Taurini (Holzschnitzerfamilie)

Taurini, auch Taurino (italianisierte Formen von Taurigny) ist der Familienname von französischstämmigen Holz- und Bildschnitzern, deren Mitglieder nachweislich 1556–1678 u. a. in Venedig, Pavia, Mailand und Rom tätig waren.

Erste Generation

Richard, ital. Riccardo, Ricciardo, Rizzardo, lat. Ricardus Gallus Fancigena (* um 1511 in der Normandie, wahrscheinlich Rouen, † 1591) ist in Italien zuerst im Umkreis der Meister um Andrea Palladio dokumentiert. In Venedig führte er 1556 Arbeiten im Refektorium der Kirche San Salvador aus, in Padua entwarf er 1558 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament für das Chorgestühl von Santa Giustina (ausgeführt von seinem Schwager Battista Vicentino). Das Lesepult und die beiden Sitze an den Seiten des Hochaltars entstanden 1566–1568 ebenfalls gemeinsam.[1][2]

Ab 1576 ist Riccardo in Mailand dokumentiert, wo er eine Werkstatt gründete.[1] Von 1578 bis 1591 erhielt er von der Dombauhütte Zahlungen für einen Marmorengel und Schnitzarbeiten (intagli) am Chorgestühl nach Terrakottamodellen von Francesco Brambilla (18 Felder mit Szenen aus dem Leben des Heiligen Ambrosius).[3] Ebenfalls 1578 begann er – in engem Kontakt mit dem Architekten Pellegrino Tibaldi – die Zusammenarbeit mit den Jesuiten in der Kirche San Fedele. Später übergab er diesen Auftrag an seine Söhne.[1]

Zweite Generation

Giovanni (* um 1565, † 1633 Mailand)[1] vollendete das von Galeazzo Alessi entworfene und Paolo de Gazis (Gazza) 1577 unfertig hinterlassene Chorgestühl von Santa Maria presso San Celso in Mailand,[4] bevor er nach dem Tod des Vaters die Ausführungen am Chorgestühl des Mailänder Doms (Zahlungen 1594–1602)[3] fortführte. In der Marienkirche versah er 1593 den Priesterthron (seggio presbiteriale), 1599 einen Teil der Schränke der neuen Sakristei, 1603–1604 die dortige Tür und 1609 den Schrank und den Beichtstuhl des Vorraums (antisacrestia) mit Schnitzereien. Die Verzierungen der Beichtstühle von San Fedele entstanden 1596.[2]

Giacomo (* 1568, † 1641? in Mailand) trat 1597 in den Orden der Jesuiten ein und wurde 1605 nach Rom berufen, um sein Können in den Dienst des jesuitischen Kirchenbaus zu stellen. Sein Austritt aus dem Orden erfolgte 1606. Nach seiner Rückkehr nach Mailand und erneutem Eintritt in den Orden, nahm er seine Aktivität 1609 in Santa Maria presso San Celso wieder auf.[1]

Giovanni Paolo (auch Gian Paolo, * 1580, † 1656 in Mailand) trat 1597 ebenfalls in den Orden der Jesuiten ein und wurde 1605 zusammen mit seinem Bruder nach Rom berufen. Dort führte er Werke in den jesuitischen Bauten San Vitale und Sant’Ignazio aus. Außerdem arbeitete er in Turin (Santi Martiri), Genua (Santi Ambrogio e Andrea), Palermo (Chiesa del Gesù) und vermutlich in Trapani (Jesuitenkloster).[1]

Dritte Generation

Riccardo (* um 1608 in Mailand, † 1678 ebenda), Sohn von Giovanni, ließ sich nicht zum Bildschneider, sondern zum Maler ausbilden. Den Quellen nach war er Schüler von Camillo Procaccini und der von Giulio Cesare Procaccini geleiteten Malschule Accademia Ambrosiana. In seinen Gemälden zeigen sich Einflüsse von Pier Francesco Morazzone und den Fiammenghini genannten Brüdern Giovanni Battista und Giovanni Mauro Della Rovere. Zu den ihm zugeschriebenen Werken zählen die 1649 entstandene Vermählung Mariens in Monza (Santa Maria in Carrobiolo) und die Altartafel mit dem Heiligen Antonius von Padua (1655) in der Pfarrkirche von Premana.[1]

Literatur

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Paola Barbara Conti: Taurigny (Holz- und Bildschnitzer-Familie). In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 58, Saur, München u. a. 2008, ISBN 978-3-598-22798-1, S. 170.
  2. a b Taurigny. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 32: Stephens–Theodotos. E. A. Seemann, Leipzig 1938, S. 476 (biblos.pk.edu.pl).
  3. a b Annali della Fabbrica del Duomo di Milano. Pubblicati a cura della sua amministrazione. Appendici, 2. Brigola, Milano 1885, S. 253 (italienisch, digitale-sammlungen.de).
  4. Susanna Partsch: Gazis, Paolo de. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 50, Saur, München u. a. 2006, ISBN 3-598-22790-6, S. 423.