Stiefel-Whitney-Zahl

Stiefel-Whitney-Zahlen sind im mathematischen Teilgebiet der Differentialgeometrie spezielle charakteristische Zahlen. Es sind binäre topologischen Invarianten für reelle Vektorbündel, welche aus deren Stiefel-Whitney-Klassen berechnet werden. Insbesondere gibt es diese auch für glatte Mannigfaltigkeiten über deren Tangentialbündel. Nach dem Satz von Pontrjagin-Thom sind zwei glatte Mannigfaltigkeiten genau dann unorientiert bordant, wenn alle ihre Stiefel-Whitney-Zahlen übereinstimmen. Zwei orientierbare glatte 5-Mannigfaltigkeiten sind genau dann bordant, wenn ihre jeweilige De-Rham-Invariante, eine spezielle Stiefel-Whitney-Zahl, übereinstimmt.

Definition

Sei ein reelles Vektorbündel über einer -dimensionalen Mannigfaltigkeit mit einer eindeutigen Fundamentalklasse und eine Partition. Mit der Kronecker-Paarung und dem Cup-Produkt ist die Stiefel-Whitney-Zahl von zu dieser Partition:[1]

Stiefel-Whitney-Zahlen werden für gewöhnlich für deren Tangentialbündel verwendet mit der Kurznotation:

.

Eigenschaften

  • Alle Stiefel-Whitney-Zahlen einer 3-Mannigfaltigkeit verschwinden.[2]
  • Für eine -dimensionale Mannigfaltigkeit ist ihre letzte Stiefel-Whitney-Klasse die Reduktion ihrer Euler-Klasse, also .[3][4] Gemäß des Satzes von Chern-Gauß-Bonnet stellt die Euler-Klasse genau die Euler-Charakteristik dar. Mit einer Fundamentalklasse und dessen Reduktion ist konkret:[5]
Insbesondere verschwindet die Euler-Charakteristik immer für ungerade als Folge von dessen Definition als alternierender Summe und der Poincaré-Dualität von .
  • Für eine komplexe Mannigfaltigkeit sind dessen gerade Stiefel-Whitney-Klassen die Reduktionen von dessen Chern-Klassen, also . Daher sind dessen aus geraden Partitionen bestehende Stiefel-Whitney-Zahlen die Reduktionen von dessen Chern-Zahlen:

Die folgenden beiden Resultate sind Hin- und Rückrichtung einer Äquivalenz, die gemeinsam auch als Satz von Pontrjagin-Thom bezeichnet werden:

  • Satz von Pontrjagin: Alle Stiefel-Whitney-Zahlen des Randes einer kompakten glatten Mannigfaltigkeit verschwinden.[6]
  • Satz von Thom: Wenn alle Stiefel-Whitney-Zahlen einer geschlossenene glatten Mannigfaltigkeit verschwinden, dann ist es der Rand einer kompakten glatten Mannigfaltigkeit.[7]

Beispiele

Die Stiefel-Whitney-Zahlen des reellen projektiven Raumes sind gegeben durch:

Mit den Chern-Zahlen des komplexen projektiven Raumes sind dessen Stiefel-Whitney-Zahlen gegeben durch:

Stiefel-Whitney-Zahlen einer 4-Mannigfaltigkeit

Eine 4-Mannigfaltigkeit hat fünf Stiefel-Whitney-Zahlen, nämlich , , , und . Ist orientierbar, also genau dann wenn ,[8] dann verschwinden die vorderen drei automatisch. Nach dem Signatursatz von Hirzebruch[9] für die Signatur und dem Satz von Chern-Gauß-Bonnet[10] für die Euler-Charakteristik gilt jeweils:

Mit den Reduktionen [11] und [3] ergeben sich damit:[10]

Beide diese Stiefel-Whitney-Zahlen haben darüber hinaus den gleichen Wert, da mithilfe der Betti-Zahlen:

Dadurch vereinfacht sich in diesem Fall der Satz von Pontrjagin-Thom: Zwei orientierbare 4-Mannigfaltigkeiten und sind unorientiert bordant genau dann wenn genau dann wenn . Werden zusätzlich die Pontrjagin-Zahlen für Orientierbarkeit hinzugenommen, sorgt der Signatursatz von Hirzebruch für eine elegante Einschränkung: Zwei orientierbare 4-Mannigfaltigkeiten und sind sogar orientiert bordant genau dann wenn sogar . Anders ausgedrückt ist ein Gruppenisomorphismus.

Stiefel-Whitney-Zahlen einer 5-Mannigfaltigkeit

Eine 5-Mannigfaltigkeit hat sieben Stiefel-Whitney-Zahlen, nämlich , , , , und . Letztere verschwindet gemäß den obigen Eigenschaften immer. Ist orientierbar, also genau dann wenn ,[8] dann verschwinden zudem die vorderen fünf. In diesem Fall kann nur die Stiefel-Whitney-Zahl überhaupt nichttrivial sein und wird De Rham-Invariante aufgrund dieser speziellen Rolle genannt. Dadurch vereinfacht sich in diesem Fall der Satz von Pontrjagin-Thom: Zwei orientierbare 5-Mannigfaltigkeiten und sind orientiert bordant genau dann wenn . Anders ausgedrückt ist ein Gruppenisomorphismus.

Siehe auch

Literatur

Einzelnachweise

  1. Milnor & Stasheff 74, S. 51
  2. Milnor & Stasheff 74, Problem 11-D
  3. a b Milnor & Stasheff 74, Proposition 9.5
  4. Hatcher 17, Proposition 3.13 c
  5. Milnor & Stasheff 74, Corollary 11.12
  6. Milnor & Stasheff 74, Theorem 4.9
  7. Milnor & Stasheff 74, Theorem 4.10
  8. a b Milnor & Stasheff 74, Problem 12-A
  9. Milnor & Stasheff 74, Signature theorem 19.4
  10. a b Milnor & Stasheff 74, Corollary 11.12
  11. Milnor & Stasheff 74, Problem 15-A