Ziegelmehlsediment
Das Ziegelmehlsediment (auch Ziegelmehl,[1] medizinisch korrekt Sedimentum lateritium[2] oder früher auch Sedimentum urinae lateritium) ist ein Urinsediment, das durch seine charakteristisch ziegelrote Farbe unter den verschieden rot gefärbten Urinen (Urina flammea) besonders auffällt.[3] Es handelt sich um amorphe[4] Abbauprodukte der Harnsäure (Urate), an deren Oberfläche der Farbstoff Uroerythrin (chemisch: Tripyrol) absorbiert wurde. Bei Zusatz von Alkalien oder Erwärmung gehen die Kristalle wieder in Lösung.[5]
Etymologie
Etymologie: Lateinisch later, lateris = Ziegel ist das Grundwort. Davon abgeleitet wurden das Adjektiv latericius / latericium mit den Bedeutungen aus Ziegeln gemacht, ziegelartig und das Substantiv lateritium mit den Bedeutungen Ziegelmehl, Ziegelstaub, Ziegelbruch, Ziegelwerk. Dabei ist lateritium formal kein Adjektiv, sondern ein Substantiv im Appositionsgebrauch. Der Oberstabsarzt Walter Guttmann definierte 1902 irrtümlich „Ziegelsteinsediment = Sedimentum lateritium“[6] und korrigierte sich erst 1920 in „Ziegelmehlsediment: Uratsediment“.[7]
Physiologie
Uroerythrin ist ein natürliches Abbauprodukt des Hämstoffwechsels beziehungsweise des Porphyrinstoffwechsels. Es ist chemisch ein Porphyrin-Derivat und kommt physiologisch im Urin vor. Es ist schlecht wasserlöslich. Es lagert sich bevorzugt an Harnsäurekristalle oder an Uratkristalle an und färbt diese ziegelrot bis rosa. Pyrrol ist ein kleiner fünfgliedriger Ring mit Stickstoff; Porphyrin ist ein Ring aus vier Pyrrolen (Tetrapyrrol). Tripyrol ist ein Fragment aus drei miteinander verbundenen Pyrrolringen. Man nannte das Ziegelmehlsediment deswegen auch Uratsediment.[8] „Die rote Farbe des Ziegelmehlsedimentes rührt gewöhnlich von Uroerythrin her, falls nicht andere Farbstoffe vorliegen.“[9]
Diagnostik
„In konzentrierten und stark sauren Harnen (im Fieber, nach starkem Schwitzen) fällt, zumal nach einigem Stehen in der Kälte, übersaures Urat (Heminatriumurat) als amorphes, meist gelbrot gefärbtes Ziegelmehlsediment aus, das sowohl beim Erwärmen als auch bei Zusatz von Alkalilauge wieder in Lösung geht.“[10] Es handelt sich um einen Niederschlag (Ausfällung).[11] „Bei Abkühlung des Harns scheiden sich Harnsäure und ihre Salze aus dem ursprünglich klaren Harn in Form eines Sediments ab, das durch mitgerissene Harnfarbstoffe rot verfärbt ist (Ziegelmehlsediment). Dieses löst sich sofort bei einem gelinden Erwärmen oder nach Zusatz verdünnter Natronlauge wieder auf.“[12]
Geschichte
Otto Roth beschrieb 1878 das Sedimentum lateritium als ein „ziegelmehlartiges Harnsediment durch Ausscheidung von Harnsäurekrystallen und harnsauren Salzen (Uraten).“[13] Otto Dornblüth erwähnte das Sedimentum lateritium 1894 ebenfalls in der ersten Auflage seines Wörterbuchs („ziegelmehlartiger Harnbodensatz von harnsauren Salzen“).[14]
Eine detaillierte Beschreibung der damals vermuteten Entstehung des Ziegelmehlsediments gab Fritz Munk 1925. Vom Schleim in den Harnwegen über eine so genannte Nubekula (lateinisch nubecula = kleine Wolke) und Urate komme es zum Ziegelmehlsediment. So werde die Harnsäure in feinen Kristallen ausgeschieden. Dann entstehe ein Ammoniakgeruch. Bakterien bewirken eine alkalische Gärung. Schließlich fallen „die Kristalle der phosphorsauren Ammoniakmagnesia aus (Sargdeckelkristalle).“[15]
Eine Nubekula entsteht auch im normalen Harn in Form einer unlöslichen Verbindung als Produkt aus einem löslichen Eiweißkörper und einer eiweißfällenden Substanz bei schwach saurer Reaktion.[16]
Alexander Sturm beschrieb 1943 [unsystematisch: amorphes Urat hat keine Kristallform] „die wichtigsten Kristallformen der im Harnsediment vorkommenmden anorganischen Salze: (a) Harnsäurekristalle und amorphes Urat (= Ziegelmehl), (b) Oxalatkristalle (= Briefkuvertkristalle), (c) phosphorsaure Ammoniakmagnesia (= Sargdeckelkristalle).“[17]
Bedeutung
Eine diagnostische Bedeutung kommt diesem Sediment nicht zu. Es entsteht beim Abkühlen des Urins und verschwindet beim Erwärmen über 37 °C wieder.[18] Das Phänomen kann auch bei Neugeborenen auftreten, ist aber auch hier harmlos.
Anmerkung
Bei der Sedimenturie ist zu unterscheiden zwischen dem Sedimentum lateritium und dem Sedimentum urinarium (Harnsediment, Sedimentstein).[19]
Einzelnachweise
- ↑ H. U. Gloor: Symptome seitens des Harntrakts. In: Walter Hadorn, Nepomuk Zöllner (Hrsg.): Vom Symptom zur Diagnose. 7. Auflage, S. Karger Verlag, Basel / München 1979, ISBN 3-8055-2792-6, S. 331–342, Zitat S. 334.
- ↑ Kurt Hoffmann (Bearbeitung): Herbert Volkmann (Hrsg.): Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 35. Auflage. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, Spalte 1123.
- ↑ Medizin-Duden: Wörterbuch medizinischer Fachbegriffe, Dudenverlag, 10. Auflage, Berlin 2021, ISBN 978-3-411-04837-3, S. 732.
- ↑ Hans Freiherr von Kress: Müller-Seifert: Taschenbuch der Medizinisch-Klinischen Diagnostik, 66. Auflage, Verlag von J. F. Bergmann, München 1949, S. 159 f.
- ↑ Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz), München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. Z 34.
- ↑ Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Urban & Schwarzenberg, 1. Auflage, Berlin / Wien 1902, Spalte 1118.
- ↑ Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Urban & Schwarzenberg, 12.–15. Auflage, Berlin / Wien 1920, Spalte 1303.
- ↑ Das große Wörterbuch der Medizin. Vehling Verlag, Köln / Luzern / Wien ohne Jahr, S. 537.
- ↑ Maxim Zetkin, Herbert Schaldach: Wörterbuch der Medizin. 1. Auflage, Verlag Volk und Gesundheit, Berlin 1956, S. 806.
- ↑ Hans Freiherr von Kress: Müller-Seifert: Taschenbuch der Medizinisch-Klinischen Diagnostik, 66. Auflage, Verlag von J. F. Bergmann, München 1949, S. 159 f.
- ↑ Eduard Strauß: Medizinische Fachsprache … verständlich gemacht! 22. Auflage, Alwin Fröhlich Verlag, Hamburg 1954, S. 81.
- ↑ Hans Joachim Sarre: Nierenkrankheiten. Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, Stuttgart 1976, ISBN 3-13-392804-X, S. 78.
- ↑ Otto Roth: Klinische Terminologie. 1. Auflage, Verlag von Eduard Besold, Erlangen 1878, S. 301. – Wörtlich auch in 4. Auflage, Leipzig 1893, S. 449
- ↑ Otto Dornblüth: Wörterbuch der klinischen Kunstausdrücke, 1. Auflage, Verlag von Veit & Comp., Leipzig 1894, S. 121.
- ↑ Fritz Munk: Nierenerkrankungen. 2. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1925, S. 35 f.
- ↑ Leopold Lichtwitz: Die Praxis der Nierenkrankheiten. 3. Auflage, Verlag von Julius Springer, Berlin 1934, S. 36 f.
- ↑ Alexander Sturm: Grundbegriffe der inneren Medizin. 4. Auflage, Gustav Fischer Verlag, Jena 1943, S. 140, Abbildung 107.
- ↑ Carl Walter Schmidt (Hrsg.): Otto Dornblüth: Klinisches Wörterbuch, 23.–26. Auflage, Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Leipzig 1936, S. 508.
- ↑ Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Urban & Schwarzenberg, Loseblattsammlung 1966–1977, 6. Ordner (S–Zz), München / Berlin / Wien 1974, ISBN 3-541-84006-4, S. S 133.