Seleukeia Pieria
Koordinaten: 36° 7′ N, 35° 55′ O
Seleukeia Pieria war die in der Antike höchst bedeutende Hafenstadt von Antiochia am Orontes. Sie lag etwa 32 km von diesem Ort entfernt am Meer, beim heutigen Dorf Çevlik in der Nähe der Stadt Samandağ. Die Stadt liegt etwas nördlich der Mündung des Orontes. Als Hafenstadt Antiochias war der Ort vor allem durch seine Infrastrukturanlagen wichtig, die in der Forschung als System aus einem inneren Hafenbecken, Zugangskanälen und vorgelagerten Schutzbauten beschrieben werden.
Lage und Topographie
Die Stadtanlage liegt am Fuß steil zum Meer abfallender Hänge des Pieria-/Amanus-Gebirgsraums. Die Topographie begünstigte einerseits eine gut zu befestigende Oberstadt, führte andererseits aber durch kurze, steile Wildbäche und eine aktive Sedimentzufuhr zu dauerhaften Problemen für die Hafenunterhaltung (Verschlammung/Verlandung des Beckens und der Zufahrten).[1]
Neueren Berichten (2004–2005) nach ist das östlich des Innenhafens gelegene Agora-Areal[2] heute durch intensive Landbewirtschaftung geprägt[3], wie auch die Gesamtansicht des Hafens[4] nahelegt.
Geschichte
Seleukeia Pieria wurde um 300 v. Chr., zur Zeit der Diadochen, durch den seleukidischen König Seleukos I. gegründet, doch wurde die Residenz schon kurz darauf von seinem Nachfolger Antiochos I. landeinwärts nach Antiochia verlegt. Zumindest in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens war die Stadt nicht wie eine griechische Polis organisiert, sondern nach dem Vorbild makedonischer Städte: Neben dem Stadtrat (peliganes) gab es nur einen einzigen Amtsträger (epistates), der aus der städtischen Oberschicht stammte und im Namen des Königs regierte; eine Volksversammlung gab es nicht. 246 v. Chr. fiel die Stadt im Dritten Syrischen Krieg an die Ptolemäer; erst 219 v. Chr. konnte Antiochos III. die Stadt zurückerobern. Möglicherweise gestatteten die Ptolemäer Seleukeia in der Zwischenzeit, sich wie eine griechische Polis zu organisieren. Ab dem späten 2. Jahrhundert v. Chr. besaß die Stadt auch eine eigene lokale Zeitrechnung (Stadtära), deren Beginn in das Jahr 108/107[5] oder 109/108[6] datiert wird.
Mit der Beseitigung des Seleukidenreiches durch die Römer gelangte auch Seleukeia Pieria um 63 v. Chr. unter deren Kontrolle. Von Seleukeia aus brach der Apostel Paulus zu seiner ersten Missionsreise auf (Apg 13,4). Wegen der regelmäßigen verheerenden Überschwemmungen ließ Kaiser Vespasian (regierte 69–79) einen Tunnel bauen, der das Wasser von der Stadt wegleiten sollte. Der Vespasian-Titus-Tunnel (türkisch Titus ve Vespasian-yus Tüneli), den Vespasians Sohn Titus (regierte 79–81) fertigstellte, ist ein 1300 m langer, 7 m hoher und 6 m breiter Einschnitt im harten Fels, was eine beachtliche architektonische Leistung darstellt. Er ist heute zum Teil eingestürzt, aber größtenteils noch begehbar. Eine Inschrift am Bauwerk nennt Vespasian und Titus als Auftraggeber (DIVVS VESPANIANVS / ET DIVVS TITVS / FC).[7]
Um die Verlandung des Hafens aufzuhalten, wurde im 2. Jahrhundert der Fluss umgeleitet. Dazu wurde ein fast 900 m langes Kanalsystem mit zwei Tunneln angelegt und ein 15 m hoher Damm errichtet.[8] In der Literatur variieren Längenangaben je nach Abgrenzung, da teils nur einzelne Tunnelabschnitte, teils das Gesamtsystem aus Damm, offenen Trassen und Tunneln angegeben wird.[9] Das System versagte allerdings langfristig; im 5. Jahrhundert verlandete der Hafen immer mehr, und damit begann der langsame Niedergang der Stadt.
Seit dem 4. Jahrhundert ist Seleukeia Pieria als Bistum belegt. 526 und 528 wurde die Stadt bei Erdbeben schwer beschädigt. Nach der 540 erfolgten kampflosen Einnahme durch die Perser unter Chosrau I., der bei Seleukeia im Mittelmeer badete, wurde die Stadt weitgehend aufgegeben. Mit der arabischen Eroberung um 640 verließen die letzten Einwohner die Stadt. Im Mittelalter war St. Simeon der Hafen von Antiochia, benannt nach dem nahegelegenen Kloster des Symeon Stylites des Jüngeren.
Hafenanlage
Die Hafenanlage wird in der Forschung häufig als System aus einem inneren Hafenbecken, Zugangskanälen zum Mittelmeer, vorgelagerten Schutzbauten (Molen/Avantport) sowie wasserbaulichen Maßnahmen zur Ableitung von Sturzfluten und Sedimenten beschrieben. Das innere Becken war schon Anfang der 1900er weitgehend verlandet und als Senke bzw. Feuchtgebiet erkennbar.[10]
Die Nutzbarkeit wurde durch starke Sedimentzufuhr (Orontes-Alluvionen sowie Hangtorrente) wiederholt beeinträchtigt, weshalb bauliche Anpassungen der Zugänge und wasserbauliche Gegenmaßnahmen erforderlich waren.[11] Für die Spätantike wurde zudem vorgeschlagen, dass tektonische Hebungen bzw. relative Meeresspiegeländerungen die Hafenmorphologie zusätzlich beeinflussten.[12]
Beschreibungen
Beschreibungen des Ruinen- und Hafenareals liegen bereits in der Reise- und Antiquitätenliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts vor. Richard Pococke erwähnte ein inneres Hafenbecken mit Kanalverbindung zum Meer sowie Reste von Türmen und Molen.[13] Constantin François Volney diskutierte die (begrenzte) Nutzbarkeit des Orontes als Transportweg und verwies zugleich auf Spuren eines ehemals durch Schutzbauten gefassten, weitgehend verschütteten Hafenbereichs.[14] Eusèbe de Salle beschrieb das Hafenbecken noch als erkennbar, aber bereits als verlandend bzw. versumpfend, und brachte dies mit den Sedimenten der winterlichen Abflüsse in Verbindung.[15]
Eine grundlegende Bestandsaufnahme des Geländes lieferte Victor Chapot 1906 auf Basis einer systematischen Begehung. Seine Arbeit enthält einen Plan, der Stadtmauern, Geländekanten sowie wesentliche Hafen- und Wasserbauten zusammenführt. Chapot verband die Topographie ausdrücklich mit der Hafenentwicklung und stellte die fortschreitende Auffüllung tieferliegender Bereiche durch Schwemmfächer und Sedimente (Verlandung) heraus; zudem diskutierte er bauliche Unterschiede an der Befestigung als mögliche Hinweise auf Bauphasen und ordnete Ruinenfelder im Bereich des ehemaligen Hafenbeckens vorsichtig städtischer Infrastruktur zu.[16]
Ausgrabungen
Ausgrabungen fanden vor allem zwischen 1932 und 1939 statt, als eine Expedition der Princeton University Ausgrabungen in Antiochia am Orontes durchführte und dabei auch Seleukeia untersuchte. Es wurden vor allem einige reich mit Mosaiken ausgestattete Häuser (zum Beispiel das Haus des Trinkwettstreites) ergraben. Die Funde sind im Archäologischen Museum in Antakya ausgestellt.
Im Rahmen der Princeton-Grabungen ist zudem ein zentralisierter Kirchenbau (Martyrion) innerhalb der Stadtmauern publiziert worden; die Anlage wurde zum Schutz teilweise wieder verfüllt.[17]
Literatur
- Ahmet Alkan; Ünal Öziş: Ancient Tunnel and Diversion Channel in Seleuceia Pieria: A Flood Diversion System near Antiochia in Turkey. In: Journal of Civil Engineering and Urbanism. Band 3, Nummer 1, 2013, S. 1–5.
- W. A. Campbell: Antioch-on-the-Orontes, Vol. III: The Excavations 1937–1939. Princeton University Press, Princeton 1941.
- Victor Chapot: Séleucie de Piérie. In: Mémoires de la Société nationale des Antiquaires de France. Band 66, 1906, S. 149–226 (online).
- Mathias Döring: Die antiken Wasserbauten von Antiochia, Türkei. In: Wasserwirtschaft. Band 1–2, 2012, S. 10–16.
- Mathias Döring: Antiochia – Wasser im Überfluss. 1500 Jahre Wasserbau zwischen Klimaoptimum und Kleiner Eiszeit. Parmenios-Verlag, Adenstedt 2020, ISBN 978-3-9815362-4-9.
- Glanville Downey: A History of Antioch in Syria. Princeton 1961.
- O. Erol; P.-A. Pirazzoli: Seleucia Pieria, an ancient harbour submitted to two successive uplifts. In: International Journal of Nautical Archaeology. Band 21, Nummer 4, 1992, S. 317–327.
- Günter Garbrecht: Talsperre und Tunnel am Hafen Seleukeia. In: Günter Garbrecht (Hrsg.): Historische Talsperren. Band 2, Wittwer, Stuttgart 1991, ISBN 3-87919-158-1, S. 83–89.
- Ernst Honigmann: Seleukeia 2. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band II A,1, Stuttgart 1921, Sp. 1184–1200.
- Armin Jähne: Die „Syrische Frage“. Seleukeia in Pierien und die Ptolemäer. In: Klio. Band 56, 1974, S. 501–519.
- Hatice Pamir: Eine Stadt stellt sich vor. Seleukia Pieria und ihre Ruinen. In: Antike Welt. Jahrgang 35, Heft 2, 2004, S. 17–21.
- Jean-Paul Rey-Coquais: Seleucia Pieria Turkey. In: Richard Stillwell u. a. (Hrsg.): The Princeton Encyclopedia of Classical Sites. Princeton University Press, Princeton NJ 1976, ISBN 0-691-03542-3 (englisch, perseus.tufts.edu).
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Victor Chapot: Séleucie de Piérie. In: Mémoires de la Société nationale des Antiquaires de France. Band 66, 1906, S. 149–226 (online), hier S. 212 ff.
- ↑ Hatice Pamir, Gunnar Brands: Asi Deltası ve Asi Vadisi Arkeolojisi Projesi – Antakya ve Samandağ Yüzey Araştırmaları 2005. In: 24. Araştırma Sonuçları Toplantısı (2. Cilt), S. 400.
- ↑ Gunnar Brands, Cornelius Meyer: Antioch-on-the-Orontes and Seleucia Pieria 2004: Preliminary Results of the Geophysical Survey. In: 21. Arkeometri Sonuçları Toplantısı 21, S. 151.
- ↑ H. Pamir, G. Brands: Asi Deltası ve Asi Vadisi Arkeoloji Projesi. Antiocheia, Seleukeia Pieria ve Sabuniye Yüzey Araştırmaları 2004 Yılı Çalışmaları. In: 23. Araştırma Sonuçları Toplantısı 2, Ankara 2006, S. 102, Resim 11.
- ↑ François de Callataÿ: La production des tétradrachmes civiques de la Cilicie jusqu'à la Palestine à la fin du IIe et dans la première moitié du Ier s. av. J.-C. In: Christian Augé, Frédérique Duyrat (Hrsg.): Les monnayages syriens. Quel apport pour l’histoire du Proche-Orient hellénistique et romain? (= Bibliothèque archéologique et historique. Band 162). IFAPO, Beyrouth 2002, S. 71–91, hier S. 72.
- ↑ Edward E. Cohen: Dated coins of antiquity. Classical Numismatic Group, Lancaster (Pa) u. a. 2011, ISBN 978-0-9837652-9-5, S. 377.
- ↑ CIL III, 6702
- ↑ Yaşemin Kuşlu, Sahin Üstun: Water Structures in Anatolia from Past to Present. In: Journal of Applied Sciences Research. Band 5, Nummer 12, 2009, S. 2109–2116, hier S. 2110.
- ↑ Ahmet Alkan, Ünal Öziş: Ancient Tunnel and Diversion Channel in Seleuceia Pieria: A Flood Diversion System near Antiochia in Turkey. In: Journal of Civil Engineering and Urbanism. Band 3, Nummer 1, 2013, S. 1–5.
- ↑ Victor Chapot: Séleucie de Piérie. In: Mémoires de la Société nationale des Antiquaires de France. Band 66, 1906, S. 149–226 (online). Hier vor allem ab Seite 212, unter anderem „amoncellements de sables qui ont recouvert l’antique bassin“ in der Fußnote 1 sowie „l’exécution du grand canal, tunnel ou tranchée“.
- ↑ Mathias Döring: Die antiken Wasserbauten von Antiochia, Türkei. In: Wasserwirtschaft. Band 1–2, 2012, S. 10–16.
- ↑ O. Erol, P.-A. Pirazzoli: Seleucia Pieria, an ancient harbour submitted to two successive uplifts. In: International Journal of Nautical Archaeology. Band 21, Nummer 4, 1992, S. 317–327, insbesondere Fig. 4 auf Seite 322.
- ↑ Richard Pococke: Voyages de Richard Pockocke, membre de la Société Royale, & de celle des antiquités de Londres, &c., en Orient, dans l’Égypte, l’Arabie, la Palestine, la Syrie, la Grèce, la Thrace, &c. &c. &c. Traduits de l’anglois sur la seconde édition, par une société de gens de lettres. Band 4, J. P. Costard, Paris 1772, S. 47 ff. (Digitalisat).
- ↑ Constantin-François Volney: Voyage en Syrie et en Égypte, pendant les années 1783, 84 et 85. Band 2, Courcier, Paris 1787, S. 144 (Digitalisat).
- ↑ Eusèbe de Salle: Pérégrinations en Orient, ou Voyage pittoresque, historique et politique en Égypte, Nubie, Syrie, Turquie, Grèce pendant les années 1837-38-39. Band 1, Pagnerre, Paris 1840, S. 165 ff. (Digitalisat).
- ↑ Victor Chapot: Séleucie de Piérie. In: Mémoires de la Société nationale des Antiquaires de France. Band 66, 1906, S. 149–226 (online), hier S. 187–209.
- ↑ W. A. Campbell: Antioch-on-the-Orontes, Vol. III: The Excavations 1937–1939. Princeton University Press, Princeton 1941, S. 35–54 (The Martyrion at Seleucia Pieria).