Der Bär (Faulkner)
Der Bär (Originaltitel: The bear) ist die drittletzte Episode innerhalb des Erzählbandes Das verworfene Erbe von William Faulkner. Urfassungen von Teilen des Textes wurden unter dem Titel Lion im Dezember 1935 im Harper’s Magazine und als Der Bär im Mai 1942 in der Saturday Evening Post veröffentlicht. Eine weitere Version der Erzählung findet sich in Faulkners Erzählband Der große Wald (Originaltitel: Big woods). Die deutschsprachige Übersetzung von Der Bär stammt von Hermann Stresau.
Kurzbeschreibung
Erzählt wird die Initiationsgeschichte des jungen Plantagenbesitzer-Sohns Ike McCaslin, der auf jährlichen Ausflügen unter Anleitung des erfahrenen Halb-Indianers Sam Fathers das Jagen lernt. Im Zentrum der Erzählung steht die mystische Figur des Bären Old Ben, der über Jahre hinweg nicht zu bezwingen ist, doch als Symbol für die unzähmbare Wildnis letztlich erlegt wird. In einer Nebenhandlung der Erzählung entdeckt Ike die dunkle Geschichte seiner Familie, geprägt von Sklaverei und Inzest, und lehnt sein Erbe ab.
Inhalt
Die Titelfigur dieser Erzählung ist „das Totemtier schlechthin, die lebendige Seele des Waldes“:[1] Old Ben, der große Bär „mit dem von einer Falle zerschmetterten Fuß und einem Namen, den er in einem fast hundert Quadratmeilen großen Gebiet erlangt hatte, eine endgültige Bezeichnung wie ein lebender Mensch“.[2.1] Old Ben ist berüchtigt für seine Taten und Untaten, berichtet wird „von Schüssen aus Flinten und sogar Büchsen aus nächster Nähe, die nicht mehr Wirkung erzielten als eine Handvoll Erbsen aus einem Kinderblasrohr“.[2.1] Ein Kind ist auch der zehnjährige Plantagenbesitzer-Abkömmling Ike McCaslin,[2.2] als er im November 1877[3] erstmals Old Bens ansichtig wird,[2.3] doch Ikes Mentor Sam Fathers ist skeptisch, dass man Old Bens habhaft werden kann: „Wir haben noch nicht den richtigen Hund dafür“, meint der Halb-Indianer Fathers, obwohl die Jagdgesellschaft über elf Jagdhunde verfügt.[2.4] Zweimal jährlich begibt sich diese Jagdgesellschaft in die Wildnis, um Old Ben zu jagen. „Im Laufe der Jahre, in denen er gejagt wird, wird der Bär in den Köpfen der Jäger zu einer Kreatur von mythischem Ausmaß“[4] und „ein unüberwindlich lebender Anachronismus, aus einer längst verstorbenen Zeit stammend, ein Phantom, Überbleibsel, eine Gottheit des alten wilden Lebens, um das die winzigen Menschenwesen wimmelten“.[2.5] Im Juni 1878 darf Ike erstmals nicht nur am November-, sondern auch am Juni-Camp in der Wildnis teilnehmen,[2.6] wagt sich allein in die Wildnis, erst seinen Hinterlader, dann Uhr und Kompass zurücklassend: „aus eigenem Willen und Verzicht hatte er sich auf etwas eingelassen, das nicht ein Schachspiel war und keine Wahl übrig ließ, er ließ sich auf eine Bedingung ein, bei der nicht nur die bisher unverbrüchliche Anonymität des Bären, sondern all die uralten Regeln und Vorteile des Jägers und des Gejagten aufgehoben waren“.[2.7] Ikes Verzicht auf die Insignien der Zivilisation wird belohnt: „Dann sah er den Bären. Er trat nicht heraus, in Erscheinung: er war einfach da, unbeweglich, […] nicht so groß, wie er ihn erwartet hatte, größer noch, unabschätzbar […], und sah ihn an.“[2.8] Während Ikes viertem Juni-Camp,[2.9] also 1881,[3] tut Sam Fathers einen wilden Mischlingshund auf, der just ein Fohlen gerissen hat. Der Hund ist „zum Teil Bulldogge, etwas vom Airedale und von einem Dutzend anderer Rassen wahrscheinlich“, besitzt eine Körpergröße von mehr als einem „dreiviertel Meter Schulterhöhe, und sie schätzten ihn auf über achtzig Pfund. Er besaß kalte gelbe Augen und eine gewaltige Brust und am ganzen Körper diese sonderbare Färbung, die bläuliche Stahlfarbe eines Pistolenlaufs.“[2.10] Diesem Hund, Lion genannt, versucht Sam Fathers durch Hunger und Fressengeben die „nicht zu bändigende und ungebrochene Seele“ zu bändigen und zu brechen,[2.11] letztlich erfolgreich. Vom November[2.12] 1881 an[3] kümmert sich der Jagdhelfer Boon Hogganbeck dann um Lion; die beiden werden unzertrennlich. „Es war, als sei Lion ein Weib – oder vielleicht war Boon der weibliche Teil“,[2.6] und Ike braucht einige Zeit zu verstehen, warum sein Mentor Sam Fathers Lion aus der Hand gibt: „Es war durchaus in Ordnung gewesen. Es war genau so, wie es sein mußte. Sam war der Herr und Meister; Boon, der Plebejer, war sein Jäger. Es war Boons Sache, die Hunde zu pflegen.“[2.13] Lion ist es, der Old Ben im Dezember[2.14] 1883[3] stellt, und Ike McCaslin ist es, der am ehesten die Möglichkeit hätte, den Bären inmitten der Jagdhunde zu erschießen, „aber er konnte nichts sehen als das Gewimmel scheckiger Hundeleiber, bis der Bär daraus zum Vorschein kam. Boon schrie irgend etwas, er konnte nicht ausmachen, was; er konnte sehen, wie Lion immer noch an der Kehle des Bären hing, und er sah, wie der Bär, halb aufgerichtet, einen der Hunde mit einer Tatze schlug und fünf oder sechs Fuß wegschleuderte, und dann sah er ihn sich ganz aufrichten, höher und höher, als sei kein Ende abzusehen, sah ihn wieder aufrecht stehen und sich anschicken, mit den Vordertatzen Lions Bauch zu zerfetzen. Da lief Boon auf ihn zu. Der Knabe [Ike] sah das Funkeln der Klinge in seiner Hand“, Boon will „sich rittlings über den Bären werfen“, Boon sticht zu, „nur ein Mal zu.“[2.15] Am Ende des Kampfes ist Old Ben durch Boons Messer erlegt, Lion hängen die Gedärme heraus, Boon ist verletzt, und Sam Fathers ist unbemerkt von den anderen von seinem Maultier gefallen und redet zunächst nur Indianisch: „Mit der Vernichtung des Bären – der symbolischen Zerstörung der Wildnis – bricht Sam Fathers zusammen“.[5] Ein Arzt kümmert sich um Boon und Sam Fathers, zuvor aber um Lion, „schob die Eingeweide zurück und nähte ihn ohne Betäubung zu“,[2.16] ohne Erfolg: Lion stirbt am Folgetag, „als die Sonne unterging“,[2.17] bald darauf Sam Fathers.[2.18]
Zwei Jahre später,[2.19][2.20] also im Jahre 1885,[3] sucht Ike McCaslin „noch ein letztes Mal das Lager auf, ehe die Bauholzgesellschaft einzog und mit dem Schneiden der Stämme begann.“[2.21] Die „untergehende Wildnis, an deren Rändern ständig und ameisenhaft Menschen nagten mit Pflügen und Äxten“,[2.5] weicht nun immer mehr der vermeintlichen Zivilisation: Statt Old Ben, der laut der Erzählung mehrfach gleich einer Lokomotive gewütet hat,[2.5][2.22][2.23] gibt es nun richtige Lokomotiven, es gibt „ein neues, schon halb aufgebautes Sägewerk, zwei oder drei Morgen Land bedeckend, und scheinbar meilenweit unabsehbare Stapel rostroter Stahlschienen“[2.24] sowie Zement-Markierungszeichen zur Flurstück-Begrenzung, „kalkweiß, leblos und abstoßend fremdartig an diesem Orte, wo selbst der Verfall ein siedendes Gebrodel war von schwellender Befruchtung und Empfängnis und Geburt und wo es keinen Tod gab.“[2.25] Die einstige Wildnis „ist nun domestiziert statt wild; der Bauer hat den Jäger ersetzt; die Stammesgemeinschaft der Indianer wurde durch die weiße patriarchalische Familie ersetzt; der symbolische Handel archaischer Gesellschaften wurde durch eine halbfeudale, halbkapitalistische Wirtschaft ersetzt.“[6] Die Geschichte schließt damit, dass Boon, mit dem Einzug der Bauholzgesellschaft „seit sechs Monaten Bezirkssheriff“,[2.26] unter einem Baum, in dem vierzig oder fünfzig Eichhörnchen „von Ast zu Ast hüpfend und schnellend“ den ganzen Baum „zu einem einzigen irrsinnigen Strudel von Blättern“ machen, sein eigenes Gewehr zertrümmert und Ike McCaslin bedroht: „Mach, daß du hier wegkommst! Rühr sie nicht an! Nicht ein einziges rührst du an! Sie gehören mir!“[2.27]
Eingebettet in die Jagdgeschichte um Old Ben ist die Aufdeckung „des Schauerroman-Geheimnisses schlechthin: Vater-Tochter-Inzest“.[7] Faulkner selbst legte nahe, dass dieser Abschnitt „gestrichen werden sollte, wenn Der Bär separat gedruckt wird“, da dieser Abschnitt vorrangig nicht für die Jagdgeschichte, sondern für Das verworfene Erbe als Ganzes relevant ist.[8] In dieser eingebetteten Nebenhandlung geht es darum, dass die Vollwaise Ike McCaslin im Alter von 16 Jahren die in einem Lagerhaus untergebrachten „alten Kontobücher“[2.28] des McCaslin-Landguts öffnet, weil sie, „wie er glaubte, wahrscheinlich einen chronologischen und sehr viel verständlicheren wenn auch zweifellos langweiligeren Bericht enthielten als er je aus einer anderen Quelle würde erhalten können“.[2.29] Ike studiert mit den Jahren „die vergilbten Seiten und die dünne blaue Tinte dieser Aufzeichnungen des Unrechts und des Wenigen, was immerhin zu seiner Besserung und Wiedergutmachung geschah“,[2.30] erschließt sich unter anderem die Geschichte der schwarzen Sklavin Eunice, die Ikes Großvater Carothers McCaslin in New Orleans kaufte: Daraus, dass Carothers zu jener Zeit „keine weiteren Sklaven brauchte, den ganzen Weg nach New Orleans zurückgelegt und eine Sklavin gekauft hatte“,[2.31] schließt Ike auf libidinöse Gründe seines Großvaters. Ike muss anhand der Kontobücher feststellen, dass sich Eunice am Weihnachtstag 1832 ertränkte.[2.32] Die Ursache meint Ike in einem anderen Kontobuch-Eintrag zu finden: Eunices Tochter Tomasina starb im Juni 1833 nach der Geburt ihres Sohnes Tomeys Turl, dem Carothers testamentarisch 1000 Dollar vermachte, so dass für Ike feststeht, dass Carothers der Vater auch von Tomeys Turl war. Aus „eigener Beobachtung und Erinnerung“ weiß Ike ferner, dass in Tomeys Turl „Blut schon ein weißes Erbe gewesen“ ist, ehe Carothers „den Rest dazu gab“.[2.31] Daraus schließt Ike, dass Carothers mit Eunice erst Tomasina zeugte, mit Tomasina dann Tomeys Turl. Ike möchte daher „Carothers‘ unheilbelastetem Geschlecht“ entkommen, „dessen männliche Nachkommen alles zu zerstören schienen, was sie berührten, und er selbst wies das Erbe von sich und hoffte wenigstens verschont zu bleiben“:[2.33] Im Jahre 1888,[2.34] im Alter von 21 Jahren,[2.35] verwirft Ike McCaslin dieses Erbe der Verworfenheit und erlaubt es der weiblichen Linie der Familie McCaslin, „der Edmonds-Linie, es zu übernehmen“,[9] denn nach Ikes Auffassung ist „dieses Land, ohne allen Zweifel, von sich aus und durch eigene Schuld verflucht.“[2.36] Damit wird der von Ike geschätzte ältere Cousin Cass Edmonds, der Ike diesen Schritt noch auszureden versucht, neuer Herr des McCaslin-Landguts.
Textanalyse
Bei Der Bär handelt es sich um eine auktorial erzählte „Post-Frontier-Geschichte“,[10] eine nur dank des von wilden Eichhörnchen und einem wilden Jagdhelfer geprägte Endes vom „Schatten der Burleske“ umhüllte Tragödie,[11] die teilweise „im Reich des Zeitlosen und Mythischen“ spielt.[12] Die Verortung der Wildnis, in der die Haupthandlung stattfindet, bleibt in dem Text offen, die Nebenhandlung spielt auf dem McCaslin-Landgut im Yoknapatawpha County. Die Haupthandlung erstreckt sich inklusive Rückblenden von November 1877, als Ike McCaslin zehn Jahre alt ist,[2.2] bis zum Jahr 1885, als Ike in die zunehmend gezähmte Wildnis wiederkehrt. Die Nebenhandlung aus dem Jahr 1888 geht in Vorausblenden bis zur Heirat Ikes 1895[2.34] und weit darüber hinaus.
Themen
Zentrales Thema von Der Bär ist das Verhältnis zwischen Mensch und Natur,[13] die Wildnis und ihr Ende. Im Naturzustand ist die Wildnis „ein Raum ohne Grenzen, eine Zeit ohne Linearität. Alles, was in diesem Wald geschieht, ist schon einmal geschehen“.[14] Die Gier nach Geld erst erzeugt den Konflikt zwischen Mensch und Natur,[15] in dem Old Ben „als Symbol der Wildnis vor dem Ansturm des menschlichen Fortschritts“ weichen muss.[16]
Ein weiteres Thema dieser mehrfach eindeutig als Initiationsgeschichte identifizierten[17][18][19] Erzählung ist die mit der Aneignung des Landes durch die vermeintliche Zivilisation verknüpfbare Inzestgeschichte. „Das Land gehört niemandem; und das grundlegende Verbrechen ist der Wille zum Besitz: von Land, von Sklaven, von Söhnen.“[20]
Figuren (Auswahl)
- Isaac „Ike“ McCaslin: Im Jahr 1867 geboren,[21] hat Ike 1869 seine Mutter Sophonisba,[2.37] 1870 seinen Vater Buck McCaslin verloren[21] und „wird von einer Reihe von Vaterfiguren großgezogen“, vor allem von seinem Cousin Cass Edmonds und seinem Mentor Sam Fathers.[22] Mit dreizehn Jahren ist Ike dann „zu einem besseren Waldgänger geworden als die meisten Erwachsenen mit längerer Erfahrung. […] War Sam Fathers sein Mentor gewesen und die Karnickel und Eichhörnchen auf dem heimischen Grundstück sein Kindergarten, so war die Wildnis, das Revier des alten Bären, sein Gymnasium, und das alte Bärenmännchen selbst, so lange schon unbeweibt und kinderlos, um gleichsam zum selbsterzeugten Vorfahren seiner selbst zu werden, seine Alma Mater.“[2.22] Gleich dem Bären Old Ben bleibt, wie eine Vorausblende deutlich macht, auch Ike trotz unglücklicher Ehe kinderlos[2.34] und ist damit ein „stereotyper ‚Hemingway-Held‘“, der „dank seiner Fähigkeiten, seines Mutes und seiner Ausdauer überlebt, aber ohne die Hilfe von Frauen“.[23] Die Lektüre der alten Kontobücher macht ihn zu einem jungen Mann, der glaubt, „dass der Besitz von Menschen oder Land untrennbar mit deren Missbrauch verbunden ist“.[24]
- Sam Fathers: Als kleines Kind von seinem eigenen indianischen Vater, einem Chickasaw-Häuptling, zusammen mit seiner farbigen Mutter bei Ike McCaslins Großvater Carothers McCaslin „gegen einen schlechtrassigen Traber-Wallach“ eingetauscht und somit versklavt,[2.38] ist der kinderlose[25] „Wildnis-Aristokrat“[26] auf dem Landgut der McCaslins „nur ein weiterer Diener; im Jagdlager [...] wird er von den Männern für seine hervorragenden Fähigkeiten als Waldgänger anerkannt“.[27] Sam ist es, der Ike McCaslins „geistiger Vater gewesen war, den er verehrt, auf dessen Wort er geachtet, den er geliebt und verloren und betrauert hatte“.[2.39] Äußerlich hat Sam Fathers „kupferbraune“ Haut,[2.16]„ein Indianergesicht, in dem er [=Ike] nie etwas hatte lesen können, wenn es nicht lächelte“,[2.40] und gelegentlich, beispielsweise beim Blick auf den Hund Lion, einen „sanften wilden Widerschein in seinen Augen“.[2.41]
- Boon Hogganbeck: Dieser primitive[28] Alkoholiker[29] ist im Jahre 1883 vierzig Jahre alt,[2.42] also circa 1843 geboren, „ein Viertelindianer, Enkel einer Chickasaw-Squaw“.[2.14] Boon erweist sich als „tapfer, treu, unbedachtsam und unverläßlich“[2.42] und „verkrüppelt durch die Laster der Zivilisation“.[30] Sein „vom Wetter gerötetes, langes Widdergesicht“[2.11] weiß „nichts vom Wasser und sein grobe pferdemähniges Haar nichts vom Kamm“.[2.14] Boon misst „vier Zoll und sechs Fuß; er hatte das Gemüt eines Kindes, das Herz eines Pferdes, und kleine harte Augen wie Schuhknöpfe ohne Tiefe oder Gemeinheit oder Großmut oder Bösartigkeit oder Sanftmut oder sonst dergleichen, in dem häßlichsten Gesicht, das der Knabe [Ike] je gesehen“:[2.42] Jenes Gesicht hatte „eine schöne hellrote Färbung, die vielleicht etwas mit Whisky zu tun hatte aber viel mehr von einem schlechthin glücklichen und ungestümen Freiluftleben zeugte“.[2.42]
- Cass Edmonds: Dieser 17 Jahre ältere Cousin Ike McCaslins ist für Ike einer von drei Vätern: Buck McCaslin war Ikes Vorfahr, Sam Fathers ist Ikes spiritueller Vater, Cass sozusagen Ikes Adoptivvater.[31]
Rezeption
Der Bär ist laut dem Literaturwissenschaftler Peter Swiggart (Brandeis University) „die längste und erfolgreichste“ der Geschichten in Das verworfene Erbe,[32] nach Ansicht der Anglistin Betina Entzminger (Commonwealth University Bloomsburg) „das wichtigste Kapitel“ von Das verworfene Erbe und „dasjenige, um das herum die anderen aufbauen“,[33] ein Lob, das nach einer Kritik der US-Tageszeitung Trenton Times aus dem Jahr 1942 zweischneidig ist, mache Der Bär somit doch „die anderen Geschichten zu etwas sehr Zufriedenstellendem, aber irgendwie nur in einer Nebenrolle“.[34] Insgesamt sahen zeitgenössische Rezensionen die Erzählung negativer als die spätere Kritik. So sprach das Times Literary Supplement 1942 von einem „langatmigen“ Text.[35] Die Episode werde bei der Lektüre „einige Schwierigkeiten bereiten, weil Faulkner die Geschichte kompliziert hat“, meinte im gleichen Jahr die New York World-Telegram und gestand, keine Vorliebe für alte Männer zu haben, „die sich nicht auf das Thema konzentrieren können“.[36] Abgesehen von dem eingebetteten Abschnitt, in dem Ike McCaslin die Kontobücher studiert und deswegen sein Erbe verwirft („ein schwieriges Stück Erzählung in einer ansonsten zugänglichen Episode“),[37] fiel die Rezeption allerdings eher positiv aus: Das 1985 eingestellte Columbus Citizen-Journal bezeichnete Der Bär als einen von Faulkners besten Texten,[38] eine Einschätzung, die der Critical companion to William Faulkner 2008 weitgehend teilte.[39] Der französische Anglist André Bleikasten (Universität Straßburg) sprach dem Werk generell den „Status eines epischen Gedichts“ zu,[40] der britische Anglist John Lennard (University of the West Indies) hielt insbesondere die Jagdgeschichte für eine „großartige Elegie“,[41] eine Einschätzung, die bereits manche zeitgenössische Rezensionen bestätigten: Die New Yorker Sun nannte diesen Teil von Der Bär 1942 „spannend“,[42] die US-Tageszeitung Chattanooga Times meinte im gleichen Jahr, niemand außer Faulkner habe „jemals eine Jagd und einen Bärenkampf mit Hunden und Männern besser beschrieben“.[43]
Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl)
- Der Bär. In: William Faulkner: Go down, Moses. Chronik einer Familie. (= Diogenes-Taschenbücher, Band 30,11) Aus dem Amerikanischen von Hermann Stresau. Diogenes, Zürich 1974. ISBN 3-257-20149-4. S. 139–259.
- Der Bär. Erzählung. Übertragen von Hermann Stresau. Lizenzausgabe. Insel-Verlag, Leipzig 1969.
- Der Bär. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 145–272.
- Der Bär. Erzählung. Deutsch von Hermann Stresau. Lizenzausgabe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1960.
- Der Bär. (=Juventus-Bücherei: Reihe 1, Band 77.) Die Übersetzung ins Deutsche besorgte Hermann Stresau. Lizenzausgabe. Sauerländer, Aarau 1959.
- Der Bär. (= Forum-Taschenbücher, Band 19.) Deutsch von Hermann Stresau. Lizenzausgabe. Forum-Verlag, Frankfurt/Wien 1955.
Literatur (Auswahl)
- Stephen Hahn: Bear, The. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 33–34.
- John Lennard: The bear. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 78–86.
- Kim Martin Long: William Faulkner's male myth: The Bear. In: Jerilyn Fisher and Ellen S. Silber (Hrsg.): Women in literature. Reading through the lens of gender. Greenwood Press, Westport CT 2003. ISBN 0-313-31346-6. S. 29–31.
- Debra McArthur: The bear. Story or chapter? In: Debra McArthur: Reading and interpreting the works of William Faulkner. Enslow Publishing, New York NY 2016. ISBN 978-0-7660-7354-8. S. 71–79.
- Anna Priddy: The bear. In: Anna Priddy: Bloom's how to write about William Faulkner. Bloom's Literary Criticism, New York NY 2010. ISBN 978-0-7910-9742-7. S. 197–207.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ „the totemic animal par excellence, the living soul of the forest“ – André Bleikasten: Legacies. Go down, Moses. In: André Bleikasten: William Faulkner. A life through novels. Indiana University Press, Bloomington IN 2017. ISBN 978-0-253-02284-4. S. 308–323. Hier S. 315.
- ↑ William Faulkner: Der Bär. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964.
- ↑ a b S. 146
- ↑ a b S. 150
- ↑ S. 151
- ↑ S. 154
- ↑ a b c S. 147
- ↑ a b S. 157
- ↑ S. 159–160
- ↑ S. 161
- ↑ S. 164
- ↑ S. 169
- ↑ a b S. 170
- ↑ S. 171
- ↑ S. 173
- ↑ a b c S. 177
- ↑ S. 190
- ↑ a b S. 194
- ↑ S. 196
- ↑ S. 200
- ↑ S. 261
- ↑ S. 268
- ↑ S. 256
- ↑ a b S. 162
- ↑ S. 187
- ↑ S. 259
- ↑ S. 267
- ↑ S. 257
- ↑ S. 270–271
- ↑ S. 202–203
- ↑ S. 213
- ↑ S. 208
- ↑ a b S. 215
- ↑ S. 212–213
- ↑ S. 235
- ↑ a b c S. 225
- ↑ S. 201
- ↑ S. 240
- ↑ S. 218
- ↑ S. 210
- ↑ S. 266
- ↑ S. 167
- ↑ S. 168
- ↑ a b c d S. 178
- ↑ a b c d e Von dem zeitlichen Fixpunkt der mit „1878“ gravierten Hinterlader-Büchse aus (Faulkner, Der Bär, S. 157) lassen sich dank Jahreswechseln und Altersangaben Ikes die restlichen Jahreszahlen zuverlässig angeben.
- ↑ „Over the years that he is hunted, the bear becomes a creature of mythical proportions in the minds of the hunters“ – Anna Priddy: The bear. In: Anna Priddy: Bloom's how to write about William Faulkner. Bloom's Literary Criticism, New York NY 2010. ISBN 978-0-7910-9742-7. S. 197–207. Hier S. 197.
- ↑ „With the destruction of the bear – the symbolic destruction of the wilderness – Sam Fathers collapses“ – A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Go Down, Moses. In: A. Nicholas Fargnoli, Michael Golay, Robert W. Hamblin: Critical companion to William Faulkner. A literary reference to his life and work. Facts On File, New York NY 2008. ISBN 0-8160-6432-6. S. 97–113. Hier S. 100.
- ↑ „The earth is now domesticated instead of wild; the farmer has replaced the hunter; the tribal fraternity of Indians has been replaced by the white patriarchal family; the symbolic trading of archaic societies has been replaced by a semi-feudal, semi-capitalist economy“ – Bleikasten, Legacies, S. 316.
- ↑ „the gothic secret par excellence, father-daughter-incest“ – David H. Evans: A great story. Pathfinding and providence in „Go Down, Moses“. David H. Evans: William Faulkner, William James, and the American pragmatic tradition. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2008. ISBN 0-8071-3315-9. S. 193–234. Hier S. 221.
- ↑ „Faulkner himself contends that, when The Bear is printed separatly, section 4 ought to be deleted because its primary relevance is to the entire novel rather than to the hunting narrative in which it is embedded“ – Mark Royden Winchell: Family values in „Go Down, Moses“. In: Mark Royden Winchell: Reinventing the South. Versions of a literary region. University of Missouri Press, Columbia MO 2006. ISBN 0-8262-1618-8. S. 139–160. Hier S. 147.
- ↑ „and allows the Edmonds line to take over“ – Betina Entzminger: Go Down, Moses. In: Abby H. P. Werlock et al. (Hrsg.): The Facts on File companion to the American novel. Facts On File, New York NY 2006. ISBN 0-8160-4528-3. S. 505–507. Hier S. 507.
- ↑ „a postfrontier story“ – Winchell, Family values in „Go Down, Moses“, S. 146.
- ↑ „ shadows of burlesque wreathe around tragedy“ – John Lennard: The bear. In: John Lennard: Reading William Faulkner. „Go down, Moses“ & „Big Woods“. Humanities-Ebooks, Tirril 2012. ISBN 978-1-84760-198-8. S. 78–86. Hier S. 85.
- ↑ „in the realm of the timeless and the mythical“ – Peter Lurie: Crossing the junctureless backloop of time’s trepan. Freedom, indexicality, and cinematic time in „Go Down, Moses“. In: Julian Murphet, Stefan Solomon (Hrsg.): William Faulkner in the media ecology. Louisiana State University Press, Baton Rouge LA 2015. ISBN 978-0-8071-5950-7. S. 216–237. Hier S. 220.
- ↑ „man and nature“ – Priddy, The bear, S. 199.
- ↑ „a space without boundaries, a time without linearity. Everything that happens in this forest has happened before“ – Bleikasten, Legacies, S. 314.
- ↑ „the conflict between the natural world and man's civilization, which is driven by his desire for money“ – Debra McArthur: The bear. Story or chapter? In: Debra McArthur: Reading and interpreting the works of William Faulkner. Enslow Publishing, New York NY 2016. ISBN 978-0-7660-7354-8. S. 71–79. Hier S. 78.
- ↑ „most reading of The bear see Ben as the symbol of the wilderness that falls before the onslaught of human progress“ – Richard H. King: Working through. Faulkner's „Go Down, Moses“. In: Richard H. King: A southern Renaissance. The cultural awakening of the American south, 1930–1955. Oxford University Press, Oxford 1982. ISBN 0-19-503043-5. S. 130–145. Hier S. 134.
- ↑ „initiation into manhood“ – King, Working through, S. 136.
- ↑ „initiation into manhood“ – McArthur, The bear, S. 76.
- ↑ „initiation“ – Priddy, The bear, S. 199.
- ↑ „The land does not belong to any one; and the fundamental crime is the will to possession: of land, of slaves, of sons“ – King, Working through, S. 133.
- ↑ a b Genealogie. In: William Faulkner: Das verworfene Erbe. Chronik einer Familie. (=Fischer-Bücherei, Band 626) Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Stresau. Fischer, Frankfurt am Main 1964. S. 314.
- ↑ „is raised by a number of father figures, primarily his Cousin McCaslin Edmonds and Sam Fathers“ – Priddy, The bear, S. 199.
- ↑ „the stereotypical ‚Hemingway hero‘ […] a hero who survives because of his abilities, his courage, and his endurance, but without any help from women“ – Kim Martin Long: William Faulkner's male myth: The Bear. In: Jerilyn Fisher and Ellen S. Silber (Hrsg.): Women in literature. Reading through the lens of gender. Greenwood Press, Westport CT 2003. ISBN 0-313-31346-6. S. 29–31. Hier S. 30–31.
- ↑ „that ownership of people or land is inseparable from their abuse“ –Lennard, The bear, S. 84.
- ↑ „has no children“ – Priddy, The bear, S. 200.
- ↑ „wilderness aristocrat“ – Winchell, Family values in „Go Down, Moses“, S. 146.
- ↑ „On the McCaslin Plantation, Sam is just another servant; at the hunting camp [...] he is recognized among the men for his superior abilities as a woodsmann“ – McArthur, The bear, S. 78.
- ↑ „primitive“ – Peter Swiggart: From „Go Down, Moses“ to „A Fable“. In: Peter Swiggart: The art of Faulkner's novels. University of Texas Press, Austin TX 1962. S. 182–203. Hier S. 185.
- ↑ „alcoholic“ – Priddy, The bear, S. 200.
- ↑ „crippled by the vices of civilization“ – Swiggart, From „Go Down, Moses“ to „A Fable“, S. 185.
- ↑ „Buck, his progenitor; Carothers McCaslin Edmonds, his adoptive father; and Sam Fathers, his spiritual father“ – Bleikasten, Legacies, S. 313.
- ↑ „the longest and most successful of the Go down, Moses stories“ – Swiggart, From „Go Down, Moses“ to „A Fable“, S. 184.
- ↑ „the most important chapter in the novel, is the one around which the others build“ – Entzminger, Go Down, Moses, S. 506.
- ↑ „making of the other stories something very satisfactory but somehow only in a supporting role“ – Harry A. Weissblat: Book fog: William Faulkner. In: Trenton Times, 9. Mai 1942, zitiert nach: Milton Thomas Inge (Red.): Go Down, Moses and Other Stories (1942). In: Milton Thomas Inge (Hrsg.): William Faulkner. The contemporary reviews. Cambridge University Press, Cambridge 1995. ISBN 0-521-38377-3. S. 227–244. Hier S. 233.
- ↑ „protracted“ – Times Literary Supplement, 10. Oktober 1942, S. 497, zitiert nach John Bassett (Red.): Go Down, Moses and Other Stories (1942). In: John Bassett (Hrsg.): William Faulkner. The critical heritage. Routledge & Kegan Paul, 1975. ISBN 0-7100-8124-3. S. 296–331. Hier S. 301.
- ↑ „will offer some difficulties because Faulkner has complicated the story [...] My Preference is not for old men who can't keep their minds on the subject“ – Harry Hansen: The first reader. Go down, Moses and Other Stories, by William Faulkner, illuminate the racial Situation in the South. In: New York World-Telegram, 14. April 1942, S. 19, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 230.
- ↑ „a difficult piece of narration in an otherwise accessible sequence“ – Stephen Hahn: Bear, The. In: Robert W. Hamblin et al. (Hrsg.): A William Faulkner Encyclopedia. Greenwood Press, Westport CT 1999. ISBN 0-313-29851-3. S. 33–34. Hier S. 33.
- ↑ „one of Faulkner's best“ – Jack Keller: Faulkner southern stories gather under one title. In: The Columbus Citizen, 24. Mai 1942, Magazine section S. 4, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 238.
- ↑ „contains some of Faulkner's best writing“ – Fargnoli et al., Go Down, Moses, S. 100.
- ↑ „status of an epic poem“ – Bleikasten, Legacies, S. 314.
- ↑ „magnificent elegy“ –Lennard, The bear, S. 82.
- ↑ „thrilling“ – Robert Molloy: The book of the day: William Faulkner writes about the deep South he has made familiar. In: The Sun, 19. Mai 1942, S. 40, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 237.
- ↑ „no one has ever described better a hunt and a bear's fight with the dogs and men“ – Gilbert E. Govan: Genuine Faulkner. In: Chattanooga Times, 10. Mai 1942, S. 5-M, zitiert nach Inge, Go Down, Moses and Other Stories (1942), S. 234.