Empfangsgebäude des Wormser Hauptbahnhofs
Das heutige Empfangsgebäude des Wormser Hauptbahnhofs ist das neuromanische Empfangsgebäude des Wormser Hauptbahnhofs von 1904. Es fällt durch seinen reichen Bauschmuck auf und ist ein geschütztes Kulturdenkmal.[1]
Entstehungsgeschichte
Ausgangssituation
1853 erhielt Worms einen ersten Bahnhof, als die Bahnstrecke Mainz–Worms von der Hessischen Ludwigsbahn (HLB), einer Aktiengesellschaft, errichtet wurde. Noch im gleichen Jahr ging die Verbindung nach Ludwigshafen in Betrieb.[2]
Als der Personenverkehr immer mehr zunahm, reichte die Kapazität des alten Empfangsgebäudes nicht mehr aus. Es wurde deshalb bis 1871 erheblich erweitert. 20 Jahre später stellte sich das Problem erneut: Nutzer, Bevölkerung und 1890 auch die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Worms forderten den weiteren Ausbau des Bahnhofs.[3] Die HLB zögerte zu investieren, nicht zuletzt weil sich deren Verstaatlichung abzuzeichnen begann. Das Großherzogtum Hessen, zu dem Worms damals gehörte, und das Königreich Preußen einigten sich auf die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft: Die HLB wurde verstaatlicht und fusionierte zusammen mit den Staatsbahnen des Großherzogtums und den Preußischen Staatseisenbahnen. Die entsprechenden Vereinbarungen traten zum 1. April 1897 in Kraft.
Dies löste zum einen endlich den bestehenden Investitionsstau: Der Bau der Rheinbrücke Worms wurde angegangen. Sie wurde am 30. November 1900 eröffnet. Das bedeutete aber auch, dass der gesamte, bisher im Bahnhof Rosengarten endende rechtsrheinische Eisenbahnverkehr, der auf Worms zulief, nun über die neue Brücke und in den Bahnhof Worms geführt wurde. Dies erhöhte die dortige Verkehrsfrequenz um etwa 15 Zugpaare im Personenverkehr pro Tag.
Zum anderen wirkte es in der hessischen Öffentlichkeit, wegen der extrem unterschiedlichen Größe des preußischen und hessischen Anteils, der in die Gemeinschaft eingebracht wurde, als sei die hessische Eisenbahn von den Preußen „geschluckt“ worden. Das traf die hessischen Befindlichkeiten erheblich.[4] Preußen sah die Fusion aber als Modell, um Fusionen mit anderen Länderbahnen einzugehen und war deshalb bemüht, den Unwillen der hessischen Bevölkerung in diesem Punkt zu beruhigen. Der Bau des Wormser Bahnhofs war nach der Rheinbrücke das zweite große Projekt der Eisenbahngemeinschaft in Hessen und der Bau des zugehörigen, neuen Empfangsgebäudes entfaltete sich mitten in der Gesellschaft der hessischen Stadt Worms. Hier musste also baulich etwas entstehen, das die Eisenbahngemeinschaft für die Wormser – und damit für die Hessen – attraktiv machte. Unter diesen Vorgaben entstand das neue Empfangsgebäude des Wormser Hauptbahnhofs von 1901 bis 1904.[5]
Planung
Städtebauliche Aspekte
Da für die Gleise und Bahnsteige Platz gewonnen werden musste, ergab sich ein städtebauliches Problem: Östlich war die städtische Bebauung inzwischen längst an den Bahnhofsvorplatz herangerückt. Im Westen waren Gewerbebetriebe an der Bahn entstanden. So wurde letztendlich der Bahnhofsvorplatz geopfert: Auf diesem Platz entstand der Neubau. Das hatte betrieblich den Vorteil, dass das bestehende Empfangsgebäude während der Bauzeit in Betrieb bleiben konnte. Erst nach Inbetriebnahme des neuen Empfangsgebäudes wurden diese dorthin verlagert, das alte Gebäude anschließend abgerissen. Es machte Platz für ein zusätzliches Gleis.
Von den beiden Straßen, die von der Innenstadt aus in spitzem Winkel zueinander zum Empfangsgebäude führten, sollte die Siegfriedstraße diejenige sein, die auf das Hauptportal zielte. Sie war damals eine Allee und von bürgerlichen Villen gesäumt. Auf der Sichtachse, die Siegfriedstraße und der heutige Berliner Ring bilden, liegt, dem Haupteingang des Empfangsgebäudes gegenüber und etwa 1,1 km entfernt, als Pendant die monumentale Tordurchfahrt der Nibelungenschule[Anm. 1] zur Rheinpromenade.[6] Von der Achse aus, die auf das alte Empfangsgebäude zielte, der Kaiser-Wilhelm-Straße (heute: Wilhelm-Leuschner-Straße ), ist dagegen lediglich ein Teil des südlichen Gebäudeflügels des neuen Empfangsgebäudes zu sehen. Insgesamt war diese städtebauliche Lösung nicht befriedigend, aber der Auflösung des Verkehrsengpasses, den der Bahnhof im Eisenbahnverkehr darstellte, wurde Vorrang eingeräumt.[7]
Gebäude
Bauherrin des neuen Empfangsgebäudes war die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft, faktisch also die Preußischen Staatseisenbahnen und konkret die Eisenbahndirektion Mainz.[8] Der eigentliche Urheber des Entwurfs ist nur schwer auszumachen, da hier eine Hierarchie von Behörden und ihre Mitarbeiter agierten.[9]
- Fritz Klingholz (1861–1921) wird als Architekt des Empfangsgebäudes genannt.[10] Im Bauablauf ist er aber nicht nachzuweisen, in den zeitgenössischen Unterlagen wird er nicht genannt und anlässlich der Eröffnung nicht erwähnt.[11] Da er aber eine Veröffentlichung des Preußischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten – des preußischen Eisenbahnministeriums –, „Grundsätze und Grundrissmuster für die Aufstellung von Entwürfen zu Stationsgebäuden“, mitverfasst hat, kann nicht ausgeschlossen werden, dass er sich zu einem sehr frühen Zeitpunkt auch einmal mit dem neuen Wormser Empfangsgebäude befasst hat. Belege dafür gibt es aber nicht. Erst einen Tag nach der Eröffnung des neuen Empfangsgebäudes in Worms, am 1. April 1904, wechselte er als Baudezernent an die Eisenbahndirektion Mainz, um den Neubau des Wiesbadener Hauptbahnhofs voranzubringen.
- Karl Hofmann (1856–1933), bis 1897 Stadtbaumeister von Worms und seitdem Professor an der Technischen Hochschule Darmstadt, blieb in Stilfragen, die das Stadtbild von Worms betrafen, auch nach seinem Wechsel nach Darmstadt weiterhin maßgeblich. Die Stadt bat die Eisenbahndirektion in Mainz darum, Hofmann die Fassade des Empfangsgebäudes entwerfen zu lassen. Ob das geschehen ist, lässt sich nicht mehr nachweisen, die archivischen Unterlagen sowohl in Darmstadt als auch die der Mainzer Direktion sind im Zweiten Weltkrieg untergegangen. Da sich Hofmann bei der festlichen Einweihung am 30. März 1904 aber unter den wenigen, prominenten Ehrengästen befand und sein Porträt zudem am Fürstenpavillon verewigt wurde, ist davon auszugehen, dass er wesentlichen Einfluss auf die neuromanische Gestaltung genommen hat.[12] Der Abschlussbericht dagegen formuliert vage: „Für die Formgebung des Gebäudes wurde im Hinblick auf den altehrwürdigen Wormser Dom der romanische Stil gewählt“.[13]
- Albert Erbe (1868–1922) war Regierungsbaumeister und der erste Architekt, der auf eine baureife Planung hinarbeitete. Allerdings wechselte er 1901 in die Bauverwaltung der Stadt Hamburg, noch bevor der Bau konkret begann.[14]
- Martin Richard Herrmann (1871–1926) führte als Regierungsbaumeister den Planungs- und Bauprozess fort. Er hatte, unterstützt durch den Architekten Keding von der Eisenbahndirektion Mainz, auch die Bauleitung. Außerdem wirkten noch andere Baubeamte mit.[15] Auf ihn geht somit das endgültige Erscheinungsbild des Gebäudes zurück. So wurde das auch von den Zeitgenossen gesehen: Er wurde im Rahmen der Eröffnung als der verantwortliche Architekt gewürdigt[16] und verfasste auch einen Abschlussbericht.[17]
Bauarbeiten
Die Bauarbeiten begannen Mitte Oktober 1901 und wurden 1904 abgeschlossen. Die Bauinschrift im Giebel, die unterhalb des hessischen Staatswappens mit „Anno 1903“ zu lesen ist, führt insofern in die Irre. Sie war schon angebracht, als sich der Bau noch bis ins Frühjahr 1904 verzögerte. Das neue Empfangsgebäude wurde am 31. März 1904 eingeweiht[18] und die zuständige Eisenbahnbauabteilung aufgelöst.[19] Die Baukosten für das Empfangsgebäude betrugen 386.000 Mark, die der Erstausstattung 35.000 Mark.[20] Vorgesehen gewesen waren 500.000 Mark.[21]
Bauwerk
Im Gegensatz zu anderen Bauten in Worms wurde statt rotem Sandstein gelblich-weißer Pfälzer Sandstein verwendet.[22] In der etwa 110 Meter langen Frontseite des Gebäudes zur Bahnhofstraße dominiert die Empfangshalle, die nördlich die Gepäckabfertigung und die Fahrkartenschalter, südlich die Handgepäckaufbewahrung und –bahnsteigseitig und hinter Bahnsteigsperren – einen gewölbten Gang erschloss, der einerseits Zugang zu den Wartesälen, andererseits zu den Gleisen gewährte. Im nördlichen Gebäudeflügel befanden sich im Erdgeschoss Diensträume der Eisenbahnverwaltung, im Obergeschoss die Dienstwohnung des Bahnhofsvorstehers und Übernachtungsräume für Zugpersonal. Die beiden Wartesäle, einer für die 1. und 2. Klasse, ein größerer für die 3. und 4. Klasse, hatten Raumhöhen, die den ersten Stock des Gebäudes einbezogen. Im südlichen Gebäudeflügel befand sich im Erdgeschoss auch das Bahnhofs-Restaurant. In dessen oberen Stockwerken waren Zimmer für das Personal des Bahnhofs-Restaurants und die Wohnung des Bahnhofswirts untergebracht.[23] Diese hatte keine Küche, sondern einen Speiseaufzug, der in die Küche des Bahnhofsrestaurants, im Keller des Gebäudes, hinunterreichte.[24]
Bauplastik
Auffälligstes Merkmal des Empfangsgebäudes ist sein reichhaltiger Bauschmuck. Er stammt überwiegend von Franz Vlasdeck aus Mainz-Mombach, der die Modelle und Bildhauerarbeiten für den figürlichen Schmuck fertigte, während einfachere Arbeiten Hippler & Werner aus Worms ausführten.[25] Dieser Bauschmuck befindet sich vor allem an der straßenseitigen Fassade des Gebäudes, in der Haupthalle und – wahrscheinlich verloren – in den Wartebereichen.[Anm. 2] Es gibt nur drei weitere Empfangsgebäude in neuromanischem Stil im Gebiet des Deutschen Reiches, die in großem Umfang mit figürlichem Schmuck versehen wurden[26]:
- Eisenach Hauptbahnhof wurde nur knapp zwei Wochen nach dem Wormser am 12. April 1904 eröffnet. Grundriss und Gebäudedisposition beider Anlagen gleichen sich verblüffend, allerdings waren an beiden Bauten ganz andere Architekten und Künstler an der Arbeit.
- In Aachen Hauptbahnhof wurde das neue Empfangsgebäude am 21. Dezember 1905 eingeweiht. Hier gibt es personelle Vernetzungen zu Worms – vor allem Franz Vlasdeck als ausführender Künstler des figürlichen Schmucks und Friedrich Mettegang, der allerdings erst nach Abschluss der Arbeiten in Worms in die Direktion nach Mainz wechselte.
- Metz Hauptbahnhof wurde 1908 eingeweiht, ist der am prächtigsten ausgestattete aller neuromanischen Bahnhöfe und allein von der Größe her mit den anderen kaum vergleichbar.
Fassade des Hauptgebäudes
Die Fassade weist einige Unterschiede zu dem ursprünglichen Entwurf von 1901 auf: Sie wirkt nun schlanker und scheint auch höher zu sein.[27] Die Fassade des Hauptgebäudes gliedert sich hinsichtlich der Baudekoration in verschiedene Bereiche. Die einzelnen Darstellungen weisen ganz unterschiedliche Inhalte auf. Sie beziehen sich auf die Geschichte des Verkehrs, auf aktuellen Eisenbahnverkehr und auf Wirtschaft. Außerdem gibt es Hoheitszeichen und einzelne Darstellungen und Szenen, deren Zusammenhang mit einem Empfangsgebäude nur schwer zu erklären ist.
Giebel
Den Giebel der Eingangshalle bekrönte ein Drache, der die Dampfkraft symbolisieren sollte.[28] Er ging schon früh verloren. Zentrales Motiv im Giebeldreieck ist das Kleine hessische Staatswappen, der Löwe mit dem Schwert. Alles „preußische“ der Dekoration ist auf ein viel kleineres Flügelrad, Symbol der preußischen Staatseisenbahnen, beschränkt.[29] Auf ein riesiges, den Giebel bekrönendes Flügelrad, den noch der Entwurf von 1901 vorsah[30], wurde in der Ausführung verzichtet. Das war Teil der Konzession seitens Preußen und seiner Eisenbahn an das wegen der Eisenbahnfusion mit Preußen gekränkte hessische Publikum. Als Pendant zu dem Flügelrad ist rechts, hinter dem hessischen Löwen, ein Fliehkraftregler zu sehen. Über Fliehkraftregler und Flügelrad ist je ein Bahntechniker dargestellt. Der Linke trägt eine Mütze mit Ohrenschützern und hält einen Isolator, der Rechte einen Zirkel – Elektro- und Vermessungstechnik.
Weitere bahnbezogene Bilder sind eine Lokomotive, links ganz unten in Brüstungshöhe des Dreierfensters, und eine Stahlgitterbrücke als Pendant dazu rechts – vielleicht ein Bezug auf die wenige Jahre vorher eröffnete Rheinbrücke. Weiter befindet sich im Giebel die unzutreffend datierende Bauinschrift: „Anno 1903“. In dem Bereich unter dem dreifach gekuppelten Fenster ist eine Fahrkartenkontrolle und ein Bahnbeamter, der einen Zug abläutet, dargestellt, sowie zwei Masken, die erste eine Allegorie auf den Handel und die zweite auf das Gewerbe.[31]
Archivolte
Die bildhauerisch aufwändigste Arbeit ist der Fries des Archivoltenbogens. Das Ganze beleben zahllose Akteure und das Geschehen erscheint wie in einem Wimmelbild. Der Bildhauer passte sich im Formalen der Stilvorgabe an. Die auf den Verkehr bezogenen Szenen sind von links nach rechts zu lesen und in etwa chronologisch geordnet[32]:
- ein „germanisches“ Ochsengespann mit Scheibenrädern
- ein römischer Streitwagen mit einem Krieger, der eine Gruppe von Gegnern bekämpft. Während sich sonst alle historischen Gestalten von links nach rechts bewegen, fährt einzig der römische Streitwagen von rechts nach links, dem „germanischen“ Fuhrwerk entgegen – ein Pendant zur abschließenden Darstellungen der Lokomotive. Beide als umwälzend empfundenen Epochen werden so parallelisiert.
- In der folgenden Szene tragen zwei Männer eine riesige Weintraube, die von einer Stange hängt, die sie auf den Schultern tragen. Sollte die Szene die rückkehrenden Kundschafter aus Kanaan darstellen, wäre das allerdings ein Bruch im historischen Ablauf der Szenen. Soll an diesem Ablauf festgehalten werden, kann die Darstellung auch als Anspielung auf den allgegenwärtigen Weinbau in Worms verstanden werden.
- Händler aus dem Orient mit Kamel und Löwe.
- Es folgt eine mittelalterliche Reiseszene mit Lindwurm, vielleicht ein Motiv aus der Nibelungensage, die Reise Kriemhilds zu König Etzel und den Hunnen, vor allem aufgrund der Haartracht der begleitenden Männer.
- Die anschließende Frau mit einem Musikinstrument reitet völlig ungerührt in korrektem Damensitz auf einem Pferd, das einen Drachen niederreitet.
- Es folgt ein frühneuzeitlicher Planwagen,
- dann eine Sänfte in barocker Anmutung.
- Die folgende Postkutsche kollidiert mit einer von rechts kommenden Lokomotive. Die Pferde scheuen, der empörte Lokführer schimpft, ein etwas hilflos wirkender Polizist mit Pickelhaube steht davor und versucht, das Chaos zu regeln, ein Schaffner aus dem der Lokomotive folgenden Zug – angedeutet durch einen nur noch teilweise dargestellten Güterwagen mit Tieren – eilt herbei.
Übrige Flächen
Vor allem im Bereich südlich des Haupteingangs weist die Fassade noch eine Reihe interessanter baulicher Details auf, etwa Giebelpartien in Fachwerk. In den Gefachen sind Zementplatten eingesetzt in deren Oberfläche ausgesuchte weiße Rheinkiesel eingedrückt wurden – durch die Verschmutzung inzwischen viel dunkler. Historisch bekannt war das aus barocken Grottenbauwerken. Heute assoziiert der Betrachter eher Waschbeton. In anderen Gefachen sind geschnitzte Motive eingesetzt. Der Giebel über der Wirtswohnung in diesem Gebäudeteil ruht auf zwei Konsolenpaaren, das linke zeigt eine Minneszene, das rechte einen Streit. Die dreieckigen Zwickel an der Giebelbasis wie auch an der Giebelspitze sind als geschnitzte Szenen gestaltet. Links unten zeigt ein schlauer Fuchs, vor dem Dreischilderwappen der Maler und einem Wappen mit Steinmetzwerkzeug – und damit als Architekt ausgewiesen – mit einem Zirkel in der Hand drei Kröten, wie man’s macht. Eine Eule, Symbol der Weisheit, in der Spitze des dreieckigen Feldes, betont die Klugheit des Architekten. Die gegenüber liegende Szene zeigt einen großen, schlecht gelaunten Hund, halb auf einer Geldtruhe liegend, die er bewacht: Der Kampf des Architekten und der Bauherrschaft gegen die das Geld verwaltende Bürokratie. Ähnliches ist am Hauptbahnhof in Aachen dargestellt, wo Bürokratie und öffentliche Meinung am Architekten in unterschiedlichen Richtungen zerren.[33] Weitere figürliche Darstellungen finden sich an der südöstlichen Gebäudeecke.[34] Beim nördlichen Gebäudeflügel ist vom Figurenschmuck nur ein Kapitell an der Nordostecke des Gebäudes erhalten.[35]
Eingangshalle
Die 11,50 m hohe Eingangshalle, zentral im Bahnhofsgebäude und parallel zur Achse der Siegfriedstraße errichtet, die zum Rhein führt, stellt das „moderne“ Stadttor, den Übergang von der Eisenbahn zur Stadt dar.
Im Inneren der Eingangshalle befanden sich ursprünglich Fahrkarten- und Gepäckschalter, Gepäckaufbewahrung und der Zugang zu den Wartesälen.[36] In der Eingangshalle sind zahlreiche Figurenkapitelle zu sehen, die Reisende und Bahnpersonal darstellen. Ursprünglich war das Tonnengewölbe der Halle stuckiert und auch farbig ausgemalt. Allerdings sind davon nur Schwarz-Weiß-Fotografien erhalten[37], die Tatsache aber durch restauratorische Befunde belegt.[38] Die Dekoration des Tonnengewölbes nähert sich von aller Ausschmückung des Gebäudes dem Jugendstil noch am weitesten an.
Wartesäle
Die Wartesäle des Wormser Hauptbahnhofs.[39] waren hinter den Bahnsteigsperren und durch einen Flur mit Tonnengewölbe zu erreichen, der zum Bahnsteigbereich führte. Der Durchgang war mit Figuren und Symbolen des Bauhandwerks und einem Trinkwasserbrunnen dekoriert, dessen Wasserspender ein Löwenkopf war. Der Wartesaal 3. und 4. Klasse (heute befindet sich dort ein Schnellrestaurant) war mit einer Holzbalkendecke, teils fest eingebauten Bänken und einem gemalten Fries mit Szenen aus dem Verkehrswesen von Philipp Vlasdeck[40] eingerichtet.
In den Zwickeln des Gewölbeansatzes im Wartesaal 1. und 2. Klasse befanden vier bildhauerisch gestaltete Szenen aus der Nibelungensage, Siegfried und Kriemhild, Brünhild und Kriemhild, Hagen versenkt den Nibelungenhort, sowie Siegfrieds Tod.[41] Vom Wartesaal 1. und 2. Klasse war das Bahnhofs-Restaurant direkt zugänglich, das eine geschnitzte Holzdecke hatte und mit einem Fries aus Tier- und Pflanzenmotiven geschmückt war.[42] Neben dem Wartesaal 1. und 2. Klasse gab es noch ein „Damenzimmer“, wo auch Nichtraucher warten durften.[43]
Fürstenpavillon
Mit dem Hauptgebäude baulich verbunden, aber als Baukörper abgesetzt bildet der Fürstenpavillon den südlichen Abschluss der Anlage. Auf seinem Giebelrelief ist eine Huldigung der Stände vor einem thronenden Herrscher dargestellt. Auf dem Bogenrelief sind kriegerische Szenen zu sehen, in denen zahlreiche gekrönte Figuren vorkommen.[44]
In den Kapitellen der eingestellten Säulen beiderseits des Eingangs ist auf der linken Seite der ehemalige Wormser Stadtbaumeister Karl Hofmann zu sehen, der ein Modell des Fürstenpavillons in der Pose eines mittelalterlichen Stifters hält, hinter ihm ein (sein?) Hund. Weiter ist hier ein Eisenbahner dargestellt, der die Abfahrt des Zuges mit einer Glocke ankündigt. Das Pendant auf der rechten Seite zeigt den Wormser Oberbürgermeister Heinrich Köhler und hinter ihm den Bildhauer Franz Vlasdeck. Die Darstellung der prominenten Wormser an dieser exponierten Stelle dürfte eine weitere Geste der Eisenbahn an die Wormser gewesen sein um zu demonstrieren, wie zugewandt ihnen die Preußisch-Hessische Eisenbahngemeinschaft ist.[45]
An der bahnsteigseitigen Fassade des Fürstenpavillons finden sich die einzigen bahnsteigseitigen Reliefs überhaupt. Es sind vier Kämpfer mit zwei paarigen Darstellungen, Ankunft und Abschied sowie ein Zentaur, der mit einem Bogen auf einen fliehenden Hirsch zielt und ein Zentaur, der mit einem Speer einen Drachen angreift.[46]
Weitere Elemente des Ensembles
Zu dem Bauensemble gehört weiter ein getrenntes, eigenes Dienstgebäude, das auch die Bahnpost nutzte, und das südlich des Empfangsgebäudes steht.
Die öffentliche Toilettenanlage befand sich in einem separaten Fachwerkgebäude nordöstlich des Empfangsgebäudes. Im Empfangsgebäude selbst gab es nur – angrenzend an das Damenzimmer – eine einzige Toilette. Allerdings gab es damals Toiletten auch auf den Bahnsteigen.[47]
Weitere Geschichte
Bereits in den 1920er Jahren wurde die Halle renoviert und verlor schon damals einen Teil ihrer ursprünglichen Ausmallung.[48] Der Zweite Weltkrieg führte zwar zu erheblichen Zerstörungen am Wormser Hauptbahnhof[49], das Empfangsgebäude aber erlitt nur relativ geringe Schäden.[50] Der Drache auf dem Giebel soll während des Kriegs entfernt worden sein.[51]
In den 1950er Jahren wurde der Deckenstuck in der Eingangshalle heruntergeschlagen und die Decke glatt verputzt.[52] Die Eingangshalle wurde in den 1960er Jahren modernisiert. Dabei wurden das straßenseitige Hallenfenster, die Bahnhofsuhr in dem Hallenfenster, die Eingangstüren und das geschwungene Vordach in den schlichten Formen der damaligen Zeit erneuert. Das Tonnengewölbe der Haupthalle wurde dunkel gestrichen und durch eine abgehängte Sichtblende optisch in eine Flachdecke verwandelt.[53]
1994 wurde die Zwischendecke in der Eingangshalle wieder entfernt, die Halle in ihrer vollen Höhe wieder sichtbar gemacht und bis 1996 – soweit das noch möglich war – wieder hergestellt. Die Deckenausmalung allerdings war verloren.[54] Das Innere des Fürstenpavillons, dessen wandfeste Innenausstattung, Vertäfelung und Türen, zum Teil erhalten waren, wurde damals ebenfalls restauriert.[55]
Die Haupthalle gibt heute Zugang zu einem Reisezentrum der DB Vertrieb, einer Bäckerei, einer Bahnhofsbuchhandlung und einem Fastfoodrestaurant.
Bedeutung
Das Empfangsgebäude steht, ebenso wie das benachbarte ehemalige Bahnpostgebäude, unter Denkmalschutz.[56]
Literatur
- Paul-Georg Custodis und Joachim Glatz: Rentabilität und Geschichte. Bahnhofsumbauten in Koblenz, Mainz und Worms. In: Baudenkmäler in Rheinland-Pfalz 2003. Zabern, Mainz 2004. ISBN 3-8053-3386-2, S. 66–69.
- Reinhard Dietrich und Ferdinand Werner: Der neuromanische Bahnhof von Worms. In: Der Wormsgau 40 (2025), S. 135–230.
- Ralph Häussler: Eisenbahnen in Worms. Von der Ludwigsbahn zum Rheinland-Pfalz-Takt. Verlag Stefan Kehl. Hamm (Rheinhessen) 2003. ISBN 3-935651-10-4, S. 42–63.
- Richard Martin Herrmann: Das neue Empfangsgebäude auf Bahnhof Worms. In: Zeitschrift für Bauwesen 56 (1906), Sp. 1–10.
- NN: Die Eröffnung des neuen Empfangsgebäudes zu Worms. In: Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen 44 (1904), S. 440 f.
- Martin Pius Walter: Der Bahnhof in Worms: Tradition und Fortschritt = Magister-Hausarbeit im Fach Kunstgeschichte. Marburg 1994.[Anm. 4]
- Andrea Pufke: Die Freilegung des Deckengewölbes in der Empfangshalle des Wormser Hauptbahnhofes. In: Landesamt für Denkmalpflege Rheinland-Pfalz (Hg.): Denkmalpflege in Rheinland-Pfalz. Jahresberichte 1992–1996. Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1999. ISSN 0341-9967, S. 111f.
- Fritz Reuter: Karl Hofmann und „das neue Worms“. Stadtentwicklung und Kommunalbau 1882–1918 = Hessische Historische Kommission Darmstadt und Historische Kommission für Hessen: Quellen und Forschungen zur hessischen Geschichte 91. Darmstadt und Marburg 1993.
- Irene Spille: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 10 (Stadt Worms). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1992, ISBN 978-3-88462-084-7
Weblinks
- Informationen zur Sanierung des Bahnhofs und zur Neugestaltung des Bahnhofsumfelds ( vom 7. November 2017 im Internet Archive) auf der Website der Stadt Worms
Anmerkungen
- ↑ Erbaut von 1897 bis 1900 (Reuter, S. 258).
- ↑ Durch die Umbauten in den 1960er Jahren wurden diese Bereiche völlig umgestaltet, Zwischendecken eingezogen und Verkleidungen angebracht, so dass die ursprünglichen Oberflächen nicht mehr sichtbar sind.
- ↑ Von Custodis / Glatz, S. 69, ohne erkennbaren Anhaltspunkt als „Bahnwärter“ bezeichnet.
- ↑ Kopie in: Stadtbibliothek Worms: W Gs 4° 201, 2 Bde.
Einzelnachweise
- ↑ Spille, S. 78f.
- ↑ Reinhard Dietrich: Eine Eisenbahn wird eröffnet. In: Der Wormsgau 33 (2017). ISSN 0084-2613, ISBN 978-3-88462-380-0, S. 111–126.
- ↑ Häussler, S. 21, 43
- ↑ Bernhard Hager: „Aufsaugung durch Preußen“ oder „Wohltat für Hessen“? Die preußisch-hessische Eisenbahngemeinschaft von 1896/97. In: Andreas Hedwig (Hg.): „Auf eisernen Schienen, so schnell wie der Blitz“. Regionale und überregionale Aspekte der Eisenbahngeschichte (= Schriften des hessischen Staatsarchivs Marburg Bd. 19). Marburg 2008, S. 81–111 (105 – 107).
- ↑ Dietrich / Werner, S. 150.
- ↑ Reuter, S. 442, Anm. 149.
- ↑ Reuter, S. 255
- ↑ Herrmann, Sp. 1 f.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 141.
- ↑ Spille, S. 78; Häussler, S. 44; Puffke, S. 111; Custodis / Glatz, S. 68.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 142.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 142, 168.
- ↑ Herrmann, Sp. 3.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 144.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 145.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 162ff.
- ↑ Siehe Literaturverzeichnis.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 162–165; Reuter, S. 255, gibt – unzutreffend – den 1. April 1904 an.
- ↑ Eisenbahndirektion Mainz (Hg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 26. März 1904, Nr. 15. Bekanntmachungen, S. 188.
- ↑ Herrmann, Sp. 10.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 172.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 188.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 170f.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 160.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 172.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 209–217.
- ↑ Häussler, S. 54.
- ↑ Häussler, S. 42.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 177.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 156f, 178.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 176f.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 172–176.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 189.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 188.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 171.
- ↑ Herrmann, Sp. 5 f.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 180.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 182.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 180–186.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 149, 186.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 185.
- ↑ Häussler, S. 61.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 184.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 190, 193.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 190–192, 194.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 194f.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 197–199.
- ↑ Dietrich / Werner, S. 180.
- ↑ Häussler, S. 164
- ↑ Custodis / Glatz, S. 68.
- ↑ Häusler, S. 42.
- ↑ Puffke, S. 111.
- ↑ Custodis / Glatz, S. 68.
- ↑ Puffke, S. 111f.
- ↑ Custodis / Glatz, S. 68f.
- ↑ Spille, S. 78f.
Koordinaten: 49° 38′ 5,1″ N, 8° 21′ 24,6″ O