Richardis von Stade

Richardis von Stade (* um 1124; † 29. Oktober 1152 in Bassum) war eine Benediktinerin aus dem Grafenhaus der Udonen und Äbtissin des Stifts Bassum. Bekannt ist sie vor allem als enge Vertraute der Mystikerin Hildegard von Bingen.

Leben

Richardis entstammte dem sächsischen Adelsgeschlecht der Udonen. Sie gilt als Tochter des Grafen Rudolf I. von Stade und der Richgard von Sponheim und war damit Schwester des Bremer Erzbischofs Hartwig I. von Stade sowie der mehrfach verheirateten Liutgard von Stade.[1] Über ihre Kindheit ist nichts Sicheres überliefert. Als junge Adlige trat sie als Benediktinerin in die von Hildegard von Bingen geleitete Frauengemeinschaft am Disibodenberg ein.

Seit den 1140er Jahren arbeitete Richardis eng mit Hildegard zusammen. In den Quellen erscheint sie als Vertraute, Schülerin und Mitarbeiterin Hildegards, die an der Niederschrift des Visionswerkes Scivias beteiligt war.[2] Mehrere Briefe Hildegards, unter anderem an die Mutter der Richardis und an ihren Bruder Hartwig, bezeugen eine ausgeprägte emotionale Nähe und die hohe Wertschätzung, die Hildegard ihr entgegenbrachte.[3]

1151 wurde Richardis auf Betreiben ihres Bruders Hartwig zur Äbtissin des norddeutschen Stifts Bassum gewählt. Hildegard widersetzte sich dieser Versetzung in mehreren Briefen an kirchliche und weltliche Autoritäten, konnte sie aber nicht verhindern. Nach nur kurzer Amtszeit starb Richardis im Stift Bassum, als Todesdatum wird häufig der 29. Oktober 1152 genannt.[4]

Rezeption

In der Forschung gilt Richardis von Stade neben Volmar von Disibodenberg als zentrale Bezugsperson im Umfeld Hildegards. Neuere Darstellungen betonen ihre Rolle bei der Textentstehung von Scivias und diskutieren die emotionale Dimension der Beziehung zwischen beiden Frauen, ohne sie auf moderne Deutungsmuster zu verkürzen.[5] In der lokalen Erinnerungskultur des Stifts Bassum spielt sie als zweite Äbtissin und Identifikationsfigur eine wichtige Rolle, was sich etwa in Ausstellungen und Begleitpublikationen widerspiegelt.[4]

In Margarethe von Trottas Spielfilm Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen (2009) wird Richardis von Hannah Herzsprung dargestellt.

Literatur

  • Richard G. Hucke: Die Grafen von Stade 900–1144. Genealogie, politische Stellung, Comitat und Allodialbesitz der sächsischen Udonen. Diss. Kiel, Stade 1956.
  • Uta Fleischmann, Ulrike Schink (Hrsg.): UmFangen. Richardis von Stade – Äbtissin von Bassum. Staublau, Oldenburg 2022.
  • Joseph L. Baird (Hg.): The Personal Correspondence of Hildegard of Bingen. Oxford University Press, Oxford 2006.
  • María Eugenia Góngora: Acercamiento a las emociones medievales: dos cartas de Hildegard de Bingen (1098–1179). In: Revista Chilena de Literatura 82 (2012), S. 143–157.

Einzelnachweise

  1. Zur genealogischen Einordnung vgl. Richard G. Hucke: Die Grafen von Stade 900–1144. Genealogie, politische Stellung, Comitat und Allodialbesitz der sächsischen Udonen. Diss. Kiel, Stade 1956, S. 49 f., 107–112.
  2. Hildegard von Bingen: Scivias. Hrsg. Adelgundis Führkötter, Angela Carlevaris. Turnhout 1978 (Corpus Christianorum, Continuatio Mediaevalis 43–43A).
  3. Joseph L. Baird (Hg.): The Personal Correspondence of Hildegard of Bingen. Oxford University Press, Oxford 2006, Kap. 3 (»Richardis von Stade«), S. 39–51.
  4. a b Uta Fleischmann, Ulrike Schink (Hrsg.): UmFangen. Richardis von Stade – Äbtissin von Bassum. Staublau, Oldenburg 2022.
  5. María Eugenia Góngora: Acercamiento a las emociones medievales: dos cartas de Hildegard de Bingen (1098–1179). In: Revista Chilena de Literatura 82 (2012), S. 143–157.