Samuel Friedrich Sauter
Samuel Friedrich Sauter (* 10. November 1766 in Flehingen (heute ein Ortsteil von Oberderdingen); † 14. Juli 1846 ebenda) war ein deutscher Dorfschullehrer und Volksdichter. Er gilt als das historische Vorbild für die literarische Figur des Gottlieb Biedermaier und damit unfreiwillig als Namensgeber der Biedermeier-Epoche.
Leben
Herkunft und Ausbildung
Sauter wurde als Sohn des „Sonnenwirts“ und Bäckermeisters Philipp Jakob Sauter (1721–1785) und dessen zweiter Ehefrau Christine Barbara Schoch (1742–1772) geboren. Seine Mutter verstarb, als er erst fünfeinhalb Jahre alt war, was ein einschneidendes Erlebnis in seiner Kindheit darstellte.
Nach seiner Konfirmation 1781 entschied sich Sauter für den Lehrerberuf. Er absolvierte seine Ausbildung zunächst drei Jahre lang (1781–1784) bei seinem Schwager Johann Baltasar Ulmer in Unteröwisheim, wo er das „Schulwesen erlernte“. Im November 1784 wechselte er als Provisor (Hilfslehrer) an die evangelische Schule in Bissingen an der Enz zu dem dortigen Hauptlehrer Johann Karl Sorn. Während seiner Zeit in Bissingen besuchte Sauter öfters den auf der nahen Festung Hohenasperg inhaftierten Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart. Diese Begegnungen und Schubarts Gedichte erweckten in Sauter „die ersten poetischen Gedanken“ und prägten sein späteres Schaffen maßgeblich.
Dorfschullehrer in Flehingen (1786–1816)
Im Alter von 20 Jahren kehrte Sauter in seinen Heimatort Flehingen zurück und trat zu Martini 1786 die Stelle des evangelischen Dorfschullehrers an.
Am 8. Februar 1791 heiratete er Susanna Katharina Schickart (* 1771) aus Unteröwisheim. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor, von denen jedoch mehrere im Säuglings- oder Kindesalter verstarben; nur vier erreichten das Erwachsenenalter.
Sauter engagierte sich stark für die Fortbildung seines Berufsstandes. Um 1800 initiierte er eine pädagogische Lesegesellschaft, der zeitweise Lehrer aus 39 umliegenden Orten angehörten. Als Vorsitzender organisierte er den Austausch pädagogischer und belletristischer Literatur. Die Gesellschaft bestand bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1816.
Da das Gehalt als Dorfschullehrer kaum ausreichte, um seine Familie zu ernähren, war Sauter gezwungen, zahlreiche Nebentätigkeiten auszuüben.
- Kirchliche Dienste: Er wirkte als Messner (Küster) und Organist in der evangelischen Kirche.
- Verwaltungsaufgaben: Sauter arbeitete als Gerichtsschreiber und übernahm zeitweise die Funktion eines Steuereinziehers (Akzisor). In dieser Funktion musste er die Verbrauchssteuern berechnen, einkassieren und monatlich beim Kontrollamt in Bretten abrechnen.
- Landwirtschaft: Zusätzlich betrieb er eine eigene Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Er engagierte sich auch im Weinbau und brachte seinen Schülern bei, wie man Weinberge anlegt und bewirtschaftet.
Sauters erste Dienstjahre in Flehingen waren von äußerst schwierigen räumlichen Bedingungen geprägt. Das alte Schulhaus war baufällig und musste 1788 abgerissen werden. Da die Gemeinde und die Grundherrschaft sich nicht auf einen Neubau einigen konnten, musste der Unterricht über viele Jahre in Provisorien stattfinden. Zunächst wurde in einer engen Stube im Rathaus unterrichtet, später in einem Privathaus.
Schließlich ergriff Sauter selbst die Initiative: Er kaufte 1793 ein kleines Wohnhaus und ließ auf eigene Kosten einen seitlichen Fachwerk-Anbau errichten, der als Schulzimmer diente. Dieser Raum war lediglich 3,5 Meter lang und 4,5 Meter breit, musste aber bis zu 60 Schüler fassen. Sauter kämpfte jahrelang vergeblich um eine angemessene Mietentschädigung für die Bereitstellung dieser Räumlichkeiten; statt der geforderten 25 Gulden erhielt er oft nur 10 Gulden. Erst 1817, ein Jahr nach seinem Weggang, erhielt Flehingen ein neues Schulhaus.
Neben seiner Lehrtätigkeit betätigte sich Sauter als Heimatforscher. Er rettete Fragmente der alten Flehinger Kirchenbücher aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges vor dem Verfall, indem er sie rekonstruierte und abschrieb. Zudem kämpfte er zeitlebens, oft in Form von Bittschriften an die Obrigkeit, für eine bessere Besoldung der Lehrerschaft.
Wechsel nach Zaisenhausen (1816–1846)
Im November 1816 verließ Sauter seine Heimatgemeinde und übernahm die besser dotierte Schulstelle im benachbarten Zaisenhausen. Der Wechsel geschah auch auf Drängen seiner Frau („auf Zudringlichkeit meiner Frau“) aufgrund der wirtschaftlichen Notlage nach dem „Jahr ohne Sommer“ (1816) und der besseren Verdienstmöglichkeiten in Zaisenhausen.
In Zaisenhausen wirkte er 25 Jahre lang. Er erlebte den Bau eines neuen Schulhauses (1817), für dessen Richtfest er einen Zimmerspruch verfasste. Zudem spielte er eine aktive Rolle beim Neubau der evangelischen Liebfrauenkirche, die nach Plänen von Heinrich Hübsch errichtet und 1836 eingeweiht wurde. Sauters Frau Susanna Katharina verstarb bereits am 20. März 1824 in Zaisenhausen; Sauter heiratete nicht wieder.
Im Februar 1841 wurde Sauter im Alter von 74 Jahren pensioniert. Er kehrte in seinen Geburtsort Flehingen zurück und lebte dort im Haus seines Sohnes Johann Gottlieb. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich der Zusammenstellung seiner Werke. Er starb am 14. Juli 1846 in Flehingen und wurde auf dem dortigen Friedhof beigesetzt.
Rezeption: Der „Biedermeier“
Sauter erlangte posthum eine besondere literarhistorische Bedeutung als unfreiwilliges Urbild des Biedermeier. Die Dichter Adolf Kußmaul und Ludwig Eichrodt entdeckten Sauters Gedichte und nutzten sie als Vorlage für ihre Figur des Gottlieb Biedermaier.
Sie parodierten Sauters Stil – teils übernahmen sie Gedichte unverändert (wie „Das arme Dorfschulmeisterlein“), teils bearbeiteten sie diese – und veröffentlichten sie ab 1855 in den Fliegenden Blättern. Sie sahen in Sauter den Prototyp des naiven, unpolitischen, ordnungsliebenden und hausbackenen Menschen jener Epoche. Auch Joseph Victor von Scheffel hat mit Biedermanns Abendgemütlichkeit und Bummelmeiers Klage Sauters Stil parodiert. So prägte Sauter, ohne es zu wissen, den Namen einer ganzen kunstgeschichtlichen Stilrichtung.
Moderne Forschungen, insbesondere durch Peter Lingenfelser, zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild: Sauter war keineswegs nur der naive Reimschmied, sondern ein engagierter Pädagoge, der sich aktiv für Bildungsreformen und die Rechte seines Berufsstandes einsetzte.
Nach Sauter ist eine Grundschule in Flehingen benannt.
Werk
Sauter verfasste etwa 350 Gedichte, Reime und Erzählungen. Viele davon sind Gelegenheitsgedichte (Kasuallyrik), die er zu Hochzeiten, Jubiläen oder Richtfesten („Zimmersprüche“) verfasste. Seine Dichtung zeichnet sich durch Volksnähe, Humor, aber auch durch eine tiefe Frömmigkeit und Loyalität zur Obrigkeit aus.
- Bekannte Gedichte und Lieder
- Der Krämermichel: Dieses Lied, verfasst um 1792/94 in schwäbischer Mundart, wurde ein weit verbreiteter „Gassenhauer“. Es entstand nach einer Begegnung mit einem realen Krämer, der Sauter um ein Lied bat.
- Der Wachtelschlag: Sauters wohl berühmtestes Gedicht („Horch, wie schallt's dorten so lieblich hervor...“) interpretiert den Ruf der Wachtel als Aufforderung zur Gottesfurcht („Fürchte Gott, Liebe Gott, Lobe Gott...“). Der Text wurde von Ludwig van Beethoven (WoO 129) und Franz Schubert (D 742) vertont. Sauter erfuhr erst 1845, kurz vor seinem Tod, von der Vertonung durch Beethoven.
- Das Lied vom armen Dorfschulmeisterlein: In diesem Gedicht thematisiert Sauter die prekäre soziale und finanzielle Lage der Dorfschullehrer seiner Zeit, gemischt mit Selbstironie.
- Loblied auf die Kartoffel: Ein kulturhistorisch interessantes Gedicht, das die Einführung und den Nutzen der Kartoffel preist.
- Veröffentlichungen
Zu Lebzeiten veröffentlichte Sauter zwei Gedichtbände:
- Volkslieder und andere Reime (Heidelberg, 1811).
- Die sämmtlichen Gedichte des alten Dorfschulmeisters Samuel Friedrich Sauter (Karlsruhe, 1845).
Literatur
- Peter Lingenfelser: Samuel Friedrich Sauter – Schulmeister und Poet (1766–1846). Alte Uni, Eppingen 2016, ISBN 978-3-926315-50-2.
- Karl Banghard: Sänger des Alltags – Samuel Friedrich Sauter (1766–1846). In: Fünf Schneeballen, zwölf Jahrhunderte. Flehingen-Sickingen 779 bis 1979. Badendruck, Karlsruhe 1979, OCLC 658158474, S. 78–111.
- Helmut Bender: Samuel Friedrich Sauter. Dorfschulmeister und Poet dazu. In: Badische Heimat, 61, 1981, ISSN 0930-7001, S. 239–247.
- Michael Ertz: Samuel Friedrich Sauter (1766–1846), der Dichter des Kraichgaus. In: Kraichgau. Beiträge zur Landschafts- und Heimatforschung, Folge 14, 1995, ZDB-ID 127933-6, S. 239–251.
- Heiko Günther: Samuel Friedrich Sauter. Leben und Werk des badischen Dorfschulmeisters und Volksdichters aus Flehingen im Kraichgau. Duda, Stegen 2013, ISBN 978-3-86028-881-8.