Ursel Lorenzen

Ursel Lorenzen (* 1937 in Hamburg), verheiratete Sturm, war eine Mitarbeiterin der NATO, die von 1961 bis 1979 als Agentin des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR tätig war.

Leben

Lorenzen lernte im September 1954 die Mutter von Dieter Will, ihren späteren Instrukteur, Resident und Ehemann, kennen. Will war 1933 in Mainz geboren, lebte 1954 aber in der DDR. Über London kam Lorenzen 1955 nach Paris und arbeitete als Sekretärin von Ruth Fischer, die in der Weimarer Republik Vorsitzende der Kommunistische Partei Deutschlands war. Will war spätestens 1958 in den Fokus des MfS gekommen. Er studierte dann, offenbar im operativen Auftrag, an der Sorbonne.[1] Will war als Inoffizieller Mitarbeiter Bordeaux unter der Registriernummer XV/962/60 ab 1960 für die HV A III erfasst, ab 1972 für die HV A XII und ab 1974 für die HV A XII/7.[2]

Im März 1961 warb das Hauptverwaltung A (HV A) Lorenzen an. Lorenzens Deckname war kurzzeitig Mosel, dann Michele oder Michelle. Sie wurde unter der Registriernummer XV/797/61 anfangs für die Abteilung III, ab 1972 für die Abteilung XII der HV A erfasst. Lorenzen arbeitete in der Deutschen Botschaft Paris und ab Januar 1967 zunächst als Empfangssekretärin im NATO-Hauptquartier, das zu jener Zeit noch in Paris war. Nach dem Umzug nach Brüssel wurde sie Assistentin des Direktors für Ratsangelegenheiten im Generalsekretariat der NATO, dem britischen Beamten Terence Moran, der die Operationsabteilung des NATO-Rats leitete. Hier hatte sie auch Zugriff auf die Verschlusssachen-Registratur, einschließlich Verschlusssachen in Zusammenhang mit Kernwaffen, die mit dem Schutzwort Atomal versehen waren. Sie meldete an die HV A über Tagungen von NATO-Führungsgremien, dazugehörige Materialien und Beschlüsse, Streitkräfte-, Rüstungs- und Infrastrukturplanungen, zu Abrüstung, Bündnisbeziehungen und zum Langzeitverteidigungsprogramm (LTDP). Sie war es, die das neue militärstrategische Konzept der Flexible Response (MC 14/3) für die HV A beschaffte. In den 1970ern konnte sie Leitdokumente zu nuklearen Anforderungs-, Freigabe-, Planungs- und Mitwirkungsprozessen liefern, die für den gesamten Warschauer Pakt enormen Wert hatten. Lorenzen ließ die Unterlagen von ihrem Lebensgefährten, Instrukteur und Resident Will zu Hause ablichten.[1] Weiteres Verratsmaterial umfasste Material zu den Stabsrahmenübungen WINTEX/CIMEX, HILEX und Big Lift, zur Nuklearen Planungsgruppe und zum NATO-Alarmsystem.[3]

Im Januar 1979 lief Werner Stiller vom MfS in den Westen über. Der Chef der HV A, Markus Wolf, wurde zudem 1979 bei einem Führungstreff in Stockholm fotografiert (und das Foto als Titelbild des Spiegels veröffentlicht). Lorenzen und Will hatten sich 1978 ebenfalls zu einem Führungstreff mit dem hochrangigen MfS-Offizier Horst Jänicke dort aufgehalten. Daraufhin wurde aus Sicherheitsgründen die Leitungsentscheidung getroffen, Lorenzen und Will abzuziehen, wogegen die zuständige Abteilung XII heftig protestierte. Am 5. März 1979 setzten sich Lorenzen und Will über Jugoslawien in die DDR ab.[1] 1980 wurde auch die DDR-Spionin Imelda Verrept aus dem NATO-Hauptquartier abgezogen, sodass nur noch Rainer Rupp als dortige DDR-Quelle verblieb.

In der DDR heirateten Lorenzen und Will und nahmen den Ehenamen Sturm an. Ab 1983 war das Ehepaar als Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) unter der Registriernummer XV/4188/83 nacheinander für die HV A XII/Ltg., HV A/AG OB (operative Betreuung) und HV A XIX/2" erfasst.[2]

Lorenzen und Will leugneten eine Tätigkeit für das MfS; diese konnte aber später durch die Rosenholz-Dateien belegt werden. In der MfS-Datenbank SIRA sind für Lorenzen von 1969 bis 1979 insgesamt 151 beschaffte Informationen verzeichnet. Von 82 bewerteten Informationen erhielten 33 die Bestnote I (sehr wertvoll), insbesondere solche über die NATO-Verteidigungsplanung; weitere 30 die zweitbeste Note II (wertvoll).[2]

Auf einer internationalen Pressekonferenz in Ost-Berlin berichtete Lorenzen am 17. Januar 1980 ausführlich über angebliche NATO-Pläne zum Einsatz von Kernwaffen in Europa.[4] Im selben Jahr wurde ihr der Karl-Marx-Orden, die bedeutendste und höchst dotierte Auszeichnung der DDR, verliehen.[5] Im Jahre 1989 zeigte das Fernsehen der DDR den nach einem Drehbuch von Karl Georg Egel unter der Regie von Horst Seemann entstandenen Dreiteiler Vera, Der schwere Weg der Erkenntnis über das Leben Lorenzens.

Bis kurz vor der deutschen Wiedervereinigung lebte Lorenzen mit ihrem Mann in der DDR. Im September 1990, als diese unmittelbar bevorstand, verließ das Ehepaar das Land, um sich einer Verhaftung zu entziehen, da in der Bundesrepublik Deutschland immer noch ein Haftbefehl gegen sie bestand.[4] Die Ermittlungen gegen Lorenzen wurden 1999 wegen Verjährung eingestellt. Es wurde damals vermutet, dass sie sich in Libyen aufhält.[6]

Literatur

Commons: Ursel Lorenzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Helmut Müller-Enbergs: Die HV A und ihre Militärspionage: Analysen und Fallstudien (= BundesarchivStasi-Unterlagen-Archiv – Abteilung Vermittlung und Forschung [Hrsg.]: BF informiert. Band 44). 2. durchgesehene und geringfügig erweiterte Auflage. Berlin 2024, ISBN 978-3-946572-38-1, S. 103 f. (PDF).
  2. a b c Georg Herbstritt: Bundesbürger im Dienst der DDR-Spionage: eine analytische Studie. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2007, ISBN 978-3-525-35021-8, S. 304 (Fn. 7).
  3. Klaus Marxen und Gerhard Werle: Spionage (= Strafjustiz und DDR-Unrecht: Dokumentation. 4, Teilband 1). De Gruyter Recht, Berlin 2004, ISBN 3-89949-080-0, S. 947, 958, 963.
  4. a b Verdiente Kundschafter. Spionage. In: Der Spiegel. 15. Juli 1991, abgerufen am 29. Dezember 2025.
  5. Ursel Lorenzen. In: oiger.de, Heiko Weckbrodt. 15. Januar 2015, abgerufen am 13. Februar 2025.
  6. Das Ende einer Flucht. Agentenjagd. In: Focus Magazin. 13. Dezember 1999, abgerufen am 11. Mai 2016.