Braidwood Academy for the Deaf and Dumb

Die Braidwood Academy for the Deaf and Dumb war die erste (private) Gehörlosenschule im Vereinigten Königreich.[1][2][3][4]

Lage

Die Braidwood Academy befand sich ursprünglich im Dumbie House, auch bekannt als Craigside House,[5][6][7] und war ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert in Edinburgh.[8] Das Haus befand sich im zentrumsnah gelegenen Wohnviertel Dumbiedykes in der Dumbiedykes Road.[9] 1939 wurde das Gebäude abgerissen.[10]

In London zog die Schule in das Grove House, was auch als Bowling Green House bekannt ist.[11] Eine Gedenktafel wurde 2015 an der Stelle am Chatham Place angebracht.[9][8][11]

Geschichte

Schule in Edinburgh

Thomas Braidwood[12] unterrichtete ursprünglich Kinder wohlhabender Familien in seinem Haus in Edinburgh im Schreiben.

Im Jahr 1760 nahm Braidwood seinen ersten gehörlosen Schüler Charles Shirreff auf, der später als Portraitmaler bekannt wurde. Der damals zehnjährige Shirreff war der Sohn des Weinhändlers Alexander Shirreff aus Leith, der ihn überzeugte, dem gehörlosen Kind das Schreiben beizubringen.

Daraufhin wechselte er vom Unterricht hörender Kinder zum Unterricht gehörloser Kinder. Seinem Haus gab er dann den Namen Braidwood Academy for the Deaf and Dumb. Kern seines Unterrichts war ein kombiniertes System, das Sprechen, Artikulation und Lippenablesen beinhaltete.[13] Natürliche Gebärden wurden nur geduldet und so bald wie möglich aus dem Unterricht verbannt. Trotzdem werden die dort verwendeten Handgesten als Vorläufer der British Sign Language (BSL) betrachtet, die 2003 als eigenständige Sprache anerkannt wurde.[14]

Zu seinen ersten Schülern zählten Francis Mackenzie,[8] John Goodricke[15] und John Philip Wood.[16] Jane Poole (erste taubblinde Person, die ein rechtsgültiges Testament nur durch Diktieren ihrer Wünsche mit dem Fingeralphabet erstellen ließ)[13][17] und der Portraitmaler Thomas Arrowsmith[18] waren weitere Schüler von ihm. Sie waren auch noch viele Jahre nach ihrem Schulbesuch erfolgreich.

Samuel Johnson beschrieb seinen Besuch im Oktober 1773 bei seiner Reise durch Schottland wie folgt:[14]

"one subject of philosophical curiosity to be found in Edinburgh, which no other city has to show; a college of the deaf and dumb, who are taught to speak, to read, to write, and to practise arithmetic, by a gentleman whose name is Braidwood. The number which attends him is, I think, about twelve, which he brings together into a little school, and instructs according to their several degrees of proficiency."[19]

Francis Green,[20] dessen Sohn Charles Green die Schule besuchte, beschrieb 1783 in seiner Abhandlung Vox oculis subjecta Braidwoods kombiniertes System mit der Hoffnung, dass mehr solcher Einrichtungen gegründet werden.:[21]

"Mr Braidwood hath frequently intimated to me, as an opinion founded upon his experience in this art, that articulate or spoken language hath so great and essential a tendency to confirm and enlarge ideas, above the power of written language, that it is almost impossible for deaf persons, without the use of speech, to be perfect in their ideas."[21]

Sir Walter Scott erwähnte die Braidwood Academy 1818 in seinem Roman Heart of Midlothian.

Schule in London

Durch Braidwoods Werben erlangte die Schule schnell öffentliche Bekanntheit. Im August 1783 wurde die Schule daraufhin zusammen mit seinem Neffen John Braidwood[22] als Lehrer wegen der wachsenden Personenanzahl nach Hackney (heute East End) in London verlegt.[23][24]

Thomas Braidwood unterrichtete zusätzlich auch Schüler wohlhabender Familien aus den Vereinigten Staaten, da dort bislang keine Bildungschance bestand.[25][26] Das änderte sich erst 1816/17 durch Thomas Hopkins Gallaudet.[27]

Braidwoods Neffe Joseph Watson begann 1784 seine Ausbildung zum Lehrer bei seinem Onkel. 1792 wurde Watson dann der erste Direktor des Asylum for the Deaf and Dumb, welches in der Old Kent Road im Londoner Stadtteil Bermondsey gegründet wurde.[13] Watson beschrieb 1809, ein paar Jahre nach dem Tod seines Onkels, seine von seinem Onkel inspirierten Lehrmethoden in seinem Buch On the Education of the Deaf and Dumb und empfahl auch ein zweihändiges Fingeralphabet.[28]

Braidwoods Tochter Isabella Braidwood führte die Schule nach dem Tod ihres Vaters weiter. Davor hatte sie allerdings 1790 ihre eigene Braidwood Instution for the Deaf and Dumb im Pembroke House (im 17. Jahrhundert von William Parker erbaut, heute Bayford Street Industrial Centre) an der Westseite der Mare Street gegründet. Die Schule ihres Vaters zog 1799 in das Gebäude und die Familie führte die Schule bis 1810 dort weiter, wobei ihr Vater im Grove House wohnen blieb. 1810 zog sie mit ihrer Schule nach Cambridge High in der Nähe der Turnpike. Schon nach kurzer Zeit zog sie 1814 in die Great Ormond Street 7, um anschließend Ende 1816 aus London weg nach Birmingham zu ziehen.[29][30]

Braidwoods Einfluss über die Schule hinaus

1812 traf Gallaudet das kleine Mädchen Alice Cogswell, die er nach den Vorgaben Abbe Sicards unterrichtete und die ihn dazu inspirierte, eine Gehörlosenschule in den USA eröffnen zu wollen. Die Braidwood-Schulen in London-Hackney und Birmingham wurden daraufhin 1815 auf seiner Reise nach Europa von ihm in der Absicht aufgesucht, die verwendeten Methoden zu studieren, um sie für den Aufbau einer Schule in Neuengland zu nutzen.[31] Das geschah auch mit Zustimmung von Mason Fitch Cogswell, damit Gallaudet die Lautsprachmethode der Braidwoods erwerben konnte. So schnell wie möglich wollte Gallaudet auch deshalb die Methode erlernen, damit er sie mit der Französischen Methode kombinieren konnte. Die Schnelligkeit der Unterweisungszeit von ein paar Monaten missfiel allerdings den Engländern, und in London angekommen wurde Gallaudet die Methode nicht verraten.[31] Sicard war gerade zu dieser Zeit mit seinen beiden Schülern Jean Massieu und Laurent Clerc wegen einem Kongress in London. Gallaudet wurde nach Kontaktaufnahme mit Sicard nach Paris eingeladen. In Paris erhielt Gallaudet dann eine Einführung innerhalb weniger Monate. Bei seinem Parisaufenthalt überzeugte er Clerc, mit ihm nach Amerika zu gehen. Clerc stimmte zu und wurde in den USA Gehilfe Gallaudets. Damit wurde die Französische Methode (Kombination aus Vieille langue des signes française und l'Épées methodischen Zeichen) in den USA etabliert. In Amerika wurde dann auch die American School for the Deaf als erste ihrer Art eröffnet und Alice Cogswell wurde eine der ersten Schüler.[27] Die American Sign Language hat deshalb eine Ähnlichkeit von 60 % mit der modernen Langue des signes française und ist für Benutzer der British Sign Language nahezu unverständlich. Die American School konzentrierte sich deshalb auch auf die manuelle Kommunikation und ASL, im Gegensatz zu der in Großbritannien verwendeten mündlichen Methode.

Der Franzose André-Daniel Laffon de Ladébat beschrieb Clercs Begegnung 1815 mit den englischen gehörlosen Kindern in seinem Buch A collection of the Most Remarkable Definitions and Answers of Massieu and Clerc, Deaf and Dumb. Der gehörlose Laurent Clerc war überglücklich, andere Gebärdensprachler zu treffen.:[32]

"As soon as Clerc beheld this sight (of the children at dinner) his face became animated; he was as agitated as a traveller of sensibility would be on meeting all of a sudden in distant regions, a colony of his own countrymen... Clerc approached them. He made signs and they answered him by signs. The unexpected communication cause a most delicious sensation in them and for us was a scene of expression and sensibility that gave US the most heart-felt satisfaction."

Die Braidwood Trust School for the Deaf[33] in Birmingham wurde von Thomas Braidwood jr. gegründet.

Eine staatliche Schule für gehörlose Kinder in Edinburgh ist die Donaldson's School.[34][35]

Einzelnachweise

  1. Deaf History - Europe - 1760: First School for the Deaf in the UK, Edinburgh. Abgerufen am 30. September 2025.
  2. Session 2A. Abgerufen am 30. September 2025.
  3. The Scottish Pearl: The World’s First Deaf School Hidden in Edinburgh. 11. März 2022, abgerufen am 30. September 2025 (amerikanisches Englisch).
  4. What is Braidwood's Academy and who was its founder Thomas Braidwood? In: Metro. 6. September 2017, abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  5. Edinburgh, Dumbiedykes Road, Dumbie House | Canmore. In: canmore.org.uk. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  6. Lost Edinburgh: The Dumbiedykes. In: www.scotsman.com. 12. November 2014, abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  7. Mr Braidwood's House, Dumbiedykes Road. In: Capital Collections. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (britisches Englisch).
  8. a b c Thomas Braidwood from The Gazetteer for Scotland. In: www.scottish-places.info. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (britisches Englisch).
  9. a b Commemorative Plaque at Braidwood's Academy for Deaf & Dumb | Scottish Local History Forum. In: www.slhf.org. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  10. Academy for the Deaf and Dumb, Edinburgh, Midlothian, Scotland. Abgerufen am 30. September 2025.
  11. a b Braidwood Academy. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  12. Deaf History Scotland. Abgerufen am 30. September 2025 (britisches Englisch).
  13. a b c William R. Scott: The Deaf and Dumb: Their Education and Social Position. Bell & Daldy, 1870 (google.de [abgerufen am 30. September 2025]).
  14. a b Deaf Heritage. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  15. Disability history month: John Goodricke the deaf astronomer In: BBC News, 18. Dezember 2012. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (britisches Englisch). 
  16. CSambells: Hidden Edinburgh: The World's First School for the Deaf is in my back Garden. In: Chelsea Sambells. 30. November 2017, abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  17. Poole, Jane | Gallaudet University Library Guide to Deaf Biographies and Index to Deaf Periodicals. Abgerufen am 30. September 2025.
  18. The Port Folio. Editor and Asbury Dickens, 1822 (google.de [abgerufen am 30. September 2025]).
  19. Johnson & Boswell in Scotland, Part 6. In: OUPblog. 9. Juni 2006, abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  20. GREEN, FRANCIS. Abgerufen am 30. September 2025.
  21. a b Francis Green, Royal College of Physicians of Edinburgh: "Vox oculis subjecta;" a dissertation on the most curious and important art of imparting speech, and the knowledge of language, to the naturally deaf, and (consequently) dumb; with a particular account of the academy of Messrs. Braidwood of Edinburgh, ... London : sold by Benjamin White, 1783 (archive.org [abgerufen am 30. September 2025]).
  22. John Braidwood (1784-1820) – Find a Grave... Abgerufen am 30. September 2025.
  23. Heritage Gateway - Results. In: www.heritagegateway.org.uk. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  24. Braidwood Academy for the Deaf and Dumb. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  25. Marc Marschark, Harry G Lang, John A. Albertini: Educating Deaf Students. Oxford University Press, New York 2002, S. 26 (englisch).
  26. Barry A. Crouch, Brian H. Greenwald: The Deaf History Reader. Gallaudet University Press, Washington, D. C. 2007, ISBN 978-1-56368-359-6, Hearing with the Eye: The Rise of Deaf Education in the United States, S. 25 (englisch).
  27. a b Marc Marschark, Harry G Lang, John A. Albertini: Educating Deaf Students. Oxford University Press, New York 2002, S. 27–28 (englisch).
  28. Joseph Watson: Instruction of the deaf and dumb; or, a theoretical and practical view of the means by which they are taught to speak and understand a language; containing hints for the correction of impediments in speech: together with a vocabulary illustrated by numerous copperplates... In: Deaf Rare Books. 1. Januar 1809 (gallaudet.edu [abgerufen am 30. September 2025]).
  29. Braidwood Academy for the Deaf and Dumb. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  30. Thomas Braidwood. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  31. a b Barry A. Crouch, Brian H. Greenwald: The History Reader. Gallaudet University Press, Washington, D. C. 2007, ISBN 978-1-56368-359-6, Hearing with the Eye: The Rise of Deaf Education in the United States, S. 39 (englisch).
  32. André Daniel Laffon de Ladebat (1746-1829) – Find... Abgerufen am 30. September 2025.
  33. Home. Archiviert vom Original am 4. August 2025; abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  34. Donaldson's Building of Edinburgh Academy (former Donaldson's School for the Deaf), including East Wing and West Wing, and excluding gates, mid-20th century extensions to rear of East and West Wings, Music Block to rear of East Wing, and various ancillary buildings along boundary wall to west of main building (except for the separately listed gate lodge, west and north boundary walls and gatepiers [LB30042]), 54 Henderson Row, Edinburgh (LB27972). In: portal.historicenvironment.scot. Abgerufen am 23. Oktober 2021 (englisch).
  35. Edinburgh Institution for the Deaf and Dumb, Edinburgh, Scotland. Abgerufen am 1. Oktober 2025.