Spielzeugindustrie in Hongkong
Die Spielzeugindustrie in Hongkong entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig in Hongkong und prägte das wirtschaftliche Bild der Region bis zur Verlagerung der Produktion auf das chinesische Festland. Insbesondere der Zeitraum von 1948 bis in die 1990er Jahre kennzeichnete einen markanten Wandel, sowohl in Produktionstechnologie als auch in der industriellen Ausrichtung.
Geschichte
Entwicklung der Spielzeugindustrie (1930er–1980er)
Vor dem Zweiten Weltkrieg waren Spielzeuge der Hongkonger Spielzeugindustrie vornehmlich aus Papier, Stoff, Blech und Holz. In den 1930er entstand durch den Einfluss der Spielzeugfabriken in Guangzhou und Shanghai eine Werkstatt am Hollywood Walkway in Sheung Wan, die Papierschlangen, Papierfächer, Puppen, Blechspielzeugautos und Flugzeuge herstellte. Als auf dem chinesischen Festland, auf Grund des chinesischen Bürgerkriegs, die Situation instabil wurde, zogen die ersten chinesischen Spielzeugfabriken nach Hongkong und produzierten als Manufakturen Blechautos aus alten Dosen. Dies waren die Anfänge von " Made in Hong Kong"-Spielzeug.[1]
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann Hongkong seine Industrialisierung im Bereich der produzierenden Gewerbe, wobei die Spielzeugproduktion eine zentrale Rolle einnahm. Anfangs war die Herstellung von Blechspielzeugen verbreitet, die jedoch in den 1950er Jahren zunehmend von Kunststoffspielzeugen abgelöst wurde, nachdem 1947 die erste Kunststofffabrik in Hongkong eröffnete.[2][3] Als erstes Kunststoff-Spielzeug in Massenfertigung aus Hongkong gilt die von Lam Leung-tim 1948 entwickelte gelbe Gummiente.[4] Ein wesentlicher Wandel fand mit der Umstellung von Blech auf Kunststoff statt. Die Kunststoffproduktion erlaubte kostengünstigere und detailreichere Fertigung, wodurch Hongkong seine Stellung als Hersteller innovativer Spielzeuge ausbaute.
Ab den 1960er Jahren konnten zunehmend Spielwaren in den USA, Großbritannien und weiteren europäischen Ländern abgesetzt werden.[5]
Durch günstige Arbeitskosten[6] und effiziente Exportkapazitäten wurde Hongkong zum weltweit führenden Spielzeugexporteur.1970 beschäftigen etwa 1.110 Spielzeugfabriken in Hongkong rund 40.000 Mitarbeiter.[7] 1972 konnte Hongkong Japan als weltweit größten Spielzeugexporteur ablösen.[8] Die Japaner hatten diese Position seit Ende des Zweiten Weltkriegs inne, seit sie ihrerseits Deutschland und die USA ablösten.[5] Viele westliche Spielzeughersteller wie Hasbro, Mattel, Kenner Playmobil, Lego oder Dinky Toys ließen in Hongkong fertigen.[7][9][10][11][12][13] Kenner ließ unter anderem die Action-Figuren der Fernsehserie der Sechs Millionen Dollar Mann und der Star-Wars-Filme in Hongkong produzieren.[12] Hasbro produzierte hier zum Beispiel Play-Doh, G. I. Joe und ab den 1980ern Transformers.[10]
Die Stadt profitierte zudem von ihrem kolonialen Status und dem Zugang zu internationalen Märkten, insbesondere nach Europa und den USA. Die Fertigung war geprägt von Flexibilität und einer starken Anpassung an Kundenwünsche.[6] Bis 1980 war die Zahl der Spielwarenhersteller in Hongkong auf rund 2.000 angewachsen und man zählte etwa 56.000 Beschäftigte auf diesem Sektor.[9] Auf dem Höhepunkt der Entwicklung wurde der renommierte britische die-cast-Spielzeughersteller Matchbox in den 1980er Jahren von dem Hongkonger Unternehmen übernommen[14] und war später das erste Hongkonger Unternehmen das am New New York Stock Exchange gelistet war.[1]
Verlagerung der Produktion nach Festlandchina und Folgen
Ab den 1980er Jahren begann die Produktionsverlagerung nach Festlandchina, vor allem in die Provinz Guangdong.[2][10]
Gründe waren steigende Löhne und Betriebskosten in Hongkong sowie günstige Investitionsbedingungen und Arbeitskräfte auf dem chinesischen Festland.[6] ln den 1990er Jahren hatten Hongkonger Unternehmen über dreitausend Fabriken auf dem chinesischen Festland errichtet.[15]
Hongkong wandelte sich vom Produktionsstandort zu einem Handels-, Design- und Innovationszentrum. Das Label „Made in Hong Kong“ wurde zugunsten von „Made in China“ verdrängt, was einen Bedeutungsverlust lokaler Produktionskapazitäten bedeutete. Gleichzeitig blieb Hongkong ein entscheidender Knotenpunkt für Vertrieb, Marketing und Produktentwicklung.
Paradigmenwechsel und technologische Transformation
Die Industrie entwickelte sich zu einem Hotspot für Design, Produktion und Qualitätssicherung mit stark arbeitsteilig organisierten Fertigungsprozessen.[15] Diese technologische Transformation ermöglichte unter anderem die Entwicklung von interaktiven Spielzeugen mit elektronischen Komponenten und trieb die Exportorientierung weiter voran.
Rolle Hongkongs nach der Produktionsverlagerung
Nach der Verlagerung der Fertigung konzentrierte sich Hongkong verstärkt auf hochqualitative Tätigkeiten wie Produktdesign, Planung, Qualitätskontrolle und Marketing. Hongkong blieb trotz der physischen Produktionsabwanderung eine bedeutende Drehscheibe in der globalen Spielzeugindustrie, insbesondere durch seine Nähe zu China und sein gut etabliertes Handelsnetzwerk. Zahlreiche Spielzeughersteller in Hongkong entwickelten eigene Marken und Produkte, statt nur als Auftragsfertiger für westliche Unternehmen zu fungieren. So wurde Hongkong im 21. Jahrhundert weiterhin als einer der größten Spielzeugexporteure weltweit geführt, wenn auch mit verändertem Fokus.[6](UPI 1992)[web:12] 2024 gab es 3.380 Unternehmen der Spielwarenindustrie, von denen 50 produzierend waren. Sie beschäftigten in Hongkong 17.240 Mitarbeiter, davon 120 in der Fertigung.[16]
2019 wurden noch 60 % des weltweit verkauften Spielzeugs von Hongkonger Unternehmen hergestellt, die jedoch fast ausnahmslos auf dem chinesischen Festland fertigen ließen.[17]
Im Jahr 2025 wurde der Umsatz im Bereich Toys & Games in Hongkong auf etwa 452 Millionen US-Dollar geschätzt, wobei neben traditionellen Spielwaren auch Nischenprodukte und nachhaltige Spielzeuge an Bedeutung gewannen. Große internationale Marken wie Hasbro und LEGO spielen weiterhin eine wichtige Rolle im Markt als Kunden von OEM-Spielzeug[10], ein Geschäftsfeld das schon seit den 1960er in Hongkong erfolgreich ist.[3]
Bedeutende Persönlichkeiten der Hongkonger Spielzeugindustrie
Mehrere Unternehmer wurden zu Schlüsselfiguren der Entwicklung der Hongkonger Spielzeugindustrie:
- Lam Leung-tim (1924–2025) gilt als Pionier und „Vater der Transformers in China“. Er führte die erste Massenproduktion der gelben Gummiente in Hongkong ein und baute mit seiner Firma Forward Winsome Industries bedeutende Partnerschaften mit internationalen Unternehmen wie Hasbro, Mattel und Hallmark auf. Unter seiner Führung wurde Hongkong weltweiter Produzent von Spielzeugen wie G.I. Joe, Transformers und anderen bekannten Marken. Er trug entscheidend zur Transformation der Spielzeugindustrie und zur Verlagerung der Produktion nach Südchina bei.[18][11][10]
- Wong Pui-kow (1912–2005) war ein weiterer früher Unternehmer, der wichtige Fabriken wie South China Toys Factory und Chung Keen gründete. South China Toys hatte etwa sechzig verschiedene Arten von Metallspielzeug im Sortiment, unter anderem Schiffe, Flugzeuge, Autos, Züge, Pfeifen, Trompeten und Kreisel.
Er war bekannt für seine politische Unterstützung der Volksrepublik China und als führende Persönlichkeit der Hongkonger Wirtschaftsvereinigungen. Wong baute die Metallspielzeugproduktion aus , South China Toys hatte etwa sechzig verschiedene Arten von Metallspielzeug im Sortiment, unter anderem Schiffe, Flugzeuge, Autos, Züge, Pfeifen, Trompeten und Kreisel. Wong war zudem in verschiedenen Branchenverbänden und sozialen Einrichtungen aktiv. Sein Engagement trug maßgeblich zur Stabilität und Expansion der Spielzeugindustrie in Hongkong bei.1997 zum ersten Mal die Provinz Guizhou besucht hatte, spendete er über 16 Millionen RMB für den Bau von mehr als 50 Schulen in Provinz Guizhou. Als er 2005 starb, hinterließ er 40 % seines Vermögens dem Projekt Hope, um Schulen in armen ländlichen Gebieten Chinas zu bauen.[2]
Einzelnachweise
- ↑ a b 就係媒體. In: Beinghongkong.com. Abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c York Lo: Wong Pui-kow (黃佩球): the HK Toy Industry and Chinese Products Store Pioneer. In: The Industrial History of Hong Kong Group. 25. Juni 2025, abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ a b What Hong Kong Plastic Industry Encompass. Hong Kong Memory, abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
- ↑ Connor Mycroft: Hong Kong toy tycoon Lam Leung-tim, creator of iconic rubber duck, dead at 105. In: scmp.com. South China Morning Post, 16. November 2025, abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
- ↑ a b CK Jeung: Hong Kong – A Living History of the Toy Business. In: Globaltoynews.com. 1. März 2023, abgerufen am 24. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ a b c d Alisa Chau: Hidden Hong Kong: A history of “Made in Hong Kong” toys. In: Localiiz.com. 22. Juli 2021, abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Lam Leung Tim, Forward Winsome Industries, SCMP article. In: The Industrial History of Hong Kong Group. Abgerufen am 24. November 2025.
- ↑ In pictures: when Hong Kong was the centre of toy manufacturing. South China Morning Post, 28. Juli 2025, abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Hugh Farmer: Toy Museum in Hong Kong + 1972 World’s largest exporter of Toys. The Industrial History of Hong Kong Group, 21. Dezember 2013, abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
- ↑ a b c d e Fowind’s OEM Clients, and the OEM Model in the Toy Industry. In: Hong Kong Memory. Abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
- ↑ a b Hugh Farmer: Forward Winsome – a brief history of a major HK toy company. In: The Industrial History of Hong Kong Group. Abgerufen am 24. November 2025 (englisch).
- ↑ a b York Lo: Joe Law (羅祖耀, 1922-2015) – HK Plastic and Toy Industry Pioneer. The Industrial History of Hong Kong Group, 10. Februar 2023, abgerufen am 25. November 2025.
- ↑ Scott Collins: Film Arrives by Virtue of Family Fortune. The Los Angeles Times, 1. Mai 1997, abgerufen am 25. November 2025 (amerikanisches Englisch).
- ↑ Katie Hunt: Toy town: Hong Kong's toy makers seek wider recognition. In: BBC News. 22. Dezember 2011 (bbc.com [abgerufen am 25. November 2025]).
- ↑ a b C. K. Law, S. F. Chan: Panorama of toys design and development in Hong Kong. In: Journal of Materials Processing Technology (= IMCC2000). Band 138, Nr. 1, 20. Juli 2003, ISSN 0924-0136, S. 270–276, doi:10.1016/S0924-0136(03)00084-0 (sciencedirect.com [abgerufen am 25. November 2025]).
- ↑ Simeon Woo: Toy Industry in Hong Kong. HKTDC Research, 29. Mai 2025, abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
- ↑ Shanshan Kao; Lea Li; Chris Healy: Old toys offer a glimpse into Hong Kong history. South China Morning Post, 23. Januar 2019, abgerufen am 25. November 2025 (englisch).
- ↑ Toy story. In: https://www.businesstimes.com.sg/. 28. Juli 2017, abgerufen am 24. November 2025 (englisch).