Thalysia (Leipzig)

Thalysia war der Name eines Unternehmens in Leipzig für die Produktion und den Vertrieb von Reformkost und Reformkleidung. Der Name lebt fort in der Bezeichnung eines auf dem ehemaligen Betriebsgelände in Leipzig-Connewitz errichteten Wohnensembles, den Thalysia-Höfen.

Geschichte

Ende der 1880er Jahre kam der 1870 in Deutsch Krone (Ostpreußen) geborene und als Buchdrucker ausgebildete Paul Garms nach Leipzig und arbeitete zunächst in seinem Beruf. Da er gesundheitliche Probleme hatte, war er auf Schonkost angewiesen. Diese fand er in der 1876 eröffneten Vegetarischen Speisegaststätte Thalysia in der Mühlgasse, der heutigen Nonnenmühlgasse.[1]

1893 wurde die Gaststätte an den Obstmarkt 1 verlegt (seit 1933 Martin-Luther-Ring) und mit einem kleinen Handel von naturgemäßen Nährmitteln verbunden. 1898 konnte Paul Garms, der inzwischen mit der aus Tirol stammenden Amalie geborene Knirsch verheiratet war, die Gaststätte samt Laden erwerben. Er konzentrierte sich nun vor allem auf den Handel, gab seine Tätigkeit in der Druckerei auf und nannte seine Firma ab 1. Januar 1900 Reformhaus Thalysia Paul Garms. 1902 eröffnete er im Neumarkt 40, Ecke Peterskirchhof, seine Verkaufszentrale, nachdem er bereits Filialen in Gohlis, Plagwitz, Reudnitz und Volkmarsdorf betrieb. Das Sortiment umfasste neben Gesundheits-Nährmitteln wie Pflanzenmargarine, Vollkornbrot und Pumpernickel (aus eigener Bäckerei) zum Beispiel auch Knöterich-Tee, Hafergries und Brennnessel-Haarwasser.

Frau Amalie Garms steuerte anfangs selbstgeschneiderte Frauen-Reformkleidung bei und übernahm auch später die Führung auf diesem wesentlichen Betätigungsfeld der Firma.[2]

Ab 1905 mietete Garms für Kontore Teile des Gebäudes Peterskirchhof 7, dem Nachbarhaus zum Neumarkt 40. 1908 kaufte er schließlich beide Häuser und sah sich wegen des Anwachsens der Firma nach weiteren Flächen um. Diese fand und erwarb er in Connewitz an der Kochstraße. Hinter der Nr. 122, die mit einem zweigeschossigen Haus bebaut war, lag entlang der Scheffelstraße freies Gelände für Fabrikgebäude. Hier errichtete er 1911 nach Plänen des Leipziger Architekten Max Lorenz einen viergeschossigen Stahlbetonbau mit 24 Fensterachsen (Bild oben im Briefkopf). Später wurden auf dem Gelände weitere Produktionsgebäude errichtet. Anstelle des bisherigen Gebäudes an der Kochstraße entstand 1912 ein viergeschossiges Wohn- und Geschäftshaus mit dem Schriftzug THALYSIA im Mittelgiebel, in das im Erdgeschoss und im ersten Stock die Verwaltung der Firma einzog. Die übrigen Geschosse enthielten Wohnungen für eine begüterte Klientel (Bild siehe unten). Im gleichen Jahr wandelte Garms seine Firma in eine GmbH um.[3]

Zur besseren Propagierung seiner Produkte gründete Garms 1921 den Verlag Thalysia Paul Garms, in dem die Thalysia-Monatshefte erschienen, aber auch weitere Literatur zur naturnahen Lebensweise[4] Amalie Garms hielt über tausend Vorträge zur gesunden Reformkleidung und prangerte dabei das herkömmliche Korsett als den grausamen Feind der Frauengesundheit an.[3] 1925 stieg der Sohn Hans Garms in die Firma ein. Er hatte Medizin studiert und trug den Doktortitel.

Ende der 1930er Jahre war Thalysia auf dem Höhepunkt seiner Expansion. In Leipzig-Lindenau war 1938 in der heutigen Zschocherschen Straße / Ecke Luppenstraße ein viergeschossiges Produktionsgebäude mit 22 Fensterachsen als Werk II erworben worden. Thalysia betrieb Reformhäuser in Berlin, Breslau, Dortmund, Dresden, Düsseldorf, Halle (Saale), Hamburg, München sowie Stuttgart und hatte Auslandsniederlassungen in Amsterdam, Genua, Haderslev, Luxemburg, Mailand, Paris, Rom, Straßburg, Zürich, New York und Buenos Aires. 1938 beschäftigte Thalysia in Produktion und Verkauf insgesamt 1.200 Mitarbeiter.[5]

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Firma schwer getroffen. Auf dem Connewitzer Betriebsgelände blieben lediglich das Hauptgebäude und ein weiteres verschont. Vom Wohn- und Bürohaus an der Kochstraße konnten nur noch Keller und Erdgeschoss genutzt werden, was auch die folgenden 70 Jahre so blieb. Der Lindenauer Werkteil wurde total zerstört und ist bis heute (2025) noch nicht wieder bebaut.[6]

1946 ging Harns Garms mit Produktionsunterlagen nach Dortmund und baute dort einen neuen Thalysiabetrieb auf, der bis 1993 in Bad Buchau weiterbestand.[7] In Connewitz ging die Produktion mit neuem Geschäftsführer in kleinerem Rahmen als Kommanditgesellschaft weiter. Aus dieser entstand 1953 der VEB (K) Thalysia. Das K stand für kommunal, da der Betrieb mit seinen 400 Beschäftigten durch die Stadt Leipzig geführt wurde. In den 1970er Jahren wurde der Betrieb aufgeteilt. Die Miederwarenproduktion ging als Außenstelle an den VEB Elastic-Mieder Zeulenroda und die der Schuhe an den VEB Bella-Schuhfabrik Groitzsch. Auch der Dauerbackwarenbetrieb VEB Pikanta produzierte auf dem Gelände. Das Geschäft am Neumarkt war bereits in den 1950er Jahren vom Konsum übernommen worden.[5]

Anfang der 1990er Jahre wurden die Betriebe abgewickelt, und das Gelände verfiel, nachdem ab 1994 noch in einem Keller für kurze Zeit der Musikklub Elastic beheimatet war. 2014 kaufte die Baywobau Baubetreuung GmbH das Gelände und errichtete durch Reaktivierung der Fabrikgebäude und einen Neubau an der Kochstraße 220 Wohnungen unter der Bezeichnung Thalysia-Höfe.[8]

Literatur

  • Andreas Höhn: Korsetts und Vegetarier – Die Reformen der Firma Garms. In: Leipziger Blätter, Heft 52, 2008, S. 64–66
Commons: Thalysia – Sammlung von Bildern
  • Thalysia. In: Industriekultur Leipzig.
  • Thalysia. In: museum-digital.de.

Einzelnachweise

  1. Reformen mit Paul, Teil 1. In: Geheimtipp Leipzig. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  2. Reformen mit Paul, Teil 2. In: Geheimtipp Leipzig. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  3. a b Reformen mit Paul, Teil 3. In: Geheimtipp Leipzig. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  4. Paul Garms: In der Nationalbibliothek geführte Titel. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  5. a b Reformen mit Paul, Teil 4. In: Geheimtipp Leipzig. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  6. siehe Google Maps
  7. Neues von Thalysia. In: Geheimtipp Leipzig. Abgerufen am 21. Dezember 2025.
  8. Thalysia-Höfe. Abgerufen am 21. Dezember 2025.