Schiessunglück am Bäzberg

Das Schiessunglück am Bäzberg ereignete sich am 7. September 1944 im Fort Bäzberg bei Andermatt im Kanton Uri. Bei dem Militärunfall während einer Schiessübung mit Panzerturmgeschützen kamen acht Angehörige der Schweizer Armee ums Leben. Die Katastrophe wurde durch einen fehlerhaft eingesetzten Kupferdichtungsring verursacht, der zur Explosion von 14 im Geschützturm gelagerten Treibladungsbeuteln führte. Es war einer der schwersten Militärunfälle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs.[1]

Hintergrund

Das Fort Bäzberg war als Artilleriewerk Teil der Gotthardbefestigungen im Raum Andermatt. Das 1892 erbaute Fort war mit dem an seinem Fuss liegenden Fort Bühl eines der ersten Felswerke in Europa. Es verfügte über drei 12-cm-Kanonen in Panzertürmen System Schumann von Gruson sowie weitere Geschütze. Das Fort wurde 1947 als Kampfanlage aufgehoben und diente bis 2017 als Gebirgsunterkunft.

Im September 1944 absolvierte die Artillerie-Offiziersschule 44 (Art OS 44) in Andermatt eine Schiessausbildung mit Festungsgeschützen. Die Offiziersaspiranten sollten an den modernen 10,5-cm-Turmkanonen "Modell 39 L52" ausgebildet werden, die als Prototyp im Artilleriewerk San Carlo auf der Gotthardpasshöhe eingebaut worden waren.[2] Da das Fort Bäzberg noch mit älteren 12-cm-Geschützen bestückt war, stellte diese Ausbildung eine wichtige Ergänzung dar.

Unglück

Am 7. September 1944 fuhren drei Klassen Festungsartillerie-Offiziersaspiranten der Artillerie-Offiziersschule 44 (Art OS 44) von Andermatt zum Werk Bäzberg hinauf. Die zu jener Zeit im Aktivdienst befindliche Festungsartillerie-Kompanie 17 und die Festungswachtkompanie Andermatt stellten die Geschützmannschaften für zwei 12-cm-Geschütztürme.[3] Die Schiesskommandoposten wurden unweit der Panzergeschütztürme auf der Abdeckung eingerichtet.

Vor Beginn des Schiessens wurde das Reglement für das Geschütz vorgelesen. Mit Nachdruck wurde befohlen, vor jedem Schliessen des Querkeilverschlusses zu kontrollieren, ob der Kupferdichtungsring (sogenannter Liderungsring) richtig in seiner Versatzung sass.[1][2] Ferner wurde gemäss Reglement befohlen, dass auf dem Bedienungsboden nur die Pulversäcke für einen Schuss liegen dürfen. Der Ladungsvorrat für die Schiessübung musste in der unteren Turmetage bereit liegen.

Um 10:00 Uhr begann das Schiessen. Um etwa 10:30 Uhr kam aus Turm 1 keine Antwort mehr auf telefonische Anrufe vom Kommandoposten. Die Fortwache, mit Kreislaufgeräten ausgerüstet, konnte nur noch Tote bergen.[1]

Die Ursache der Katastrophe war ein fehlerhaft eingesetzter Kupferdichtungsring. Der kupferne Liderungsring musste beim Setzen der Granate oder beim Schliessen des Verschlusses aus seinem Sitz gefallen sein, ohne dass es jemand bemerkte. Zwischen Keilwand und Verschluss klaffte ein Spalt, aus dem beim Abschuss ein Teil der Ladung entwich und den direkt neben dem Geschütz liegenden Pulversackvorrat zur Explosion brachte. Die Untersuchung zeigte, dass Weisungen missachtet worden waren: Im Geschützturm waren entgegen den Vorschriften 14 Ladungssäcke ungeschützt im Geschützraum gelagert worden.[2][1] Der enorme Luftdruck und die entstehenden Brandgase führten zur Katastrophe im geschlossenen Turmraum.[2]

Opfer

Insgesamt kamen acht Wehrmänner ums Leben: ein Lieutenant, ein Korporal, ein Feldweibel-Soldat, ein Telefon-Soldat und vier Kanoniere. Einer der Verletzten starb sechs Tage später am 13. September 1944 im Militärspital Andermatt an einer Kohlenmonoxidvergiftung.[2][1]

Schwer verletzt wurden ein Oberleutnant (Gasvergiftung), zwei Mitrailleurs (Verbrennungen und Armfraktur), zwei Kanoniere (Fraktur und geringe Verbrennungen) sowie zwei weitere Wehrmänner, die als Aushilfe erwähnt wurden. Einer der Überlebenden erlitt Verbrennungen dritten Grades an Gesicht und Händen und musste sich in den folgenden drei Jahren 43 plastisch-chirurgischen Eingriffen unterziehen.[4]

Die Überlebenden verdankten ihr Leben dem Umstand, dass der enorme Luftdruck für kurze Zeit ihre Atemwege unterbunden hatte, sodass relativ wenig Kohlenmonoxid eindringen konnte.[3] Die im Turm Verbliebenen starben an Kohlenmonoxidvergiftung.

Trauerfeier und Gedenken

Am 9. September 1944 fand vor der Kaserne Altkirch in Andermatt die militärische Trauerfeier statt. Vor den Trauergästen lagen sieben mit der Schweizerfahne bedeckte Särge.[1] Unter den Trauergästen befanden sich der damalige Artilleriechef Divisionär de Montmollin und der Schulkommandant Oberst Maurer, späterer Artilleriechef.

Am 9. September 1994, auf den Tag genau 50 Jahre nach der Trauerfeier, trafen sich ehemalige Offiziere der damaligen Klasse beim Kommando des Festungskreises 23 in Andermatt. Von dort wurden sie mit Fahrzeugen zum Werk Bäzberg zur kurzen Gedenkfeier für die verunglückten Wehrmänner disloziert, im Beisein einer Delegation des Festungskreises 23 und eines Feldpredigers.

Technischer Hintergrund

Bei den im Fort Bäzberg verwendeten 12-cm-Geschützen handelte es sich um Panzertürme System Schumann von Gruson. Bei modernen Geschützen, die lose Beuteltreibladungen verwenden, kommen Liderungsringe aus Metall zum Einsatz. Diese werden in eine entsprechende Aussparung des Verschlusses oder in eine Ringnut am Bodenring des Geschützrohres eingesetzt.[3] Beim Abschuss wird der Liderungsring durch den Gasdruck auseinandergetrieben und dichtet den Ladungsraum nach aussen ab. Ein fehlender oder falsch eingesetzter Dichtungsring kann dazu führen, dass heisses Gas seitlich austritt und ungeschützte Treibladungsbeutel entzündet.[2]

In den Gotthardfestungen kam bei den modernen 10,5-cm-Turmkanonen ein spezieller Hülseneinstandstellungsapparat zum Einsatz. Dieser Paternoster-Munitionsaufzug transportierte die Hülsen aus der unteren Station zurück in die obere Station, wo sie mit einer neuen Zündkapsel zur Wiederverwendung versehen wurden.[2] Die gesamte Geschützbedienung arbeitete mit angezogener Gasmaske, wobei diese an die sogenannte Kollektivmaskenschutzanlage (KMS) angeschlossen wurde. Diese Sicherheitsmassnahmen waren beim Unfall am Bäzberg jedoch nicht ausreichend, da die älteren 12-cm-Geschütze über andere Lüftungssysteme verfügten und die Explosion ungeschützte Ladungssäcke entzündete.

Folgen

Nach diesem Unfall wurden umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, wie das Tragen der Gasmaske mit Kollektivmaskenschutz oder die zur Sicherheit in Büchsen verpackten Ladungen.[2] Bei heutigen Artilleriegeschützen werden hülsenlose Ladungen selbstabdichtend oder in Hülsen verpackt verwendet, um solche Unfälle zu verhindern.[3] Im Artilleriewerk San Carlo waren gespannte Marine-Drehverschlüsse verwendet worden oder bei Keilverschlüssen waren die Ladungen in Hülsen verpackt.[2]

Dieser tragische Unfall mahnte eindringlich zur strikten Einhaltung aller Sicherheitsvorschriften im Umgang mit Artilleriewaffen und führte zu nachhaltigen Verbesserungen der Sicherheitsvorkehrungen in der Schweizer Festungsartillerie.[1]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g Schiessunglück Bäzberg 1944. festung-oberland.ch, 27. Oktober 2021, abgerufen am 16. Oktober 2025.
  2. a b c d e f g h i Hansjakob Burkhardt: Die Gotthardfestung „San Carlo“, der Prototyp aller Artilleriewerke mit 10,5 cm Turm-Kanonen Mod 1939 L52. Fischerdörfli Verlag, Meggen 2003, S. 56–57.
  3. a b c d Erinnerungen des Kalten Kriegers Adj Benz – Teil 2. festung-oberland.ch, 7. Oktober 2022, abgerufen am 16. Oktober 2025.
  4. Erinnerungen des Kalten Kriegers Adj Benz – Teil 4. festung-oberland.ch, abgerufen am 16. Oktober 2025.

Koordinaten: 46° 38′ 39,2″ N, 8° 34′ 39,9″ O; CH1903: 687209 / 166518