Sandro Canestrini
Alessandro „Sandro“ Canestrini (geboren 3. Februar 1922 in Rovereto; gestorben 4. März 2019 in Neumarkt) war ein italienischer Rechtsanwalt, Aktivist und Politiker. Er setzte sich für die Rechte der Unterdrückten und Missbrauchten ein und wurde als Anwalt bezeichnet, der verloren geglaubte Fälle gewann.
Werdegang
Sandro Canestrini kam aus einer gutbürgerlichen Familie, die ursprünglich aus dem Nonstal stammte, und dessen bekanntestes Familienmitglied der Naturwissenschaftler Giovanni Canestrini war.[1] Sein Großvater hatte 1870 eine Anwaltskanzlei in Rovereto eröffnet, die sein Vater – Luigi Canestrini – weiterführte.[2] Letzterer war Sozialist, Antifaschist und in Rovereto führendes Mitglied der Oppositionsbewegung „Italia libera“.[3] Luigi Canestrini teilte die Kanzlei mit dem 1944 von der SS hingerichteten Anwalt und Widerstandskämpfer Angelo Bettini.[4]
Im Zweiten Weltkrieg diente Sandro Canestrini in der italienischen Armee.[5] Nach dem 8. September 1943 schloss er sich dem CNL an. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Mitglied der Kommunistischen Partei.[6] In der Resistenza kämpfte er auf dem Pasubio.[1]
Nach dem Krieg studierte er zunächst Rechtswissenschaften an der Universität Florenz. Eigentlich wollte er Altgriechisch studieren und Epigraphiker werden, was aber am Widerstand seines Vaters Luigi scheiterte.[4] In Florenz lernte er Piero Calamandrei und Ernesto Rossi kennen. Sein Studium schloss er schließlich an der Universität Padua ab. Dort studierte er unter anderem Rechtsphilosophie bei Norberto Bobbio.[6] Von 1948 bis 2014 war er als Rechtsanwalt tätig.
Von 1956 bis 1964 gehörte er dem Stadtrat von Rovereto an.[7] Bei der Regionalratswahlen 1960 im Wahlkreis Trient wurde er als einziger Vertreter der Italienischen Kommunistischen Partei für die Provinz Trient in den Regionalrat gewählt. 1978 stellte er sich erneut erfolgreich zur Wahl und zog mit der Partei Nuova Sinistra – Neue Link in den Trentiner Landtag ein. Zusammen mit seinem Freund und Parteifreund Alexander Langer gehörte er gleichzeitig bis April 1979 dem Regionalrat an, als er seinen Sitz zugunsten einer Kandidatur bei den Parlamentswahlen in Italien 1979 aufgab.[8]
Sandro Canestrini nahm an zahlreichen bedeutenden Prozessen der italienischen Nachkriegsgeschichte teil. Er galt als einer der bedeutendsten Vertreter der italienischen Anwaltschaft zwischen Ende der 1940er und Anfang der 1990er Jahre und war einer der engagiertesten Nebenkläger. Canestrini gehörte zu den ersten italienischen Anwälten, die Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen vor der italienischen Militärjustiz verteidigten, zu einer Zeit, als Kriegsdienstverweigerer in Italien als Deserteure galten und eingesperrt wurden.[9]
Er vertrat die Opfer des Vajont- und Stava-Unglücks von 1963 bzw. 1985. Sein Plädoyer im Vajont-Prozess 1969, in dem er auch die blinde Technisierung und die Logik der Macht und des Fortschritts anprangerte, wurde später in mehreren Auflagen veröffentlicht.[10] Er war Nebenkläger im Cermis- und Ustica-Prozess[6] sowie in den Prozessen gegen Montecatini in Mori[11] und Sloi in Trient wegen Umweltverschmutzung.[12] Der Prozess gegen das Aluminium-Werk Montecatini 1967 war eines der ersten Verfahren in Italien überhaupt, das wegen Umweltverschmutzung eingeleitet wurde.[9]
Canestrini trat 1982 im ersten Maxi-Prozess gegen die Mafia in Palermo auf, verteidigte Studenten während der Studentenproteste an der Fakultät für Soziologie an der Universität Trient.[13] Er war Nebenkläger im Prozess gegen den Aufseher des Durchgangslagers Bozen, Michael Seifert,[14] und im Risiera di San Sabba-Prozess.[15]
Als Nebenkläger vertrat er auch die Opfer der Staatsmacht. So beim Prozess gegen die Carabinieri, die am 7. Juli 1960 mehrere Demonstranten während einer Gewerkschaftsdemonstration in Reggio Emilia erschossen.[9] Er leistete Rechtsbeistand für Samo Pahor, der der slowenischen Minderheit in der Region Friaul-Julisch Venetien angehörte und sich für die Anerkennung des Slowenischen als offizielle Amtssprache einsetzte.[6] Seit 1956 setzte er sich vor Gericht für die Rechte der Südtiroler Aktivisten ein, die für die Loslösung Südtirols von Italien kämpften.[16] Laut der Alexander-Langer-Stiftung gelang es Canestrini dabei, zwischen den Südtiroler Bombenlegern und dem „Bazillus“ der Neonazis zu unterscheiden.[17] Für seinen Rechtsbeistand im Mailänder-Prozess gegen Mitglieder des Befreiungsausschusses Südtirol denen eine Beteiligung an der sogenannten Feuernacht vorgeworfen wurde, wurde er in den 1960er Jahren aus der PCI ausgeschlossen. In dem Prozess deckte Canestrini die Verstrickungen und Interferenzen in- und ausländischer Nachrichtendienste in mehreren Fällen auf.[13] Bereits im zuvor stattgefundenen Trienter Carabinieriprozess prangerte er als Anwalt der gefolterten Südtiroler Häftlinge die Vertuschungs-Praktiken des Staates und seiner Organe an.[18] Auf der Anklagebank saßen zehn Carabinieri, die wegen vermeintlicher Folterungen gegenüber inhaftierten Südtiroler „Terroristen“ vor Gericht standen. Der Tod von Franz Höfler und Anton Gostner im Gefängnis hatte den Verdacht auf Misshandlungen und Folterungen durch die Ordnungskräfte genährt.[19]
Während der sogenannten Anni di piombo zählten Dario Fo und Giangiacomo Feltrinelli zu seinen Klienten.[20] Im Prozess gegen die Urheber des Bombenanschlags auf der Piazza Fontana konnte er die Machenschaften des Staates aufdecken, mit denen versucht wurde, die Schuld für den Anschlag den Anarchisten in die Schuhe zu schieben.[21] Canestrini wurde mehrmals wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt, Beleidigung der Justiz, Beleidigung der Streitkräfte und Beleidigung der Politik angeklagt. Er wurde abgehört und seine Kanzlei aufgebrochen und Akten entwendet. Am 3. November 1968 dem 50. Jahrestag des Sieges im Ersten Weltkriegs sprang Canestrini auf das Trittstufe des Autos von Staatspräsident Giuseppe Saragat, das in Trient langsam zwischen zwei Menschenmengen hindurchfuhr. Saragat beschimpfte er, weil er es als Sozialist gewagt hatte hierher zu kommen, um Jahrestage von Kriegen zu feiern. Stunden später wachte er in der Polizeidirektion voller blauer Flecken auf, die von Schlagstockschlägen herrührten.[1]
2003 wurde er zum Ehrenbürger der Gemeinde Erto e Casso ernannt. Für seinen Einsatz für die Menschenrechte erhielt er 2006 das Ehrenzeichen des Landes Tirol.[22]
Canestrini war zweimal verheiratet und hatte fünf Kinder, zwei Kinder traten in seinen Stapfen und wurden ebenfalls Rechtsanwälte.[23] Sein ältester Sohn Duccio Canestrini, schrieb über ihn, dass er „unter allen Umständen und ohne zu zögern auf der Seite der Unterdrückten und Missbrauchten stand“.[24]
Veröffentlichungen
- Vajont: il genocidio dei poveri. Cultura editrice, Florenz 1969 (sein Plädoyer im Vajont-Prozess).
- L’ingiustizia militare – Natura e significato dei processi davanti ai giudici in divisa. Feltrinelli, Mailand 1973.
Literatur
- Sandro Canestrini un avvocato contro. Edizioni U.C.T., Trient 2012, ISBN 978-88-96384-16-9.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c Jacopo Strapparava: Il figlio dell’avvocato Sandro Canestrini: «Papà, un uomo integro: non accettava compromessi. Era nella lista dei primi mille da arrestare in caso di golpe». In: corrieredeltrentino.corriere.it. Corriere della Sera, 9. November 2025, abgerufen am 10. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Lo studio legale Canestrini saluta i 150 anni di attività. In: giornaletrentino.it. 23. Juli 2020, abgerufen am 10. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Luciano Zani: Italia libera: Il primo movimento antifascista clandestino (1923–1925). Laterza, Bari 1975, S. 149.
- ↑ a b Una folla all’Auditorium Melotti per ricordare l’avvocato Canestrini. In: ladige.it. 8. März 2019, abgerufen am 9. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Marco Boato: I novanta anni di Sandro Canestrini: Una vita combattiva e di impegno sociale. In: Sandro Canestrini un avvocato contro. S. 217.
- ↑ a b c d Renzo M. Grosselli: L’uomo che vinceva le «cause perse». L’Adige vom 29. Januar 2012, S. 30 PDF.
- ↑ Si è spento l’avvocato Sandro Canestrini, aveva 96 anni. In: ladigetto.it. 5. März 2019, abgerufen am 10. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Autonome Region Trentino-Südtirol – Assessorat für örtliche Körperschaften und Wahldienste – Wahlamt (Hrsg.): Elezioni del Consiglio Regionale 1998 – Regionalratswahlen 1998. Autonome Region Trentino-Südtirol, 1999, S. 22, 40–41 PDF.
- ↑ a b c Rocco Cerone: Ricordo dell’avvocato Sandro Canestrini. In: articolo21.org. 7. März 2019, abgerufen am 9. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Sandro Canestrini: Vajont: Genocidio di poveri. 3. Auflage, Cierre Edizioni, Sommacampagna 2019, ISBN 978-88-8314-209-3.
- ↑ Inquinamento: la vicenda delle macchie blu a Mori. In: dna.trentino.it. Abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Odilia Zotta: La Sloi di Trento come il petrolchimico di Marghera. In: europaverdetrentino.org. 4. Oktober 2003, abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ a b In memoria del compagno Sandro Canestrini. In: rifondazione.it. Abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Dossier – La condanna all’ergastolo per Michael “Mischa” Seifert. In: deportati.it. Abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Processo per i crimini compiuti alla Risiera di San Sabba – Trieste – Tribunale, interno di aula – Udienza – Collegio degli avvocati con toga, in piedi l’avvocato Alessandro Canestrini. In: lombardiabeniculturali.it. Abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Verdienstkreuze an 46 Persönlichkeiten verliehen. In: news.provinz.bz.it. 24. September 2006, abgerufen am 12. Januar 2026.
- ↑ Autobiographie ”Minima Personalia“. In: alexanderlanger.org. Abgerufen am 12. Januar 2026.
- ↑ In Memoriam Sandro Canestrini. In: suedtiroler-freiheit.com. 5. März 2019, abgerufen am 12. Januar 2026.
- ↑ Sandro Canestrini avvocato. Rivista Nonviolenta 57. Jahrgang, Nr. 637 (Januar–Februar 2020), S. 13 PDF.
- ↑ Sandro Canestrini avvocato. Rivista Nonviolenta 57. Jahrgang, Nr. 637 (Januar–Februar 2020), S. 25.
- ↑ Mimmo Franzinelli: Sandro Canestrini. Un ricordo. (PDF) In: altronovecento.fondazionemicheletti.eu. 1. Juli 2019, abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Luca Marsilli: Sandro Canestrini nella storia da protagonista. In: giornaletrentino.it. 6. März 2019, abgerufen am 12. Januar 2026 (italienisch).
- ↑ Hans Karl Peterlini: Un personale ricordo per una vita del secolo | Contro ogni tipo di fascismo. In: Sandro Canestrini avvocato. Rivista Nonviolenta. 57. Jahrgang, Nr. 637 (Januar–Februar 2020), S. 9.
- ↑ Duccio Canestrini: La passione per la memoria tra provocazione e polemica | Un padre colto e spiritoso. In: Sandro Canestrini avvocato. Rivista Nonviolenta. 57. Jahrgang, Nr. 637 (Januar–Februar 2020), S. 14.