Chinesisch-schweizerische Beziehungen
| Volksrepublik China | Schweiz |
Die Chinesisch-schweizerischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen der Volksrepublik China (und ihren Vorgängerstaaten) und der Schweizer Eidgenossenschaft. Als einer der ersten westlichen Staaten erkannte die Schweiz die 1949 gegründete Volksrepublik frühzeitig an und profilierte sich durch ihre Neutralität aus chinesischer Sicht als vertrauenswürdiger Partner. Heute ist China der bedeutendste Handelspartner der Schweiz in Asien und nach der EU und den USA der drittgrößte weltweit. Ein 2013 unterzeichnetes und 2014 in Kraft getretenes Freihandelsabkommen, das erste zwischen China und einem kontinentaleuropäischen Staat, unterstreicht die enge Zusammenarbeit der beiden Länder.
Geschichte
Frühe Kontakte
Schon im 17. und 18. Jahrhundert reisten einzelne Schweizer Jesuitenmissionare und Händler nach China.[1] Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts profitierte die Schweiz im Windschatten der imperialen Expansion westlicher Mächte von der erzwungenen Öffnung chinesischer Häfen: Schweizer Missionsgesellschaften etablierten Stationen, und Kaufleute verstärkten ihre Präsenz in den neuen Vertragshäfen wie Shanghai.[2] Schweizer Uhrenhändler, etwa die Gebrüder Bovet, gründeten schon 1822 in Kanton ein Handelshaus und nutzten die durch die Opiumkriege (1840–42) erlangten Konzessionen, um Schweizer Uhren auf dem chinesischen Markt abzusetzen. 1906 kam es zum ersten offiziellen diplomatischen Kontakt, als eine chinesische Delegation die Schweiz besuchte; nach dem Sturz des Kaiserreichs erkannte die Schweiz 1913 die Republik China formell als Regierung Chinas an.[1]
Im Juni 1918 schlossen beide Länder einen Freundschaftsvertrag ab, der der Schweiz Handelsbegünstigungen und exterritoriale konsularische Rechte einräumte. In der Zwischenkriegszeit unterhielt China ab 1919 eine Gesandtschaft in Bern, während die Schweiz 1921 ein Generalkonsulat in Shanghai eröffnete. Die Schweizer Kolonie, überwiegend Missionare und Geschäftsleute, wuchs bis in die 1930er Jahre auf einige hundert Personen an und konzentrierte sich in den Küstenstädten, schrumpfte jedoch durch Ausbruch des chinesischen Bürgerkriegs und nach dem Zweiten Weltkrieg stark.[1]
Beziehungen zwischen 1949 und 1980
Die Schweiz erkannte die am 1. Oktober 1949 ausgerufene Volksrepublik China im Januar 1950 als einer der ersten westlichen Staaten an. Bereits im September 1950 wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen; die Schweizer Gesandtschaft in Peking erhielt 1957 den Status einer Botschaft. Während des Koreakriegs wirkte die Schweiz in der Neutralen Überwachungskommission mit, was die bilateralen Beziehungen zeitweise belastete, sich aber ab 1954, auch durch die persönlichen Begegnungen mit Premier Zhou Enlai im Rahmen der Genfer Indochina-Konferenz, wieder normalisierte. Auch in Phasen der internationalen Isolation der Volksrepublik (etwa während der Kulturrevolution 1966–1976) rissen die Kontakte nicht ab: 1961 besuchte Vizepremier Chen Yi die Schweiz, 1968 fand in Peking eine Schweizer Uhren- und Industrieausstellung statt, und 1973 empfing Premier Zhou Enlai den Schweizer Alt-Bundesrat Max Petitpierre in Peking.[1]
Mitte der 1970er Jahre kam es zur Wiederaufnahme des Studentenaustauschs zwischen beiden Ländern, zur Eröffnung der ersten direkten Flugverbindung Zürich–Peking (1975) sowie zu vermehrten Handelskontakten. Mit der von Deng Xiaoping ab 1978 eingeleiteten Reform- und Öffnungspolitik erhielt die Zusammenarbeit zusätzlichen Auftrieb und die Grundlage für eine neue Phase intensiver Beziehungen wurde gelegt.[1]
Beziehungen seit den 1980er Jahren
Die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen vertieften sich seit den 1980er Jahren rasant, begünstigt durch Chinas Liberalisierungspolitik. 1980 ging mit Beteiligung des Schweizer Aufzugsherstellers Schindler das erste industrielle Joint Venture eines westlichen Unternehmens in der Volksrepublik in Betrieb. In den folgenden Jahren expandierten zahlreiche Schweizer Konzerne wie Nestlé, ABB, Roche oder Novartis nach China. Diese Entwicklung wurde durch bilaterale Abkommen flankiert, etwa 1986 zum gegenseitigen Investitionsschutz und 1990 zur Vermeidung der Doppelbesteuerung. Gleichzeitig unterstützte die Schweiz Chinas Bemühungen um den WTO-Beitritt, drängte jedoch auf besseren Marktzugang, insbesondere für die Schweizer Finanz- und Tourismusbranche. Auch der politische Austausch intensivierte sich: 1982 vereinbarten die Städte Zürich und Kunming eine der ersten europäisch-chinesischen Städtepartnerschaften, und 1991 wurde ein strukturierter Menschenrechtsdialog zwischen beiden Regierungen aufgenommen.[1]
Die Niederschlagung der Tian’anmen-Proteste 1989 verurteilte die Schweizer Regierung zwar öffentlich, sah jedoch, anders als manche westlichen Staaten, von langfristigen Sanktionen ab.[2] 1999 absolvierte Chinas Präsident Jiang Zemin einen Staatsbesuch in der Schweiz, der trotz Tibet-Protesten während seines Aufenthalts keine nachhaltige Schädigung des Verhältnisses bewirkte.[1] Im 21. Jahrhundert ist die Volksrepublik zum zentralen Wirtschaftspartner der Schweiz aufgestiegen. 2010 wurde China der wichtigste asiatische und drittwichtigste globale Handelspartner. Nach der Anerkennung Chinas als Marktwirtschaft (2007) konnte 2013 ein umfassendes Freihandelsabkommen unterzeichnet werden, das 2014 in Kraft trat – als erstes derartiges Abkommen Pekings mit einem Land Europas.[2][3] Im Jahr 2016 hoben beide Seiten ihre Beziehungen auf den Status einer Innovativen Strategischen Partnerschaft, die seither durch regelmäßige Gipfeltreffen gefestigt wird. 2018 wurde auch ein regelmäßiger strategischer Dialog der Außenminister vereinbart.[4][5]
2025 feiern die Schweiz und China das 75-jährige Jubiläum ihrer diplomatischen Beziehungen mit einem gemeinsamen Kultur- und Tourismusjahr in beiden Ländern.[4]
Wirtschaftsbeziehungen
China zählt mittlerweile zu den wichtigsten Wirtschaftspartnern der Schweiz. Seit 2010 ist die Volksrepublik der mit Abstand grösste Handelspartner der Schweiz in Asien und nach der EU und den USA der drittgrösste Handelspartner weltweit. Das bilaterale Handelsvolumen hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen und erreichte 2023 rund 59 Milliarden CHF. Schweizer Exporte nach China bestehen vor allem aus Edelmetallen, Maschinen, Uhren sowie Chemie- und Pharmaprodukten, während im Gegenzug aus China vorwiegend Elektronikartikel (z. B. Mobiltelefone, Computer), Textilien und Metallerzeugnisse in die Schweiz geliefert werden. Dank des Goldhandels verfügt die Schweiz über einen Überschuss im bilateralen Handel.[6]
Auch die gegenseitigen Direktinvestitionen sind von Bedeutung: Zahlreiche Schweizer Firmen verfügen über Niederlassungen oder Joint Ventures in China (darunter früh etablierte Unternehmen wie Schindler, Nestlé, ABB oder Novartis). Im Gegenzug investieren chinesische Unternehmen verstärkt in der Schweiz; so erwarb der staatliche Chemiekonzern ChemChina im Jahr 2016 für 43 Milliarden US-Dollar den Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta, eine der grössten Übernahmen in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.[7] Darüber hinaus unterhalten beide Länder seit 2013 einen regelmäßigen Finanzdialog und kooperieren bei der Bekämpfung von Produktpiraterie und im Schutz geistigen Eigentums, um die wirtschaftlichen Beziehungen weiter zu vertiefen.[4]
Politische Beziehungen
Politisch sind die Beziehungen von einem dichten Netz bilateraler Dialoge und Konsultationen geprägt. So finden regelmäßig Gespräche in über 30 Fachbereichen statt, etwa zu Umwelt- und Klimafragen, Migration, Gesundheitswesen, Bildung, Wissenschaft und Finanzen. Die Schweiz betont in ihrer China-Politik ihre dauerhafte Neutralität und hält an der Ein-China-Politik fest, indem sie Taiwan nicht als unabhängigen Staat anerkennt. Auf höchster Ebene wurden die Beziehungen 2016 durch die Vereinbarung einer „Innovativen Strategischen Partnerschaft“ vertieft. Regelmässige gegenseitige Staatsbesuche, etwa durch Präsident Xi Jinping 2017 in Bern und Gegenbesuche schweizerischer Bundespräsidenten Ueli Maurer in Peking.[5][4]
Kulturbeziehungen
Auch kulturell sind die beiden Länder vielfältig verflochten. Bereits seit den 1950er Jahren bestehen inoffizielle Freundschaftsgesellschaften zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses; seit 1971 gibt es die Schweizerische Vereinigung für die Freundschaft mit China, die gemeinsam mit der chinesischen Gesellschaft für Freundschaft mit dem Ausland kulturellen Austausch organisiert. So gastierten etwa das Ensemble der Peking-Oper und der chinesische Nationalzirkus in der Schweiz, während umgekehrt Schweizer Orchester und Kunstschaffende in China auftreten. Ein bilaterales Abkommen zur kulturellen Zusammenarbeit (unterzeichnet 2017) schafft einen offiziellen Rahmen für den Kulturdialog, wobei bereits 1999 Vereinbarungen über Kooperation in Kultur und Bildung getroffen worden waren, wobei bereits 1999 Vereinbarungen über Kooperation in Kultur und Bildung getroffen worden waren. 1987 wurde an der Pekinger Fremdsprachenuniversität ein Swiss Study Center eingerichtet, um das Bild der Schweiz in China zu fördern.[4][1] Seit ca. 2000 hat zudem der Tourismus in beiden Richtungen stark zugenommen, was den Austausch zwischen den Gesellschaften weiter intensiviert. Im Jahr 2024 nahm China die Schweiz in die Liste der europäischen Länder auf, deren Bürger für touristische Reisen visumfrei einreisen dürfen.[8]
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h China. In: Historisches Lexikon der Schweiz. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b c Christoph Wehrli: Agiler Umgang mit dem Drachen. In: Schweizerische Gesellschaft für Aussenpolitik. 21. Juni 2025, abgerufen am 25. September 2025 (Schweizer Hochdeutsch).
- ↑ Douana®: Das Freihandelsabkommen Schweiz–China: Stand, Herausforderungen und Zukunft. In: Douana®. 27. Juni 2025, abgerufen am 25. September 2025 (Schweizer Hochdeutsch).
- ↑ a b c d e Bilaterale Beziehungen Schweiz–China. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b Die Schweiz und China erneuern hochrangige Kontakte und vertiefen Beziehungen vor Jubiläumsjahr. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ LÄNDERFICHE – JUNI 2024. China. Staatssekretariat für Wirtschaft SECO
- ↑ Peter Johannes Meier: Diese 15 Schweizer Firmen sind in chinesischer Hand. 30. August 2018, ISSN 1661-7444 (beobachter.ch [abgerufen am 25. September 2025]).
- ↑ S. W. I. swissinfo.ch: China Allows Visa-Free Travel From Four More European Countries. In: SWI swissinfo.ch. 19. März 2024, abgerufen am 25. September 2025 (englisch).