Ballade vom Briefträger William L. Moore
Die Ballade vom Briefträger William L. Moore aus Baltimore ist ein politisches Lied des Liedermachers Wolf Biermann aus dem Jahr 1963, dem eine wahre Begebenheit zugrunde liegt. Es hat den Zusatz „… der im Jahre ’63 allein in die Südstaaten wanderte. Er protestierte gegen die Verfolgung der Neger. Er wurde erschossen nach einer Woche. Drei Kugeln trafen ihn in die Stirn.“
Hintergrund
In der Ballade erzählt Biermann die Geschichte des Protestes des Briefträgers William L. Moore gegen die Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten. Dieser machte sich zunächst von Baltimore zu Fuß auf den Weg zum Kapitol in Annapolis, der Hauptstadt Marylands, und von dort weiter nach Washington, D.C. zum Weißen Haus. Anschließend wanderte er über Chattanooga in Richtung Jackson, der Hauptstadt des Staates Mississippi, um der dortigen Regierung beziehungsweise dem Gouverneur Ross Barnett einen selbst verfassten Protestbrief auszuhändigen.[1]
Der Vorfall, der sich im April 1963 in den amerikanischen Südstaaten ereignete, erregte international großes Aufsehen. Biermann dichtete daraus eine Ballade. Der Weiße Moore hatte mehrere Protestmärsche veranstaltet, auf dem letzten entschloss er sich, allein in den Süden der Staaten zu gehen. Er fertigte dafür ein Schild mit einer deutlichen Aufschrift: “End Segregation in America! Black or White – Eat at Joe’s” (deutsch: „Beendet die Rassentrennung in Amerika! Schwarz oder weiß – esst bei Joe’s“) und auf dem hinteren “Equal Rights for All, Mississippi or Bust” (deutsch: „Gleiche Rechte für alle, nach Mississippi um jeden Preis“). Dies dichtete Biermann zu „Black and White, Unite! Unite! – White and black – die Schranken weg!“ um, wobei der erste Teil des Refrains in Großbuchstaben angegeben ist. Das Lied erzählt von den letzten acht Tagen im Leben des Briefträgers und von den Ereignissen, die Moore selbst, von Sonntag bis Sonntag, in seinem Tagebuch festgehalten hatte. Auf seinem Weg begegnete er Menschen, die ihm zustimmten und seinen Mut bewunderten, anderen, die ihm dringend von seinem Vorhaben abrieten und ihn zur Umkehr bewegen wollten, und jenen, die ihn ihre erbitterte Feindseligkeit spüren ließen. Moore wurde von den Letzteren auf offener Straße erschossen.[2]
Inhalt
Das Lied ist in acht Tages-Strophen unterteilt und beginnt und endet jeweils mit einem Sonntag. Am ersten Sonntag ruht sich William L. Moore von seiner Arbeit aus und man erfährt, dass er ein armer Briefträger ist, der ein Haus in Baltimore hat. Am Montag erzählt er seiner Frau von dem Plan, nach Süden zu wandern. Am Dienstag fährt er ein Stück mit der Eisenbahn und wird von Mitreisenden auf das Schild angesprochen, das er mit sich führt. Manche wünschen ihm viel Glück für seinen Weg. Am Mittwoch befindet er sich auf dem Weg nach Birmingham und schreibt in sein Journal, dass ihn die Füße schmerzen. Als er am Donnerstag auf den Sheriff trifft, fragt ihn dieser, warum er sich als „Weißer“ um die Schwarzen schere und dass es nicht ungefährlich sei, sich in Alabama für diese einzusetzen. Am Freitag trifft er einen streunenden Hund, der ihn ein Stück des Weges begleitet. Sie werden von einigen Leuten mit Steinen beworfen. Der Sonnabend ist sehr heiß und er trifft eine weiße Frau, die ihm etwas zu trinken gibt und ihm zuraunt, sie denke genauso wie er. Am Sonntag schließlich liegt er erschossen im Gras am Straßenrand. Auf der Stirn drei rote Einschusslöcher, die an Nelken erinnern.[3] Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt.
Dazwischen ein Refrain mit dem Text:
Black And White, Unite! Unite!
stand auf seinem Schild
White and Black – die Schranken weg!
und er ging ganz allein
Die zweite Zeile des Refrains variiert dabei beim ersten „schrieb er auf ein Schild“ und beim letzten Teil „steht auf seinem Schild“ und Zeile vier wird am Ende zu „und er starb ganz allein und er bleibt nicht allein“.
Rezeption
Die Ballade vom Briefträger William L. Moore wurde unter anderem
- 1964: Von Manfred Krug und den Jazz Optimisten Berlin bei einer öffentlichen Veranstaltung mit Jazz und Folksongs aufgeführt, die in der Ostberliner Kongresshalle am Alexanderplatz stattfand.[4]
- 1964: Fasia Jansen sang das Lied beim ersten Burg-Waldeck-Festival.[5]
- 1965/1966 aufgenommen: Die amerikanischen Sängerin Hedy West stellte das Lied in Pete Seegers Sendung The Rainbow Quest Episode 36 vor, wobei sie ihren Gesang am Banjo begleitete.[6]
- 1968: Eric Bentley, Allan Miller: Ballad Of The Letter Carrier William L. Moore[7]
- mehrfach in Schulbüchern abgedruckt
Eine von dem Plattenlabel Eterna bereits in hoher Auflage gepresste Schallplatte, auf der dieses Lied neben fünf anderen von Biermann zu hören war, durfte nie in den Verkauf gebracht werden. Dabei handelte es sich um einen Mitschnitt des VEB Deutsche Schallplatten von dem Konzert. Obwohl es von Manfred Krug und nicht von Biermann selbst gesungen wurde, hatte das Ministerium für Kultur den Verkauf untersagt.[10] Dabei galt der Vortrag der Ballade vom Briefträger William L.-Moore aus Baltimore als einer der Höhepunkte der Veranstaltung.[11]
Aufnahmen (Auswahl)
- Jazz Und Lyrik Dezember 1965 (Vinyl, LP, Album, Interpret Manfred Krug mit der Rhythmusgruppe der Jazz-Optimisten Berlin, DDR, Lied A7)
- Bentley On Biermann 1968, Broadside Records, Interpret Eric Bentley (Gesang) und Allan Miller (Gitarre) (12″-Vinyl, als Ballad Of The Letter Carrier William L. Moore, Lied A3)
- Wolf Biermann: VEBiermann 1988, EMI Electrola – CDP 566-7 91258 2 (CD, Lied 19)
- Wolf Biermann: VEBiermann (Uralte Lieder Vom Jungen Wolf) 1990, EMI Electrola – 7 91258 1 (Vinyl, LP, Album, Special Edition, Lied B9)
- Manfred Krug – Die Frühen Jahre 1990, Musicando – 2460 016 (Vinyl, LP, Compilation, Stereo, Lied A7)
- Die Burg Waldeck Festivals 1964–1969 2008, Bear Family Records – BCD 16017 JC (10 CDs, Compilation, CD 1, Interpretin Fasia Jansen, Lied 25)
Literatur
- Walter Falk: Helmut Bernsmeier: Wolf Biermann (geb. 1936) oder das große Gebet eines Kommunisten. In: Epochale Hintergründe der antiautoritären Bewegung – ein Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Diagnose der Sozialgeschichte. P. Lang, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-8204-7246-0, S. 196–198 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
Weblinks
- Ballade Vom Briefträger William L. Moore. discogs.com
Einzelnachweise
- ↑ Miles Johnson: A Postman’s 1963 Walk For Justice, Cut Short On An Alabama Road. 14. August 2013 (npr.org).
- ↑ Walter Falk: Helmut Bernsmeier: Wolf Biermann (geb. 1936) oder das große Gebet eines Kommunisten. In: Epochale Hintergründe der antiautoritären Bewegung : ein Beitrag zur literaturwissenschaftlichen Diagnose der Sozialgeschichte. P. Lang, Frankfurt am Main 1983, ISBN 3-8204-7246-0, S. 196–198 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- ↑ Wolf Biermann: Die Ballade vom Briefträger William L. Moore aus Baltimore. In: Die Drahtharfe. Balladen, Gedichte, Lieder. Klaus Wagenbach, Berlin 1965, S. 27–29 (Textarchiv – Internet Archive – Liedtext, Leseprobe).
- ↑ Manfred Krug und die Jazz Optimisten Berlin spielen Wolf Biermanns Ballade von dem Briefträger William L. Moore aus Baltimore;
1965 als Langspielplatte gepresst - ↑ Eckard Holler: The Burg Waldeck Festivals, 1964–1969. In: Protest Song in East and West Germany since the 1960s. Camden House, Rochester, N.Y. 2007, ISBN 978-1-57113-281-9, S. 107 (englisch, Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Black and white unite unite im Videoarchiv – Internet Archive
- ↑ Eric Bentley singt Biermanns Ballade (youtube.com).
Englische Übersetzung von Bentley (scarriet.wordpress.com). - ↑ Wolf Biermann: Die Ballade von dem Briefträger William L. Moore aus Baltimore. In: Lesebuch Schuljahr 7. Diesterweg, Frankfurt am Main 1984, S. 54–56 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Elke Beile-Staudt, Katrin Bothe, Günter Lange: Ballade vom Briefträger William L. Moore. In: Unterwegs, Lesebuch, Allgemeine Ausgabe, neue Rechtschreibung. Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-12-308810-3, S. 46–47 (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ Dieter E. Zimmer: Wolf Biermann wird nicht vergessen. In: Hans Mayer (Hrsg.): Deutsche Literaturkritik der Gegenwart. Goverts, Stuttgart 1971, ISBN 3-7740-0402-1, S. 465–480, hier S. 470–471 (Textarchiv – Internet Archive – Leseprobe).
- ↑ Jazz und Lyrik. In: Melodie und Rhythmus. Band 1, 1965, S. 8 (Textarchiv – Internet Archive).