Retentionsraum Oberfüllbruch

Retentionsraum Oberfüllbruch
Rossweidschleuse im Pfinz-Entlastungskanal, hinter der Wegschranke die Dammscharte zum Retentionsraum
Zuflüsse Pfinz-Entlastungskanal
Abfluss Pfinzüberleitung
Größere Städte in der Nähe Karlsruhe, Stutensee
Koordinaten 49° 2′ 37″ N, 8° 29′ 0″ O
Daten zum Bauwerk

Sperrentyp Erddamm
Bauzeit 1930er Jahre
Höhe des Absperrbauwerks 3 m
Betreiber Landesbetrieb Gewässer im Regierungspräsidium Karlsruhe
Daten zum Stausee
Höhenlage (bei Stauziel) 113,5 m ü. NN
Wasseroberfläche 2,16 km²
Speicherraum 2 000 000 m³
ungesteuertes Staubecken im Nebenschluss
Unterläufe der Pfinz mit dem Retentionsraum
Auslassbauwerk

Der Retentionsraum Oberfüllbruch ist eine Anlage zum Hochwasserschutz im Flussgebiet der Pfinz, die im Nordosten der baden-württembergischen Stadt Karlsruhe liegt.

Ältere Bezeichnungen sind Hochwasserrückhaltebecken Oberfüllbruch[1] oder Füllbruch-Polder[2.1]. Die Bezeichnung Retentionsraum wurde als Oberbegriff für Hochwasserrückhaltebecken und Flutpolder gewählt.[3.1] Der Retentionsraum umfasst über den Oberfüllbruch hinaus das gesamte Waldgebiet des Füllbruchs.

Naturraum und Geschichte

Die Pfinz ist ein rund 60 Kilometer langer Zufluss des Rheins. Sie entspringt am Rand des Nordschwarzwalds, durchfließt den südlichen Kraichgau und tritt bei Karlsruhe-Grötzingen in die Oberrheinische Tiefebene ein. In der Rheinebene fließt die Pfinz zunächst nach Südwesten bis Durlach, folgt dann der Kinzig-Murg-Rinne, einer Senke am Rand der Rheinebene, wendet sich zuletzt von Nord nach Nordwest und mündet im Raum Rußheim/Philippsburg in den Rhein.

Dem direkteren Weg ab Grötzingen zum Rhein steht die Hardtebene im Wege, die etwas höher als die Kinzig-Murg-Rinne liegt. Teile der Rinne waren versumpft, vernässt oder vermoort. Seit dem Mittelalter wurden Gewässer in der Rinne aus- und umgebaut. Dabei entstand ein komplexes Gewässernetz mit Wasserläufen in unterschiedlicher Höhenlage, die der Entwässerung dienten und das Wasser zur Wiesenwässerung und zum Antrieb von Mühlen nutzbar machen sollten.[4.1] Dennoch bildete sich in Rinne am Ende des Winters und bei Hochwasser oft ein flacher See, aus dem das Wasser nur langsam abfloss. Überschwemmungsgefährdet war ein mehrere Kilometer breiter Streifen längs der Pfinz.[5.1] Noch im Mai 1931 standen nach einem Hochwasser der Pfinz weite Teile der Durlacher Gemarkung unter Wasser.[2.2]

1934 nutzte das nationalsozialistische Regime vorhandene Pläne und ließ während der Pfinz-Saalbach-Korrektion (Pfisako) vom Arbeitsdienst die Entwässerung der Kinzig-Murg-Rinne ausbauen. Ziel war die Ausweitung der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen. Dabei wurde der 1936 funktionsfähige Pfinz-Entlastungskanal gebaut, der von Grötzingen auf direktem Weg zum Rhein führt.[2.2] Am Abzweig des Entlastungskanals wird der Abfluss in der Pfinz auf maximal 5 m³/s reduziert, höhere Abflüsse werden in den Kanal abgeschlagen.[5.2] Die Pfinz hat kurz oberhalb von Grötzingen einen mittleren Abfluss von 1,96 m³/s und ein 100-jährliches Hochwasser von 99,6 m³/s.[6]

Retentionsraum

Der Retentionsraum Oberfüllbruch liegt östlich von Büchig und südöstlich von Blankenloch, zwei Ortschaften der Stadt Stutensee, gehört aber zum äußersten Nordosten der Karlsruher Gemarkung. Heute sind die Flächen dem Stadtteil Hagsfeld zugeordnet. Der Großteil des Füllbruchs kam 1938 durch die Eingemeindung von Durlach zu Karlsruhe, kleinere Flächen im Süden folgten 1974, als Grötzingen seine Selbstständigkeit verlor. Der vollständig bewaldete Retentionsraum gehört zum Landschaftsschutzgebiet Füllbruch-Vokkenau, der Schonwald Füllbruch nimmt eine Teilfläche im Norden ein.

Der Retentionsraum ist 2,16 Quadratkilometer groß, in Nord-Süd-Richtung rund 3,3 Kilometer lang und bis zu 1,0 Kilometer breit. Das Stauziel beträgt 113,5 m ü. NN; es können rund 2 Millionen Kubikmeter Wasser gespeichert werden.[7] Die mittlere Einstauhöhe beträgt circa 1 Meter, die maximale 1,5 Meter.[3.2] Die Fläche des Retentionsraums ist weitgehend eben mit leichtem Gefälle nach Norden. Im Nordosten und Osten liegen kleinere, bis zu zwei Meter hohe Hügel, die aus Flugsandablagerungen aufgebaut sind.[8]

Im Süden wird der Retentionsraum vom Pfinz-Entlastungskanal begrenzt, im Westen von der Pfinz, die von Durlach kommend den Kanal in einem Düker unterquert. Die Pfinz verläuft in Hochlage mit einem Wasserspiegel teils über dem Gelände. Die Hochlage dürfte Folge des bereits im Spätmittelalter praktizierten „Bachputzens“ sein, bei dem Sedimente aus dem Gerinne ausgehoben und am Ufer abgelagert wurden.[4.2] Im Nordwesten zweigt die Heglach von der Pfinz ab. Der Abfluss der Pfinz geht im Regelfall vollständig in die Heglach über, da die Fortsetzung der Pfinz, auch Pfinzüberleitung genannt, durch ein Überfallwehr abgesperrt ist. An der Pfinzüberleitung liegt das Absperrbauwerk des Retentionsraums, ein bis zu 3 Meter hoher Erddamm.[1] Im Nordosten grenzt der untere Teil des Gießbachs an. Im Osten schließt die Bundesautobahn 5 (Frankfurt am MainBasel) an, die ungefähr zeitgleich mit dem Retentionsraum gebaut wurde.[2.3] Der Retentionsraum wurde 1939 fertiggestellt.[1]

Durch den Retentionsraum verlaufen mehrere, meist trockenliegende Gräben, darunter der Rossweidgraben, der den Oberfüllbruch im Südwesten vom Unterfüllbruch im Nordosten trennt. Östlich der Autobahn verläuft der Weidgraben, der mehrere, von Osten kommende Fließgewässer aufnimmt und nach Norden ableitet.

Hochwasser der Pfinz wird in Grötzingen in den Pfinz-Entlastungskanal geleitet, der bis zum Retentionsraum für 140, unterhalb für 65 m³/s ausgebaut ist.[3.3] Am Retentionsraum liegt die Rossweidschleuse, ein Wehr, das einerseits der Stabilisierung des Grundwasserspiegels dient, andererseits das Wasser des Kanals so hoch staut, dass höhere Abflüsse über eine 800 Meter lange Dammscharte in den Retentionsraum fließen.

Die Entleerung des Retentionsraums erfolgt über ein Auslassbauwerk, das durch ein Schütz verschließbar ist. Es liegt im Absperrbauwerk an der Pfinzüberleitung am Zusammenfluss der Gräben, die durch den Füllbruch laufen. Von der Pfinzüberleitung fließt das Wasser in die Pfinzkorrektion. Ab Neuthard bestehen mehrere Abflusswege: Einerseits über den Pfinzkanal zum Saalbachkanal, der oberhalb der Insel Elisabethenwörth in den Rhein mündet. Anderseits über die Alte Pfinz, die dem Hauptlauf der Pfinz zufließt. Die Pfinz vereinigt sich bei Rußheim mit dem Rheinniederungskanal, der über den Rußheimer oder den Philippsburger Altrhein in den Rhein mündet. Bei hohen Wasserständen im Rhein wird die Vorflut durch das Schöpfwerk Philippsburg sichergestellt.

Im langjährigen Mittel wird der Retentionsraum alle 15 bis 20 Jahre eingesetzt. Eine Flutung erfolgt ab einem Abfluss von rund 42 m³/s im Pfinz-Entlastungskanal. Flutungen sind aus den Jahren 1978, 1993,[2.1] 1999, 2002, 2009 und 2013 bekannt. Beim Hochwasser 2013 füllte sich der Retentionsraum nur zögerlich, sodass der Norden des Füllbruchs trockenlag und zeitgleich am Pfinz-Entlastungskanal das Stauziel überschritten wurde. Die anschließende Entleerung dauerte rund 8 Wochen.[3.4]

Geplante Sanierung

2015 wurde bei einer Sicherheitsüberprüfung festgestellt, dass der Retentionsraum Oberfüllbruch sanierungsbedürftig ist. Wegen der festgestellten Mängel wurde das Stauziel vorläufig um 50 Zentimeter abgesenkt.[3.5] Im November 2021 stellte der Landesbetrieb Gewässer im Regierungspräsidium Karlsruhe bei der Stadt Karlsruhe als untere Wasserbehörde einen Antrag auf Planfeststellung, der folgende Baumaßnahmen vorsieht:[9]

  • Am Pfinz-Entlastungskanal wird die Dammscharte durch ein Einlauf- und Entleerungsbauwerk, bestehend aus einem Schlauchwehr und einem verschließbaren Schachtbauwerk, ersetzt. Dadurch kann die Flutung des Polders besser gesteuert und auf Abflüsse über 65 m³/s im Pfinz-Entlastungskanal begrenzt werden.[3.6] An der Technischen Universität Dresden wurde ein Modellversuch für das Einlaufbauwerk durchgeführt, bei dem die Leistungsfähigkeit überprüft und konstruktive Details untersucht wurden.[10]
  • Die Dämme des Retentionsraums werden saniert. Der parallel zur Pfinz verlaufende Weg wird auf einen Damm verlegt. Mit dieser Lösung kann der ökologisch wertvolle Galeriewald am Fluss erhalten werden.
  • Das Auslaufbauwerk wird durch einen Neubau ersetzt. Es dient künftig nur noch der Restentleerung des Retentionsraums, da ein Teil des zurückgehaltenen Wassers nach Ende der Hochwasserwelle in den Pfinz-Entlastungskanal zurückfließt.
  • Zwei Wege im Füllbruch werden tiefergelegt, damit bei Flutung des Retentionsraums sich das Wasser schneller verteilt.

Der Baubeginn ist derzeit nicht absehbar.

Literatur

  • Matthias Höhne, Lars Schaarschmidt, Holger Haufe: Sanierung des Retentionsraumes Oberfüllbruch. In: Dresdner Wasserbauliche Mitteilungen. 68(2022), S. 39–43 (hdl:20.500.11970/108910).
Commons: Retentionsraum Oberfüllbruch – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b c Steckbrief 01 HRB Oberfüllbruch bei der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW, abgerufen am 25. Dezember 2025).
  2. Günther Malisius: Die Pfinz: Einst Lebensader, jetzt Naherholung und immer wieder korrigiert. (=Beiträge zur Geschichte Durlachs und des Pfinzgaus, Band 5). Freundeskreis Pfinzgaumuseum, Historischer Verein Durlach e.V. (Hrsg.). Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2011, ISBN 978-3-89735-681-8.
    1. a b S. 89.
    2. a b S. 71.
    3. S. 83.
  3. Öffentlichkeitsbeteiligung Sanierung Retentionsraum Oberfüllbruch. Anlage 4. Fragen und Anregungen im PBK. beim Beteiligungsportal der Regierungspräsidien (Stand 18. November 2021, pdf, 457 kB).
    1. Frage 30.
    2. Fragen 33, 35.
    3. Frage 31.
    4. Fragen 7, 11, 12, 34.
    5. Frage 8.
    6. Fragen 34, 66.
  4. Dieter Hassler: Tausend Jahre Mühe und kein Ende. Die Geschichte des Bachbaus in Kraichgau, Hardt und Bruhrain. In: Dieter Hassler (Hrsg.): Wässerwiesen: Geschichte, Technik und Ökologie der bewässerten Wiesen, Bäche und Gräben in Kraichgau, Hardt und Bruhrain. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1995, ISBN 3-929366-20-7, S. 40–61.
    1. S. 40–53.
    2. S. 42.
  5. Gismar Eck: Pfinz-Saalbach-Korrektion. In: Innenministerium Baden-Württemberg (Hrsg.): Wasserwirtschaft in Baden-Württemberg. Wasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Flussbau, Talsperrenbau, landwirtschaftlicher Wasserbau, Verwaltung, Organisation. Verwaltungs-Verlag, München 1969, S. 153–156.
    1. S. 154.
    2. S. 155.
  6. Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg, Hochwasservorhersagezentrale BW: Pegel Berghausen/Pfinz. Werte aus Regionalisierung, Stand 1. März 2016 (Mittlerer Abfluss) bzw. Dezember 2024 (Hochwasser).
  7. Sanierung Retentionsraum Oberfüllbruch in Karlsruhe beim Regierungspräsidium Karlsruhe.
  8. Geologische Karte 1:50.000 beim Mapserver des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) (Hinweise)
  9. Regierungspräsidium Karlsruhe, Pressestelle: Pressemitteilung 23. November 2021. (pdf, 50 kB).
  10. Sanierung Retentionsraum Oberfüllbruch beim Institut für Wasserbau und technische Hydromechanik der TU Dresden (Abgerufen am 31. Dezember 2025).