Flügelrad (Eisenbahn)
Das Flügelrad ist als Symbol der Eisenbahn und des Schienenverkehrs allgemein und weltweit verbreitet. Es besteht aus einer bildlichen Kombination von Rad und Flügel und steht für höchste Geschwindigkeit, die bis zur Serienreife der Flugzeuge bei den Eisenbahnfahrzeugen lag. In der Heraldik wird es sehr selten verwendet.
Vorgeschichte
Älteste Darstellungen einer Kombination aus runder Scheibe mit einem Flügelpaar stammen aus assyrischer Zeit (18. Jahrhundert v. Chr. bis 7. Jahrhundert v. Chr.).[1] In der griechischen Antike wurde der Gott Triptolemos auf einem Thron mit Flügelrad dargestellt.[2] Der geflügelte Götterbote Hermes, in römischer Entsprechung Merkur, Gott der Händler, wurde mit Flügeln am Helm und manchmal an den Schuhen abgebildet.[Anm. 1] Seine Flügel waren wohl Vorbild für das Flügelrad.[3] Als Symbol der Schnelligkeit ist Hermes/Merkur als Zusteller am Alten Postamt in Flensburg zu sehen.
Verwendung bei der Bahn
Allgemein
Die ältesten Logos von Eisenbahngesellschaften verwendeten oft Abbildungen von Lokomotiven, was aber schon bald nahezu flächendeckend durch das Flügelrad abgelöst wurde.[4]
In alten Beschreibungen wird vom „geflügelten Rad“ und erst später vom „Flügelrad“ gesprochen. Die bildliche und plastische Darstellung erfolgte meistens in der Seitenansicht.[5] Als gängiges Zeichen für die Eisenbahn ist das Symbol weltweit verbreitet.
Mehr als 150 Jahre wird das Flügelrad von Eisenbahnern in unterschiedlicher Ausführung auf der Uniform, Mütze und zugehörigen Gegenständen getragen und auf Ehrenzeichen für verdiente Eisenbahner verwendet.[6] Bei der Deutschen Reichsbahn fand sich das Flügelrad bis 1990 auf den Uniformen.[7] Es war der bildliche Begriff für die Eisenbahn schlechthin. Erweitert wurde das Symbol durch lokale Änderungen und Anpassungen, etwa versehen mit einer Krone, wenn das Land eine Monarchie war[8], beispielsweise in Preußen, Württemberg, Bayern, Österreich[9][10] oder das Großherzogtum Baden. Die Farbe des Symbols richtete sich grundsätzlich nach den Uniformknöpfen, beispielsweise in Preußen goldfarbig und in Bayern in Silber.[11] Es wurde in Stoff mit Stickerei, als reine Stickerei und in Metall bei den Uniformen ausgeführt. Auf Gegenständen, die den Eisenbahnen oder zugeordneten Gesellschaften gehörten, konnte das Flügelrad aufgedruckt oder geprägt sein. Auf Publikationen wurde das geflügelte Rad als leicht erkennbares Symbol der Eisenbahn verwendet.[5] Das Symbol wurde nicht nur von staatlichen, sondern auch von privat organisierten Bahngesellschaften verwendet. Darüber hinaus wurde es von mit der Bahn assoziierten Organisationen verwendet (zum Beispiel Männerchor Flügelrad, ESV Flügelrad[12] oder zahlreichen, Kleingarten- und Modellbauvereinen) oder auch von Dritten, wenn etwa Restaurants oder Gaststätten die Bezeichnung „Flügelrad“ trugen.[13]
Deutschland
Das Flügelrad als Symbol für die Eisenbahn wurde seit Eröffnung der ersten Strecke verwendet:
- 1835 wurde es auf einem in Bayern unter König Ludwig I. anlässlich der Eröffnung der Ludwigseisenbahn geprägten Geschichtstaler abgebildet. Die Münze zeigt auf der Rückseite (Revers) eine liegende Frauengestalt, mit antikisierendem Gewand und Frisur, einen Merkurstab mit umgehängtem Lorbeerkranz in der rechten Hand, die sich mit ihrem linken Arm auf ein Flügelrad stützt.[14]
- Ab 1840 wurde es als Symbol auf den Uniformen der München-Augsburger Eisenbahn verwendet.[11]
- Am 30. November 1853 wurde das Flügelrad in Preußen als Symbol der Eisenbahn eingeführt.[15]
- Bereits vor der Umwandlung in eine Gesellschaft privaten Rechtes trennte sich die Deutsche Bundesbahn (letztlich Anfang 1994) von Traditionsbeständen, auch vom Flügelrad.[5]
Österreich
Die Österreichischen Bundesbahnen verwendeten das Flügelrad als Teil ihres Logos, indem sie das „Ö“ gleichzeitig als „Rad“ des Flügelrades einsetzten.
Großbritannien
Hier findet sich das Flügelrad sehr selten bei den Eisenbahnen, dort werden in der Regel wappenartige Logos verwendet.
Verwendung durch Dritte
Publikationen
Zeitschriften aus dem Umfeld der Bahn verwendeten „Flügelrad“ im Titel[16]:
- Das Flügelrad (Beilage zum monatlichen Amtsblatt der Bundesbahndirektion München – 1949–1973)
- Flügelrad (Hauszeitschrift der Freiburger Verkehrs AG, seit 1970)
- Flügelrad. Informationsblatt. Hg.: Aktiv für Produktionspropaganda Reichsbahnamt Nordhausen. Nordhausen 1974–1984
- Das Flügelrad. Mitteilungsblatt des Industrieverbandes Eisenbahn der Einheitsgewerkschaft. Hg. vom Industrieverband Eisenbahn (Saarland) (1948–1956)
- Flügelrad. Organ der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und Anwärter. Hg.: Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer und Anwärter. Halle (seit 1990)
- Das Flügelrad. Organ des Internationalen Bundes der Christlichen Eisenbahner- und Straßenbahnergewerkschaften. Utrecht (1931–1933)
- Das Flügelrad (Zentralorgan für das Württembergische Eisenbahnpersonal)
- Flügelrad des Reichsbahners. Amtliches Organ des Bezirksverbandes der Eisenbahnvereine im Reichsbahndirektionsbezirk Berlin. Berlin 1936–1941.
- Kameraden vom Flügelrad : Nachrichten- und Mitteilungsblatt für die Eisenbahner der früheren ostdeutschen Reichsbahndirektionen Breslau, Danzig, Königsberg, Oppeln, Osten in Frankfurt (Oder), Posen und Stettin. Schnaufer, Tauberbischofsheim (1953–1960)
Zeitschriften aus dem Umfeld der Bahn verwendeten das Flügelrad-Symbol, um auch optisch zu verdeutlichen, welchem Thema sie sich schwerpunktmäßig widmeten. Dazu zählten[17]:
- Der Bahnarzt (1954–1960)
- Der Deutsche Bundesbahnbeamte (Organ der Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamten)
- Zeitschrift Deutsche Eisenbahnverwaltungen (1861–1898)
Darüber hinaus bildet der Begriff des Flügelrades den Bestandteil einiger Buchtitel, in denen es in der Regel für den Begriff „Eisenbahn“ steht (Auswahl):
- Max Maria von Weber: Vom rollenden Flügelrade. Hofmann, Berlin 1882.
- Amand von Schweiger-Lerchenfeld: Vom rollenden Flügelrad. Darstellung der Technik des heutigen Eisenbahnwesens. A. Hartleben, Wien u. a. 1894.
- Arthur Achleitner: Leute vom Flügelrad. Hermann, Leipzig 1901.
- Helmut Sperling: Die Eisenbahn erobert die Welt. Eine unterhaltsame Geschichte vom Flügelrad. Volk u. Buch, Leipzig 1948; Neubearbeitung im Jugendbuchverlag, Leipzig 1956.
- Rudolf Balzert und Helmut Rettinghaus: Die Bahnpolizei. Eine Chronik. Vom Flügelrad zum Bundesadler. Dohany, Gross-Umstadt 1986. ISBN 3-924434-02-6
- Regine Zennss-Reimann: Unterm Flügelrad. Frauen bei der Eisenbahn (= Bausteine für das Museum für Verkehr und Technik). Berlin 1993.
- Reinhard Manter: Unter dem Flügelrad (= Rheinische Bahngesellschaft (Hg.): 100 Jahre Rheinbahn). DuMont, Köln 1996. ohne ISBN
- Flügelrad und Elbsandstein. 150 Jahre erste sächsisch-böhmische Eisenbahnverbindung Bodenbach-Dresden. 4. Auflage. Pirnaer Redaktions- und Verlagsgesellschaft, Pirna 2001. ISBN 978-3-9808416-1-0
- Josef Dollhofer: Feuerross und Flügelrad in Ostbayern. Die Ära der bayerischen Ostbahnen. Pustet, Regensburg 2010. ISBN 978-3-7917-2300-6
- Dietmar Bönke: Schaufelrad und Flügelrad. Die Schiffahrt der Eisenbahn auf dem Bodensee. GeraMond, München 2013. ISBN 978-3-86245-714-4
Humoristische Rezeption
Wie ein Flügelrad „funktionieren“ soll, wurde in der Literatur oft humoristisch diskutiert bzw. persifliert:
- ob die Flügel schlagen und nur das Rad sich dreht
- ob die Flügel bewegungslos bleiben und das Rad rollt
- ob die Flügel fest bleiben und sich mit dem Rad mitdrehen
- ob die Flügel schlagen und sich mit dem Rad mitdrehen
- auch treffe es nicht zu, dass Flügelräder bei Flügelzügen auf Flügelbahnen, die an Flügelbahnhöfen halten, zum Einsatz kommen.
Aussehen und Varianten
Zweidimensional
Es gibt grundsätzlich zwei Möglichkeiten, das Flügelrad bei zweidimensionaler Darstellung abzubilden:
- in Seitenansicht mit flächig dargestelltem Rad und Flügeln. Das ist die älteste Version. Die Flügel können dabei „geschlossen“ (am Rad anliegend)[14] oder „offen“ (vom Rad wegstehend)[18] dargestellt werden.
- die Vorderansicht mit Blick auf die Lauffläche des Rades[19][20][18]
- Zwischenstufen mit Schrägansichten des Flügelrades sind ebenfalls verbreitet.
Eine weitere Variation ergibt sich daraus, ob das Rad mit einem oder zwei Flügeln dargestellt wird.
Darüber hinaus ist die Darstellung in verschiedenen Abstraktionen und Stilisierungen möglich, so etwa bei der slowakischen Staatsbahn Železnice Slovenskej republiky (ZSR), der ungarischen Staatsbahn Magyar Államvasutak (MAV), der ehemaligen Jugoslawischen Staatsbahn Jugoslovenske Železnice (JŽ) und den Österreichischen Bundesbahnen.
Ergänzungen an der klassischen Ausführung entstanden, um spezifische Betriebsformen darzustellen. So werden elektrische Straßenbahn- oder Eisenbahnbetriebe durch die Beigabe von gezackten Blitzen gekennzeichnet[11] oder Zahnradbahnen verwenden in ihrem Logo ein Zahnrad.
Dreidimensional
Bei vollplastischer (dreidimensionaler) Darstellung des Flügelrades werden die Flügel in der Regel beidseitig der Achse des Rades und als deren Verlängerung angeordnet.
Bei halbplastischer Darstellung ergeben sich ähnliche Varianten wie bei der zweidimensionalen Darstellung.
Heraldik
In der Heraldik ist das Flügelrad als Wappenfigur eine gemeine Figur und in zwei Varianten im Wappen möglich. Eine Variante ist die rechte oder linke Anordnung des Flügels (halben Flugs) am Rad. Die andere ist der gleichseitig an beiden Radseiten angeordnete Flügel. Die Seite der Schwinge ist in der Wappenbeschreibung zu melden. Farblich können die Flügel sich vom Rad unterscheiden, aber gleiche Tinktur ist vorrangig verbreitet. Silber, Gold und Schwarz werden bevorzugt. Die Ansicht des Rades kann in Achsrichtung oder in Aufsicht Radlauffläche im Wappen sein, auch das ist zu melden.
-
Flügel und Rad in Schwarz (Aulendorf DE)
-
Flügelpaar in Gold und Rad (Aufsicht Radlauffläche) in Rot (Falkenberg/Elster DE)
-
Flügelrad im Wappen von Bad Kleinen DE
-
Weiß/Silber, Rad schräg ((Solingen-)Ohligs DE)
-
-
Sigmundsherberg ist ein Bahnknoten in Niederösterreich
-
Flügelpaar und Rad (in Achsrichtung) in Gold (Strasshof an der Nordbahn AT)
-
Unterlüß hat einen Bahnhof an der Strecke Hannover–Hamburg
-
Wappen von Neuenmarkt mit dem Bahnhof Neuenmarkt-Wirsberg
-
Tschop ist ein Bahnknoten in der Ukraine
-
wie Bohumín oder
-
ein Flügel-Rad in Bratčice u Čáslavi, beide in Tschechien
-
auch in Grjasi in Russland
-
auch in Jaworzyna Śląska PL
-
Ebenso: Wappen von Węgliniec PL
-
Flügelpaar in Eydtkuhnen RUS
-
Flügelpaar und Rad (Aufsicht Radlauffläche) in Schwarz (Dasnice CZ)
-
Flügelpaar und Rad (in Achsrichtung) in Silber (Suchdol nad Odrou CZ)
-
Flügelpaar und Rad (in Achsrichtung) in Gold (Krylbo FI)
-
Flügel-Rad: Guipavas (F)
-
Wappen von Alvesta (S)
-
Wappen von St. Paul (Minnesota)
-
… hinten ein geflügeltes Rad auf einer nach links geneigten silbernen Kornähre (Absdorf AT)
Weitere Verwendung
In Leipzig gibt es die Straßenbezeichnung „Am Flügelrad“ ▼, was sich auf eine ehemalige Eisenbahner-Kleingartenanlage bezieht.[22]
Siehe auch
- Eisenbahn in der Heraldik – ein Überblick
- Flügelradbrunnen Dresden[23]
Literatur
- Wolfgang Kunz: Das Eisenbahn-Flügelrad – Herkunft und Verbreitung. In: Der Eisenbahningenieur 52 (10/2001), S. 59–61. Beschränkt zugängliches Digitalisat auf eurailpress-archiv.de
Weblinks
- Thomas Edeling: Symbol-Kraft. Über geflügelte Logos, auf imschleudergang.de
- Flügelrad (Heraldik) im Heraldik-Wiki
- Meine Flügelräder-Samlung, auf trainweb.org
Anmerkungen
- ↑ Vgl. Flügelhelm#Heraldik und Merkurstab (Heraldik).
Einzelnachweise
- ↑ Kunz, S. 59.
- ↑ Helmut Kienle: Der Gott auf dem Flügelrad. Zu den ungelösten Fragen der „synkretistischen“ Münze BMC Palestine S.181, Nr. 29 (= Göttinger Orientforschungen. Veröffentlichungen des Sonderforschungsbereiches Orientalistik an der Georg-August-Universität Göttingen, VI. Reihe: Hellenistica, Band 7). Otto Harrasowitz, Wiesbaden 1975, S. 36f. u. Taf. IV.
- ↑ Kunz, S. 59.
- ↑ Kunz, S. 59.
- ↑ a b c Bernhard Schoßig (Hrsg.): Unter dem geflügelten Rad. Arbeiten und Leben bei der Eisenbahn in München und im südlichen Bayern. Institut für Zukunftsweisende Geschichte, München 2001, ISBN 3-8311-2208-3, S. o.A.
- ↑ Kunz, S. 60.
- ↑ Kunz, S. 59.
- ↑ Kunz, S. 60.
- ↑ bahninfo-forum.de
- ↑ wwwfotococktail-revival.startbilder.de
- ↑ a b c Günther Henneking, Wolfgang Koch: Die Uniform des deutschen Eisenbahners. Eisenbahn-Kurier, Freiburg (Breisgau) 1980, ISBN 3-88255-825-3
- ↑ Homepage des ESV Nürnberg Flügelrad e. V.
- ↑ Kunz, S. 60.
- ↑ a b Staatliche Münzsammlung München – Bayern Ludwig I, Geschichtstaler auf die Eisenbahn von Nürnberg nach Fürth, 1835. museum.com, archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 17. September 2011; abgerufen am 8. Juni 2022.
- ↑ Daten zur Geschichte des Eisenbahnwesens und der Bahntechnik (Skript 0–8). Brandenburgische Technische Universität Cottbus, 19. September 2011, archiviert vom am 6. Oktober 2014; abgerufen am 8. Juni 2022.
- ↑ Nachweis im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
- ↑ Kunz, S. 60.
- ↑ a b Vom Symbol der Eisenbahn zum Signet der SBB. In: blog.sbb.ch. Archiviert vom (nicht mehr online verfügbar) am 27. Mai 2015; abgerufen am 8. Juni 2022.
- ↑ DR Logo neu. In: ddr-hautnah.de. Abgerufen am 8. Juni 2022.
- ↑ "Weißt Du noch?" – Sammlungen und Ausstellungen zur DDR-Geschichte - "DR" Deutsche Reichsbahn. In: ddr-hautnah.de. Abgerufen am 8. Juni 2022.
- ↑ Archivierte Kopie ( des vom 15. Februar 2018 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- ↑ Kunz, S. 61.
- ↑ Flügelradbrunnen. In: sammlungen.tu-dresden.de. Abgerufen am 13. April 2024.