Eisenbahnunfall von Shrewsbury
Bei dem Eisenbahnunfall von Shrewsbury entgleiste am 15. Oktober 1907 ein Nachtschnellzug in einem engen Gleisbogen vor dem Bahnhof Shrewsbury infolge überhöhter Geschwindigkeit. Die Ursache dafür konnte nie sicher festgestellt werden; als plausibelste Erklärung gilt, dass der beim Unfall verstorbene Lokführer kurz eingeschlafen war. Bei dem Unfall starben 18 Menschen.
Ausgangslage
Der Nachtzug der London and North Western Railway (LNWR) mit Sitz-, Schlaf- und Bahnpostwagen war von Manchester nach London unterwegs. Gezogen wurde er von einer Dampflokomotive der Baureihe LNWR-Experiment[1.1], die Mitte Januar 1907 fabrikneu in Dienst gestellt worden war.[1.2][1.3] Lokomotiven waren damals noch nicht mit Fahrtenschreibern ausgestattet. Der Zug verfügte über eine durchgehende Saugluftbremse (Vakuumbremse).
Im Bahnhof Crewe wurden Kurswagen aus Glasgow, York und Liverpool angehängt. Anschließend bestand der Zug aus 15 Wagen, davon zwei Güterwagen, von denen einer Fisch transportierte. Alle Wagen hatten Holzaufbauten. Etwa 70 Reisende befanden sich im Zug.[1.4] Der Zug verließ Crewe um 1:28 Uhr mit 8 Minuten Verspätung.[1.3]
Vor der Einfahrt in den Bahnhof Shrewsbury verlief die befahrene Strecke in einem Gefälle und mündete in einen engen Gleisbogen mit einem Radius von nur 185 m. Dort folgten Weichen in die Bahnhofsgleise. Der Lokomotivführer musste hier die Geschwindigkeit auf 10 mph (16 km/h) absenken.[1.5]
Unfallhergang
Der Lokführer hätte den Bremsvorgang etwa 2 km vor dem Bahnhof Shrewsbury beginnen müssen, was er aber unterließ. Zwei Signale, an denen der Zug vorbeifuhr, zeigten „Langsamfahrt“ („danger“).[1.1][1.6] Der Zug fuhr aber, ohne zu bremsen, in den Gleisbogen ein. Da es noch keinen Fahrtenschreiber gab, konnte die gefahrene Geschwindigkeit in der folgenden Unfalluntersuchung nur geschätzt werden. Sie soll mindestens 60 mph (knapp 100 km/h), also das Sechsfache des Zulässigen, betragen haben.[1.7] Um 2:08 Uhr entgleiste deshalb die Lokomotive in der ersten Weiche der Bahnhofseinfahrt, wurde von der Zentrifugalkraft aus dem Gleisbogen getragen, verklemmte sich im Oberbau, kippte auf die rechte Seite und kam 100 m hinter dem Entgleisungspunkt abrupt zum Stillstand. Auch alle Wagen – außer dem letzten – entgleisten in dem Gleisbogen, die der Lokomotive unmittelbar folgenden Wagen blieben an deren Wrack hängen und schoben sich ineinander.[1.8] Der entgleisende Zug beschädigte auch den Bahnsteig des Bahnhofs Shrewsbury auf einer Länge von 130 m.[1.9]
Folgen
18 Menschen starben und 33 wurden darüber hinaus verletzt, zum Teil schwer. Auch Lokomotivführer und Heizer befanden sich unter den Toten. Weiter starben zwei Schaffner, elf Reisende und drei Postbeamte, die in den Bahnpostwagen Postsendungen sortiert hatten.[1.4]
Am Tag nach dem Unfall begann eine öffentliche Unfalluntersuchung. Wegen der Todesfälle gab es parallel ein Verfahren vor dem Coroner.[1.10] Die Untersuchungskommission trat in Shrewsbury unter dem Präsidenten des Board of Trade (Handelsministerium – zuständig auch für den Bahnverkehr), David Lloyd George (von 1916 bis 1922 dann britischer Premierminister), zusammen.[1.11] Die öffentliche Untersuchung dauerte drei Tage, ihr Bericht[1] wurde am 12. Februar 1908 veröffentlicht. An den Bremsen und übrigen technischen Anlagen der Lokomotive wurden keine Fehler festgestellt. Gleiches galt für den Zustand des Oberbaus. Die Obduktion der Leiche des Lokomotivführers kam zu dem Ergebnis, dass weder Alkohol noch Drogen in seinem Körper nachweisbar waren und auch sonstige gesundheitliche Beeinträchtigungen nicht vorlagen.[1.12]
Die Untersuchung stellte deshalb als Ursache für den Unfall zwar überhöhte Geschwindigkeit in einer gefährlichen Kurve fest, warum aber weder Lokomotivführer noch Heizer das rechtzeitig bemerkt hatten, war nicht mehr aufzuklären. Als wahrscheinlichste Erklärung für den Unfall befand der Bericht, dass der Lokführer kurz eingeschlafen war. Dadurch hatte er wohl das Signal übersehen, sich über seine Position auf der Strecke geirrt und deshalb bei der Einfahrt nach Shrewsbury nicht rechtzeitig gebremst.[1.13]
Sonstiges
Ein anonymes Gedicht über die Katastrophe wurde in der Zeitung Shrewsbury Chronicle abgedruckt. Es stammte von der jungen Mary Meredith, nachdem sie einen Bericht über den Unfall gelesen hatte. Ihr Bruder hatte das Gedicht ohne ihr Wissen bei der Zeitung eingereicht. Es löste anerkennende Leserzuschriften aus. Mary Meredith – nach ihrer Heirat Mary Webb – wurde später anerkannte Schriftstellerin. Das Gedicht gilt als Webbs erste Veröffentlichung.[2]
Der Unfall war der dritte innerhalb von zwei Jahren in Großbritannien, bei dem Züge infolge überhöhter Geschwindigkeit entgleisten. Die beiden anderen ereigneten sich 1906 in Salisbury und Grantham.[3]
Literatur
- Keith Eastlake: Die größten Eisenbahnkatastrophen. Gondrom, Bindlach 1997. ISBN 3-8112-1580-9, S. 34.
Weblinks
- H. A. Yorke: Unfallbericht vom 12. Februar 1908.[Anm. 1]
- Übersicht zeitgenössischer Zeitungsberichte (Trefferliste einschlägiger Suche bei ANNO)
Anmerkungen
- ↑ H. A. Yorke war Assistant Secretary der Eisenbahnabteilung des Board of Trade (Yorke: Unfallbericht (Weblinks), S. 64).
Einzelnachweise
- ↑ H. A. Yorke: The Board of Trade - Accident Report. 18. Februar 1908 (englisch, railwaysarchive.co.uk [PDF; abgerufen am 16. November 2025]).
- ↑ Peter Francis: A Matter of Life and Death. The Secrets of Shrewsbury Cemetery. Logaston Press, 2006. ISBN 1-904396-58-5, S. 38.
- ↑ P. G. von Donop: Unfallbericht. P. G. von Donop war Assistant Secretary der Eisenbahnabteilung des Board of Trade (von Donop: Unfallbericht, S. 76).
Koordinaten: 52° 42′ 48″ N, 2° 45′ 2″ W