Sibylle Heusser
Sibylle Heusser-Keller (* 24. April 1942 in Basel; † 1. Juli 2025) war eine Schweizer Architektin, Malerin und Illustratorin. Sie war von 1973 bis 2010 Leiterin des Büros für das Inventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung der Schweiz (kurz ISOS). Zusammen mit ihrem Team entwickelte die Architektin die Methode, mit der fast 6000 Ortsbilder der Schweiz erfasst und nach nationaler, regionaler und lokaler Bedeutung eingestuft wurden. Heusser wird auch «Mutter des ISOS» genannt.[1]
Leben
Sibylle Heusser war die Tochter des Philosophie- und Psychologieprofessors Wilhelm Keller und der Esther Keller-Bussmann.[2] Sie studierte nach der Matura Architektur an der ETH Zürich und arbeitete danach als Assistentin bei Alfred Roth, ehe sie 1968 das Diplom erwarb.[1] Die junge Architektin übernahm anschliessend bei Paul Hofer, ETH-Professor und einer der Gründer des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (GTA) in Zürich, eine Assistenzstelle. Danach folgten zwei Aufenthalte in den USA. 1970 kehrte sie für zwei Jahre als Assistentin von Professor Hofer nach Zürich zurück und war 1973 Gastdozentin für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich.[3]
1973 erhielt die Stadtplanungsspezialistin vom Bundesamt für Forstwesen (heute Bundesamt für Umwelt) den Auftrag, die Methode für das Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz ISOS zu entwickeln und umzusetzen. Sie gründete 1974 ein eigenes Architekturbüro zur Durchführung des Bundesauftrages sowie für kleinere Projekte wie Ausstellungsgestaltungen, Umbauten etc. Zusammen mit ihrem Team entwickelte sie Kriterien, um Ortsbilder überhaupt miteinander vergleichen zu können. Für Heusser war bei der Suche nach einem Kriterienraster klar, dass es beim Erfassen eines Ortsbildes um Wahrnehmung ging. Von ihrem Vater hatte sie viel über Gestaltpsychologie gelernt und kannte die Wirkung von Kontrasten, Farben, Gleichartigkeiten etc. Diese Erkenntnisse übertrug Heusser auf das Erfassen der Ortsbilder. Das Team einigte sich auf vier Grundregeln und 18 Kernsätze und markierte anhand der Siegfriedkarte alle dauerhaften Siedlungen mit mindestens zehn Bauten. So kamen 6000 Orte in der Schweiz zusammen, die es zu besuchen und zu untersuchen galt, wobei man sechs Siedlungsgattungen definierte.[1] Das Team einigte sich dann auf mehr als 1000 Ortsbilder, die dann dokumentiert wurden, deren historischer Hintergrund erarbeitet und daraus Empfehlungen formuliert wurden, was wo und warum zu schützen sei. Eine Pionierleistung, die vermutlich weltweit einzigartig war.[4]
Sibylle Heusser war von 1973 bis 2010 verantwortlich für das Büro des ISOS in Zürich. Nach dessen Auflösung übernahm ab dem 1. April 2010 das Bundesamt für Kultur (BAK), Sektion Heimatschutz und Denkmalpflege, die Gesamtleitung. Sibylle Heusser unterstützte das BAK im Rahmen eines Beratungsmandats.[5]
Von 1993 bis 2004 war Heusser als Expertin Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege (EKD). Gleichzeitig zeigte sie als Präsidentin der Nationalen Informationsstelle für Kulturgüter-Erhaltung (NIKE), heute Netzwerk Kulturerbe Schweiz (NKS), von 1994 bis 2004, wie wichtig es ist, auf allen Ebenen und in verschiedenen Formen Knowhow und Initiativen zugunsten unseres Kulturerbes zu stärken. Ab 2011 wirkte sie auch als Mitglied in der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) mit. Sibylle war Mitglied des Schweizerischen Heimatschutz und Mitglied von ICOMOS Suisse.
Zuletzt lebte sie in Tremona im Tessin. Sie starb Anfang Juli 2025 im Alter von 83 Jahren.
Schriften
- Sibylle Heusser und Schweiz. Eidgenössisches Departement des Innern: Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz: ISOS Eidgenössische Drucksachen- und Materialzentrale, 1981. Print.
- Sibylle Heusser et al.: Signalisation in erhaltenswerten Ortskernen, Zürich: [Vereinigung schweizerischer Strassenfachleute], 1992. Print.
- Sibylle Heusser-Keller und Walter Hunziker: Die Jugendstilanlage Schöneck, ein Projekt zu ihrer Erhaltung, In: Unsere Kunstdenkmäler, 29, 1978, S. 75–90.: Ill, 1978.
Ausstellungen
Neben ihrer Tätigkeit als Architektin war Sibylle Heusser auch als Malerin aktiv.[6]
- 1995: Einzelausstellung Bilder, Galerie Fritz Tanner, Bern
- 2001: Einzelausstellung Blumen und andere Landschaften, Galerie 57, Biel
- 2005: Einzelausstellung Bilder und Objekte, Galerie Ursula Wiedenkeller, Zürich
- 2006: Gruppenausstellung Blumen, fleurs, fiori, Galerie 57, Biel
- 2015: Gruppenausstellung Pitture di Sibylle Heusser. Disegni e sculture di Max Weiss., Atelier Irene Weiss-Lechleitner, Tremona
- 2018: Einzelausstellung Sibylle Heusser. Disegni e dipinti, Ristorante Montalbano, Stabio
Weblinks
- Maya Brändli: Ist das Schweiz oder kann das weg? In: Kultur von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Sendung vom 11. Juli 2017.
- Die Pionierin Sibylle Heusser In: Kontext von Schweizer Radio und Fernsehen SRF, Sendung vom 11. Juli 2017.
- Jean-Pierre Lewerer: In Memoriam Sibylle Heusser. In: Icomos, Juli 2025 (PDF).
- Ausstellungen von Sybille Heusser In: SIKART-Lexikon.
- Literatur von und über Sibylle Heusser im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek.
Einzelnachweise
- ↑ a b c Karin Salm: Die Mutter des ISOS. In: Hochparterre (Hrsg.): Hochparterre: Zeitschrift für Architektur und Design. Band 30, Nr. [7], 2017, ISSN 1422-8742, S. 42, doi:10.5169/seals-731009 (e-periodica.ch [abgerufen am 30. Oktober 2025]).
- ↑ Todesanzeige Wilhelm Keller In: Neue Zürcher Zeitung, Nummer 50, 2. März 1987
- ↑ Personalia. In: NIKE-Bulletin. Band 9, Nr. 2, 1994 (e-periodica.ch [abgerufen am 30. Oktober 2025]).
- ↑ Die Pionierin Sibylle Heusser. Schweizer Radio und Fernsehen SRF, 11. Juli 2017, abgerufen am 3. November 2025.
- ↑ Kurz und bündig. In: Heimatschutz = Patrimoine. Band 105, Nr. 2, 2010 (e-periodica.ch [abgerufen am 30. Oktober 2025]).
- ↑ SIKART Lexikon. Abgerufen am 3. November 2025.