Süßmilch (Familie)
Die Familie von Süßmilch zu Tollenstein ist ein altes Adelsgeschlecht aus dem Grenzgebiet zwischen Böhmen und der Oberlausitz (namentlich dem Schluckenauer Kreise), wo sie das Erbrichteramt auf der Grenzfeste Burg Tollenstein bei Rumburk seit 1398 innehatte. Hans von Süßmilch (ca. 1370–1420, hussitischen Glaubens) ist der früheste bekannte Vorfahre und Stammvater der Familie von Süßmilch (tschechisch von Susmlich). Er wird als erster Erbrichter von Burg Tollenstein (Tolštejn) genannt, einer strategischen Grenzfestung, die den Handelsweg (Salz, Textilien) zwischen Prag und der Lausitz sicherte. Tollenstein war eine Wachtburg auch gegen Raubritter. Die Ernennung 1398 als Erbrichter erfolgte unter König Wenzel von Böhmen (reg. 1378–1419) erneut, als Tollenstein als Pfandgut (des alten böhmischen Adelsgeschlechts der Berka von Dubá) diente. Auch Bartholomäus von Süßmilch (um 1490–1547), Hauptmann der Burg Tollenstein und Erbrichter, wird als Ahnenherr genannt.
Das Erbrichteramt für Tollenstein wurde dann um 1508 der Familie von Süßmilch von Kaiser Maximilian I. (reg. 1493–1519 als römisch-deutscher König, ab 1508 als Kaiser) weiter verliehen. Es handelt sich um eine erbliche Verleihung, die das Amt (Richter- und Verwaltungsfunktion, militärische Aufgaben, Steuereinziehung, Grenzsicherung) und das Land an die Familie band. Ein Teil der Familie, der im Zuge der Böhmischen Reformation zum Protestantismus übertrat (Konversion zum Luthertum 1517), emigrierte während der Zeit der Rekatholisierung und siedelte sich in Sachsen und Preußen an. Ein anderer Teil der Familie nahm aber später den katholischen Glauben wieder an. Georg I. von Süßmilch (1490–1555) blieb in Tollenstein, konvertierte 1548 und erhielt den Ritterstand. Sein Sohn Georg II. (1540–1610), ebenso katholischer Ritter, führte das Amt weiter, war am Grenzhandel beteiligt und sicherte die Pfandgüter unter dem Adelsgeschlecht der Berka von Dubá. Beide Familien stärkten ihre feudale Allianz von 1478 durch eine Heirat 1648 von Franz von Süßmilch (1620–1675) mit Elisabeth Berka von Dubá (1625–1685).
Der katholische Teil blieb weiter in Böhmen (Tollenstein, Schloss Süßmühl / Slatina nad Úpou als Stammgut, später in Ploschkowitz (Ploskovice) sowie Wernstadt (Verneřice)) und führte das Erbrichteramt bis ins 18. Jahrhundert weiter. Der evangelische Teil der Familie blieb in Sachsen und Preußen und erreichte dort hohe Ämter in Militär und Administration. Beide Familienteile brachten neben Offizieren (u. a. Ritterkreuzträger, Teilnehmer an den "Türkenkriegen") auch Juristen, Inhaber von Hofämtern (u. a. k.k. Kämmerer und Herrenhaus-Mitglieder), Unternehmer (vor allem auch Brauer, Gastwirte, Hofdrucker) und Wissenschaftler hervor.
Wappen
Das Wappen wird seit dem 16. Jahrhundert geführt und ist in Urkunden aus Rumburg dokumentiert. Es unterstreicht die Ritterstellung der Familie als Erbrichter von Tollenstein (ab 1398, erblich ab 1508).[1]
Blasonierung und Beschreibung
- Schild: In Silber (weiß) ein roter Löwe, der aufgerichtet (passant) steht, goldgekrönt ist und eine ausgestreckte rote Zunge hat (ausgeschlagen). Der Löwe hält den Schwanz zwischen die Hinterbeine (gesteckt), was eine Variante der "passant reguardant"-Haltung darstellt.
- Farben: Silber (Feld), Rot (Löwe und Zunge), Gold (Krone).
- Helmzier: Ein goldgekrönter Löwenkopf mit roter Zunge, auf silber-rotem Helmdecke.
Geschichte
Evangelischer Teil der Familie
Von 1600 bis 1634 übte das Amt ein Christoph v. Süßmilch (ca. 1560–1635) aus, Nachfolger wurde dessen zweitgeborener Sohn Elias (ca. 1600–1675), der seine zweite Ehe mit einer Katholikin einging und aus diesem Anlass wieder zum Katholizismus übertrat. Dessen aus erster Ehe stammender Sohn Elias hatte in seiner Jugend Frankreich, England, Holland und Deutschland bereist und an mehreren Universitäten Jura studiert, überwarf sich jedoch mit dem Vater und der Familie der Stiefmutter, weil er seinerseits den Glaubensübertritt verweigerte.
Er ging mittellos ins Ausland, trat in die Dienste des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (Der Große Kurfürst) und kämpfte in der Schlacht bei Fehrbellin (18. Juni 1675) in der kurfürstlichen Garde. Nach der Schlacht quittierte er seinen Dienst im Rang eines Wachtmeisterleutnants. 1674 heiratete Elias Süßmilch die verwitwete Katharina Scherer, geborene Lembke. Durch diese Hochzeit wurde er zum Besitzer des Erbbraukruges in Zehlendorf, der laut Erbregister von 1591 mit einer Braustätte verbunden war und zu dem auch ein Bauerngut gehörte. „Ob seiner höheren Qualitäten in die bevorzugte Zahl der Leibtrabanten eingereiht und hier bald zum Wachtmeisterleutnant befördert, gewann er noch überdies die besondere Gunst des Fürsten“. So blieb er denn auch nach seiner Verheiratung in dessen Diensten Es soll zu den Gewogenheit des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm gehört haben, seinen Wegen von Berlin nach Potsdam bei „seinem alten Süßmilch“ einzukehren.
Die Söhne von Elias Süßmilch erwarben in Berlin die Bürgerrechte und übten neben anderen Gewerben auch das Braurecht aus, während der Krug verpachtet wurde. Christoph Süßmilch, ältester Sohn aus erster Ehe, erhielt 1716 nach dem Tod seines Vetters und Lehrers Ulrich Liebpert dessen Privileg der Hofbuchdruckerei, das mit dem Titel des Königlich-Preußischen Hofbuchdruckers und bedeutenden Hof- und Staatsaufträgen verbunden war, ihm 1721 aber wieder aberkannt wurde, weil er bei Hof offenbar in Ungnade gefallen war. Sein aus zweiter Ehe des Vaters stammender Halbbruder Elias Süßmilch betätigte sich in Landwirtschaft, Getreidehandel und Brauereiwesen und heiratete 1706 Maria Blell aus Brandenburg.
Der erstgeborene Sohn aus dieser Verbindung war Johann Peter Süßmilch (1707–1767), Propst an St. Petri in Cölln und Begründer der modernen Demographie und Statistik. 1751 übernahm Johann Peter den Zehlendorfer Krug, der weiterhin verpachtet blieb. Als 1754 eine tägliche Schnellpost (Journaliere) zwischen Berlin und Potsdam eingerichtet wurde, übernahm Süßmilch auch deren Betrieb und verpachtete ihn an den Pächter seines Kruges weiter. Noch im gleichen Jahr verkaufte er dann das gesamte Kruggut an den Stadtsekretär Johann Christian Schlicht und erwarb stattdessen das Schulzengehöft und die Windmühle in Friedrichshagen.
Ein weiterer Familienteil der Familie von Süßmilch entstammte der bürgerlich sächsischen, aus Pirna und Freiberg stammenden, späteren briefadeligen Familie von Süßmilch, genannt von Hörnig, mit dem Spitzenahn (ältesten Vorfahren in einer Ahnenlinie) Bartholomäus von Süßmilch (um 1490–1547). Die Familie wurde 1776 in den erblichen Reichsadelsstand erhoben, die Erhebung in den polnischen Adel erfolgte bereits 1775. Sie brachte Karl Friedrich von Süßmilch, genannt von Hörnig (* 2. April 1788 in Kraußnitz; † 16. Dezember 1864 in Niederlößnitz), Generalmajor (Ritterkreuzträger des Militär-St.-Heinrichs-Ordens), Moritz Bernhard von Süßmilch, genannt von Hörnig (* 17. Februar 1792 in Kraußnitz bei Schönfeld; † 28. Mai 1858 in Dresden), königlich-sächsischer Oberst (Ritterkreuzträger der königlich-französischen Ehrenlegion und sowie Ritterkreuzträger des königlich-sächsischen Militär-St.-Heinrichs-Ordens), sowie Bernhard von Süßmilch, genannt von Hörnig (* 18. Juni 1829 in Wurzen; † 11. Mai 1892 in Leipzig), königlich-sächsischer Offizier und General, zuletzt als Generalmajor, Kommandant des Militär-St.-Heinrichs-Ordens, hervor.
Katholischer Teil der Familie
Bekannte Familienmitglieder
Literatur
- Vincenz John: Süßmilch, Johann Peter. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 37, Duncker & Humblot, Leipzig 1894, S. 188–195.
- Heinrich Banniza von Bazan: Der Zehlendorfer Krüger Elias Süßmilch (um 1700), seine Sippe und Nachkommenschaft. In: Der Herold für Geschlechter-, Wappen- und Siegelkunde, Bd. 2, 1941, S. 1–15
- Arthur Georgi: Die Entwicklung des Berliner Buchhandels bis zur Gründung des Börsenvereins der deutschen Buchhändler 1825. Parey, Berlin 1926, S. 91 (zum Hofbuchdrucker Christoph Süßmilch)
- Till Hein: Der Buchhalter Gottes (Johann Peter Süßmilch). Beitrag in ALBERT Nr. 10, Sozialdemografie, Einstein-Stiftung, www.einsteinfoundation.de/einblicke/albert/albert-nr-10-sozialdemografie/der-buchhalter-gottes
- Alfred Moschkau: Burg Tollenstein in Böhmen. Topographie und urkundliche Geschichte, Rumburg 1882 (Digitalisat (http://slub-dresden.de/id393326683))
- Wolfgang Neugebauer: Johann Peter Süßmilch. In: Gerd Heinrich (Hrsg.), Berlinische Lebensbilder, Bd. 5, Berlin 1990, S. 183–200
- Zehlendorfer Chronik, 8(93), Schriftenreihe des Heimatvereins für den Bezirk Zehlendorf e.V.
- Hartmut Zückert: Allmende und Allmendaufhebung. Vergleichende Studien zum Spätmittelalter bis zu den Agrarreformen des 18./19. Jahrhunderts. Lucius und Lucius, Stuttgart 2002 (= Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte, 47), S. 385 ("Krug- und Pfarrland Zehlendorf")
Einzelnachweise
- ↑ Süßmilch, Johann Peter. In: Deutsche Biographie. Abgerufen am 18. November 2025.