Tjuneroy

Tjuneroy in Hieroglyphen
Name




Tjuneroy
Ṯwnrjj[1]
1. Titel


Cheri-habet-heri-tep (H̱rj-ḥ3bt-ḥrj-tp)
Cheri-hebet-heri-tep (H̱rj-ḥbt-ḥrj-tp)
Oberster, der / welcher unter der Festrolle ist (= sie trägt).
/ Oberster Vorlesepriester[2][3]
2. Titel

Sesch-nesu
Sš-nsw
Schreiber des Königs
Tjuneroy (links) und sein Bruder Paser auf einer Stele (Inventarnummer EA 165) im British Museum (Ausschnitt)

Tjuneroy (auch Tjuloy) war ein hoher altägyptischer Beamter und Priester, welcher unter Ramses II. in der 19. Dynastie wirkte. Bekannt wurde er durch ein Grabrelief, auf dem die Königsliste von Sakkara abgebildet ist. Über seine Person hingegen ist wenig bekannt.[4]

Name

Die Umschrift seines Namens ist in der ägyptologischen Literatur uneinheitlich. Die hieroglyphische Schreibung



ist „bei einer Anzahl von „syllabisch“ geschriebenen Worten und Eigennamen wohl als l zu deuten“.[5] Daher kommt es z. B. zur Lesung „Tjuloy“. Der Name „ist ägyptisch und gehört zu dem vermutlichen Lehnwort [ṯnr] „stark, tüchtig, tapfer“ ..., das als PN [Personenname] – auch mit der Endung -ja usw. – sehr häufig belegt ist“.[6][7]

Amt und Titulaturen

Tjuneroy bekleidete hohe Ämter. So war er unter anderem:

  • Rech-nesu: „Bekannter des Königs“
  • Cheri-hebet-heri-tep: „Oberster Vorlesepriester
auch Cheri-habet-heri-tep (H̱rj-ḥ3bt-ḥrj-tp)[8]
  • Sesch-nesu: „Schreiber des Königs“
  • Imi-ra-kat-m-menu-neb(u)-en-nesu: „Vorsteher der Arbeiten in allen Denkmälern des Königs“
  • Seschemu-heb-en-netjeru-nebu: „Leiter der Feste aller Götter“
  • Uputi-nesu-[er-chasut-nebet]: „Königlicher Bote [zu allen Fremdländern]“

Als „Oberster Vorlesepriester“ war er Ritualmeister am Königshof und hatte Zugang zu alten Schriften. Als „Königlicher Bote zu allen Fremdländern“ hatte er auch Aufgaben in den ausländischen Provinzen, vielleicht sogar diplomatische Aufgaben, zu erbringen.[9]

Familie

Tjuneroy stammt aus einer Familie hoher Beamter. Sein Vater war Paser I., mit ihm hatte Tjuneroy den Titel „Schreiber des Königs“ gemein. Paser I. trug den Titel Sab („Richter“ o. ä.) und war „Vorsteher des Hauses des Amun“. Tjuneroys Schwester hieß Iitneferti, sein Bruder Paser (II.). Letzterer war „Schreiber des Königs“ und „Vorsteher der Maurer des Herrn der Beiden Länder“. Tjuneroys Gemahlin war die „Dame des Hauses“ Naschait. Ein Teil der Familie erscheint auf einer Stele aus dem Grab von Paser II. Diese befindet sich heute im British Museum in London (Inventarnummer EA 165). Die sonstigen Verwandtschaftsverhältnisse können nach den Funden aus Tjuneroys Grab sowie aus dem Grab Pasers II. vervollständigt werden.[10] Aus Piramesse stammt eine steinerne Türfassung mit seinem Namen, die andeutet, dass er in dieser Stadt ein Haus bewohnte.[11]

Grab

Tjuneroys Grab liegt in Sakkara, wo es Ende 1858 entdeckt[12] und danach ausgegraben wurde. Es gilt seitdem als verschollen. Tatsächlich wurde es aber vom damaligen Bürgermeister von Sakkara zerstört, wie Auguste Mariette später berichtete.[13] Aus dem Grab stammen die Königsliste von Sakkara sowie zahlreiche Darstellungen des Tjuneroy vor Gottheiten betend. Auch ein Bruchstück einer Statue ist erhalten geblieben; ein knieender Tjuneroy hält eine Osirisfigur vor sich (Kairo, Ägyptisches Museum, Inventarnummer CG 1105).[14] Oberkörper und ein Teil der Fußplatte fehlen. Inschriften geben Name und Titel an. Aus seinem Grab stammen vier Kanopengefäße, die sich heute im Brooklyn Museum in New York City befinden (Inventarnummern: Charles Edwin Wilbour Fund 48.30.1a-b, 48.30.2a-b, 48.30.3a-b und 48.30.4a-b). Lange Zeit wurde ihm auch ein „Stelenfragment“ mit Texten aus dem Totenbuch zugewiesen (Kairo, Ägyptisches Museum, Inventarnummer JE 18924).[15] Nachdem diese Stele (vollständig, kein Fragment) inzwischen veröffentlicht wurde, ist klar, dass sie einem anderen Tjuneroy gehört, der den Titel Sesch-qedut „Zeichner, Umrisszeichner“ trägt. Aufgrund stilistischer Merkmale wird diese Stele in die Zeit von Amenophis III. / Thutmosis IV. (18. Dynastie) datiert.[16]

Königsliste

Das Relief mit der Königsliste zeigt Tjuneroy mit runder Löckchenperücke und kurzem Kinnbart. Er hält in seiner linken Hand eine Papyrusrolle, die rechte Hand streckt er zur Königsliste hin aus. Die Liste enthielt dereinst 58 Königskartuschen, durch die Arbeiten am Wandrelief, während derer das Kunstwerk zerlegt und wegtransportiert werden sollte, wurden einige der Kartuschen beschädigt, sodass heute nur noch 50 Namen lesbar sind. Einer altägyptischen Tradition folgend, beginnt die Königsliste eigentlich oben rechts, in Zeile 1, mit Ramses II. und listet dessen Vorgänger chronologisch rückwärts auf, die originale, altägyptische Leserichtung ist also von rechts nach links. Die einzelnen Kartuschen selbst werden abwechselnd mit einer sitzenden Königsfigur mit roter Krone und mit weißer Krone eingeleitet und übereinstimmend mit Maa-cheru (zu deutsch „Wahr an Stimme“) abgeschlossen. Die Königsliste endet, gemäß traditioneller Lesung, unten links, in Zeile 2, mit König Anedjib (hier mit Meribiapen wiedergegeben), dem sechsten Regent der 1. Dynastie, dessen Nachfolger Semerchet wird hier unerklärlicherweise übersprungen. Auch ist unbekannt, warum sämtliche Könige der 1. Dynastie vor Anedjib fehlen. Bis König Qaa (mutmaßlich letzter Herrscher der 1. Dynastie, hier mit Qebehu-chentj wiedergegeben) deckt sich die Königsliste fast vollständig mit der Auflistung im Turiner Königspapyrus. Heute befindet sich das Wandrelief im Ägyptischen Museum in Kairo (Inventarnummer CG 34516).

Siehe auch

Literatur

  • Kenneth A. Kitchen: Ramesses II, his Contemporaries (= Ramesside Inscriptions: Historical and Biographical. Band 3). Blackwell, Oxford 1980, S. 479–489 (online auf Internetarchive).
  • Dietrich Wildung: Die Rolle ägyptischer Könige im Bewußtsein ihrer Nachwelt (= Münchener Ägyptologische Studien. Band 17). Deutscher Kunstverlag, München / Berlin 1969, S. 34 & 35.
  • Michael Rice: Who's who in ancient Egypt. Routledge, London / New York 1999, ISBN 0-415-15448-0, S. 209.
  • Robert Morkot: The Egyptians: an introduction. Routledge, London / New York 2005, ISBN 0-415-27103-7, S. 74.
  • Bertha Porter, Rosalind L. B. Moss, Ethel W. Burney: Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. Band III: Memphis. Teil 2: Ṣaqqâra to Dahshûr. 2., von Jaromír Málek überarbeitete und erweiterte Auflage. Griffith Institute / Ashmolean Museum, Oxford 1981, ISBN 0-900416-23-8, S. 666–667 (Volltext als PDF; 34,7 MB); abgerufen über The Digital Topographical Bibliography.

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. Hermann Ranke: Die altägyptischen Personennamen. Band 1, Augustin, Glückstadt 1935, S. 381, Nr. 24 (online als PDF). Ranke liest Tnrj.
  2. Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch-Deutsch. Die Sprache der Pharaonen. (2800 – 950 v. Chr.) Zabern, Mainz 1995, S. 521, 639, 640.
  3. Eintrag „Cheriheb“ in: Wolfgang Helck, Eberhard Otto: Lexikon der Ägyptologie. Band 1: A-Ernte. Harrassowitz, Wiesbaden 1975, Spalte 940: „Der Priestertitel Cheriheb ist genauer ẖrj (alt: ẖrw) ḥbt zu lesen und bedeutet „der das Ritualbuch trägt“, daher „Vorlesepriester“, „Lector-priest“, „Prêtre lecteur“ übersetzt.“
  4. Zusammenstellung aller biographischen Texte: K. A. Kitchen: Ramesses II, his Contemporaries (= Ramesside Inscriptions: Historical and Biographical. Band 3). Oxford 1980, S. 479–489.
  5. Hermann Ranke: Die altägyptischen Personennamen. Band 2. Augustin, Glückstadt / Hamburg 1952, S. 160–161 (online als PDF).
  6. Thomas Schneider: Asiatische Personennamen in ägyptischen Quellen des Neuen Reiches. (= Orbis Biblicus et Orientalis. Band 114). Universitätsverlag, Freiburg Schweiz / Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1992, ISBN 3-7278-0806-3 (Universitätsverlag) / ISBN 3-525-53748-4 (Vandenhoeck & Ruprecht), S. 297 [F 28]. (online)
  7. Zum Wort ṯnr: Rainer Hannig: Großes Handwörterbuch Ägyptisch – Deutsch (2800–950 v. Chr.). Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1771-9, S. 958.
  8. Das Wort ḥbt stammt von ḥ(3)b „Fest“ ab. Die Lesung ḥ3b mit 3 gilt inzwischen aufgrund einer Stelle in den Pyramidentexten als gesichert. „... sollte die korrekte Transkription demnach ẖrj-ḥ3bt lauten, auch wenn diese Schreibung nie vorkommt und archaischer Gepflogenheit entsprechend zumal die Femininendung t unterdrückt wird.“ (Elmar Edel: Altägyptische Grammatik. Band I–II. (= Analecta Orientalia. Band 34 / 39). Pontificium Institutum Biblicum, Rom 1955–1964, S. 45 (§ 104).) So ist die Schreibung inzwischen auch in das Thesaurus Linguae Aegyptiae eingegangen (Lemma-Nr. 124340).
  9. Ob die Ergänzung „zu allen Fremdländern“ gerechtfertigt ist, wird angezweifelt: Hassan El-Saady: The External Royal Envoys of the Ramessides: A Study on the Egyptian Diplomats. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo. (MDAIK). Band 55, 1999, S. 416. Es seien auch andere Ergänzungen ziviler Natur denkbar, ohne Bezug zur internationalen Diplomatie.
  10. Geoffrey Thorndike Martin: The Tomb-Chapels of Paser and Ra'ia at Saqqâra. Egypt Exploration Society, London 1985, ISBN 0-85698-095-1, S. 9.
  11. Labib Habachi: Khatâ'na-Qantir: Importance. In: Annales du Service des Antiquités de l'Égypte. (ASAE) Band 52, Heft Nr. 2, 1954, S. 443–562; die Türfassung S. 498–499 (online) und Tafel XXVIIB (online).
  12. In der biographischen Notiz über Théodule Devéria heißt es: « Il partit le 10 décembre 1858; quelques jours après, il assistait à Sakkarah aux fouilles qui aboutirent à la découverte d'une liste de cinquante-huit rois, comptés de Miébidos jusqu'à Ramsès II. » (deutsche Übersetzung: „Er reiste am 10. Dezember 1858 ab; wenige Tage später nahm er an den Ausgrabungen in Sakkara teil, bei denen eine Liste von 58 Königen entdeckt wurde, die von Miebidos bis Ramses II. gezählt wurden.“), in: Gaston Maspero (Hrsg.): Théodule Devéria. Mémoires et fragments. Band 1 (= Bibliothèque égyptologique. Band 4). Ernest Leroux, Paris 1896, S. XII. (online)
  13. Brief vom 8. April 1880: « Le Cheikh-el-Beled de Saqqarah qui, il y a vingt ans, a détruit pour s'en faire des pierres le tombeau de Tounari a causé à la science un dommage qui ne sera peut-être jamais réparé. » (deutsche Übersetzung: „Der Scheich el-Beled von Sakkara, der vor zwanzig Jahren das Grab von Tjuneroy zerstörte, um Steine daraus zu machen, fügte der Wissenschaft einen Schaden zu, der möglicherweise nie wieder gutgemacht werden kann.“), veröffentlicht in: Jean Sainte Fare Garnot (Hrsg.): Mélanges Mariette. (= Bibliothèque d'études. Band 32.) Institut français d'archéologie orientale, Kairo 1961, S. 1–2; Zitat S. 2 (online). „Scheich el-Beled“ ist der arabische Titel für „Bürgermeister“.
  14. Ludwig Borchardt: Statuen und Statuetten von Königen und Privatleuten. Nr. 1–1294. Teil 4: Text und Tafeln zu Nr. 951–1294. Reichsdruckerei, Berlin 1934, S. 58–59 (Volltext als PDF).
  15. z. B. Bertha Porter, Rosalind L. B. Moss, Ethel W. Burney: Topographical Bibliography of Ancient Egyptian Hieroglyphic Texts, Reliefs, and Paintings. Band III: Memphis. Teil 2: Ṣaqqâra to Dahshûr. 2., von Jaromír Málek überarbeitete und erweiterte Auflage. Oxford 1981, S. 666.
  16. H.P.R. Twiston Davies: The ‘Stela-Fragment’ from the Saqqara Tomb of Tjuneroy: A Clarification. In: Göttinger Miszellen (GM). Heft Nr. 265, 2021, S. 175–179. (online)