St. Wendelin (Schnait)

Die evangelische Pfarrkirche St. Wendelin steht in Schnait, einem Stadtteil der Großen Kreisstadt Weinstadt im Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg. Das Bauwerk ist beim Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg als Baudenkmal eingetragen. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte

Der Ort Schnait wurde erstmals im Jahr 1238 unter dem Namen „Snait“ urkundlich erwähnt. Die Ursprünge der Siedlung liegen vermutlich in einem klösterlichen Wirtschaftshof des Klosters Adelberg. An der Stelle der heutigen Kirche befand sich wahrscheinlich eine romanische Kapelle, deren Turmuntergeschoss – das sogenannte „Läuterhäusle“ – als Turmchor dieser frühen Kapelle gedeutet wird.[1]

Um das Jahr 1500 errichtete die Gemeinde eine neue, spätgotische Kirche. Von diesem Bau sind der Turm, die Sakristei (ehemals Teil des Chorraums) sowie zwei Maßwerkfenster neben dem heutigen Hochaltar erhalten. Der damalige Kirchenbau trug das Patronizium der Jungfrau Maria („Unserer lieben Frau“) und des heiligen Wendelin.

Mit dem Wachstum der Gemeinde wurde die spätgotische Kirche im Laufe der Jahrhunderte baufällig und zu klein. Dokumente erzählen davon, dass nur die Hälfte der Gemeinde hineinpasste.[2] Erste Pläne für einen Umbau oder Neubau existierten seit 1667. Wegen wiederholter Ernteausfälle – insbesondere durch schlechte Weinherbste – war die Gemeinde lange Zeit nicht in der Lage, das Vorhaben umzusetzen. Erst 1747 wurde der Abriss der alten Kirche durchgeführt und ein Neubau begonnen.[1] An den bestehenden Turm wurde 1748 im Auftrag von Herzog Carl Eugen nach einem Entwurf von Johann Christoph David von Leger ein neues Kirchenschiff in Form einer sogenannten Predigtsaalkirche angebaut – ein Baukonzept, das in der evangelischen Kirchenarchitektur des 18. Jahrhunderts weit verbreitet war.

Die neue Kirche besteht aus einem Langhaus und einem 22 Meter hohen Chorturm im Osten, dessen mit einem quer angeordneten Walmdach bedecktes oberstes Geschoss die Turmuhr und den Glockenstuhl mit vier Kirchenglocken enthält. Der rechteckige Grundriss mit umlaufenden Emporen und einer zentralen Ausrichtung auf die Kanzel an der Ostwand reflektiert das reformatorische Prinzip der Vorrangstellung der Predigt. Auf einen separaten Chorraum wurde verzichtet. Altar und Taufstein befinden sich in der Mittelachse vor der Kanzel, wodurch Wortverkündigung und Sakramentenspendung optisch und liturgisch im Zentrum stehen.

Lange Zeit hatte die Kirche noch weitere Emporen, eine wurde 1776 unter der Kirchendecke auf der Westseite eingebaut, eine weitere über der Kanzel und diente als Orgelempore. Beide Emporen wurden 1933 entfernt und durch die heutige Empore ersetzt. So konnte über der Kanzel der Hochaltar angebracht werden. Die Orgel fand auf der (unteren) Westempore ihren neuen Platz.

Ausstattung

Hochaltarretabel

Zur besonderen Kirchenausstattung gehört das erhaltene Retabel eines spätgotischen Flügelaltars von 1497, der von der Familie Gaisberg gestiftet wurde. Da die Kirche unter dem Patronizium der Jungfrau Maria und des Heiligen Wendelin stand, sind beide Kirchenpatrone im Altar dargestellt, außerdem Johannes der Täufer und die Heilige Katherina als Namenspatrone der beiden Stifter und damaligen Herren des Ortes, Ulrich von Gaisberg und seine Frau Katharina von Wetzhausen. Die Wappen der Stifter sind, zusammen mit verschiedenen Wengertwerkzeugen und einer Erbärmdegruppe aus Johannes, Maria und Christus, auf der Predella abgebildet.

Der Altar zeigte bei geschlossenen Flügeln die Verkündigung der Geburt Jesu (Lukas 1,26-38 ). Vorbild für die Darstellung war ein Kupferstich des Colmarer Malers Martin Schongauer von 1480.

Im geöffneten Zustand zeigte der linke Flügel die Geburt Christi im Stall in Bethlehem (Lukas 2,1-7 ); dieses Bild hatte ebenfalls einen Kupferstich Martin Schongauers zum Vorbild. Der rechte Flügel zeigt in derselben Kulisse, jedoch spiegelverkehrt, die Anbetung der Weisen aus dem Morgenland (Matthäus 2,1-12 ). Die drei Weisen sind als ein Europäer, ein Afrikaner und ein Asiate (als Vertreter der damals bekannten Erdteile) dargestellt.

Im Altarschrein stehen fünf Figuren, deren Namen im Sockel angegeben sind (von links nach rechts): Johannes der Täufer, Hl. Katherina, Maria mit dem Jesuskind, Hl. Barbara, Hl. Wendelin. Maria ist als Mondsichelmadonna dargestellt. Katharina bekommt vom Jesuskind einen Ring an den Finger gesteckt, dieser Ring ist jedoch im Laufe der Zeit verloren gegangen.

Der Künstler ist unbekannt, wird jedoch der Ulmer Schule zugerechnet.

Das Altarretabel überstand den reformatorischen Bildersturm des 16. Jahrhunderts und wird dann erstmals 1841 wieder von Christoph Friedrich von Stälin erwähnt. Zu dieser Zeit wurden die Flügel als Brüstungswände des Kanzelaufgangs genutzt. 1846 wurden die beiden Flügel restauriert und aufgrund eines Holzwurmbefalls auseinandergesägt, sodass aus den zwei Flügeln mit Vorder- und Rückseite vier einzelne Bilder wurden. Die vier Bilder wurden einzeln an der Wand aufgehängt. 1897 wollte man wie in Stetten das Hochaltarretabel verkaufen, der Verkauf wurde jedoch verhindert. 1898 wurden die Flügel restauriert und wieder zusammengefügt, jedoch in verkehrter Ordnung, die Flügelinnenseiten zeigten nun nach außen, da man die Geburtsszenen als für eine evangelische Kirche besser geeignet hielt als die "katholische" Mariendarstellung. 1933 trennte man die Flügelbilder schließlich wieder, sodass der Altar dauerhaft geöffnet bleiben kann, und hängte die Bilder der ursprünglichen Außenseite mit der Verkündigung der Geburt Jesu an der Wand auf der Nordempore auf.[3]

Ein weiterer Altar, der die Krönung Mariens darstellte, wurde 1863 an die Königliche Staatssammlung Vaterländischer Altertümer verkauft, da man die Marienkrönungsdarstellung als in einer evangelischen Kirche nicht passend empfand. Dieser Altar gehört zum Bestand des Württembergischen Landesmuseums und steht heute im Reutlinger Heimatmuseum. Von einem ursprünglich ebenfalls vorhandenen dritten Altar haben sich keine Spuren erhalten.

Bilder

Die 45 Emporen- und 5 Kanzelbilder wurden 1761 von dem Steinhauer und Flachmaler Josef Wagner aus Alfdorf gemalt und zeigen Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Beim Umbau der Emporen im Jahr 1933 wurde die Anordnung verändert und entspricht nun nicht mehr der biblischen Chronologie. Dabei gingen auch mehrere Einzelbilder verloren.[4]

Die Szenen der Emporenbilder im Einzelnen:

  1. Adam im Paradies (Genesis 2 )
  2. Der Sündenfall (Genesis 3 )
  3. Die Austreibung aus dem Paradies (Genesis 3,23-24 )
  4. Kains Brudermord (Genesis 4 )
  5. Die Sintflut (Genesis 7 )
  6. Noahs Opfer (Genesis 8 )
  7. Gottes Engel bei Abraham (Genesis 18 )
  8. Josef wird von seinen Brüdern verkauft (Genesis 37,12-36 )
  9. Josef deutet die Träume des Pharao (Genesis 41,1-36 )
  10. Josef wird der zweite Mann Ägyptens (Genesis 41,37-46 )
  11. Ankündigung der Geburt Jesu (Lukas 1,26-38 )
  12. Jesu Darstellung im Tempel (Lukas 2,22-40 )
  13. Flucht nach Ägypten (Matthäus 2,13-15 )
  14. Kindermord des Herodes (Matthäus 2,16-18 )
  15. Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52 )
  16. Taufe Jesu (Markus 1,9-11 )
  17. Die Sturmstillung (Lukas 8,22-25 )
  18. Der Fischfang des Petrus (Lukas 5,1-11 )
  19. Die Berufung des Zöllners Levi (Lukas 5,27-32 )
  20. Die Enthauptung Johannes des Täufers (Matthäus 14,3-12 )
  21. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15,11-32 )
  22. Der reiche Jüngling (Matthäus 19,16-26 )
  23. Jesus und die Samariterin (Johannes 4,1-45 )
  24. Jesus und Nikodemus (Johannes 3,1-21 )
  25. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Matthäus 25,1-13 )
  26. Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Matthäus 25,14–30 )
  27. Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Markus 12,1-12 )
  28. Jesu Einzug in Jerusalem (Markus 11,1-11 )
  29. Das Abendmahl (Lukas 22,14–20 )
  30. Jesus im Garten Gethsemane (Lukas 22,39-46 )
  31. Jesu Gefangennahme (Lukas 22,47-53 )
  32. Jesus vor dem Hohenpriester (Lukas 22,66-71 )
  33. Jesus vor Pilatus (Lukas 23,1-25 )
  34. Jesu Geißelung (Johannes 19,1-4 )
  35. Jesu Kreuzigung (Johannes 19,16-37 )
  36. Jesu Grablegung (Johannes 19,38-42 )
  37. Jesu Auferstehung (Matthäus 28,1-7 )
  38. Jesu Himmelfahrt (Lukas 24,50-53 )
  39. Tempeleinweihung Salomos (2. Chronik 4-5 )
  40. Jakob segnet Ephraim und Manasse (Genesis 48 )
  41. Untergang der Ägypter im Roten Meer (Exodus 14 )
  42. Auszug aus Ägypten (Exodus 12 )
  43. Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen (Genesis 45 )
  44. Mose am brennenden Dornbusch (Exodus 3 )
  45. Mose wird von Pharaos Tochter gefunden (Exodus 2 )

Die fünf Kanzelbilder zeigen den lehrenden Christus und die vier Evangelisten mit ihren Symbolen.

Orgel

Die heutige Orgel wurde 1862 von dem Heilbronner Orgelbauer Karl Schäfer mit einem Manual und 14 Registern erbaut. Im Rahmen der Kirchenrenovierung 1983/84 wurde sie von der Orgelbaufirma Reinhart Tzschöckel grundlegend umgebaut und auf zwei Manuale mit 20 Registern erweitert.[5] 2009 wurde sie durch die Orgelbaufirma Mühleisen gereinigt und restauriert.[6]

Glocken

Das Geläut besteht aus drei Nachkriegsglocken, 1950 gegossen von der Firma Heinrich Kurtz in Stuttgart, und einer historischen Glocke aus dem Jahr 1521, auf der keine Signatur vorhanden ist. Anhand der Inschrift wird sie einem Gießer aus dem Umfeld der Biberacher Gießhütte zugeschrieben, namentlich Martin Kisling, der ein Jahr zuvor die beiden großen Glocken für die Stuttgarter Stiftskirche goss, da die Ähnlichkeit zu den Stuttgarter Glocken recht deutlich ist. Die Inschrift ist in Minuskeln abgefasst. Auf der Flanke befindet sich eine Darstellung des Heiligen Wendelin.[7]

Name Schlagton Gewicht Gießer Gussjahr Inschrift
Taufglocke c'' ca. 280 kg Heinrich Kurtz, Stuttgart 1950 FREUT EUCH, DASS EURE NAMEN IM HIMMEL GESCHRIEBEN SIND!
Ruferglocke a' ca. 480 kg KOMMT, DENN ES IST ALLES BEREIT!
Gebetsglocke g' 717 kg unbekannt, vermutlich Martin Kisling, Biberach 1521 + Ave ∫ gracıa ∫ plena ∫ domınvs ∫ tecvm ∫ Anno ∫ domını ∫ 1521 s· lvx ∫ s· marx ∫ s· mathevs / ∫ s ıohannes
Sterbeglocke f' ca. 950 kg Heinrich Kurtz, Stuttgart 1950 JESUS CHRISTUS GESTERN UND HEUTE UND DERSELBE AUCH IN EWIGKEIT

Literatur

  • Theo Bresch: 500 Jahre Schnaiter Hochaltarretabel. Hrsg.: Evangelische Kirchengemeinde Schnait. Evangelische Kirchengemeinde Schnait, Schnait 1997.
  • Dr. Wolfgang Schöllkopf: "...mit Loben und dancken...ohne Weitläuffigkeit und Üppigkeiten" - 250 Jahre Evangelische Predigtsaalkirche in Schnait. Festvortrag am Erntedankfest, 4. Oktober 1998. Hrsg.: Evangelisches Pfarramt Schnait. Schnait Dezember 1998.
  • Hermann Kiedaisch, Richard Lenz: Die Schnaiter Emporenbilder. Hrsg.: Evang. Kirchengemeinde Schnait. Emil Fink Verlag, Stuttgart 1988.
  • Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Baden-Württemberg I, Regierungsbezirke Stuttgart und Karlsruhe. Deutscher Kunstverlag, München 1993, S. 656.
Commons: St. Wendelin – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. a b Gebäude & Glocken. Abgerufen am 27. März 2025.
  2. Dr. Wolfgang Schöllkopf: "...mit Loben und dancken...ohne Weitläuffigkeit und Üppigkeiten" - 250 Jahre Evangelische Predigtsaalkirche in Schnait. Festvortrag am Erntedankfest, 4. Oktober 1998. Hrsg.: Evangelisches Pfarramt Schnait. Schnait Dezember 1998.
  3. Karl Halbauer: 500 Jahre Schnaiter Hochaltarretabel. Hrsg.: Evangelische Kirchengemeinde Schnait. Schnait November 1997.
  4. Hermann Kiedaisch, Richard Lenz: Die Schnaiter Emporenbilder. Hrsg.: Evang. Kirchengemeinde Schnait. Emil Fink Verlag, Stuttgart 1988.
  5. Weinstadt/Schnait, St. Wendelin – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 4. Januar 2026.
  6. Evang. Kirche, Weinstadt – Schnait. In: Werkstätte für Orgelbau Mühleisen GmbH. Abgerufen am 27. März 2025.
  7. mittagsglocke: Weinstadt-Schnait (D), ev. Wendelinskirche – Einzel- und Vollgeläut. 8. Februar 2022, abgerufen am 27. März 2025.

Koordinaten: 48° 47′ 32,2″ N, 9° 24′ 9,2″ O