Tabor (Meteorit)

Koordinaten: 49° 20′ 41″ N, 14° 43′ 1″ O
Tábor
Hauptmasse des Meteoriten im Naturhistorischen Museum Wien
Allgemeines
Offizieller Name
nach MBD
Tabor
Synonym Strkov Meteorit

Kravín Meteorit

Authentizität sicher
Lokalität
Land Tschechien Tschechien
Region Südböhmische Region
Fall und Bergung
Datum (Fall) 3. Juli 1753
beobachtet ja
Datum (Fund) 1753
Sammlung Hauptmasse im Naturhistorischen Museum Wien
Beschreibung
Typ Steinmeteorit
Klasse Chondrit
Gruppe H
Untergruppe H5
Masse (total) 7,54 kg
Referenzen
Meteoritical Bulletin 23776
Mindat (Keswick, VA) 267421

Tábor ist ein historischer Meteorit aus der Gruppe der gewöhnlichen Chondrite (H5), der am 3. Juli 1753 in der Nähe der böhmischen Stadt Tábor im Gebiet des heutigen Tschechien niedergegangen ist. Der Meteorit gehört zu den frühesten gut dokumentierten Meteoritenfällen der Neuzeit und bildet zusammen mit dem Hraschina-Meteorit den Grundstock der Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien.[1][2] Er ist von zentraler Bedeutung für den Beginn der Meteoritenforschung und die Entstehung institutioneller Meteoritensammlungen.

Klassifikation und Eigenschaften

Tábor ist ein Steinmeteorit und wird als gewöhnlicher Chondrit der chemischen Gruppe H und der petrologischen Klasse 5 (H5) eingestuft. H-Chondrite sind relativ eisenreiche, silikatreiche Meteorite, deren Gefüge von zahlreich eingebetteten Chondren („Kügelchen“ aus Silikatmineralen) geprägt ist. Der Meteorit weist eine dunkle Schmelzkruste auf, wie sie typisch für Steinmeteorite ist, die beim Durchgang durch die Erdatmosphäre oberflächlich aufschmelzen.

Die gesamte bekannte Masse des Meteoriten wird mit 7,54 kg angegeben.[3] Das größte zusammenhängende Stück wiegt knapp 2,8 kg und befindet sich im Naturhistorischen Museum Wien.[1][2]

Fallereignis

Der Fall des Meteoriten ereignete sich am Abend des 3. Juli 1753 in Böhmen. Zeugen berichteten von einem hellen Feuerball (Boliden) und mehreren Knallgeräuschen, denen ein Steinhagel folgte, bei dem zahlreiche Fragmente nahe der Stadt Tábor niedergingen.[4]

Eine zeitgenössische Beschreibung geht auf den Jesuiten und Naturforscher Joseph Stepling zurück, der in seiner Korrespondenz neben meteorologischen Beobachtungen auch das Fallereignis schilderte.[4] Seine Aufzeichnungen zählen zu den frühesten detaillierten naturwissenschaftlichen Berichten über einen beobachteten Meteoritenfall in Mitteleuropa.

Der Fall fand in einer Zeit statt, in der der außerirdische Ursprung von „Feuersteinen“ in der Gelehrtenwelt noch stark umstritten war. Viele Naturforscher deuteten derartige Funde als „Donnersteine“ oder rein atmosphärische Phänomene. Erst einige Jahrzehnte später trugen systematische Untersuchungen und die Arbeiten des deutschen Physikers und Astronomen Ernst Florens Friedrich Chladni und des französischen Physikers und Mathematikers Jean-Baptiste Biot entscheidend zur Anerkennung von Meteoriten als kosmische Körper bei. Chadni listete in seinem im Jahr 1794 publizierten Buch „Über den Ursprung der von Pallas gefundenen und anderer ihr ähnlicher Eisenmassen und über einige damit in Verbindung stehende Naturerscheinungen“ 18 beobachtete Meteoritenfälle auf, darunter auch der Fall des Meteoriten von Tabor.[5]

Sammlungsgeschichte

Von Graf Vinzenz von Wratislaw, dem damals in Tabor residierenden Kreishauptmann, wurde der Fall des Meteoriten untersucht und der Stein wurde mit einem Bericht an das königliche Böhmische Kammer-Präsidium in Prag und von dort an die k. k. Hofkammer in Wien geschickt.[6] Im Jahr 1778 wurden das Hauptstück des Eisenmeteoriten von Hraschina und der Steinmeteorit Tábor gemeinsam aus der kaiserlichen Schatzkammer in das k.k. Hofmineraliencabinett überführt.[7][2] Diese beiden Meteoriten gelten damit als die Gründungsobjekte der späteren Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien.[1] Das größte bekannte Stück des Meteoriten (etwa 2,8 kg) wird heute in der Meteoriten-Schausammlung des Museums (Saal 5) gezeigt.[1]

Neben dem Naturhistorischen Museum Wien besitzen auch zahlreiche andere Institutionen kleinere Fragmente des Meteoriten:

Darüber hinaus gibt es Fragmente in weiteren Privat- und Museumssammlungen in Europa und Nordamerika.

Bedeutung für die Meteoritenforschung

Der Meteorit Tábor gehört zu den historisch frühen, gut dokumentierten Meteoritenfällen, die in der wissenschaftlichen Diskussion über die Natur von „Feuersteinen“ eine Rolle spielten. Zusammen mit anderen klassischen Fällen wie Hraschina, Stannern oder L’Aigle wird er häufig in historischen Übersichten der Meteoritenforschung erwähnt.[15]

Die Aufnahme des Meteoriten in der frühen kaiserlichen Sammlung in Wien trug dazu bei, dass Meteoriten systematisch gesammelt, beschrieben und mit geologischen und mineralogischen Methoden untersucht wurden. Deshalb gilt Tábor als wichtiges Objekt der Wissenschafts- und Sammlungsgeschichte.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c d Topobjekte. In: nhm.at. Abgerufen am 29. November 2025.
  2. a b c Die Meteoritensammlung des Naturhistorischen Museums Wien. In: nhm.at. Abgerufen am 29. November 2025.
  3. Eintrag für Tabor in der Meteoritical Bulletin Database. In: www.lpi.usra.edu - Meteoritical Bulletin Database. Abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
  4. a b Mark Grossman: Joseph Stepling and the Tabor meteorite fall. Mai 2011, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).
  5. Ursula B. Marvin: Ernst Florens Friedrich Chladni (1756–1827) and the origins of modern meteorite research. In: Meteoritical Society (Hrsg.): Meteoritics & Planetary Science. Band 31, 1996, S. 545–588, doi:10.1111/j.1945-5100.2007.tb00606.x.
  6. Karl von Schreibers: Beyträge zur Geschichte und Kenntniß meteorischer Stein- und Metall-Massen, und der Erscheinungen, welche deren Niederfallen zu begleiten pflegen. Heubner, Wien 1820, S. 10.
  7. N. Meteoritenfälle in Österreich – in: Alexander Tollmann: Geologie von Österreich. Abgerufen am 29. November 2025.
  8. Sbírka meteoritů. In: nm.cz. Abgerufen am 29. November 2025 (tschechisch).
  9. Rok od pádu čeljabinského meteoritu. Spadlo něco u nás? In: muzeum3000.nm.cz. 14. Februar 2014, abgerufen am 29. November 2025 (tschechisch).
  10. Catherine L.V. Caillet Komorowski: The meteorite collection of the National Museum of Natural History in Paris, France. In: Geological Society of London (Hrsg.): Geological Society of London, Special Publications. Band 256. London 2006, ISBN 978-1-86239-504-6, doi:10.1144/GSL.SP.2006.256.01.09.
  11. Mineral Sciences Collections Search. Abgerufen am 29. November 2025.
  12. AMNH Meteorite Collection T-U | AMNH. In: American Museum of Natural History. (amnh.org [abgerufen am 29. November 2025]).
  13. Salvatori, R., Maras, A., & King, E. A.: Inventory of the Vatican Meteorite Collection. In: Meteoritics. vol. 19, 30. September 1984, ISSN 0026-1114, S. 170.
  14. Catalogue of meteorites in the Estonian collection. Abgerufen am 29. November 2025.
  15. Meteorites in history: an overview from the Renaissance to the 20th century. In: geoscienceworld.org / Geological Society, London. 1. Januar 2006, abgerufen am 29. November 2025 (englisch).