Sant’Agostin

Sant’Agostin, seltener Sant’Agostino genannt, war eine Kirche im Westen des venezianischen Sestiere San Polo. Das Bauwerk, das bis in die Zeit um 1000 zurückreichte, befand sich an der Ostseite des Campiello Sant’Agostin, die Apsis wies auf den Campo Sant’Agostin. Kirche und Platz wurden nach dem Kirchenvater Augustinus benannt. Mehrfach abgebrannt, zuletzt 1639, wurde die Kirche im barocken Stil wieder aufgebaut. Bis 1807 war sie Pfarrkirche, wurde als Mühle und als Lager umfunktioniert, schließlich 1873 abgerissen. An ihrer Stelle befinden sich heute Wohnhäuser.

Geschichte

Die Kirche entstand auf Initiative des Bischofs von Olivolo Pietro Marturio vielleicht im Jahr 969. Er unterstellte sie in seinem Testament auf Ewigkeit der Rechtsprechung seiner Diözese. Allerdings ist das Datum ihrer Entstehung als Pfarrei nicht überliefert, dürfte aber nahe dem Gründungsdatum gelegen haben. Der Bischof beanspruchte das Recht, den Pfarrer einzusetzen. Emmanuele Antonio Cicogna hebt hervor, dass Andrea Dandolo in seiner Chronik das Jahr 959 nennt, ebenso wie Marcantonio Sabellico. Cornaro habe in seiner Darstellung sogar das Jahr 669 genannt, obwohl zu dieser Zeit das Bistum noch gar nicht bestand. Auch wurden Gründungsjahre wie etwa das Jahr 1001 angeführt, die die Abschreiber der entsprechenden Chroniken weiter verbreiteten.

Unter dem Dogen Ordelaffo Falier wurde die Kirche ein Raub der Flammen, erneut im Jahr 1149 zur Zeit des Dogen Domenico Morosini. Offenbar wiederholten sich derlei Katastrophen lange Zeit nicht, denn zur Zeit Sabellicos galt die Kirche bereits als sehr alt.

Wie eine Reihe anderer venezianischer Kirchen auch, so wurde Sant’Agostin mehrfach durch einen Brand zerstört, in diesem Fall im Jahr 1639, wie Cicogna konstatiert. Ob es zu zwei weiteren Bränden kam, ist unklar, jedoch wurde der Boden durch Girolama Lomellini restauriert. Die Kirche wurde nach einem Entwurf von Francesco Contin wieder aufgebaut. Geweiht wurde die einschiffige Kirche erst 1691, wie eine Inschrift zu Cicognas Zeit noch erwies, also vor 1830.

Die bis 1808 als Stiftskirche fungierende Pfarrei wurde von einem Kapitel geleitet, das aus zwei Titularpriestern, einem Diakon und einem Subdiakon bestand. Diese verwalteten zunächst gemeinsam das Vermögen der Pfarrei und beteiligten sich an den Aufgaben der Seelsorge und der pastoralen Betreuung der Armen und Kranken, die vom Pfarrer ausgeübt wurden.

Wie vielerorts so schwand auch hier der Geist der Gemeinschaft, wie es hieß, und die Verpflichtungen des Kapitels zum gemeinschaftlichen Leben nahmen ab. Nun wurde das gemeinsame Vermögen entsprechend den Titeln der Kanoniker aufgeteilt. Die Aufgaben der Seelsorge und der Verwaltung der Sakramente blieb dem Gemeindepfarrer überlassen, der manchmal von einem Sakristan unterstützt wurde, dessen Aufgabe es später war, den Pfarrer bei der Führung der kanonischen Register und der Durchführung der Messen zu unterstützen. Die Ernennung des Pfarrers stand weiterhin dem Bischof von Olivolo, ab dem 11. Jahrhundert Castello genannt, zu. Noch im 12. Jahrhundert beanspruchten die Nachbarn und Gemeindemitglieder aber offenbar Mitspracherechte, was zu Konflikten mit den Bischöfen führte.

Mit dem Dekret Napoleons von 1807 wurde die Pfarrkirche 1808 aufgehoben, wie zahlreiche andere Kirchen auch, Pfarrer blieb bis 1810 Nicolò Driuzzi. Sie wurde in diesem Jahr geschlossen und der Gemeinde San Stin angeschlossen. Die endgültig für den Gottesdienst geschlossene Kirche wurde zunächst zu einer Mühle umgebaut, dann zu einem Lager für Bauschutt und Holz. Die Kirche barg zu dieser Zeit fünf oder sechs Altäre, um 1310 besaß auch die Familie Tiepolo dort einen Altar.

1873 wurde das Bauwerk abgerissen, um Platz für Sozialwohnungen zu schaffen. Die Kunstwerke wurden verstreut.[1]

Quellen

Literatur

  • Elena Bassi: La chiesa di Sant’Agostino di Venezia, in: Atti dell’Istituto Veneto di Scienze, Lettere ed Arti. Classe di scienze morali, lettere ed arti, Bd. CLI, 1993, S. 297–299.
  • Elena Bassi: Tracce di chiese veneziane distrutte. Ricostruzioni dai disegni di Antonio Visentini, Venedig 1997, S. 63–65.
  • Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 3, Giuseppe Picotti stampatore, Venedig 1830, S. 5 f. (Digitalisat)
Commons: Sant’Agostin – Sammlung von Bildern

Anmerkungen

  1. Einige Hinweise bei Antonio Maria Zanetti (1706–1778, der Jüngere, von 1737 bis zu seinem Tod Bibliothekar an der Marciana): Della pittura veneziana e delle opere pubbliche de’ veneziani maestri libri V, Albrizzi, Venedig 1771, S. 212 (Digitalisat, S. 212); S. 474 (Digitalisat, S. 474).

Koordinaten: 45° 26′ 19″ N, 12° 19′ 41,8″ O