Vicus Gressenich
Der Vicus Gressenich, der vermutlich dem antiken Crasciniacum entspricht, ist eine römische Zivilsiedlung (Vicus), die vom frühen 1. bis ins 4. Jahrhundert auf dem Gebiet von Gressenich – einem Stadtteil von Stolberg (Rheinland) in der Städteregion Aachen – bestand. Bewohnt wurde die Gegend vom germanischen Stamm der Ubier, die während der zweiten Statthalterschaft des Marcus Vipsanius Agrippa um 19/18 v. u. Z. dorthin umgesiedelt und später romanisiert worden waren. Administrativ gehörte das Gebiet zunächst zur Provinz Gallia Belgica, ab Domitian (81–96) zur Germania inferior. Crasciniacum war eine Siedlung, auf deren Gebiet schon in römischer Zeit nach Galmei geschürft, dieses verhüttet und zu Messing weiterverarbeitet wurde. Auch die Endprodukte aus Messing wurden hier hergestellt und überregional gehandelt.
Lage und Forschungsgeschichte
Gressenich liegt auf einem flachen, nicht allzu hohen Bergrücken (235 bis 260 m NHN), der im Osten durch das Tal des Wehebachs begrenzt wird. Im modernen Siedlungsbild liegt es rund 5,5 km westlich der Stolberger Kernstadt. Spätestens seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war Gressenich als Fundort römischer Artefakte bekannt, ab der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts wurde gezielt danach gesucht, die Funde und Fundorte wurden dokumentiert und publiziert. Zu dieser Zeit sollen auch noch römische Mauerzüge oderirdisch im Gelände erhalten gewesen sein.[1] Die damals im Fundmaterial enthaltenen Münzen reichten von Augustus (31 v. u. Z. bis 14 u. Z.) bis zu Konstantin I. (306–337). Heute wissen wir, dass der Vicus vom frühen 1. bis zum 4. Jahrhundert bestand, eine Siedlungskontinuität bis in die Zeit der Merowinger und Karolinger ist durch entsprechendes Fundmaterial belegt, wenngleich sich der Siedlungsschwerpunkt in dieser Zeit etwas nach Norden hin verlagerte. Aufgrund der Funde und der Namensähnlichkeit wurde Gressenich mit dem antiken Crasciniacum gleichgesetzt,[2] ein Name, der für das Jahr 842 erstmals urkundlich verbürgt ist, aber möglicherweise bis in frührömische Zeit zurückreicht. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Bodeneingriffe in der Gegend systematisch – präventiv oder baubegleitend – wissenschaftlich-archäologisch betreut. Die letzte Ausgrabung fand 2002 unter der Leitung von Thomas Ibeling nahe des Gressernicher Sportplatzes statt.[3][4]
Befunde
Die Trümmerstellen und Fundkonzentrationen zeigen das Bild eines ausgedehnten Vicus, der sich vermutlich über die gesamte Hochfläche zwischen Gressenich und Mausbach erstreckte und durch einige Straßen an das Umland angeschlossen war.[5] Die Befunde bestanden aus Mauerzügen mehrräumiger Gebäude, die teilweise zu Wohnzwecken, teilweise aber auch eindeutig als Produktionsbetriebe dienten, worauf die Funde von zahlreichen Schlackeresten und ganzen Schlackehalden sowie von Abfällen der Metallproduktion verweisen.[6] Der in der Gegend natürlich vorkommende Galmei aus den Gebieten der nahe gelegenen Erzgrube Diepenlinchen[7] und der Erzgrube Breinigerberg[8] wurde in Gressenich zu Zink reduziert und anschließend zu Messing und seinen Endprodukten weiterverarbeitet, die überregional gehandelt wurden. Im Bereich der Flur „Weihernest“ wurde zudem ein weitläufiges Gräberfeld lokalisiert, das sowohl Körperbestattungen als auch Brandgräber enthielt. Bei den jüngsten Ausgrabungen im Jahr 2002 konnte eine vermutete latènezeitliche Vorgängersiedlung nicht nachgewiesen werden. Die Funde und Befunde reichen nur bis in die Römerzeit zurück. Für diese konnten zwei Besiedlungsphasen differenziert werden:[4]
- Frührömische Siedlungsphase des 1. und 2. Jahrhunderts
Diese manifestierte sich in zahlreichen pfostenartigen und einigen grubenartigen Befunden, die sich über das gesamte Untersuchungsgebiet verteilten und insgesamt drei verschiedenen Hausgrundrissen zugeordnet werden können. Das Fundmaterial setzte sich aus Keramik (rauhwandige und glattwandige Ware, Terra Nigra, Engobierte Ware und Terra Sigillata, darunter Halterner Töpfe, Töpfe mit abgesetztem Hals und ausbiegendem Rand, Dolien, Bandrandgefäße, eine Reibschüssel mit Vertikalrand, Näpfe mit kalottenförmiger Wandung sowie ein Teller mit schräg aufsteigender Wandung und ausschwingendem Rand) sowie den Fragmenten zweier Fibeln zusammen. Daneben fanden sich einzelne, eher archaisch anmutende Keramikfragmente, die möglicherweise als einheimische Ware eisenzeitlicher Tradition angesprochen werden können.[4]
- Spätrömische Siedlungsphase des 2./3. bis 4. Jahrhunderts
Die Gebäude der späteren Siedlungsphase waren keine Pfostenbauten mehr, sondern waren auf mit verdichtetem Schottermaterial gefüllten Fundamentgräben errichtet worden. Ob es sich beim Aufgehenden um reine Steinbauten oder um eine Mischbauweise handelte, lässt sich nicht mehr erschließen. Es konnte nur der Rest einer Bruchsteinsetzung festgestellt werden, die zu einem langrechteckigen, 4,80 m breiten und mindestens 9,00 m langen Bauwerk gehörten. Das Fundinventar war deutlich geringer und typologisch kaum verwertbar. Ein Randstück aus Mayener Ware kann aber als Beleg für das Fortbestehen der Siedlung bis in das 4. Jahrhundert hinein betrachtet werden.[4]
Votivstein von 238
Zum Fundmaterial gehören auch zwei Inschriftensteine, von denen einer bereits 1755 entdeckt wurde und durch die darauf enthaltenen Konsulatsangaben des Gaius Fulvius Pius und des Quintus Pontius Proculus Pontianus exakt auf das Jahr 238 datiert werden konnte.[9]
Die Inschrift lautet:
“[I(ovi) O(ptimo) M(aximo)] / ET GENIO LOCI PRO / SALUTE IMPERI MA / SIUS IANUARI ET TI / TIANUS IANUA / RI V(otum) S(olverunt) L(ubentes) M(erito) SUB CU / RA MASI S(upra) S(cripti) ET / MACERI ACCEP / TI PIO ET PROCLO / [consulibus]”
„Jupiter, dem besten und größten, und dem Schutzgeist des Ortes haben für das Heil des Reiches Masius, (Freigelassener) des Januarius, und Titianus, (Freigelassener) des Januarius, ihr Gelübde gern und verdientermaßen eingelöst unter der Sorge des obenstehenden Masius und des Macer Acceptus in dem Jahr, als Pius und Proclus Konsuln waren.“
Heute befindet sich der Votivstein in Kornelimünster an der Alten Vogtei in der Klauser Straße 8.[10]
Hemmoorer Eimer
Möglicherweise wurden in den metallverarbeitenden Betrieben in Gressenich (oder Breinigerberg) die sogenannten Hemmoorer Eimer produziert und von dort aus nach Norddeutschland in die sog. Germania magna exportiert. Aufgrund der Galmeilagerstätten im Umkreis Gressenichs vermutet eine Hypothese bei der Analyse der Eimer diese Gegend als ihr zentrales Herstellungsgebiet, weswegen sie in der Literatur gelegentlich auch als Gressenicher Eimer bezeichnet wurden.[11] Andere Hypothesen sehen eher den Nordosten Frankreichs, das Rheinische Schiefergebirge oder den Harz als potenzielle Produktionsorte.[12] Zur endgültigen Lokalisierung werden weitere Untersuchungsergebnisse abgewartet werden müssen.[4]
Denkmalschutz
Der Vicus und das Gräberfeld Gressenich sind auf Grundlage des Denkmalschutzgesetzes Nordrhein-Westfalen (DSchG NRW) besonders geschützt und als Bodendenkmal Bod 32 in die Stolberger Denkmalliste eingetragen.
Literatur
- Johann Hubert Kessel: Das Dorf Gressenich und seine Alterthümer. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 2 (1880), S. 141–153 (Digitalisat).
- Friedrich von Werner: Beiträge zur ältern Geschichte von Gressenich. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 3 (1881), S. 138–147 (Digitalisat).
- Franz Cramer: Die Namen Jülich und Gressenich. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 26 (1904), S. 327–343 (Digitalisat).
- Heinrich Willers: Neue Untersuchungen über die römische Bronzeindustrie von Capua und von Niedergermanien. Hahn, Hannover und Leipzig 1907, S. 37–44 (Digitalisat)
- Antonius Jürgens, Thomas Vogt: Reste römischer Gewerbebetriebe in Stolberg-Gressenich, Kr. Aachen. In: Ausgrabungen im Rheinland 1979/80. Rheinland-Verlag, Köln 1981, ISBN 3-7927-0601-6, S. 129–132.
- Renate Gerlach und Sven Olbrechts: Römische Messingindustrie am Eifelnordrand?. In: Harald Koschik (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 1992. Rheinland-Verlag, Köln 1993, ISBN 3-7927-1384-5, S. 58–60.
- Willi Frentz: 842 Crasciniacum – 1992 Gressenich. Eine Ortschronik. Gressenicher Ortsverein, Primus-Druck, Eschweiler o. J. [1992].
- Margareta Siepen: Hemmoorer Eimer – Made in Gressenich? In: Archäologie im Rheinland 2009. Theiss, Stuttgart 2010, S. 110–111 (Digitalisat).
Weblinks
- Thomas Ibeling: Grabungsbericht zur Maßnahme NW 2002/1078. Stolberg-Gressenich, Städteregion Aachen. Wurzel, Jülich 2003
Einzelnachweise
- ↑ Johann Hubert Kessel: Das Dorf Gressenich und seine Alterthümer. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 2 (1880), S. 141–153 (Digitalisat); Friedrich von Werner: Beiträge zur ältern Geschichte von Gressenich. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 3 (1881), S. 138–147 (Digitalisat).
- ↑ F. Cramer: Die Namen Jülich und Gressenich. In: Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins 26 (1904), S. 327–343, insbesondere S 337ff. (Digitalisat).
- ↑ Grabung 2002: 50° 46′ 11″ N, 6° 17′ 52″ O
- ↑ a b c d e Thomas Ibeling: Grabungsbericht zur Maßnahme NW 2002/1078. Stolberg-Gressenich, Städteregion Aachen. Wurzel, Jülich 2003.
- ↑ Dietmar Kottmann: Beobachtungen zum römischen Wegenetz im Aachener Umland. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 343–354.
- ↑ Antonius Jürgens, Thomas Vogt: Reste römischer Gewerbebetriebe in Stolberg-Gressenich, Kr. Aachen. In: Ausgrabungen im Rheinland 1979/80. Köln 1981, S. 129–132.
- ↑ Erzgrube Diepenlinchen: 50° 45′ 55,19″ N, 6° 16′ 23,26″ O
- ↑ Erzgrube Breinigerberg: 50° 44′ 15″ N, 6° 14′ 19″ O
- ↑ CIL XIII, 7844 = HD082480; daneben fand sich auch noch CIL XIII, 12386 Siehe Karl Leo Noethlichs: Das Umfeld des römischen Aachens anhand von Inschriften in der Belgica und Germania Inferior. In: Raban von Haehling, Andreas Schaub (Hrsg.): Römisches Aachen. Archäologisch-historische Aspekte zu Aachen und der Euregio. Schnell & Steiner, Regensburg 2013, ISBN 978-3-7954-2598-2, S. 355–368.
- ↑ Votivstein von 238 auf geschichte-mausbach.de, abgerufen am 14. November 2025; Klauser Straße 8 als Teil der Alten Vogtei auf geoserver.aachen.de, abgerufen am 14. November 2025.
- ↑ Heinrich Willers: Neue Untersuchungen über die römische Bronzeindustrie von Capua und von Niedergermanien. Hahn, Hannover und Leipzig 1907, S. 64.
- ↑ Jean R. Maréchal: Zur Frühgeschichte der Metallurgie. Junker, Lammersorf 1962.