruppen am 23. August 1914 evakuiert. Die Forts selber kapitulierten nur wenig später.
Der Grund, für die relativ schnelle und verlustarme Eroberung des Festungsring Namur, lag in der schlechten Versorgung von Gebrauchsgütern des täglichen Bedarfs und fehlerhaften Konstruktion der Forts. So befanden sich wichtige Dinge, wie die Latrine, Duschen, Küchen und die Leichenhalle in der Contrescarpe, welche bei einem Angriff kaum gehalten werden konnte. Bei einer gegnerischen Eroberung, hatten die Besatzungen der Forts wichtige Gebäude verloren, was die Widerstandsfähig stark beeinträchtigte. Auch die schwach befestigten Rückseiten, welche den eigenen Truppen ein leichteres Unterstützen ermöglichen sollten, wurde während der Kämpfe von den gegnerischen Truppen zu deren Vorteil genutzt.[5] Die mechanische Belüftung war unzureichend, weshalb sich oft giftige Gase durch die Nutzung der Artillerie bildeten.
Der Festungsring Namur stellte, aufgrund gewonnener Erfahrungen, für den Vormarsch der deutschen Truppen ein schwaches Hindernis dar. Dennoch konnte er um mehrere Tage verzögert werden, was Belgien und Frankreich die Mobilisierung weiterer Truppen ermöglichte um später den Vormarsch auf Paris stoppen zu können.
Zwischenkriegszeit
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Forts von einer Kommission inspiziert, welche den Wiederaufbau der belgischen Befestigungsanlagen erarbeiten sollte. Ein Bericht von 1927 empfahl den Bau einer neuen Befestigungslinie östlich der Maas. Zu diesen neuen Befestigungen zählte unter anderem das Fort Eben-Emal, welche als position fortifiée de Liège I (PFL I) bezeichnet wurde. Der ehemalige Festungsring Namur sollte als Rückzugspunkt dienen und gleichzeitig die Straßen und Bahnübergänge über die Maas sichern.[6]
Ab dem Jahr 1929 begannen die Wiederaufbauarbeiten an den Forts um Namur.[7] Dabei wurden die erkannten Mängel während der Gefechte analysiert und größtenteils behoben. Dazu gehörte der Austausch der 21-cm-Haubitze L/11,8 durch 15-cm-Haubitzen mit größerer Reichweite und der Austausch der alten 15-cm-Haubitzen gegen 12-cm-Kanonen. Die großkalibrigen Geschützen zur Verteidigung der Gräben wurden durch schnellfeuernde Maschinengewehre ausgetauscht. Die Stromerzeugung, Belüftung, Sanitäranlagen und Truppenunterkünfte wurden verbessert und modernisiert. Weiterhin wurde eine neue Kommunikationsanlage eingebaut. Markanteste Änderung war der Bau von Belüftungstürmen, welche wie unscheinbare Wassertürme aussehen sollten. Zusätzlich konnte dort Beobachtungsposten eingesetzt werden und der Turm als Notausgang für das Fort dienen. Das Fort Cognelée und das Fort Emines wurden nicht modernisiert und dienten als Munitionslager.[8]
Die Kämpfe im Zweiten Weltkrieg
Mit dem Westfeldzug der Wehrmacht im Jahr 1940 kam auch der Zweite Weltkrieg nach Belgien. Während der Schlacht um Belgien errichtete das belgische VII. Korps, welches aus der belgischen 8. Infanterie-Division und den Ardennenjägern bestand, eine starke Verteidigungsstellung in den Forts um Namur. Die Wehrmacht umging Namur jedoch im Süden und durchbrach die französischen Linien bei Sedan. Das VII. Korps zog sich daraufhin kampflos zurück um einer Einkesselung zu entgehen. Am 15. Mai 1940 gerieten die Forts unter deutsches Artilleriefeuer. Bereits am 18. Mai 1940 kapitulierte das Fort Marchovelette. Am folgenden Tag ergaben sich die Verteidiger vom Fort Suarlée und Fort Saint-Héribert und am 21. Mai 1940 das Fort Andoy und das Fort Maizeret. Von der Wehrmacht wurden die Forts nach der Besetzung nicht weiter ausgebaut oder groß genutzt.[9]
Die Forts heute
Heutzutage ist von den neun Forts des Festungsring Namur nur eines öffentlich zugänglich, das Fort Saint-Héribert. Dieses lag mehrere Jahre unter der Erde begraben und wurde 2013 freigelegt und restauriert. Das Fort kann jeden vierten Sonntag im Monat zwischen April und Oktober besichtigt werden. Weiterhin stehen alle neun Forts auf militärischem oder privatem Gelände. Das Fort Malonne ist komplett verschlossen und wurde als Fledermausschutzgebiet ausgeschrieben.[10] Im Rahmen des Gedenkprogramms zum Ersten Weltkrieg wurde von den lokalen Behörden in Namur ein Projekt initiiert, um das weiterhin private Fort Emines öffentlich zugänglich zu machen. Obwohl die unterirdische Anlage von den Sicherheitsbehörden als unsicher eingestuft wurde, werden die Außenbereiche nach und nach geräumt und mit Hinweisschildern versehen.
Siehe auch
Weblinks
Literatur
- Philippe Bragard: Namur, la citadelle hollandaise. Une forteresse mosane de Wellington à Brialmont (1814–1878). Les amis de la Citadelle de Namur, Namur 2012, ISBN 978-2-87551-033-4.
- Philippe Bragard, Vincent Bruch, Jacques Chainiaux, Dominique François, Alex Furnémont, Jacky Marchal: La Citadelle de Namur en noir et blanc. Histoire du monument à travers photographies et cartes postales, 1860–1940. Les amis de la Citadelle de Namur, Namur 2005.
- Philippe Bragard, Vincent Bruch, Jacques Chainiaux, Dominique François, Jacky Marchal: La termitière de l'Europe. Les souterrains de la citadelle de Namur. Les amis de la Citadelle de Namur, Namur 2010, ISBN 978-2-9600661-7-3.
- Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. Osprey, 2007, ISBN 978-1-84603-114-4.
- Simon Dunstan: Fort Eben Emael. The key to Hitler’s victory in the west. Osprey Publishing, Oxford 2005, ISBN 1-84176-821-9.
- J. E. Kauffmann: Fortress Europe: European Fortifications of World War II. Combined Publishing, 1999, ISBN 1-58097-000-1.
- Axel Tixhon: La citadelle de Dinant. Sentinelle millénaire. Les éditions namuroises, Namur 2013, ISBN 978-2-87551-031-0.
Einzelnachweise
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 8.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 9.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 13.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 17.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 36.
- ↑ Simon Dunstan: Fort Eben Emael. The key to Hitler’s victory in the west. 2005, S. 11–12.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 56.
- ↑ J. E. Kauffmann: Fortress Europe: European Fortifications of World War II. 2002, S. 100.
- ↑ J. E. Kauffmann: Fortress Europe: European Fortifications of World War II. 2002, S. 117.
- ↑ Clayton Donnell: The Forts of the Meuse in World War I. 2007, S. 59.