Das arme Dorfschulmeisterlein
Das arme Dorfschulmeisterlein (auch: In einem Dorf im Schwabenland) ist ein deutschsprachiges Volks- und Studentenlied.
Geschichte
Das Lied geht auf Vorlagen aus dem 18. Jahrhundert zurück.[1] Eine Textfassung ist 1743 in der Liederhandschrift Horae Kilonienses canonicae des Kieler Jurastudenten Friedrich Reyher nachweisbar.[2][3] In einer in Sachsen gedruckten und auf 1786 datierten anonymen Liedflugschrift erscheint der Liedtext in einer Fassung mit 18 Strophen.[4]
Der Dorfschullehrer und Volksdichter Samuel Friedrich Sauter (1766–1846) verfasste gegen Ende des 18. Jahrhunderts eine Bearbeitung des Textes, die in einer Fassung mit 23 Strophen erstmals 1799 in Carl Langs Almanach und Taschenbuch erschien.[5] Sauter selbst veröffentlichte 1811 eine auf 25 Strophen erweiterte Fassung.[6] Der Verfasser Samuel Friedrich Sauter wurde mit diesem Gedicht, dessen Stil von Adolf Kußmaul parodiert wurde, zum Ur- und Vorbild der fiktiven Figur „Weiland Gottlieb Biedermaier“ und somit zum Namensgeber der gesamten literarischen Epoche des Biedermeier (1815–1848).[1]
Sauters Textfassung enthält praktisch alle Elemente der heute verbreiteten Liedfassungen, die sich seit dem 19. Jahrhundert daraus entwickelten.[7] Sauters Text beginnt mit den Versen „Willst wissen, du mein lieber Christ, wer das geplagt’ste Männchen ist?“ Das Lied ist aber auch mit anderen Liedanfängen überliefert, etwa „Fragst du etwa, mein lieber Christ“ oder „Was glaubst du wohl, mein lieber Christ“.[7]
Abdrucke in verschiedenen Kommersbüchern legen eine Verbreitung des Lieds in Studentenkreisen nahe.[8][9][10] Elizabeth Mincoff-Marriage veröffentlichte 1902 eine Fassung in sechs Strophen.[11]
1934 wurde es in das Liederbuch Der Kilometerstein aufgenommen, schon 1935 aber „auf Wunsch der Lehrerschaft“ aus späteren Auflagen wieder entfernt.[1] Auch in das CVJM-Liederbuch Die Mundorgel wurde das Lied aufgenommen.[12]
Inhalt und Aufbau
Das Lied beschreibt detailliert und mit teils derben Humor die Situation der Dorfschullehrer Anfang des 19. Jahrhunderts. Es wird unter anderem von der Belastung der Lehrer und dem niedrigen Lohn, den sie für ihre Arbeit bekommen geschrieben.
Melodie
Quelle:[12]
Die Melodie, die in mehreren Varianten überliefert ist, wird auf das 19. Jahrhundert datiert. Der Komponist ist nicht bekannt. Teilweise wurde der Text auch auf andere Melodien gesungen, darunter auf die des Volkslieds Ich bin der Doktor Eisenbart.[13]
Text
Samuel Friedrich Sauter (1811)
Willst wissen, du mein lieber Christ,
Wer das geplagt’ste Männchen ist?
Die Antwort lautet allgemein:
Ein armes Dorffschulmeisterlein.
Bey einem kargen Stückchen Brod,
Umringt von Sorgen, Mühe, Noth,
Soll es dem Staate nützlich seyn,
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Noch eh der Hahn den Tag begrüßt,
Und alles noch der Ruh genießt,
Hängts schon am Morgenglöckelein,
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Geendigt hat die Uhr den Lauf,
Es zieht dieselbe wieder auf,
Wälzt krächzend an dem Treibestein,
Das schwache Dorffschulmeisterlein.
Von diesem Frühgeschäfte matt,
Was wunder! wenn es Grimmen hat.
Drum schluckts ein Tröpfchen Brantewein,
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Der Tag steht nun in hellem Licht,
Das Weibchen hat auch angericht’t
Nun schlingt die Morgensuppe ein
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Izt erst beginnt die größte Plag,
Sein Aemtchen sperrt den ganzen Tag
Zu Kindern in die Schul’ hinein,
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Hier ist es nun – das Eine brummt,
Das Andre lacht, das Dritte summt
Muthwillig in das Ohr hinein
Dem armen Dorffschulmeisterlein.
Wenn’s liebevoll den Kindern wehrt
Und keines die Ermahnung hört,
So schlägt es öfters hitzig drein,
Das gähe Dorffschulmeisterlein.
Ein Kind zeigt dies dem Vater an,
Und der, ein ungeschliffner Mann,
Macht ihm die größten Flegeley’n,
Dem armen Dorffschulmeisterlein.
So wird die Speise ihm vergällt,
Die es auf den Mittag erhält;
Nie darf sich eines bessern freu’n
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Was ist denn wohl des Männchens Kost?
Nur leer Gemüs und saurer Most,
Höchstselten Fleisch von einem Schwein;
O armes Dorffschulmeisterlein.
So es Mittags nicht Schule hält,
Geht’s mit der Haue in das Feld,
Und schafft, weil der Gehalt so klein
O armes Dorffschulmeisterlein.
Nachts macht sich’s, wenn es Hunger hat,
Mit Suppe und Kartoffeln satt.
„Sonst gibt es nichts?“ Ach leider, nein!
O armes Dorffschulmeisterlein.
Von Sorgen wird es aufgeschreckt,
Wenn alles noch in Bettern steckt,
Und voller Kummer schläft es ein,
O armes Dorffschulmeisterlein.
In diesem Zirkel dreht es sich
Die ganze Woch bedauerlich,
Kein Tag ist ohne Kreuz und Pein.
O armes Dorffschulmeisterlein.
Falliret oft die Kirchen=Uhr,
Verfehlt sich oft der Zeiger nur,
Da schimpft der Schulz und die Gemein
Aufs arme Dorffschulmeisterlein.
Sagt’s eine Leichenrede her
Und lobt’s darin nicht übersehr,
So legt’s die größte Feindschaft ein
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Befindet sich’s bey einem Schmaus,
So heißt’s, wenn’s kaum zur Thür hinaus:
„Es ißt, es trinkt, es steckt auch ein,
Das grobe Dorffschulmeisterlein.“
Hat’s einmal etlich Stückchen Geld,
Und kommt es müd und matt vom Feld,
Trinkt’s auch beym Wirth ein Gläschen Wein,
Das durst’ge Dorffschulmeisterlein.
Wenn nun allda der Fall geschieht,
Daß es wie Noah sich versieht,
So will es ihm kein Mensch verzeih’n,
Dem guten Dorffschulmeisterlein.
Bey Leichen und in Gottes Haus
Brüllt oft ein Dummkopf neben ’naus –
Ach Gott! wie muß es da nicht schrey’n?
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Wenn’s mit den Kindern sich nicht hält
Zur Zeit, wo ein Präsentchen fällt,
Da büßt es, leider! merklich ein
Das arme Dorffschulmeisterlein.
Oft macht’s der Pfarrer ihm zu bunt
Und quälet es wie einen Hund –
Was bringt’s? Es muß gehorsam seyn,
Das alte Dorffschulmeisterlein.
Doch ist ihm noch der Trost beschert,
Daß seine Noth nicht ewig währt;
Im Grabe – Gott! wie wohl wird’s sein,
Dem armen Dorffschulmeisterlein.[6]
Mundorgel (2001)
In einem Dorf im Schwabenland,
da lebt, uns allen wohlbekannt,
da wohnt in einem Häuslein klein
das arme Dorfschulmeisterlein.
Des Sonntags ist er Organist,
des Montags fährt er seinen Mist,
des Dienstags hütet er die Schwein,
das arme Dorfschulmeisterlein.
Des Mittwochs fährt er in die Stadt
und kauft, was er zu kaufen hat,
’nen halben Hering kauft er ein,
das arme Dorfschulmeisterlein.
Des Donnerstags geht er in die Schul
und legt die Buben übern Stuhl.
Er haut solange bis sie schrein,
das arme Dorfschulmeisterlein.
Und wenn im Dorfe Hochzeit ist,
Dann könnt ihr sehen, wie er frisst.
Was er nicht frisst, das steckt er ein,
das arme Dorfschumeisterlein.
Und wird im Dorf ein Kind getauft,
Dann könnt ihr sehen, wie er sauft,
elf Halbe schüttet er sich ein,
das arme Dorfschumeisterlein.
Und wird im Dorf ein Schwein geschlacht’t,
dann könnt ihr sehen, wie er lacht.
Die größte Wurst ist ihm zu klein,
dem armen Dorfschumeisterlein.
Und wenn’s im Dorfe einmal brennt,
Dann könnt ihr sehen, wie er rennt,
die nächste Ecke rennt er ein,
das arme Dorfschumeisterlein.
Und wenn er dann gestorben ist,
begräbt man ihn auf seinem Mist,
die Hunde setzen drauf ’nen Stein,
dem armen Dorfschulmeisterlein.
Und wenn er dann im Himmel ist
und seinen halben Hering frisst,
dann singen alle Engelein
das Lied vom Dorfschulmeisterlein.[12]
Literatur
- Gustav Jungbauer: Die deutsche Volksdichtung. Mit Beispielen aus dem Böhmerwalde. In: Emil Karl Blümmel (Hrsg.): Beiträge zur deutschen Volksdichtung (= Quellen und Forschungen zur deutschen Volkskunde. Band 6). Rudolf Ludwig, Wien 1908, S. 1–53, hier S. 42 f. (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- Otto Holzapfel: Liedverzeichnis. Band 1–2, Olms, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-13100-5. Online-Update März 2025: Lieddatei – Lieder A bis G, S. 825 f. (PDF; 50,5 MB).
- Theo Mang, Sunhilt Mang (Hrsg.): Der Liederquell. Noetzel, Wilhelmshaven 2007, ISBN 978-3-7959-0850-8, S. 537–539.
Weblinks
- Das arme Dorfschulmeisterlein im Volksliederarchiv
- Der Dorfschulmeister (alternative Fassung) im Volksliedarchiv
- Das arme Dorfschulmeisterlein im Volksmusikarchiv (mit Noten)
- Das arme Dorfschulmeisterlein bei ingeb.org (zwei Textfassungen und Melodie als MIDI-Datei)
- Das arme Dorfschulmeisterlein
Einzelnachweise
- ↑ a b c Otto Holzapfel: Liedverzeichnis. Band 1–2, Olms, Hildesheim 2006, ISBN 3-487-13100-5. Online-Update März 2025: Lieddatei – Lieder A bis G, S. 825 f. (PDF; 50,5 MB).
- ↑ Wilhelm Fabricius: Alte Studentenlieder. In: Akademische Monatshefte. Nr. 181 ff., 1899–1900.
- ↑ Arthur Kopp: Reyhers Horae Kilonienses canonicae. In: ders.: Deutsches Volks- und Studenten-Lied in vorklassischer Zeit: im Anschluss an die bisher ungedruckte von-Crailsheimsche Liederhandschrift der Königlichen Bibliothek zu Berlin quellenmässig dargestellt. Hertz, Berlin 1899, S. 271–280, hier S. 275 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Drey schöne neue Lieder. Das Erste. Ich komm aus dem Reich der Todten. Das Zweyte. Das Vogelhäuschen. Frau! brings Vogelhäußl, brings Vogelhäußl herein. Das Dritte. Das Dorfschulmeisterlein. Ach frage nicht, mein frommer Christ. „Gedruckt in diesem Jahr“. In einem Sammelband der Staatsbibliothek Berlin beschriftet mit: „Volkslieder gedruckt in Sachsen um d. Jahr 1786“. staatsbibliothek-berlin.de / staatsbibliothek-berlin.de.
- ↑ Carl Lang: Almanach und Taschenbuch für häusliche und gesellschaftliche Freuden. Guilhauman, Heilbronn 1799, S. 150–154; urn:nbn:de:gbv:32-1-10005011579.
- ↑ a b Samuel Friedrich Sauter: Volkslieder und andere Reime. Braun, Heidelberg 1811, S. 27–31; digitale-sammlungen.de.
- ↑ a b Theo Mang, Sunhilt Mang (Hrsg.): Der Liederquell. Noetzel, Wilhelmshaven 2007, ISBN 978-3-7959-0850-8, S. 537–539.
- ↑ Commers-Buch für den deutschen Studenten. 19. Auflage. Teubner, Leipzig 1874, S. 362 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Friedrich Conrad Müller von der Werra: Allgemeines Reichs-Commersbuch für deutsche Studenten. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1875, S. 616 (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Commersbuch der Tübinger Hochschule. 7. Auflage. J.J. Heckenhauer Verlag, Tübingen 1886, S. 318 f. (Digitalisat in der Google-Buchsuche).
- ↑ Elizabeth Marriage: Volkslieder aus der badischen Pfalz. Niemeyer, Halle 1902, S. 246 f. (Textarchiv – Internet Archive).
- ↑ a b c Dieter Corbach, Ulrich Iseke, Peter Wieners (Hrsg.): Die Mundorgel. 3. Auflage. Mundorgel-Verlag, Waldbröl 1968, ISBN 3-87571-001-0, Nr. 236. Auch in: Dieter Corbach † et al. (Hrsg.): Die Mundorgel. Neubearbeitung. Mundorgel-Verlag, Waldbröl 2001, ISBN 3-87571-044-4, Nr. 264.
- ↑ Der Dorfschulmeister (Willst wissen du mein lieber Christ). In: Volksliederarchiv (11.000 Lieder). Abgerufen am 28. September 2025.