Stephanie Held-Ludwig

Stephanie Pauline Held-Ludwig[1], geb. Edelstein (* 6. Dezember 1871 in Schaulen, Russisches Kaiserreich, heute Šiauliai, Litauen; † 16. Januar 1943 im KZ Theresienstadt), war eine Fotografin.[2] Sie unterhielt in München das damals renommierte Atelier Veritas. Obwohl ihre Porträts von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, Tänzerinnen und Musikern noch heute im Umlauf sind, war sie selbst lange Zeit vollkommen vergessen. Verheiratet war sie mit Nervenarzt Arthur Ludwig, einem frühen Freud-Anhänger, sowie mit dem Schriftsteller und Gründer der Monacensia, Hans Ludwig Held.

Leben

Stephanie Edelstein war die Tochter von Joseph Edelstein und seiner Frau Sarah, geb. Isaak. Der Vater arbeitete als Fotograf. Es ist anzunehmen, dass die Tochter bei ihm das Fotografenhandwerk erlernte. Die Familie übersiedelte vom damals jüdisch geprägten Städtchen Schaulen in den vorwiegend evangelischen Ort Soldin, ehemals in der Provinz Brandenburg, heute Polen.

Stephanie lernte ihren späteren Ehemann, den Arzt für Nerven- und Gemütsleiden Arthur Ludwig (1874–1930) in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts in Berlin kennen, als er noch im Medizinstudium war. Eng befreundet war Ludwig mit dem Reformpädagogen und späteren Gründer der Odenwaldschule, Paul Geheeb. Dem lebenslangen Briefwechsel[3] der Freunde, wie mit Stephanie, verdanken wir, dass einiges vom Leben von Stephanie Held-Ludwig rekonstruiert werden konnte.

Stephanie Edelstein und Arthur Ludwig wechselten 1898 nach München, da die junge Frau hier eine Anstellung als Fotografin bekam. Die Tatsache, dass sie ein Zimmer in der Von-der-Tann-Straße, fast gegenüber dem Atelier Elvira mietete, spricht dafür, dass das Studio ihre erste Anlaufstelle war.[4] Doch schon ein Jahr später, 1899, eröffnete sie ihr eigenes Geschäft in der Lindwurmstraße 23. Die Verbindung beider frauengeführten Fotoateliers, so wie deren feministisches Engagement, belegt eine Anzeige in der Allgemeinen Zeitung, die für den Allgemeinen bayerischen Frauentag wirbt und sowohl das Atelier Elvira, als auch das Atelier Veritas als Kartenvergabestelle angibt. Auch im Münchner Verein für Fraueninteressen ist Stephanie nachweislich von 1899 bis 1913 Mitglied.

Arthur Ludwig und seine Braut etablieren sich schnell in der Münchner Gesellschaft. Wiederholt sind sie eingeladen bei Hedwig Pringsheim, die ihre Kinder im Atelier Veritas fotografieren lässt. Im Thomas Mann-Archiv Zürich finden sich zahlreiche Fotos der Geschwister Pringsheim in verschiedenen Altersstufen, besonders auch von Katia, der späteren Ehefrau von Thomas Mann.

Am 29. Oktober 1900 heiratete Stephanie Edelstein nach dreijähriger Verlobungszeit[5] Arthur Ludwig, nachdem er sein Medizinstudium abgeschlossen hat. Am 26. Januar 1902 kam der gemeinsame Sohn Werner Ralf Lucian zur Welt. Sein Taufpate wurde Paul Geheeb.

1904 folgte der Umzug des Ehepaares und des Fotostudios in das Hinterhaus in der Franz-Joseph-Straße 13. Vom Wohnungswechsel in die prunkvolle Straße mit ihren vielen prominenten Bewohnern[4] versprach sich Stephanie Ludwig einen wirtschaftlichen Aufschwung. Es ging der Fotografin aber auch um ihr Renommee als Künstlerin. Schon 1901 wurde die Zeitschrift Die Kunst in der Photographie, die herausragende Fotokunst aus aller Welt zeigte, auf sie aufmerksam.[6] Auch in der Zeitschrift Jugend war ein Mädchenporträt des Atelier Veritas zu sehen. Stephanie Ludwig war Mitglied der Münchner „Photographischen Gesellschaft“ und des Münchner Kunstvereins. Darüber hinaus nahm sie viele Gelegenheiten wahr, ihre Bilder auszustellen. Ein Höhepunkt in ihrer Karriere war die Verleihung der Goldenen Medaille für ihre Porträts der Tänzerin Ruth St. Denis bei der Internationalen Photographischen Ausstellung 1909 in Dresden.[7]

In wenigen Jahren hatte das junge Paar in München alles Wünschenswerte erreicht, aber dann kam es zu einem Bruch. Arthur Ludwig hatte 1909 die Schweizer Gewerkschafterin Margarethe Faas-Hardegger, eine Verfechterin der freien Liebe, kennengelernt und sich in sie verliebt.[8] Eines der bekanntesten Fotos von ihr stammt pikanterweise von Stephanie Ludwig. Am 14. April 1910 kam es zur Scheidung.[9] Arthur Ludwig verheiratete sich jedoch nicht wieder, und Stephanie und Arthur blieben ein Leben lang freundschaftlich verbunden. Schon ein Jahr nach der Scheidung heiratete Stephanie den vielfach begabten, um 14 Jahre jüngeren Schriftsteller Hans Ludwig Held. Die Ehe war stark überschattet durch Helds permanente Krankheiten, die ihn dennoch nicht an seiner enormen Schaffenskraft hindern konnten. Stephanie unterstützte ihn sowohl in seinen Krankheiten wie auch in seinen schriftstellerischen Tätigkeiten. Zwischen Arthur Ludwig und Hans Ludwig Held bestand ebenfalls ein wohlwollendes Verhältnis. 1923 wurde allerdings auch die zweite Ehe Stephanies geschieden, ebenfalls ohne große Zerwürfnisse.

1914 zog das Atelier Veritas in die Leopoldstraße 44 um.[10] Dort wohnten Stephanie Held-Ludwig und ihr Sohn Ralf auch. Nach der Scheidung vermietete die Fotografin Zimmer, so war Edgar Weil 1928 bis 1929 ihr Untermieter. Im Nebenhaus in der Leopoldstraße 42 wohnte Arthur Ludwig, wo er seine Idee eines Ärztliches Familienheims endlich umsetzen konnte. Es galt in seiner Zeit als eines der Zentren des geselligen Münchner Nachtlebens.[11]

1930 starb Arthur Ludwig unerwartet, vermutlich an einer Gehirnhautentzündung. Die weiteren Jahre Stephanie Held-Ludwigs gerieten nun zunehmend schwieriger. Mit der Machtergreifung Hitlers begannen die Schikanen der Nationalisten gegen die Juden. 1935, wegen des Berufsverbots für die jüdische Bevölkerung, sah sich Stephanie Held-Ludwig gezwungen die Stadt zu verlassen und nach Starnberg in die Jahnstraße 1 zu ziehen. Mit dem Wunsch, der Stadt München wieder näher zu sein, kaufte sie 1936 ein kleines Bauernhaus in der Josefstraße 40 in Aubing. Dort führte sie, die grundsätzlich die Haltung hatte, immer auch die Möglichkeiten zu sehen, etwa, in dem sie sich in ihrem Garten auf Selbstversorgung einstellte, in Wahrheit ein immer reduzierteres, einsameres Leben.

Es ist unklar, warum die Siebzigjährige 1941 zurück nach München ging. Bis zu ihrer Deportation am 22. Juli 1942 ins KZ Theresienstadt folgte ein häufiger Zimmerwechsel, von der Giselastraße 12/III in die Ohmstraße 7 und zuletzt in die Dachauer Straße 46/III. In Theresienstadt starb sie am 16. Januar 1943 an einer sog. „Theresienstädter Krankheit“, womit Bakterienruhr, Typhus oder eine Lungenentzündung gemeint sein könnten.[12] Ihr Sohn Ralf, der sich vor der Deportation noch von ihr verabschieden konnte, fand seine Mutter gefasst und tapfer. Danach hörte er nichts mehr von ihr.

Schaffen

Der Ateliername „Veritas“, lateinisch für „Wahrheit“, war Programm. Den üblichen Kulissendekor, den es üblicherweise in Fotostudios gab, lehnte Stephanie Ludwig ab. Es ging ihr bei ihren Porträts nicht um beeindruckende Posen, sondern darum, das Wahre, also Lebensechte eines Menschen einzufangen. Kunstkritiker rühmten die Qualität ihrer Fotografien. Fritz von Ostini äußerte sich 1908 über Stephanie Ludwigs Fotos: „Die Bilder sind wunderschön im Ton und von einer künstlerischen Ungezwungenheit und Lebenstreue, welchen den stolzen Namen des Ateliers – ‚Veritas‘ vollauf rechtfertigt.“[13] 1911 stand in den Münchner Neuesten Nachrichten zu lesen: „Der hervorstechendste Zug dieser Porträtaufnahmen ist ihre wundervolle Wiedergabe des Psychologischen und Charakteristischen; eine Reihe der Bilder sind von absolut schlagender Wirkung.“[14] Im gleichen Jahr fotografierte Stephanie Ludwig für Westermanns Monatshefte auch eine Serie mit Puppen von Käthe Kruse, die lebensecht nach den Entwürfen des Künstlers Max Kruse erst im Vorjahr auf den Markt gekommen waren.[15] 1912 berichtete die Allgemeine Zeitung, Held-Ludwigs Aufnahmen seien „einfache Porträts, aber so fein in der Auffassung des Charakters und so liebevoll in der Ausarbeitung, dass sie an und für sich wie Kunstwerke wirken“.[16]

Anders als das Atelier Elvira waren das Atelier Veritas und seine Inhaberin lange Zeit fast vergessen. Ulrich Pohlmann, ehemaliger Leiter der Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums, schrieb über Stephanie Held-Ludwig, sie zähle zu jenen wenigen „emanzipierten Frauen, deren Kreativität sich mit den etablierten männlichen Kollegen messen konnte“.[17]

Fotos aus dem Atelier Veritas

Alexandra Schöfberger[18] schrieb, die feinfühlige Porträtfotografie von Stephanie Held-Ludwig sei exemplarisch für den piktorialistischen Stil der Zeit, der das Ziel hatte, die Fotografie als Kunstform zu etablieren. Die bekannten Namen der von ihr Porträtierten zeugen von dem guten Ruf, den das Atelier Veritas hatte: Karl von Frisch, Max Kruse, Paul Le Seur, Ludwig Thuille,[19] Friedrich Naumann, Bernhard Dernburg, Oswald Spengler, Georg Kerschensteiner, Johannes Müller, Clotilde von Derp, Lena Christ, Ricarda Huch, Isolde Kurz,[20] Fanny Moser,[21] Thomas Mann, Katia Mann, Ludwig Thoma,[22] Otto Julius Bierbaum, Alfred Walter Heymel oder Hans Thoma.[23] Viele ihrer Fotos sind jedoch verschollen oder nur noch als Reproduktion erhalten.

Literatur

  • Stephanie Ludwig-Held. In: Tatjana Neef (Hrsg.): Unbelichtet / Unexposed. Münchner Fotografen im Exil / Munich Photographers in Exile. Kehrer, Heidelberg 2010, Katalog zur Ausstellung des Jüdischen Museums München vom 10. Februar bis 23. Mai 2010, ISBN 978-3-86828-114-9, S. 136–137.
  • Alexandra Schöfberger: Wegbereiterin für viele Generationen, in: Ab nach München. Künstlerinnen um 1900, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Hrsg. Münchner Stadtmuseum, Süddeutsche Zeitung Edition 2014, S. 360–365
  • Daniela Weiland: „Ich bin sicher ein Mensch, der in Freiheit besser gedeiht.“ Die vergessene Münchner Fotografin Stephanie Held-Ludwig und ihr Atelier Veritas. In: Gabriele von Bassermann-Jordan, Waldemar Fromm und Kristina Kargl (Hrsg.): Freunde der Monacensia – Jahrbuch 2025, S. 127–159, Allitera Verlag, München 2025, ISBN 978-3-96233-540-3
Commons: Stephanie Held-Ludwig – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Es existieren verschiedene Formen der Namensnennung und -schreibung. Neben „Stephanie“ auch „Stefanie“, neben „Held-Ludwig“ auch „Ludwig-Held“. Am häufigsten scheint „Stephanie Held-Ludwig“ zu sein.
  2. Stephanie Pauline Held, geb. Edelstein, gesch. Ludwig. In: gedenkbuch.muenchen.de. Abgerufen am 16. August 2022.
  3. Der Nachlass Pau Geheebs befindet sich im Hauptstaatsarchiv Darmstadt, Korrespondenz mit Arthur Ludwig, HStAD O37, 1098–1100.
  4. a b Daniela Weiland: „Ich bin sicher ein Mensch, der in Freiheit besser gedeiht.“ Die vergessene Münchner Fotografin Stephanie Held-Ludwig und ihr Atelier Veritas. In: Gabriele von Bassermann-Jordan, [./Waldemar_Fromm Waldemar Fromm] und Kristina Kargl (Hrsg.): Freunde der Monacensia – Jahrbuch 2025, S. 127–159, Allitera Verlag, München 2025, ISBN 978-3-96233-540-3.
  5. Geheeb-Archiv der Ecole d'Humanité, Hasliberg Goldern, Brief von Dr. Arthur Ludwig an Paul Geheeb vom 2. April 1897.
  6. https://www.ub.uni-heidelberg.de/fachinfo/kunst/zeitschriften/kunst_photographie.html Die Kunst in der Photographie, Jahrgang 1902.
  7. Alexandra Schöfberger: Wegbereiterin für viele Generationen, in: Ab nach München. Künstlerinnen um 1900, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Hrsg. Münchner Stadtmuseum, Süddeutsche Zeitung Edition 2014, S. 361, 364f.
  8. Regula Bochsler, Ich folgte meinem Stern. Das kämpferische Leben der Margarethe Hardegger, Zürich 2004, S. 136.
  9. Stadtarchiv München, PMB 184, Personenstammblatt V.1.0./20.5.1990.
  10. Münchner neueste Nachrichten. 1914 = Jg. 67, 4 • General-Anzeiger, 19. April 1914, S. 3, Sp. 4 („Geschäftsnotizen“).
  11. Hans Brandenburg: München leuchtete. München, 1953, S. 268 f.
  12. Alexandra Schöfberger: Wegbereiterin für viele Generationen, in: Ab nach München. Künstlerinnen um 1900, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Hrsg. Münchner Stadtmuseum, Süddeutsche Zeitung Edition 2014, S. 365.
  13. Münchner neueste Nachrichten. 1908 = Jg. 61, 4 • Morgen-Blatt, 2. April 1908, S. 2 („Aus dem Kunstverein“).
  14. Münchner neueste Nachrichten. 1911 = Jg. 64, 6 • Morgen-Blatt, 1. Juni 1911, S. 4, Sp. 1 u.
  15. Ernst Warburg: Von Puppen und Spielzeug: Eine Plauderei zwei Meilen von Weihnachten. In: Georg Westermann (Hrsg.): Westermanns Monatshefte. 111, II, Dezember 1911. Georg Westermann Verlag, Berlin Dezember 1911, S. 609–620.
  16. Allgemeine Zeitung. 1912 = Jg. 115, 7–12 • 31. August 1912.
  17. Ulrich Pohlmann: Der Kunstwerth der Photographie...Schwabing und die Fotografie um 1900, in: Helmut Bauer (Hrsg.) Schwabing Kunst und Leben um 1900, München 1998, S. 315.
  18. Alexandra Schöfberger: Wegbereiterin für viele Generationen, in: Ab nach München. Künstlerinnen um 1900, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Hrsg. Münchner Stadtmuseum, Süddeutsche Zeitung Edition 2014, S. 363
  19. Bildarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek: Brustbild (im Oval; mit Hut und Zigarette) Technik: Fotografie 1903, Atelier Veritas Jahr: 1903
  20. Bildarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek, Portr.R. Kurz, Isolde (1) Bildnummer: port-034124
  21. Historisches Lexikon der Schweiz
  22. Helmut Bauer: Schwabing. Kunst und Leben um 1900. Hrsg.: Münchner Stadtmuseum. Nazraeli Press, Tucson (Arizona, USA) 1998, S. 36.
  23. Alexandra Schöfberger: Wegbereiterin für viele Generationen, in: Ab nach München. Künstlerinnen um 1900, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Hrsg. Münchner Stadtmuseum, Süddeutsche Zeitung Edition 2014, S. 363.