San Boldo
San Boldo, seltener Sant’Ubaldo genannt, war eine Kirche am Nordrand des venezianischen Sestiere San Polo nahe der Kirche Sant’Agostin, die gleichfalls nicht mehr existiert. Von der Kirche San Boldo, die bis ins späte 11. Jahrhundert zurückreicht und die in den 1820er Jahren abgerissen wurde, ist nur der Stumpf des Campanile verblieben, des in Italien häufig anzutreffenden freistehenden Glockenturms. An die Kirche erinnern zudem die Calle San Boldo und der Ponte San Boldo, also die nach der Kirche oder dem Heiligen benannte Gasse und die dazugehörige Brücke. Hinzu kommt der Rio San Boldo, einer der Kanäle Venedigs, die dort Rio genannt werden.
Geschichte
Die Kirche reicht bis ins späte 11. Jahrhundert zurück, allerdings zunächst unter dem Namen der heiligen Agatha von Catania. Sie entstand, nach Corner, im Jahr 1088 auf Initiative der Familien Zusto und Tron. Nach der Zerstörung durch den verheerenden Brand von 1105, dem in diesem Teil Venedigs zahlreiche Bauwerke zum Opfer fielen, wurde sie wieder aufgebaut, erweitert und als Gemeindekirche anerkannt. 1149 erneut von einem Brand getroffen, wurde sie abermals aufgebaut, dann 1305 umgebaut und erweitert.
Aufgrund der Nähe zu einem Hospiz, das in den Jahrzehnten um 1500 vom Ehepaar Tommaso und Lorenza de Matteo aus Florenz erbaut und nach dem Heiligen Ubaldo, Bischof von Gubbio, benannt wurde, begann die Pfarrei, sich mit dem doppelten Namen Santi Agata e Ubaldo zu bezeichnen. Doch übernahm sie ab dem 16. Jahrhundert ausschließlich den Namen Sant’Ubaldo, nach dem Heiligen, der das Patrozinium übernahm.
Die Kirche wurde lange von einem Kapitel geleitet, das aus einem Priester, einem Diakon und einem Subdiakon bestand und ursprünglich gemeinsam die Güter und Einkünfte der Pfarrei verwaltete. Mit der Aufteilung des gemeinsamen Vermögens in Anteile, die den Titeln der Kanoniker entsprachen, endete diese Epoche. Mit der Aufteilung gingen auch der Geist der Gemeinschaft, die Verpflichtung zum gemeinschaftlichen Leben und die weit gehende Mitverantwortung für die Seelsorge der Pfarrei verloren. Die Seelsorge und die Verwaltung der Sakramente wurden nunmehr dem Pfarrer übertragen, der von einem Küster unterstützt wurde.
Es war normalerweise das Kapitel, das den jeweils neuen Pfarrer bestimmte. Als jedoch 1419 der Pfarrer Francesco Dondo starb, räumte das Kapitel dem Bischof von Castello Marco Lando das Recht ein, den Nachfolger zu bestimmen, allerdings nur für dieses eine Mal.[1]
Die Grimani wurden schließlich die maßgebliche Familie. Von 1735 bis 1739 wurde die Kirche nach Plänen von Giorgio Massari nach den Vorstellungen seiner Zeit neu gebaut.
Mit dem Dekret Napoleons von 1806/1807 wurde die Kirche als Gemeindekirche aufgelöst und der Gemeinde San Giacomo dall’Orio zugeteilt. 1808 wurde San Boldo geschlossen und ihre Kunstwerke nach und nach verkauft. Schließlich wurde das bis auf die Mauern entleerte Bauwerk 1826 oder 1830 abgerissen.[2]
Ausstattung
In seinem Werk Il ritratto di Venezia von 1684 berichtet Marcantonio Giustiniano von „Sant’Ubaldo Detto San Boldo“, die Kirche habe vier Altäre, dazu eine Tafel von Rocco Marconi (vor 1490 bis vor 1529) mit Christus unter den Heiligen Petrus, Paulus, Johannes und Hieronymus. Hinzu kam oberhalb des Portals eine Annunciata von Carletto Calliari (1570–1596), der auch ein Gemälde des Besuchs der Heiligen drei Könige (visita di tre magi) schuf. Ein weiteres Gemälde zeigte die Heilige Maria Elisabetta (Elisabet?). Bei der Orgel befand sich das Martyrium der hl. Agata, wohl der Agatha von Catania, von Paolo Piazza (um 1560–1620), eine Heilige von der sich eine Armreliquie in der Kirche befand.[3]
Einige wenige Hinweise finden sich zudem bei Antonio Maria Zanetti (1706–1778, dem Jüngeren, von 1737 bis zu seinem Tod Bibliothekar an der Marciana).[4]
Literatur
- Marco Boschini: Le ricche miniere della pittura veneziana, Francesco Nicolini, Venedig 1674, Sestier di S. Polo, S. 33 („Chiesa di S.Vbaldo, detto S.Boldo“). (Digitalisat)
- Antonio Maria Zanetti: Descrizione di tutte le pubbliche pitture della citta’ di Venezia e isole circonvicine: o sia Rinnovazione delle Ricche minere di Marco Boschini, colla aggiunta di tutte le opere, che uscirono dal 1674. sino al presente 1733, Pietro Bassaglia al segno della Salamandra, Venedig 1733, S. 290 f. (Digitalisat)
- Flaminio Corner: Notizie storiche delle chiese e monasteri di Venezia, e di Torcello, tratte dalle chiese veneziane, e torcellane, Giovanni Manfrè, Padua 1758, S. 348 f. (Digitalisat)
- Antonio Maria Zanetti: Della pittura veneziana e delle opere pubbliche de’ veneziani maestri libri V, Albrizzi, Venedig 1771, S. 474 (zu Gaetano Zompini: „In Sant’Ubaldo due tavole egli fece. L’una ha il Santo Vescovo, e l’altra la Madre addolorata.“). (Digitalisat)
- Giambattista Gallicciolli: Delle memorie Venete antiche, profane ed ecclesiastiche, Bd. 4, Domenico Fracasso, Venedig 1795, S. 258 (Digitalisat)
- Elena Bassi: Tracce di chiese veneziane distrutte. Ricostruzioni dai disegni di Antonio Visentini, Venedig 1997, S. 30–34.
Weblinks
- Parrocchia di Sant’Ubaldo, Venezia, Ecclesiae Venetae, Sistema Informativo Unificato per le Soprintendenze Archivistiche
Anmerkungen
- ↑ Giambattista Gallicciolli: Delle memorie Venete antiche, profane ed ecclesiastiche, Bd. 4, Domenico Fracasso, Venedig 1795, S. 258.
- ↑ Alessandro Gaggiato: Le chiese distrutte a Venezia e nelle isole della Laguna, Supernova, Venedig 2019, S. 97, 99.
- ↑ Marcantonio Giustiniano: Il ritratto di Venezia diviso in dve parti. Nella prima, si descriuono breuemente tutte le Chiese della Città, con le memorie più illustri, Depositi, Epitaffij, Inscrizioni, Scolture, e pitture più conspicue, con le dichiarazioni, et autori di essi. Nella seconda si dà breue Relazone del Gouerno della Republica, delli Magistrati, delle Fabriche publiche, e più riguardevoli ecc., Venedig 1684, S. 326.
- ↑ Antonio Maria Zanetti: Della pittura veneziana e delle opere pubbliche de’ veneziani maestri libri V, Albrizzi, Venedig 1771, S. 212 (Digitalisat, S. 474).
Koordinaten: 45° 26′ 22,5″ N, 12° 19′ 43,1″ O