Serra-d’Alto-Kultur

Die Serra-d’Alto-Kultur ist die wissenschaftliche Bezeichnung einer archäologischen Kultur, die sich im 5. Jahrtausend v. Chr. in Süditalien entwickelte. Ihren Namen hat sie von dem Fundplatz Serra d’Alto nahe der Stadt Matera in der Region Basilikata in Italien, wo eine Siedlung dieser Kulturstufe ausgegraben wurde. Wie die meisten Kulturen der Urgeschichte ist auch die Serra-d’Alto-Kultur über ihre charakteristische Form der Keramikverzierung definiert.

Räumliche und zeitliche Abgrenzung

Das Grundgerüst der prähistorischen Chronologie beruht stark auf der Abfolge von Keramikstilen, die anhand von Vergesellschaftungen und Stratigraphien untereinander in eine Reihenfolge gebracht werden (Relative Chronologie). Auf diese Weise ist es möglich, die Serra-d’Alto-Kultur der Jungsteinzeit (Neolithikum) zuzuweisen. Um darüber hinaus absolute Datierungen zu erhalten, sind naturwissenschaftliche (archäometrische) Untersuchungen notwendig. Im Falle der Serra-d’Alto-Kultur erlaubt die Radiokarbonmethode eine Einordnung in das 5. Jahrtausend v. Chr.[1]

Geographisch liegt der Verbreitungsschwerpunkt der Serra-d’Alto-Keramik im Süden Italiens, besonders in den südöstlichen Regionen Basilikata und Apulien, aber auch im Südwesten bis nach Sizilien und zu den nördlich davon gelegenen Liparischen Inseln. Archäometrischen Analysen zufolge wurde die Keramik auch über diesen gesamten Raum hinweg an verschiedenen Orten produziert, nicht nur im engeren Kernbereich, der sich um Matera in der Basilikata und im nördlichen und mittleren Apulien bis Murge erstreckt.[2] Allerdings ist man in der archäologischen Forschung mittlerweile vorsichtiger, die Verbreitung spezifischer Keramikstile pauschal mit „Kulturen“ im Sinne von gesellschaftlichen Strukturen, allgemeineren künstlerischen Ausdrucksformen oder gar Ethnizitäten gleichzusetzen. Viele Keramikformen und -verzierungen bestanden gleichzeitig miteinander, überschnitten sich und wurden eher für unterschiedliche Lebensbereiche verwendet. Dies gilt besonders für die Serra-d’Alto-Keramik, die zudem auch weit über ihren genannten Verbreitungsschwerpunkt hinaus genutzt wurde, vermutlich jedoch nur für bestimmte spezielle Verwendungszwecke.[3] So reichen die Fundplätze bis in die Toskana, an die Dalmatinische Küste und nach Malta. An diese Orte dürfte die Keramik als hochwertiges Handels- und Prestigegut gelangt sein, zumal sie sich vielfach in Kult- oder Grabkontexten findet.[4]

In ihrem Kernverbreitungsgebiet folgte die Serra-d’Alto-Ware auf die Impressokultur sowie auf die Kulturen der bichromen und trichromen Keramik. Ihrerseits wurde sie von der Diana-Kultur abgelöst.[5]

Charakteristika der Keramik

Dünnwandiges Gefäß der Serra-d’Alto-Kultur mit eingezogenem Hals und typischer aufgemalter Verzierung aus geometrischen Elementen
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Die Keramik der Serra-d’Alto-Kultur teilt sich in zwei Hauptgruppen, einerseits feintonigere Gefäße mit aufgemalter Dekoration und andererseits Gefäße aus gröberem Ton mit eingeritzter Dekoration.[6] Besonders die erste Gruppe mit ihrem gelblichen Ton, ihrem dünnwandigen Gefäßaufbau und den ungewöhnlich komplexen aufgemalten Verzierungen ist charakteristisch und wird auch als Figulina-Keramik bezeichnet. In technischer Hinsicht (Tonaufbereitung, Formung des Gefäßes, Bemalung, Brand) erforderte sie einen deutlichen Fortschritt in den Produktionstechniken gegenüber den älteren jungsteinzeitlichen Keramikformen. Die gemalten Dekorationsmuster wurden mit einer schwarzen Farbe auf Mangan-Basis aufgetragen und setzen sich aus Wellenlinien und unterschiedlichsten geometrischen Formen zusammen, beispielsweise Rauten, Schachbrettmustern, Gittermustern und Spiralen. An Gefäßformen sind abgerundete oder kegelstumpfförmige Schüsseln sowie Töpfe mit eingezogenem Hals typisch. Charakteristisch für die Serra-d’Alto-Keramik (insbesondere die feinere Variante) sind zudem flache, „gurtartige“ Henkel, die aus aufwendig gewundenen und an der Gefäßwand befestigten Tonstreifen bestehen, die Voluten oder andere Zierelemente formen. Auf den Henkeln sind zusätzlich in vielen Fällen aus Ton geformte Vorderkörper von Tieren (Protomen) aufgesetzt.[7]

Charakteristika der Kultur

Typisch für die Serra-d’Alto-Kultur, also das Kernverbreitungsgebiet der Serra-d’Alto-Keramik, sind runde, etwas in den Boden eingetiefte Wohnhäuser. Daneben wurden aber auch Höhlen bewohnt. Die Siedlungen waren in einigen Fällen von Gräben umgeben. Die dazugehörigen Bestattungen befinden sich teils in den Siedlungen, teils außerhalb davon. Sie waren oft entweder als grubenförmige Einzelgräber mit Steinumrandung gestaltet, in denen die Verstorbenen in Hockerstellung beigesetzt wurden (so etwa bekannt aus Pulo di Molfetta oder aus dem eponymen Fundort Serra d’Alto), oder wurden unterirdisch in natürlichen Höhlen beziehungsweise künstlich errichteten unterirdischen Grabbauten (Hypogäen) angelegt (so etwa bekannt aus Calla Scizzo oder Santa Barbara). Mit der Serra-d’Alto-Kultur finden sich in Süditalien erstmals auch Gruppenbestattungen. Insgesamt scheint die Gesellschaft, der die Serra-d’Alto-Keramik entstammt, den Funden nach zu urteilen stark von der Tierhaltung geprägt gewesen zu sein und nur vergleichsweise wenig Jagd oder Landwirtschaft betrieben zu haben. An Steingeräten spielten neben Beilen und Pfeilspitzen vor allem Klingen eine Rolle, die als Messer oder Schaber verwendet wurden; wiederholt wurden solche Steinprodukte auch aus Obsidian hergestellt. Darüber hinaus umfasst das Fundspektrum Produkte der Knochenverarbeitung, vor allem Nadeln, Spachtel und Ahlen.[8]

Die Felsmalereien in der Grotta dei Cervi nahe der zu Otranto gehörigen Ortschaft Porto Badisco werden teilweise in die Zeit der Serra-d’Alto-Kultur datiert, ihre zeitliche Einordnung ist aber schwierig.[9]

Literatur

  • Lucia Angeli u. a.: Analysis of Serra d’Alto figuline pottery (Matera, Italy): Characterization of the dark decorations using XRF. In: Microchemical Journal. Band 137, 2018, S. 174–180.
  • Selene Cassano: Culture de Serra d’Alto. In: Jean Guilaine (Hrsg.): Atlas du Néolithique européen. Band 2 A: L’Europe occidentale (= Études et Recherches Archéologiques de l’Université de Liège. Band 46). Université de Liège, Liège 1998, S. 46–49.
  • Felice Gino Lo Porto: L'insediamento neolitico di Serra d’Alto nel Materano (= Monumenti Antichi. Band 53). Bretschneider, Rom 1989, ISBN 88-7689-035-1.
  • Italo M. Muntoni, Rocco Laviano: Archaeometric data on production and circulation of Neolithic Serra d’Alto ware in southern Italy during the fifth millennium BC. In: Archeosciences, Revue d’Archéométrie. Band 32, 2008, S. 125–135 (online).
Commons: Serra-d’Alto-Kultur – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • Keramik, weitere Abbildungen auf catalogo.beniculturali.it

Einzelnachweise

  1. Italo M. Muntoni, Rocco Laviano: Archaeometric data on production and circulation of Neolithic Serra d’Alto ware in southern Italy during the fifth millennium BC. In: Archeosciences, Revue d’Archéométrie. Band 32, 2008, S. 125–135, hier S. 126.
  2. Italo M. Muntoni, Rocco Laviano: Archaeometric data on production and circulation of Neolithic Serra d’Alto ware in southern Italy during the fifth millennium BC. In: Archeosciences, Revue d’Archéométrie. Band 32, 2008, S. 125–135, hier S. 125–126; Lucia Angeli u. a.: Analysis of Serra d’Alto figuline pottery (Matera, Italy): Characterization of the dark decorations using XRF. In: Microchemical Journal. Band 137, 2018, S. 174–180, hier S. 174.
  3. John Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84241-9, S. 162 und 170.
  4. A. Palmieri: Serra d’Alto, Civiltà di. In: Ranuccio Bianchi Bandinelli (Hrsg.): Enciclopedia dell’Arte Antica, Classica e Orientale. Band 7, Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1966 (online); Italo M. Muntoni, Rocco Laviano: Archaeometric data on production and circulation of Neolithic Serra d’Alto ware in southern Italy during the fifth millennium BC. In: Archeosciences, Revue d’Archéométrie. Band 32, 2008, S. 125–135, hier S. 126.
  5. John Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84241-9, S. 280 und 295–296.
  6. Nicolas Cauwe, Pavel Dolukhanov, Pavel Kozlowzki, Paul-Louis van Berg: Le néolithique en Europe. Colin, Paris 2007, ISBN 978-2-200-26620-2, S. 103–104.
  7. A. Palmieri: Serra d’Alto, Civiltà di. In: Ranuccio Bianchi Bandinelli (Hrsg.): Enciclopedia dell’Arte Antica, Classica e Orientale. Band 7, Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1966 (online); Lucia Angeli u. a.: Analysis of Serra d’Alto figuline pottery (Matera, Italy): Characterization of the dark decorations using XRF. In: Microchemical Journal. Band 137, 2018, S. 174–180, hier S. 174.
  8. A. Palmieri: Serra d’Alto, Civiltà di. In: Ranuccio Bianchi Bandinelli (Hrsg.): Enciclopedia dell’Arte Antica, Classica e Orientale. Band 7, Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 1966 (online); Nicolas Cauwe, Pavel Dolukhanov, Pavel Kozlowzki, Paul-Louis van Berg: Le néolithique en Europe. Colin, Paris 2007, ISBN 978-2-200-26620-2, S. 103–104 und 109.
  9. John Robb: The Early Mediterranean Village. Agency, Material Culture, and Social Change in Neolithic Italy. Cambridge University Press, Cambridge 2007, ISBN 978-0-521-84241-9, S. 108–109.