São Sebastião (Schiff)
| Wohnzimmer auf der São Sebastião (Aquarell von Franz Josef Frühbeck, um 1817)
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Die São Sebastião (deutsch: Heiliger Sebastian) war ein 1767 gebautes 64-Kanonen-Linienschiff der portugiesischen Marine. Sie unterstützte während der Koalitionskriege die britische Royal Navy, kam 1807 für ein Jahr in französische Hände, war zuletzt Lagerschiff und wurde 1832 abgewrackt.
Geschichte
Die São Sebastião wurde dem portugiesischen König Joseph I. 1766 von der Stadt Rio de Janeiro geschenkt.[1] Der Entwurf des Schiffes 3. Ranges stammte vom portugiesischen Schiffbaumeister Antonio da Silva, gebaut wurde das Schiff im Arsenal Real da Marinha do Rio de Janeiro. Sie war zugleich das erste in dieser Werft erbaute Schiff.[2][3] Für den Bau wurden Hölzer der Paraguaná-Kiefer genutzt, einer in Brasilien heimischen Baumart, die sich bestens für den Schiffbau eignete. Das Holz wurde vom Kloster São Bento und dem Karmeliterkloster gestiftet, den Besitzern der Wälder. Ungewöhnlich für Kriegsschiffe der damaligen Zeit war die Raumhöhe von 2,55 Metern.[4][5]
In Rio de Janeiro erfolgte am 8. Februar 1767 der Stapellauf, bei dem es den Namen des Schutzpatrons der Stadt, des Heiligen Sebastian, erhielt.[6][7] Umgangssprachlich wurde das Schiff aufgrund seiner Galionsfigur in Form eines Drachen als „Drachenschiff“ bezeichnet.[4][3][8] Die Jungfernfahrt führte die São Sebastião ab 19. August 1767 von Rio de Janeiro nach Lissabon. Dabei erwiesen sich die guten Seeeigenschaften des Neubaus.[4]
Zu Beginn der Koalitionskriege 1793 befand sich die São Sebastião in Lissabon.[9] Ihr erster Kriegseinsatz fand im Pyrenäenkrieg (auch Krieg von Roussillon oder Konventionskrieg) statt, bei dem portugiesische und spanische Truppen zunächst im Roussillon einmarschierten[10] und der später unter Einbeziehung Großbritanniens zur Belagerung von Toulon führte. Ab Mitte September 1793 bildete die São Sebastião unter dem Kommando des britischen Kapitäns John Dilkes zusammen mit den portugiesischen Linienschiffen Nossa Senhora do Monte do Carmo (auch als Medusa bezeichnet, 74 Kanonen), Nossa Senhora do Bom Sucesso (64), Sao José e Nossa Senhora das Mercês (64) und der Fregatte Vénus (36) das portugiesische Geschwader für die Operationen im Roussillon. Sie eskortierten 14 Transportschiffe mit 5500 Soldaten und 22 Kanonen von Lissabon – ab Gibraltar dann zusammen mit spanischen Einheiten – nach Roses in Katalonien. Bis Ende Dezember 1795 unterstützte sie auf weiteren Fahrten das portugiesisch-spanische Expeditionskorps.[11][12][13]
Als die portugiesische Marine am 27. Juli 1797 ein Geschwader gegen französische Korsaren aufstellte, wurden neben der Principe Real (90 Kanonen), der Medusa (74) und der Alfonso do Albuquerque (64) auch die São Sebastião unter dem britischen Kapitän Sampson Michell zu dieser Einheit abgestellt.[14]
Drei Jahre später, ab 1798, segelte sie zu den Azoren, um eine Flotte aus Brasilien auf dem letzten Stück nach Portugal eskortieren.[15] Anschließend gehörte die São Sebastião zu den portugiesischen Einheiten, die die Royal Navy im Mittelmeer unterstützte. Sie beteiligten sich nach der Seeschlacht bei Abukir zunächst an der Verfolgung der französischen Flotte.[16][17] Ab September 1798 bildeten vier portugiesische Linienschiffe, eine Fregatte und eine Brigg zusammen mit zwei britischen Linienschiffen ein Geschwader zur Blockade Maltas. Unter dem Kommando von Almirante Marquês de Nisa standen die Linienschiffe Principe Real, Rainha de Portugal (74), Alfonso de Albuquerque und São Sebastião (weiterhin unter Sampson Michell), die Fregatte Benjamim und die Brigg Falcão. Bis November hielten sie die Blockade aufrecht.[18][19] Anschließend blockierten die São Sebastião, die Benjamim und die Falcão gemeinsam mit britischen Schiffen von Ende November 1798 bis Mitte Januar 1799 Toulon und weitere Häfen am Ligurischen Meer. Die portugiesischen Schiffe nahmen zudem an der Evakuierung Neapels teil. Bis 1800 blieb die São Sebastião im Mittelmeer.[16][20][21]
Als die königliche Familie am 29. November 1807 mit ihrem Hofstaat und mehreren tausend Personen Lissabon an Bord einer Flotte verließ, um vor den einrückenden französischen Truppen in das brasilianische Exil zu gehen, blieb die São Sebastião als nicht einsatzbereit zurück. Die französische Marine stellte das Schiff nach Reparaturen im November unter dem Namen Brasil in Dienst und übernahm sogar den Spitznamen Le Grand Dragon.[8][22] Bereits im Folgejahr musste sie das Schiff beim Rückzug der französischen Truppen infolge der Konvention von Cintra zurücklassen, die portugiesische Marine übernahm es wieder im September 1808.[16][13][23] Die São Sebastião nahm wie die gesamte portugiesische Flotte bis 1815 an keinen Kampfhandlungen mehr teil.[16]
Nach dem Krieg nutzte das portugiesische Königshaus die São Sebastião noch mehrfach für die Beförderung von Mitgliedern der Königsfamilie: Im Juli 1816 war die São Sebastião das Flaggschiff eines Verbandes, der die Infantinnen Dona Maria Isabel und Dona Maria Francisca de Assis von Rio de Janeiro nach Spanien brachte. Dort heirateten sie König Ferdinand VII. bzw. Prinz Carlos Maria Isidoro, den Bruder des Monarchen. Im Mai 1817 schloss sie sich dem Geschwader an, das die Prinzessin Dona Maria Leopoldina – die Tochter von Franz II. von Österreich – von Lyon nach Lissabon brachte, wo sie Prinz Pedro de Alcântara, den späteren König von Portugal und Kaiser von Brasilien, heiratete.[4][3]
Anschließend stellte die Marine das inzwischen 50 Jahre alte Schiff 1818 außer Dienst, nutzte es aber noch für Lagerzwecke. 1832 wurde es schließlich im Lissaboner Arsenal abgewrackt.[4][3][7][5]
Technische Beschreibung
Die São Sebastião war als Batterieschiff mit zwei durchgehenden Geschützdecks konzipiert. Sie war ein Rahsegler mit drei Masten (Fockmast, Großmast und Kreuzmast). Letzterer trug statt des Besansegels ein Lateinersegel. Der Rumpf schloss im Heckbereich mit einem Heckspiegel, in den Galerien integriert waren, die in die seitlich angebrachten Seitengalerien mündeten. Die Beplankung des Schiffes war kraweel ausgeführt, das heißt, die Enden der Planken stießen stumpf aufeinander, so dass eine glatte Außenfläche entstand.[24]
Die Bewaffnung bestand bei Indienststellung aus 64 Kanonen. Im Jahr 1788 trug sie folgende Bestückung:[13]
| Unteres Batteriedeck |
Oberes Batteriedeck |
Spardeck | Kanonen | |
|---|---|---|---|---|
| Design | 26 × 24-Pfünder | 26 × 12-Pfünder | 2 × 12-Pfünder 10 × 9-Pfünder |
64 Kanonen |
Besatzung
Die Besatzung hatte eine Stärke von 574 Mann.[13]
Literatur
- António Marques Esparteiro: Catálogo Dos Navios Brigantinos (1640–1910). Centro de Estudos de Marinha, Lissabon 1976 (Online-Version als PDF).
- Otto von Pivka: Navies of the Napoleonic Era. David & Charles Books, Newton Abbot / Devon 1980, ISBN 0-7153-7767-1.
- José Rodrigues Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão. Tribuna da História / Edição de Livro e Revistas Lda., Lissabon 2005, ISBN 972-8799-30-6.
- Telmo Gomes: Portugues ships. 14th–19th century. Edições Inapa, Lissabon 1995, ISBN 972-9019-79-7.
- José Manuel Malhão Pereira: História da Marinha Portuguesa: Navios. Marinheiros e Arte de Navegar 1669–1823. Academia de Marinha, Lissabon 2012, ISBN 978-972-781-112-0 (Online-Version als PDF).
- Augusto Alves Salgado: História da Marinha Portuguesa: Viagens e operações navais (1668–1823). Academia de Marinha, Lissabon 2022, ISBN 978-972-781-168-7 (Online-Version als PDF).
Weblinks
- São Sebastião, bei threedecks.org (englisch), abgerufen am 27. November 2025
- Nau „São Sebastião“, im portugiesischen Marinearchiv unter arquivohistorico.marinha.pt (portugiesisch), abgerufen am 27. November 2025
- São Sebastião, bei alernavios.blogspot.com (mit Abbildung, portugiesisch), abgerufen am 27. November 2025
Einzelnachweise
- ↑ Gomes: Portugues ships. 14th–19th century, S. 8
- ↑ Arsenal de Marinha do Rio de Janeiro: Histórico auf Website der brasilianischen Marine unter marinha.mil.br
- ↑ a b c d Nau „São Sebastião“, im portugiesischen Marinearchiv unter arquivohistorico.marinha.pt
- ↑ a b Pereira: História da Marinha Portuguesa: Navios. Marinheiros e Arte de Navegar 1669–1823, S. 52
- ↑ Arsenal Real da Marinha, bei mapa.an.gov.br
- ↑ a b Esparteiro: Catálogo Dos Navios Brigantinos (1640–1910), S. 22
- ↑ a b Pereira: História da Marinha Portuguesa: Navios. Marinheiros e Arte de Navegar 1669–1823, S. 183
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 40
- ↑ The Roussillon campaign of 1793–94: Spain’s lost opportunity unter ageofrevolutions.com
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 45–47
- ↑ Salgado: História da Marinha Portuguesa: Viagens e operações navais (1668–1823), S. 213f.
- ↑ a b c d São Sebastião, bei threedecks.org
- ↑ Salgado: História da Marinha Portuguesa: Viagens e operações navais (1668–1823), S. 178
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 58
- ↑ a b c d Pivka: Navies of the Napoleonic Era, S. 191f.
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 62
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 60
- ↑ José Rodrigues Pereira: D. Domingos Xavier de Lima, 7º Marquês de Nisa (1765–1802). In: Revista Armada Nº 408, Mai 2007, S. 18–21 (Online-Version als PDF).
- ↑ Pereira: Campanhas navais 1793–1807. Volume I: A Armada e a Europa. A Marinha Portuguesa na Época de Napoleão, S. 62ff.
- ↑ Salgado: História da Marinha Portuguesa: Viagens e operações navais (1668–1823), S. 218
- ↑ Salgado: História da Marinha Portuguesa: Viagens e operações navais (1668–1823), S. 269
- ↑ José António Rodrigues Pereira: A Marinha Portuguesa que ficou sob a ocupação Francesa (dt. etwa: Die portugiesische Marine, die unter französische Besatzung geriet), bei revistamilitar.pt
- ↑ Gomes: Portugues ships. 14th–19th century, S. 33