Der Leibwächter von Gor
Der Leibwächter von Gor, auch Die Chroniken von Gor – Der Wächter (Originaltitel: Guardsman of Gor) ist ein 1981 veröffentlichter Science-Fiction-Fantasy-Roman und der 16. der 38. Bände der Gor-Romanreihe des US-amerikanischen Autors John Norman. Er bildet zusammen mit Kampfsklave auf Gor und Der Schurke von Gor – an den er unmittelbar anschließt – eine Trilogie innerhalb der Reihe.
Der Roman war von 1987 bis 2012 in Deutschland als jugendgefährdende Schrift indiziert, wobei die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in ihrer Entscheidung vor dem Hintergrund der im Buch enthaltenen Kajira-Thematik mit Verstößen gegen die Menschenwürde, Diskriminierung der Frau und der Gefahr der sittlichen Desorientierung von Kindern und Jugendlichen argumentierte. Die gesetzliche Indizierungsfrist von 25 Jahren lief 2012 aus und wurde nicht im Rahmen eines erneuten Prüfverfahren erneuert, sodass das Buch seither wieder in Deutschland frei verkauft werden darf.
Handlung
Die Handlung aus der Sicht des Ich-Erzählers Jason Marschall setzt unmittelbar an die Ereignisse aus Der Schurke von Gor an. Im vorherigen Buch begibt Jason sich auf die Suche der von ihm begehrten Beverly Henderson gemacht hatte, die wie er nach Gor verschleppt und dort versklavt wurde. In der Stadt Victoria am Fluss Vosk wird er fündig. Als er Beverly aus der Sklaverei freilässt, erweist sich jedoch, dass ihre Identität als Sklavin bereits zu tief in ihrer mentalen Auffassung verankert war, wie auch bei ihm die Identität der männlichen Dominanz. Als Beverly von den Flusspiraten entführt wird, entscheidet sich Jason mit Verbündeten dazu, die Piraten zu bekämpfen. In Der Leibwächter von Gor kommt es zur großen Schlacht mit den Flusspiraten und einer Neuordnung der Verhältnisse – auch für Jason und Beverly.
Veröffentlichung
Das englischsprachige Original Guardsman of Gor wurde 1981 veröffentlicht. 1985 veröffentlichte der Heyne-Verlag eine stark gekürzte deutsche Übersetzung.[1] In den 2000er-Jahren gingen die Rechte an den Gor-Büchern für deutsche Übersetzungen an den Basilisk-Verlag über, der das Buch nach Auslaufen der Indizierung in Deutschland im Jahr 2022 ungekürzt herausbrachte.[2]
Indizierung in Deutschland von 1987 bis 2012
Am 16. April 1987 wurde bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften der Antrag gestellt, den Roman Der Leibwächter von Gor (in seiner vom Heyne-Verlag herausgegebenen stark gekürzten deutschen Übersetzung) als jugendgefährdende Schrift zu indizieren.[3] Am 31. August 1987 entschied die Bundesprüfstelle zugunsten des Antragstellers und der Roman wurde nach § 15a GjS als jugendgefährdende Schrift indiziert und der Verkauf des Buchs im freien Handel verboten.[4] Die gesetzliche Indizierungsfrist von 25 Jahren lief 2012 aus und wurde nicht im Rahmen eines erneuten Prüfverfahren erneuert, sodass das Buch seither wieder frei in Deutschland verkauft werden darf.
Hintergrund
Das narrative Konzept der Kajira-Sklaverei findet sich in John Normans Gor-Romanen seit dem ersten Band, doch baute er es im Laufe der Reihe zunehmend aus. Mit dem 1977 erschienen siebten Band Sklavin auf Gor (Captive of Gor) rückte er die Kajira-Sklaverei wesentlich in den Fokus und brachte erstmals eine weibliche Hauptfigur als Ich-Erzählerin, die in die Sklaverei gezwungen wird – ihr Erleben der Welt von Gor als Kajira stellt die wesentliche Handlung dar.[5] Dieses Erzählkonzept setzte er noch in weiteren Bänden der Reihe fort, die daher als Kajira- oder Sklavinnen-Romane bezeichnet werden.[6] Auch in den anderen Romanen trat die Kajira-Thematik zunehmend in den Vordergrund und führte zu einer stark zunehmenden, teils heftigen Kritik an den Romanen.
1983 bewertete Peter Mauzy den ersten Kajira-Roman Sklavin auf Gor sowie den nachfolgenden Band Die Jäger von Gor als wichtigste Bände der Gor-Reihe, in der der zuvor untergeordnete Aspekt der weiblichen Sklaverei zum zentralen Thema der Gor-Reihe werde. Mauzy attestierte, dass die Handlung, Action, Storyline und Charakterentwicklung in den Hintergrund trete, während Norman fortan in langen expositorischen Passagen seine Philosophie der weiblichen Unterwerfung und männlichen Dominanz vermittle.[7] Zu demselben Schluss kam ebenfalls 1983 Robert Reginald.[8] David Langford beschrieb 1988 im SFX Magazine die Wandlung der späteren Romanreihe als „zu einer extrem sexistischen, sadomasochistischen Pornographie, in der Frauen rituell gedemütigt werden, und haben deshalb weithin Anstoß erregt“.[9]
In den späten 1980er-Jahren wurden das Erscheinen der Gor-Romane beim US-amerikanischen DAW Books Verlag eingestellt;[9] der Verlag argumentierte mit sinkenden Verkaufszahlen,[9] was David Langford als „dürftigen Vorwand“ beschrieb.[9]
Argumentation des Antragstellers
Der Antragsteller (in den offiziellen Dokumenten ist der Name geschwärzt) argumentierte in seiner Begründung für eine Indizierung, dass das Buch im besonderen Maße geeignet sei, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden.[10] Es wirke frauendiskriminierend und reize zu Gewalttätigkeiten gegen Frauen an. Das Buch bestehe im Wesentlichen nur aus zwei Handlungssträngen, nämlich dem Kampf der Vosk-Liga gegen die Flusspiraten und der Beschreibung der Rolle der Frauen auf Gor, besonders durch die Figuren Jason Marshall und Beverly Henderson.[10] In seinen Beschreibungen versuche der Autor den Eindruck zu vermitteln, es sei das höchste Glück einer Frau und ihre natürliche Vorgabe, eine Sklavin zu sein. Damit werde die in "unseren Gesellschaften" vorherrschende Rolle der Frau als normales menschliches Wesen mit allen entsprechenden Rechten falsch und unnatürlich dargestellt und eine Vorherrschaft der Männer legitimiert.[10] Der Antragsteller nahm auf konkrete Textstellen Bezug (S. 57, 61, 70ff.)[10]
Gegenargumentation des Heyne-Verlags
Der Heyne-Verlag trat dem Antrag entgegen und beantragte schriftlich über seine Verlagsbevollmächtigten über den Indizierungsantrag nach § 9 Abs. 3 GjS zu entscheiden. Der Verlag hielt das Buch nicht für jugendgefährdend und die Gesamttendenz des Romans verstoße nicht gegen die grundgesetzlich garantierte Menschenwürde.[10] Die im Buch dargelegte Welt von Gor weise keine Bezüge zur existenziellen Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland auf. Das Buch wirke auch nicht verrohend und enthalte sich jeglicher Detailbeschreibung sexueller und gewalttätiger Handlungen. Das Buch sei reine Fiktion, in der die gelebte und erlebte Welt des Lesers nichts miteinander zu tun habe. Die Argumentation des Antragstellers sei nicht korrekt und begründet wiedergegeben worden.[10]
Entscheidung und Begründung der Bundesprüfstelle
Die Bundesprüfstelle folgte in ihrer Entscheidung der Argumentation des Antragstellers und indizierte das Buch. Das Buch sei geeignet, Kinder und Jugendliche "sozialethisch zu desorientieren", wie das Tatbestandsmerkmal "sittlich zu gefährden" in § 1 Abs. 1 Satz 1 GjS auszulegen sei.[11]
Der Inhalt des Buches verstoße gegen die Menschenwürde und sei insbesondere frauendiskriminierend. Er verherrliche und verharmlose die Sklaverei, die auf dem Planeten Gor eine naturgegebene Herrschaftsform sei; eine Gleichbehandlung und Gleichwertigkeit aller Menschen sei auf Gor unbekannt. Wie in den übrigen Büchern des Gor-Zyklusses werde die Unterwerfung der Frau unter den Mann aus dem Naturrecht legitimiert. Die weibliche Sklaverei entspreche den Bedürfnissen von Frauen. Die Sklaven seinen Objekte mit denen nach Belieben verfahren werden könne.[11]
Die Bundesprüfstelle befand, dass durch die positive Schilderung der Sklaverei der höchste Verfassungswert der Bundesrepublik Deutschland, die Menschenwürde in Art. 1 Abs. 1 Satz 1 des Grundgesetzes verletzt werde.[11]
Das Buch sei zudem frauendiskriminierend. Zwar werde auch männliche Sklaverei geschildert, die Versklavung der Frau stehe jedoch eindeutig im Vordergrund.[11] Mädchen und Frauen könnten nur in der Sklaverei glücklich sein, wobei auf konkrete Textstellen verwiesen wurde (S. 134, 138, 177 ff).[11] Die Bundesprüfstelle befand:
"Frauen sind in dem Taschenbuch nicht nur geborene Sklavinnen, sie werden auch zum sexuellen Konsumartikel und zur Wegwerfware für den Mann degradiert. Den Sklavinnen gefällt es, sich ihrem Herrn nackt und hingebungsvoll zu widmen. Sklavinnen sind nicht nur die hübschesten Frauen auf Gor, sie sind auch Sexbesessen. […] Die Männer auf der Erde treten nicht als Sklavenherren auf, in dem sie der Gleichberechtigungsideologie anhängen, hungern sie auch ihre Frauen sexuell aus (S. 57). Nur der Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin kann höchsten sexuellen Genuss verschaffen (S. 169 ff)."[12]
Besonders frustrierend müsse für den jugendlichen Rezipienten erscheinen, dass auf dem Planeten Gor sexuelle Wünsche durch die versklavten Frauen sofort und stets erfüllt würden, im Gegensatz zur Alltagsrealität, in der Frauen als Mitmenschen, Partner und Gleichberechtige eben nicht sexuell verfügbar seien.[12]
"Gerade der Dissens zwischen der im Buch propagierten Handlung und der von Jugendlichen erlebten Realität erweckt in durchschnittlichen Jugendlichen Frustrationen. Wunschvorstellungen nach einem Sklavenstaat bzw. nach einer Welt, in der alle Frauen nicht nur besonders hübsch sind, sondern auch sexuell dem Mann bedingungslos zur Verfügung stehen, werden beim Jugendlichen geweckt."[12]
Das Buch stimuliere Gewaltasuübungen gegenüber Frauen und Mädchen; es werde ein "Herrschergehabe von Männern" propagiert und damit eine sozialethische Desorientierung verstäkt.[12]
Die Bundesprüfstelle wies zudem die Argumentation des Heyne-Verlags zurück, dass die Fiktionalität des Romans keine Bezüge zur realen Gesellschaft habe, denn das propagierte Weltbild und die Unterwerfung der Frau könne durchaus Vorbildfunktion für Menschen auf der Erde haben.[12]
Das Buch sei daher geeignet, Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden und die Jugendgefährdung trete klar und unvoreingenommen dem Betrachter zweifelsfrei zutage.[12]
"Ein Taschenbuch, dass die Sklaverei verherrlicht, frauendiskriminierende Züge trägt und die Frau als billiges Sexualobjekt zeigt, ist offenbar jugendgefährdend im Sinne von § 15a GjS."[12]
Ausgaben
- John Norman: Der Leibwächter von Gor, Heyne Verlag, München 1985.
- John Norman: Die Chroniken von Gor – Der Wächter, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2022, ISBN 978-3-947816-08-8
Einzelnachweise
- ↑ John Norman: Der Leibwächter von Gor, Heyne Verlag, München 1985.
- ↑ John Norman: Die Chroniken von Gor – Der Wächter, Basilisk Verlag, Reichelsheim 2022, ISBN 978-3-947816-08-8, 355 Seiten.
- ↑ Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 227/87, Entscheidung Nr. 3064 (V) vom 16. Oktober 1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 205 vom 31. Oktober 1987, S. 1.
- ↑ Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 227/87, Entscheidung Nr. 3064 (V) vom 16. Oktober 1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 205 vom 31. Oktober 1987, S. 4.
- ↑ Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10.
- ↑ Gorean Posts (Luther) - Barbarians of Gor.com - “slave” novels, abgerufen am 19. November 2024. Christophe Duret: Transfictionality, Thetic Space, and Doctrinal Transtexts: The Procedural Expansion of Gor in Second Life’s Gorean Role-playing Games, 2018, S. 10.
- ↑ Peter Mauzy: The Gor Novels, Survey of Modern Fantasy Literature, 2/1/1983, Bd./Jhrg. 2
- ↑ Robert Reginald: Xenograffiti: Essays on Fantastic Literature, Studies in the Philosophy and Cristicism of Literature, S. 73–75.
- ↑ a b c d David Langford: SFX Magazine, Ausgabe 39, Juni 1998.
- ↑ a b c d e f Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 227/87, Entscheidung Nr. 3064 (V) vom 16. Oktober 1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 205 vom 31. Oktober 1987, S. 2.
- ↑ a b c d e Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 227/87, Entscheidung Nr. 3064 (V) vom 16. Oktober 1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 205 vom 31. Oktober 1987, S. 3.
- ↑ a b c d e f g Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, Pr. 227/87, Entscheidung Nr. 3064 (V) vom 16. Oktober 1987, bekanntgemacht im Bundesanzeiger Nr. 205 vom 31. Oktober 1987, S. 4.