St.-Anna-Kapelle (Zeil am Main)

Die St.-Anna-Kapelle in Zeil am Main ist ein gotischer Sakralbau aus dem frühen 15. Jahrhundert. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Bauwerken der Stadt. Sie befindet sich innerhalb der ehemaligen Kirchenburg in unmittelbarer Nachbarschaft zur katholischen Stadtpfarrkirche St. Michael. Ursprünglich als Kapelle mit Ossarium errichtet, diente sie über die Jahrhunderte sowohl liturgischen Zwecken als auch sozialen und kommunalen Funktionen. Heute wird das Bauwerk mit seiner charakteristischen Kassettendecke, dem seltenen Ziegelboden und dem Rokokoaltar von 1769 für kleinere Gottesdienste, kulturelle Veranstaltungen und Führungen genutzt.

Lage

Rückseite der Kapelle
Dachreiter

Die St.-Anna-Kapelle befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft der katholischen Stadtpfarrkirche St. Michael innerhalb der ehemaligen Kirchenburg von Zeil am Main. Sie gehört nicht mehr zur Pfarrkirche, bildet aber mit ihr und dem Kirchhof ein historisches Ensemble.[1.1]

Geschichte

Die Kapelle zählt zu den ältesten Bauwerken der Stadt. Sie wird als spätgotischer Bau nach 1424 datiert. Ihr Altar wurde 1412 durch den Würzburger Weihbischof konsekriert; die ursprüngliche Altarplatte ist bis heute unter der barocken Verkleidung erhalten. 1425 vermachte eine Bürgerin der Kapelle einen Kelch und ein Messgewand, 1518 stiftete der Zeiler Johann Surer ein Beneficium zu Ehren der heiligen Anna.

In früheren Jahrhunderten spielte die Kapelle eine wichtige Rolle im städtischen Leben. Mit ihrer Glocke konnte der Bürgermeister die Bürger zusammenrufen. Versammlungen fanden im „Verkündraum“ des Rathauses statt, wo die Anwesenheit der Bürger Pflicht war. Dort wurden kommunale Angelegenheiten in direkter Demokratie entschieden oder Arbeiten für die Stadt an die Wenigstnehmenden vergeben.

Im 19. Jahrhundert wurden in der Kapelle Messen für Frauen gefeiert, die kurz vor der Geburt standen und die Fürbitte der heiligen Anna anriefen. Bedürftige erhielten nach dem Gottesdienst in der Pfarrkirche Almosen.

1903 war die Kapelle von Abriss bedroht, da eine Erweiterung von Rathaus und Schule geplant war. Sie blieb jedoch erhalten und wird heute für kleinere Gottesdienste, Konzerte, Theateraufführungen und Ausstellungen genutzt. Der Festtag der heiligen Anna, der Großmutter Jesu, ist der 26. Juli. Sie gilt als Patronin werdender Mütter, kinderloser Frauen, Ammen, Brautleute, Sterbender, Witwen und Bergleute.[1.2][1.1][1.3][2]

Architektur

Außenbau

Es handelt sich um einen zweigeschossigen Saalbau mit Satteldach. Der Polygonalchor ist im Obergeschoss vorkragend ausgebildet. Das Langhaus besitzt zwei Fensterachsen und ein spitzbogiges Westportal. Der Chor trägt ein Kreuzrippengewölbe mit einfach gekehlten Rippen und einem Schlussstein mit Sternmotiv. Die Fenster sind spitzbogig mit Maßwerk aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Bauwerk ist massiv verputzt, wobei die Ecklisenen unverputzt und farblich abgesetzt sind.

Das Dach ist steil und gotisch, gedeckt mit mittelalterlichen Rinnen- und Hohlziegeln, die früher das typische Material aller Dächer in Zeil waren. Die Zwischenräume wurden mit Putzgraten geschlossen, wobei der Kalkmörtel zur besseren Bindung mit kleingeschnittenen Frauen- oder Rindshaaren versetzt wurde. Der Dachstuhl stammt aus dem Jahr 1420 und ist damit der älteste der Stadt und einer der ältesten im nordbayerischen Raum. Auffällig ist die Nummerierung der Sparren: Die Zahl 13 fehlt, stattdessen ist zweimal die Zahl 12 eingeschlagen.

Bekrönt wird die Kapelle von einem schlanken Dachreiter mit einer Bronzeglocke, die die im Zweiten Weltkrieg abgelieferte Glocke ersetzt. Der Klöppel der verschollenen Glocke hängt heute an der Innenwand.

Am Westgiebel befindet sich eine Kalktuffstatue der heiligen Anna mit Maria aus dem 19. Jahrhundert. Die bleiverglasten Fenster sind überwiegend schwach violett getönt und sollen aus der Glashütte von Balthasar Neumann in Fabrikschleichach stammen.[1.4][1.1][1.3][2]

Innenraum

Das Langhaus besitzt eine flache Holzkassettendecke mit bäuerlicher Bemalung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts sowie einen Ziegelboden. Der Zugang erfolgt über eine Treppe aus den 1930er Jahren, die eine ältere gerade Treppe ersetzte.

Das Untergeschoss ist tonnengewölbt und diente bis 1938 als Ossarium. Dort wurden Gebeine aus dem Kirchhof eingelagert. Beim Umbau zu einem Luftschutzkeller im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebeine in einer neu geschaffenen Erhöhung östlich des Kirchturms beigesetzt, über der später eine Linde gepflanzt wurde.

Der anschließende dreiseitige Chor weist ein spätgotisches Gewölbe auf. Er gilt auch von außen als besonders reizvoll.[1.4][1.1][1.3][2]

Ausstattung

Rokokoaltar

Die Kapelle enthält einen Rokoko-Altar von 1769. Das Altarbild zeigt die heilige Anna mit Maria und Joachim sowie Engel. Auffällig ist die Komposition: Maria steht im Zentrum, Anna ist seitlich gerückt, Joachim erscheint schützend im Hintergrund. Über Maria schwebt ein Engel mit Lilien als Zeichen ihrer Reinheit.

Der Aufbau ist schlicht, er wird flankiert von weiß-golden gefassten Holzfiguren: links Josef mit dem Jesuskind, rechts Joachim mit Hirtenstab. Der Auszug zeigt das Gottesauge mit Strahlen, die Wolken mit Engelköpfen durchdringen; seitlich halten Putten Rosenranken.

Im Chor liegen zudem Teile eines Barockaltars mit gemaltem Altarblatt, die einer Renovierung bedürfen.

Wandmalereien

Reste gotischer Fresken sind am Eingang erhalten, wurden jedoch überputzt. Eine Seccomalerei von 1620 zeigt Apostel, eine Kreuzigungsszene sowie Embleme von Maria („MRA“) und Jesus („JHS“). Im Chor sind Engel mit Weihrauchfass, die heilige Anna, Dorothea und vermutlich Apollonia dargestellt. Besonders reizvoll ist der Blumen- und Rankenschmuck mit der Jahreszahl 1620 am Südostfenster. Die Fresken sind heute stark zerstört, lassen aber die einst üppige Ausmalung der Wände erahnen.[1.4][1.1][1.3][2]

Besonderheiten

Die Kapelle weist eine seltene Besonderheit auf: Sie soll nördlich der Donau die einzige noch erhaltene Kirche mit einem Ziegelboden sein. Dieser steigt zum Altar hin an und verstärkt die perspektivische Raumwirkung. Auch die Kassettendecke unterstützt diesen Effekt, da ihre Felder vom Eingang bis zum Altar von 125 cm auf 75 cm schrumpfen. Teile des alten Bodens und der Kassettendecke wurden später wieder eingebaut und ergänzt.

Der Zugang zur Kapelle ist heute nur im Rahmen von Führungen oder nach Rücksprache mit Pfarramt beziehungsweise der Stadtverwaltung möglich.[1.4][1.1][1.3][2]

Commons: St. Anna (Zeil am Main) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Die St.-Anna-Kapelle. In: denkmal-zeil.de. Abgerufen am 28. November 2025.
    1. a b c d e f Chronik der Stadt Zeil am Main
    2. Beschreibung der Kapelle
    3. a b c d e Leisentritt: Ein Spaziergang durch Zeil
    4. a b c d Beschreibung
  2. a b c d e Die Annakapelle: Eine versteckte Schönheit in Zeil (PDF-Datei). In: denkmal-zeil.de. Abgerufen am 25. November 2025.

Koordinaten: 50° 0′ 37,8″ N, 10° 35′ 39,8″ O