Das alte Volk

Das alte Volk (Originaltitel: The old people) ist eine Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Die Urfassung des Textes wurde im September 1940 im Harper’s Magazine veröffentlicht.[1][2] Die deutsche Übersetzung stammt von Hermann Stresau.

Kurzbeschreibung

Als der Plantagenbesitzer-Sohn Ike McCaslin alt genug ist, erlegt er seinen ersten Hirschbock, und sein halbindianischer Mentor Sam Fathers salbt Ike rituell mit dem Blut des Hirsches. Auf dem Rückweg von der Jagd kommt der Jagdhelfer Boon Hogganbeck angeritten und verkündet, er habe gerade einen riesigen Hirschbock gesehen. Die Jagdgesellschaft zerstreut sich, um den Hirschbock zu jagen. Sam und Ike hören ein Horn, und Ike nimmt an, der Bock sei erlegt. Doch dann kommt ein riesiger Bock den Hang herunter und blickt Ike und Sam Fathers ernst und würdevoll an. Sie sehen davon ab, ihn zu erschießen. In dieser Nacht berichtet Ike seinem Cousin Cass Edmonds von dem Bock, und Cass erzählt ihm, dass auch er den Bock gesehen hat: Sam hatte ihn an dem Tag, an dem er seinen ersten Hirsch erlegt hatte, auf dieselbe Lichtung geführt.

Inhalt

Inhalt dieser Erzählung sind vor allem Herkunft, Vita und Charaktereigenschaften des Halbindianers Sam Fathers, Mentor des weißen Plantagenbesitzer-Sohnes Ike McCaslin, dem Sam Fathers „von jenen alten Zeiten erzählte und den toten und verschollenen Menschen, die anders waren als alle sonst, die der Knabe kannte“, und aufgrund solcher Geschichten „hörten für den Knaben die alten Zeiten auf alte Zeiten zu sein und wurden allmählich ein Teil der Gegenwart für ihn“.[3] Im Alter von neun Jahren bekommt Ike McCaslin von Sam Fathers gesagt: „Ich hab dir alles beigebracht, was man in dem bewohnten Land hier lernen kann […]. Du kannst jetzt so gut jagen wie ich’s kann. Du bist jetzt fertig für den Großen Grund, für Bär und Hirsch.“[4] Tatsächlich erlegt Ike in Begleitung von Sam Fathers dann seinen ersten Hirschen, vergießt „das Blut des Großwildes, das ihn zu einem Manne, zu einem Jäger machen sollte“.[5] Anschließend zeichnet Sam Fathers Ikes „Gesicht mit dem heißen Blut, das er vergossen hatte, und er hörte auf ein Kind zu sein und wurde ein Jäger und ein Mann.“[6] Nach diesem Initiationsritus macht sich die Jagdgesellschaft, zu der Ike und Sam Fathers gehören, auf den Rückweg. Der Jagdhelfer Boon Hogganbeck berichtet auf dem Weg erregt, just einen großen Hirschen gesehen zu haben, mit „mindestens“ vierzehn Geweih-Enden.[7] Die Jagdgesellschaft teilt sich, wobei Ike und Sam Fathers wieder ein Jagd-Duo bilden. Bald verkündet das Jagdhorn eines Jäger den Tod eines Wilds. Kurz darauf taucht ein gewaltiger Hirschbock bei Ike und Sam auf, doch vielleicht ist es nicht der von Hogganbeck gesehene Vierzehnender, sondern ein anderer gewaltiger Hirsch: „Er kam auf der Anhöhe heran, als sei er unmittelbar den Klangwellen des Horns entstiegen, das doch seinen Tod verkündete“, und insgesamt umgibt das Tier eine mythische Aura.[8] Sam Fathers begrüßt den gewaltigen Hirsch als „Großvater“, lässt ihn ehrfürchtig ziehen, und es stellt sich heraus, dass das tatsächlich geschossene Wild nur ein junger Hirschbock war.[9] Am Abend erklärt Ikes älterer Cousin Cass Edmonds, der von Ike erblickte Hirsch gehöre zu den Lebewesen, die „keine Körperlichkeiten haben, keine Schatten werfen können“, und auch Cass selbst habe den riesigen Hirschbock einmal gesehen, so wie Ike: „Sam nahm mich einst mit da hin, nachdem ich meinen ersten Hirsch geschossen hatte.“[10] Bei Ike habe sich diese Geschichte dann wiederholt.

Textanalyse

Bei Das alte Volk handelt es sich um eine auktorial erzählte „Coming-of-Age-Erzählung“,[11] die ebenso wie Faulkners Text Der Bär „im Reich des Zeitlosen und Mythischen platziert“ ist.[12] Ort der Handlung ist, außer in den Rückblenden auf Sam Fathers‘ Vita, eine Wildnis im fiktiven Yoknapatawpha County. Die Handlung spielt im November[13] des Jahres 1879.[14]

Themen

„Im Wesentlichen“ bietet Das alte Volk „eine Charakterskizze des Waldgenies Sam Fathers“[15] und „fängt Ikes Nostalgie […] und seine Vergötterung von Sam ein“.[16] Daneben beschäftigt sich die Geschichte im Rahmen ihres Hauptthemas – einer Initiationsjagd – mit der Idee des Mentorentums[17] und bietet „die nostalgische Erinnerung an eine ungeteilte Gemeinschaft“:[18] Die Mitglieder der Jagdgesellschaft haben eine unterschiedliche Hautfarbe und einen unterschiedlichen gesellschaftlichen Status, dennoch fungiert der freigelassene Sklave Sam Fathers – halb Indianer, halb Mulatte – als Mentor und Vorbild für den weißen Plantagenbesitzer-Sohn Ike McCaslin.

Figuren

Hauptfigur

  • Sam Fathers: Der circa 1809 geborene[19] Sam Fathers ist Sohn einer Mulattin und eines Chickasaw-Indianerhäuptlings, der Mutter und Kind in die Sklaverei verkaufte, und firmierte daher im Laufe seines langen Lebens als freier Indianer, als versklavter Schwarzer, als befreiter Sklave.[20] „Sam Fathers wird durch seine Kleidung, Sprache und Lebensumstände gesellschaftlich als schwarz definiert. Gleichzeitig lebt er von der schwarzen Gemeinschaft getrennt“,[21] gehört der Welt nicht so recht an, schon gar nicht der modernen: Sam ist „in vielerlei Hinsicht eine äußerst ansprechende Figur, […] in der modernen Welt jedoch im Wesentlichen ein Anachronismus.“[22] Vom Verhalten her benimmt Sam sich „mit Ehre und Würde“ und „ohne Unterwürfigkeit“,[23] vom Äußeren her ist er „ein Mann, nicht sehr groß, eher untersetzt, schlapp wirkend, obwohl er das durchaus nicht war, mit Haaren wie eine Pferdemähne, die selbst mit Siebzig noch keine weißen Fäden zeigten, und einem Gesicht, das alterslos schien, wenn es nicht gerade lächelte, und die einzig sichtbare Spur des Negerbluts war an einer leichten Stumpfheit des Haars und der Fingernägel festzustellen und einem Etwas, das mit den Augen zu tun hatte“.[24]

Nebenfiguren (Auswahl)

  • Isaac „Ike“ McCaslin: Der 12-jährige[25] angehende Erbe des McCaslin-Landguts legt „ein sorgfältiges Bemühen“ an den Tag, „keine Spuren zu hinterlassen und in der zeitlosen und undifferenzierten Einheit der Wildnis zu verschwinden“[26] und lernt durch seine Jagderfahrungen, „seinen Willen der geheimnisvollen und befruchtenden Kraft der Natur zu unterwerfen“,[27] doch geht damit auch eine gewisse Weltfremdheit einer: „Er lebt nie wirklich jenseits“ des Alten Volks.[28]
  • Boon Hogganbeck: „Boon war eine Bulldogge, absolut treu, […] eine robuste, freimütige, tapfere Natur, ein Sklave aller Begierden und fast aller Vernunft ermangelnd.“[23] Ebenso wie Sam Fathers hat auch er Indianerblut in sich, anders als Sam jedoch kein schwarzes: „Boon Hogganbecks Großmutter war ebenfalls eine Chickasaw-Frau gewesen, und obgleich sein Blut mittlerweile weiß geworden und Boon ein Weißer war, so war es doch nicht das Blut eines Häuptlings.“[23]
  • Carothers „Cass“ Edmonds: Dieser 17 Jahre ältere Cousin Ike McCaslins ist für Ike einer von drei Vätern: Buck McCaslin war Ikes Vorfahr, Sam Fathers ist Ikes spiritueller Vater, Cass sozusagen Ikes Adoptivvater.[29]

Rezeption

Das Alte Volk wurde selten, aber positiv für sich rezipiert. So lobte die zeitgenössische Kritik des 1947 eingestellten Brooklyn Citizen 1942 Faulkners „Verständnis für die Probleme der Südstaaten-Kernlande“.[30] Spätere Kritiker stellten fest, dass in der Geschichte „das Jagd-Erlebnis unvergesslich erzählt“ werde, so die US-Anglistin Marion Tangum (Texas State University).[31] Der britische Anglist John Lennard (University of the West Indies) meinte, dass Das Alte Volk „arm an Handlung, aber außergewöhnlich reich an Atmosphäre und Charakter“ wäre.[32]

Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)

  • Das alte Volk. In: William Faulkner: Go down, Moses. Chronik einer Familie. (= Diogenes-Taschenbücher, Band 30,11) Aus dem Amerikanischen von Hermann Stresau. Diogenes, Zürich 1974. ISBN 3-257-20149-4. S. 117–138.
  • Das alte Volk. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 123–144.

Literatur

  • James Harrison: Faulkner's „The Old People“. In: The Explicator. Jg. 44, 1986, ISSN 0014-4940, S. 41.
  • John Lennard: The old people. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 74–78.
  • Marion Tangum: Old People, the. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 278–280.

Einzelnachweise

  1. John Lennard: The old people. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 74–78. Hier S. 74.
  2. A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 98.
  3. William Faulkner: Das alte Volk. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 123–144. Hier S. 130.
  4. Faulkner, Das alte Volk, S. 132–133.
  5. Faulkner, Das alte Volk, S. 133.
  6. Faulkner, Das alte Volk, S. 136.
  7. Faulkner, Das alte Volk, S. 137.
  8. Faulkner, Das alte Volk, S. 141.
  9. Faulkner, Das alte Volk, S. 142.
  10. Faulkner, Das alte Volk, S. 144.
  11. „a coming-of-age narrative“ – Betina Entzminger: Go Down, Moses. In: Abby H. P. Werlock et al. (Hrsg.): The Facts on File companion to the American novel. Facts On File, New York NY 2006. ISBN 0-8160-4528-3. S. 505–507. Hier S. 506.
  12. „operate in the realm of the timeless and the mythical“ – Peter Lurie: Crossing the junctureless backloop of time’s trepan. Freedom, indexicality, and cinematic time in „Go Down, Moses“. In: Julian Murphet, Stefan Solomon (Hrsg.): William Faulkner in the media ecology. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2015. ISBN 978-0-8071-5950-7. S. 216–237. Hier S. 220.
  13. Faulkner, Das alte Volk, S. 123.
  14. Das Alter von Ike McCaslin wird mit 12 Jahren angegeben (Faulkner, Das alte Volk, S. 124); er ist 1867 geboren (William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 314).
  15. „essentially a character sketch of the woodland genius Sam Fathers“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 100.
  16. „captures the nostalgia of Isaac […] and his idolizing of Sam“ – Marion Tangum: Old People, the. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 278–280. Hier S. 278.
  17. „the notion of mentorship“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 100.
  18. „the nostalgic evocation of an undivided community“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 314.
  19. Das Alter von Ike McCaslin, der 1867 geboren ist (Faulkner, Das verworfene Erbe, S. 314), wird mit 12 Jahren angegeben, das von Sam Fathers mit 70 Jahren (Faulkner, Das alte Volk, S. 124).
  20. „living a long life as, successively, free Indian, enslaved black, and freedman“ – Lennard, The old people, S. 77.
  21. „Sam Fathers is socially defined as black through his clothes, speech, and living conditions. Simultaneously, he is seperated from the black community“ – Elizabeth Fielder: The performative funeral and identity formation in „Go Down, Moses“. In: Jay Watson, Ann J. Abadie (Hrsg.): Fifty years after Faulkner. Faulkner and Yoknapatawpha, 2012. University Press of Mississippi, Jackson MS 2016. ISBN 978-1-4968-0396-2. S. 279–294. Hier S. 281.
  22. „in many ways an enormously appealing character […], Sam is essentially an anachronism in the modern world“ – Mark Royden Winchell: Family Values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 143.
  23. a b c Faulkner, Das alte Volk, S. 129.
  24. Faulkner, Das alte Volk, S. 126.
  25. Faulkner, Das alte Volk, S. 124.
  26. „a studious concern to avoid leaving any trace, fading into the timeless and undifferentiated unity of the wilderness“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. In: David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 216.
  27. „through his experience as a hunter he learns to submit his will to the mysterious and fructifying power of nature“ – Peter Swiggart: From „Go Down, Moses“ to „A Fable“. In: Peter Swiggart: The art of Faulkner's novels. University of Texas Press, Austin TX 1962. S. 182–203. Hier S. 183.
  28. „He does not ever really live beyond them“ – Tangum, Old People, the, S. 278.
  29. „Buck, his progenitor; Carothers McCaslin Edmonds, his adoptive father; and Sam Fathers, his spiritual father“ – Bleikasten, Legacies, S. 313.
  30. „his understanding of the deep southland's problems“ – Jeanette Greenspan: Faulkner at his best. In: Brooklyn Citizen, 5. Juni 1942, zitiert nach Milton Thomas Inge (Red.): Go Down, Moses and Other Stories (1942). In: Milton Thomas Inge (Hrsg.): William Faulkner. The contemporary reviews. Cambridge University Press, Cambridge 1995. ISBN 0-521-38377-3. S. 227–244. Hier S. 241.
  31. „the experience of the hunt is unforgettable told here“ – Tangum, Old People, the, S. 279.
  32. „low on plot but exceptionally rich in atmosphere and character“ – Lennard, The old people, S. 74.