William L. Moore
William Lewis Moore (* 28. April 1927 in Binghamton, New York; † 23. April 1963 nahe Attalla, Alabama) war ein Briefträger aus Baltimore und Bürgerrechtler.
Leben
Moore war ein Sohn von Robert Hunter Moore (1906–1965) und dessen Frau Ruth Alberta (geborene Manning, 1907–1929). Nach dem frühen Tod der Mutter wuchs er gemeinsam mit seiner zwei Jahre älteren Schwester bei seinen Großeltern in Lauderdale County in den Südstaaten auf. Erst nach der erneuten Heirat des Vaters kamen die Kinder 1937 zurück nach Binghamton.[1]
Er hatte im Zweiten Weltkrieg bei den Marines auf Guam gedient, war Pazifist. Nach seiner Rückkehr in die USA erlitt er einen Nervenzusammenbruch und begab sich freiwillig für eine Therapie in eine Anstalt. Hier arbeitete er an einem Buch mit dem Titel The Mind in Chains, das von seinem Zusammenbruch und seiner Genesung handelte. Nach 20 Monaten wurde er als gesund entlassen, doch es blieb das Gefühl, anders zu sein als andere. Er arbeitete eine Zeit lang als Sozialarbeiter, gab diesen Beruf jedoch auf, nachdem er 3000 Dollar von seinem eigenen Geld für Hilfsbedürftige ausgegeben hatte. Er setzte sich insbesondere für die Gleichbehandlung von Schwarzen und Weißen ein und protestierte gegen den Rassismus in den Südstaaten der USA. Er heiratete und zog von Binghamton nach Baltimore und arbeitete als Aushilfsbriefträger. Er schloss sich einer lokalen Gruppe des Congress of Racial Equality (CORE) an, interessierte sich aber weniger für politische Strategien, sondern war der Meinung, dass jeder Einzelne durch das Handeln nach seinen Überzeugungen einen gesellschaftlichen Wandel bewirken könne.
Um seinen Standpunkt zu untermauern, ging er zu Fuß. Auf seinen Märschen lief er stets allein, so beispielsweise von Baltimore zum Kapitol in Annapolis, der Hauptstadt von Maryland, um gegen die Rassentrennung zu protestieren. Dabei lieferte er selbst geschriebene Briefe persönlich aus. Ein zweiter Fußmarsch brachte ihn zum Weißen Haus nach Washington, D.C., um Präsident John F. Kennedy einen Brief zu überbringen. Diesen konnte er jedoch nicht direkt aushändigen und er wurde von einem Wachmann aufgefordert, den Brief in den Briefkasten einzuwerfen. Anschließend reifte in ihm der Plan, einen noch längeren Marsch zu absolvieren. Er beabsichtigte, von Chattanooga aus nach Jackson, Mississippi zu wandern, um dem dortigen Gouverneur Ross Barnett einen Brief persönlich zu überreichen[2] und ihn zu drängen, die Integration zu akzeptieren. Für sein Vorhaben erhielt er nur wenig Unterstützung. CORE, das die blutigen „Freedom Rides“ unterstützt hatte, hielt diesen Marsch für zu gefährlich. Auch seine Frau Mary versuchte ihn davon abzuhalten. Seine Tante in den Südstaaten teilte ihm mit, dass ihm ihr Haus nicht offen stehen würde, sollte er sein Vorhaben umsetzen. Moore war bei seinen Großeltern in Mississippi aufgewachsen. Er fühlte sich der Region noch immer stark verbunden und ließ sich von der Kritik seiner Tante nicht abhalten. Bereits am ersten Tag seines Marsches wurde er nach dem Grenzübertritt nach Alabama von motorisierten Verkehrsteilnehmern als „Nigger-lover“ beschimpft und mit Steinen beworfen. Am nächsten Tag traf er auf einen streunenden Hund, mit dem er sich anfreundete. Von der Wanderung hatte er Blasen an den Füßen bekommen, so dass er seinen Weg barfuß fortsetzte.
Etwas südlich der Ortschaft Collbran in Alabama hörte der weiße Ladenbesitzer Floyd Simpson von dem Mann, der einen Postwagen schob und Schilder mit der Aufschrift „Integration“ trug, und beschloss, diesen Mann zu suchen. Moore erklärte Simpson seine Ansichten zur Rassengleichheit. Später schenkte Moore bei einem Lebensmittelladen seinen Hund einigen dort spielenden Kindern. Auf seinem Weg in Richtung Reece City machte er am Straßenrand eine Pause und schrieb seinen letzten Journaleintrag.
Am Abend wurde Moore erschossen aufgefunden.
Nach seinem Tod erlangte Moore eine öffentliche Glaubwürdigkeit, die er zu Lebzeiten nie erlangt hatte. Alabamas Gouverneur George Wallace und Präsident Kennedy verurteilten den Mord an ihm. Bürgerrechtsorganisationen veranstalteten Märsche und Gedenkgottesdienste. Innerhalb eines Monats wurden in Alabama 29 junge Menschen verhaftet, die versucht hatten, den von William Moore begonnenen Marsch fortzusetzen. Sie trugen Schilder mit der Aufschrift “Equal Rights for All, Mississippi or Bust” (deutsch: „Gleiche Rechte für alle, Mississippi um jeden Preis“).[3]
Untersuchungen durch das FBI
Rund 50 Jahre nach seinem Tod wurde der Fall erneut untersucht. Die Ermittler bestätigten, dass Moore von zwei Kugeln des Kalibers .22 getroffen und getötet wurde. Zudem waren zwei leere Patronenhülsen dieses Kalibers auf dem Boden in der Nähe der Leiche sichergestellt und analysiert und Floyd Simpson als möglicher Täter identifiziert. Diesen hatte Moore am selben Tag getroffen. Von mehreren Zeugen wurde ausgesagt, dass sie kurz vor der Schießerei einen schwarzen Buick Baujahr 1950 bis 1952 bei dem späteren Opfer gesehen hätten, und Simpson besaß ein solches Fahrzeug. Er wurde verhaftet und sein automatisches Gewehr Kaliber .22 wurde in seinem Haus beschlagnahmt. Gewehr, Kugeln und Hülsen wurden dem FBI-Labor zur forensischen Untersuchung übergeben.
Die Ermittlungen ergaben, dass der Bürgerrechtler Moore eigentlich als Briefträger in Baltimore arbeitete. Während seines Urlaubs begab er sich zu Fuß auf den Weg, um dem Gouverneur von Mississippi einen handgeschriebenen Brief zu überbringen. Seinen Marsch startete er am Nachmittag des 21. April 1963, um 14:45 Uhr in Chattanooga, Tennessee. Er führte einen kleinen Karren mit seinen persönlichen Sachen mit sich, an dem zwei Plakate angebracht waren. Auf dem vorderen Plakat stand “Eat at Joes Place, both black and white” (deutsch: „Esst bei Joe, sowohl schwarz als auch weiß“) und auf dem hinteren “Equal Rights for All, Mississippi or Bust” (deutsch: „Gleiche Rechte für alle, Mississippi um jeden Preis“). Moore soll zudem ein Plakat mit einem Jesusbild und der Überschrift “Wanted for Sedition” (deutsch: „Gesucht wegen Aufruhr“) mitgeführt haben. Im DeKalb County in Alabama näherte er sich dem Lebensmittelgeschäft von Floyd Simpson und wurde von diesem und zwei weiteren Männern angesprochen und nach seinen religiösen Überzeugungen befragt. Moore setzte anschließend seinen Weg fort. Gegen 15 Uhr hielt Gad Killian bei Simpsons Laden an, der von Jack Killian von der Begegnung mit Moore gehört hatte. Killian und Simpson fuhren die Route 11 entlang und stellten Moore wegen seiner Ansichten zu Integration, Ehen zwischen verschiedenen Rassen und Religion, erneut zur Rede. In seinem Journal hatte er die erste Begegnung um 10:30 Uhr mit dem Eintrag:
“10:30 – invited to chat with a few men who had heard about my walk on TV […]. They didn’t think I’d finish my walk alive. They didn’t think people believed I really stood for the things I do”
festgehalten. Ein weiterer Eintrag erfolgte um 3:30 Uhr:
“3:30 – fellow says my walk mentioned in today’s Birmingham Post-Herald. A couple of men who had talked to me before drove up and questioned my religious and political beliefs. «Now, I know what you are. And one was sure I’d be killed for them such as my ‘Jesus’ poster on my buggy’»”
Am 23. April 1963 gegen 7:30 p.m. wurde Moore etwa 30 Minuten lang von einem Reporter einer Radio-Station interviewt, der einen anonymen Anruf mit Hinweisen zu Moores Aufenthaltsort erhalten hatte. Er ließ sich Namen und Adresse von ihm geben und erhielt zudem die Auskunft, dass Moore plante, an diesem Abend im nahegelegenen D & J Truck Stop zu übernachten. Die Warnung, dass sein Leben in Gefahr sei, beachtete Moore nicht. Wenig später wurde um 8:59 p.m. von der Highway Patrol etwa vier Meilen südlich der Grenze zwischen Etowah und DeKalb County der Fund einer Leiche, die am Straßenrand liege, gemeldet. Eine Autopsie von Moores Körper ergab zwei Schusswunden: eine am Hals, die am Hinterkopf austrat, und eine zweite an der linken Stirn, die als Todesursache ermittelt wurde. Am 27. April 1963 wurde Simpson wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt und gegen eine Kaution von 5.000 Dollar freigelassen. Simpson starb am 22. Februar 1998, ohne dass eine weitere Anklage erhoben worden war.
Die erneute Untersuchung scheiterte daran, dass die meisten der damaligen Zeugen und Anwälte inzwischen verstorben und die Unterlagen zum Teil vernichtet waren. Gad Killian, der 2002 interviewt wurde, gab an, dass Simpson unschuldig gewesen sei, da er zum Zeitpunkt der Tat in seinem Laden war. Eine umfassende Überprüfung durch das FBI und Anwälte der Abteilung für Bürgerrechte des Justizministeriums ergab keine neuen Hinweise. Die Überprüfung deutete darauf hin, dass der wahrscheinlichste Täter der verstorbene Floyd Simpson war. Die Ermittlungen wurden eingestellt.[4]
Rezeption
- Der deutsche Liedermacher Wolf Biermann verarbeitete Moores Geschichte in der Ballade vom Briefträger William L. Moore,[5] die schon Mitte der 1960er Jahre auch von der amerikanischen Sängerin Hedy West in Pete Seegers Sendung The Rainbow Quest Episode 36 aufgeführt wurde.[6]
- Der amerikanische Songwriter Phil Ochs widmete Moore 1963 ebenfalls einen Protestsong.
- 2003 veröffentlichte Mary Stanton unter dem Titel Freedom Walk: Mississippi or Bust ein Buch über Moores Geschichte.
Späte Würdigung
- Moore ist einer von mehr als 40 Märtyrern, deren Name auf dem Bürgerrechtsdenkmal (englisch Civil Rights Memorial) in Montgomery, Alabama, verzeichnet sind. Es wurde 1989 von Maya Ying Lin entworfen und gestaltet.
- Am 23. April 2010 errichtete seine Heimatstadt Binghamton in New York eine Gedenktafel zu seinen Ehren.
- Im April 2019 wurde an dem Ort, wo Moore ermordet wurde, eine weitere Gedenktafel enthüllt.[7]
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Civil Rights Memorial
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Eintrag zu William Lewis Moore
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Gedenktafel in Binghamton, New York
Literatur
- Sara Bullard: William Moore 1927–1963 – Slain during One-Man March Against Segregation Atalla • Alabama. In: Free at last : a history of the Civil Rights Movement and those who died in the struggle. Oxford University Press, New York 1993, ISBN 0-19-508381-4, S. 58–59 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- Paige M. Fitzgerald: FBI report on the killing of William Lewis Moore. 2013 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Fünfzig Jahre nach der Ermordung Moores veröffentlichten das FBI und das Justizministerium diesen Bericht über die Untersuchung des ungelösten Falls.).
- Mary Stanton: Freedom walk : Mississippi or bust. University Press of Mississippi, Jackson, Miss 2003, ISBN 1-57806-505-4 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
Einzelnachweise
- ↑ Mary Stanton: Freedom walk : Mississippi or bust. University Press of Mississippi, Jackson, Miss 2003, ISBN 1-57806-505-4 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- ↑ Octavia Vivian: Coretta und Martin Luther King: gemeinsam für einen großen Traum. Hänssler, 2007, ISBN 978-3-7751-4762-0, S. 75–76 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- ↑ Sara Bullard: William Moore 1927–1963 – Slain during One-Man March Against Segregation Atalla • Alabama. In: Free at last : a history of the Civil Rights Movement and those who died in the struggle. Oxford University Press, New York 1993, ISBN 0-19-508381-4, S. 58–59 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- ↑ Paige M. Fitzgerald: FBI report on the killing of William Lewis Moore. 2013 (englisch, Textarchiv – Internet Archive – Fünfzig Jahre nach der Ermordung Moores veröffentlichten das FBI und das Justizministerium diesen Bericht über die Untersuchung des ungelösten Falls.).
- ↑ Manfred Krug und die Jazz Optimisten Berlin spielen Wolf Biermanns Ballade von dem Briefträger William L. Moore aus Baltimore
- ↑ Black and white unite unite im Videoarchiv – Internet Archive
- ↑ William Lewis Moore Historical Marker (englisch, hmdb.org).