St. Martin (Westerstetten)

Die Kirche St. Martin steht in der Ortsmitte der Gemeinde Westerstetten im Alb-Donau-Kreis in Baden-Württemberg und ist die Pfarrkirche der römisch-katholischen Kirchengemeinde Westerstetten.

Geschichte und Architektur

Bereits in der ersten urkundlichen Nennung des Ortes Westerstetten im Jahr 1225 wird eine Pfarrkirche erwähnt, über deren Aussehen jedoch nichts mehr bekannt ist. Der Kirchturm entstand vermutlich erst nach 1225. Die massiven Mauern und schmalen Schlitzfenster der unteren Turmgeschosse sprechen für eine Datierung in das 13./14. Jahrhundert.

1972 wurden die Grundmauern eines älteren, schmalen und langgestreckten Kirchenschiffes freigelegt. Dieses Schiff war im Westen 5,30 Meter und im Osten 6 Meter breit sowie etwa 17 Meter lang, der Chor schloss mit gleicher Breite um mindestens 4 Meter an. Zungenmauern trennten Schiff und Chor und bildeten einen Durchgang von rund 3,20 Metern Breite. Das mittelalterliche Schiff war leicht nach Ostnordost gedreht und stand schräg zum Turm. Spuren des alten Dachanschlusses sind im heutigen Dachraum erhalten; die Dachneigung war steiler und die Traufe rund 3 Meter tiefer als heute. Putz- und Schriftreste sowie Bodenplattenfragmente mit Ornamenten datieren in das 14. Jahrhundert.[1]

Eine Magdalenenkapelle wurde 1377 durch die Töchter des Heinrich von Westerstetten gestiftet und diente als Grablege der Ritter von Westerstetten.[1] 1462 wurde sie wegen Baufälligkeit bereits wieder abgebrochen. Die Kaplanei wurde dann mit der Pfarrkirche verbunden, und der Magdalenenaltar wurde offenbar an der Südseite des Chorbogens aufgestellt.

Barocker Neubau

Erstmals gesicherte Nachrichten zur Baugeschichte stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert. 1710 wurde der gotische Spitzhelm des Turmes durch die heutige Zwiebelturmspitze ersetzt. Nach einem Teileinsturz des Kirchendaches 1715 erteilte das Kloster Elchingen am 12. September 1717 die Erlaubnis zum Kirchenneubau. Die Weihe erfolgte am 31. Juli 1721. Der spätbarocke Neubau wird dem Elchinger Klosterbaumeister Christian Wiedemann (ca. 1675–1739) zugeschrieben, dessen Werk sich in vielen Kloster- und Dorfkirchen der Region nachweisen lässt. Der barocke Neubau ist – anders als der Vorgängerbau – exakt auf den mittelalterlichen Turm ausgerichtet. Die äußeren Maße des Kirchenschiffes entsprechen dabei dem doppelten Turmseitenmaß. An das rechteckige Saalschiff schließt eine quadratische Vierung mit drei Konchen an. Eine lokale Aufzeichnung von Pfarrer Löhle (1801–1841) berichtet von der Auffindung von Zinnsärgen bei Fundamentarbeiten, darunter ein Leichnam mit Schwert, Ringen und Stab. Um diese Grabstätte einzubeziehen, sei der Bauplan erweitert worden, möglicherweise erklärt dies die außergewöhnliche Dreikonchenanlage.[1]

Der Innenraum ist durch Helligkeit und Weite geprägt. Die dreiseitige Öffnung der Konchen erzeugt einen einheitlichen Raum, dessen Vierung keine erhöhte Betonung erhält. Schiff und Konchen besitzen flache Tonnen- bzw. Platzgewölbe; ein umlaufendes Gesims fasst den Raum zusammen. Flach geschichtete Pilaster gliedern die Vierungsecken, die Fenster reichen mit ihren Rundbögen weit in die Gewölbe hinein. Der Stuckschmuck ist sparsam ausgeführt. Auffällig ist der Gegensatz der streng geführten unteren und der geschweiften oberen Westempore. Die schlichte architektonische Gestaltung erklärt sich überwiegend durch die begrenzten finanzielle Mittel in der Erbauungszeit, die ursprünglich geplanten Deckenfresken kamen zunächst nicht zur Ausführung.[1]

Ausstattung

Hochaltar, Kanzel, Taufstein

Der Hochaltar (um 1720) besitzt eine reich gegliederte Säulenarchitektur mit korinthischen Säulen und stark bewegten Gebälkstücken. Seine Fassung in grau-brauner und rötlicher Marmorierung sowie Gold wurde 1973 freigelegt. Die Seitenfiguren der hl. Katharina und der hl. Barbara gehören ebenfalls zur Bauzeit. Die Altarblätter sind jüngeren Datums (Kreuzigung von 1860, St. Martin von 1951).[1]

Die Kanzel in der nordwestlichen Vierungsecke ist aus Holz gefertigt, marmoriert und vergoldet. Der sechseckige Schalldeckel trägt eine Figur des Auferstandenen (um 1720/30), deren ursprüngliche Fassung weitgehend erhalten ist.

Der Taufstein stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Seitenaltäre

Die beiden Nebenaltäre in den Seitenkonchen sind ältere Werke aus dem Kloster Elchingen, geschaffen unter Abt Anselm Bauer (1657–1685). Vermutlich gelangten sie 1721 nach Westerstetten, als im Kloster vier Altäre konsekriert wurden. Beide Altäre zeigen gedrehte, weinlaubumwundene Säulen, Knorpelwerk und eine alte Schildpattfassung. Das Bild des Nordaltares (Beweinung Christi) ist teils übermalt; das des Südaltares (Heilige Familie) wurde 1861 neu geschaffen.[1]

Gestühl

Vom barocken Kirchengestühl haben sich die Abschlussbrüstungen mit Laubsägeornamenten und die eichenen Wangen mit kräftiger Akanthusschnitzerei erhalten; einige wurden ergänzt.

Figuren und weitere Ausstattung

Die Kirche beherbergt zahlreiche barocke und neuzeitliche Figuren:

  • eine verehrte Muttergottesstatue (schwäbisch, Mitte 18. Jh.), die möglicherweise ein zuvor existentes gotisches Gnadenbild ersetzte; 1738 wird eine Marienwallfahrt erwähnt, deren Bild an gleicher Stelle stand.
  • eine kleine Figur des hl. Leonhard (Mitte 18. Jh.) in einer rocaillengerahmten Nische, gegenüber der Kanzel
  • ein Salvatorbild, im 19. Jahrhundert als Herz-Jesu-Figur umgestaltet,
  • zwei Figuren der hl. Benedikt und Scholastika als Hinweis auf die Zugehörigkeit zum Kloster Elchingen,

Bilder der Ostapsis

In der Ostapsis hängen zwei Gemälde des hl. Sebastian und der hl. Notburga, letzteres signiert mit J. Habers in Weißenhorn pinxit 1835. Beide Werke zeigen barocke Tradition mit nazarenischen Einflüssen.

Deckengemälde

1892 wurde die Kirche barockisierend ausgemalt: Das Hauptdeckengemälde zeigt die Aufnahme Mariens in den Himmel, das Deckengemälde des Schiffes den Kirchenpatron St. Martin bei der Mantelteilung. Der Heilige Martin ist auch auf zwei weiteren Bildern dargestellt, im hintersten Deckengemälde (verdeckt durch die Orgel) als Eremit und im oberen Bild des Hauptaltars als Bischof.[1]

Glocken

1983 erhielt die Kirche ein neues Geläut mit vier Glocken in den Tönen f¹ - g¹ - b¹ - c².[2]

Orgel

Aufgrund beschränkter finanzieller Mittel wurde bei der Fertigstellung 1721 zunächst auf eine Orgel verzichtet. 1755 wurde schließlich eine erste Orgel durch Johann Caspar Briegel errichtet.[3] 1825 wurde sie durch eine gebrauchte Orgel ersetzt, die der Ulmer Orgelbauer Georg Friedrich Schmahl 1764 für die Pfarrkirche St. Laurentius in Amstetten erbaute.

1860 errichtete die Orgelbauwerkstatt Link eine neue Orgel mit 11 Registern auf 2 Manualen und Pedal (Opus 23). 1934 baute die Orgelbaufirma Späth eine neue Orgel, in die das komplette Pfeifenwerk der Link-Orgel von 1860 übernommen wurde. 1965 und 1974 wurde die Orgel von der Orgelbaufirma Reiser umgebaut.[4]

2008 wurde dann eine neue Orgel, erbaut von der Orgelbaufirma Georges Heintz, auf den beiden rückseitigen Emporen installiert. Die Orgel ist als klassisches Werk mit Rückpositiv, Hauptwerk und dahinterstehendem Pedal aufgebaut. Klanglich orientiert sich das Instrument am süddeutschen und elsässischen Orgelbau des Barock. Die Intonation führte Orgelbaumeister Klaus Schleinitz aus, der Prospektentwurf stammt von Hans-Jürgen Reuschel.[4]

2013 wurde außerdem eine Truhenorgel mit 3 Registern angeschafft.[5]

Ölbergkapelle

An der Südmauer der Kirche befindet sich eine Ölbergkapelle mit einer fünfteiligen Tuffsteingruppe (Christus, Engel, Johannes, Petrus, Andreas).[1] Diese wurde im Jahr 2005 restauriert und mit einer Beleuchtung versehen.

Über dem Friedhofstor steht eine Figur des hl. Johannes Nepomuk.

Commons: St. Martin (Westerstetten) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Unsere Kirche. Archiviert vom Original am 27. Januar 2021; abgerufen am 21. November 2025 (deutsch).
  2. Kaiserglocke: Westerstetten - St. Martin - Vollgeläut. 11. August 2012, abgerufen am 21. November 2025.
  3. Die neue Heintz Orgel. Archiviert vom Original am 17. Januar 2021; abgerufen am 21. November 2025 (deutsch).
  4. a b Westerstetten, St. Martin – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 21. November 2025.
  5. Westerstetten, St. Martin (Truhenorgel) – Organ index, die freie Orgeldatenbank. Abgerufen am 21. November 2025.

Koordinaten: 48° 31′ 10,5″ N, 9° 57′ 19,5″ O