Rathaus (Zeil am Main)
Das Rathaus in Zeil am Main gehört zu den markantesten Bauwerken der Altstadt und prägt mit seiner freistehenden Lage das Bild des Marktplatzes. Es vereint Bauelemente aus mehreren Epochen: ein gotischer steinerner Unterbau aus dem 14. Jahrhundert mit spitzbogigen Portalen und Fenstern sowie ein Fachwerk-Obergeschoss aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Gebäude diente über Jahrhunderte nicht nur als Sitz der städtischen Verwaltung, sondern auch als Markthalle, Schulhaus und Stadtbücherei. Mit der „Bamberger Elle“ an der Südwestecke und dem erhaltenen Pranger besitzt es zudem wichtige Zeugnisse städtischer Rechts- und Wirtschaftsgeschichte. Heute ist das Rathaus ein kulturhistorisches Denkmal und Teil des geschlossenen Ensembles am Zeiler Marktplatz.
Baugeschichte
Das Rathaus von Zeil am Main ist ein freistehendes, den Marktplatz dominierendes Gebäude, dessen heutige Gestalt im Jahr 1540 entstand. Bereits um 1400 verfügte die Stadt über ein erstes Rathaus, das für die damalige Zeit als ansehnlich galt. Dieses Bauwerk mit massivem Mauerwerk, spitzbogigen Eingängen und gotischen Fenstern bildete die Grundlage für spätere Erweiterungen.
Die Baugeschichte lässt sich in zwei Abschnitte gliedern: Erdgeschoss und erster Stock stammen aus der Zeit um 1400, wie die spitzbogigen Portale – beim Nordportal mit gekreuztem Scheitel – und die gotischen Fenster mit Zwischengewänden belegen. Kurz nach der Stadterhebung dürfte mit dem Bau begonnen worden sein. Der Abschlussstein im ersten Stock trägt die Jahreszahl 1540 und verweist auf die Aufstockung mit einem zweiten Fachwerkgeschoss. Vermutlich kam es Mitte des 16. Jahrhunderts zu einem Brand, bei dem das Obergeschoss mit wertvollen Stadtakten zerstört wurde. Der Wiederaufbau führte zum heutigen Erscheinungsbild.
Das Rathaus ist in seiner äußeren und inneren Gestaltung Teil einer städtebaulichen Gesamtkonzeption: Der Marktplatz steigt in einem Halbrund an und wird durch die St.-Michaelskirche im Scheitelpunkt abgeschlossen. Das Rathaus ist mit seiner Giebelseite in den Platz gestellt und unterscheidet sich von den umliegenden Bürgerhäusern nur durch Dimension und Strenge. Es verkörpert den Ausdruck eines auf seine Stadtrechte stolzen bäuerlich-bürgerlichen Gemeinwesens.
Eine weitere prägende Veränderung erfolgte 1887: Das Fachwerk wurde verputzt und auf der Fassade ein dekoratives, aber unzutreffendes Fachwerk sowie eine Quaderbemalung aufgetragen. Nach dem Auszug der Schule 1933 ließ Bürgermeister Baptist Geisel das Gebäude erstmals verbessern und mit einer Heizung versehen. 1962 erfolgte ein behutsamer Umbau, der das Rathaus in den heutigen Zustand versetzte und stilgerechte, lichte Amtsräume mit moderner Ausstattung schuf.[2.1][2.2][2.3]
Nutzung im Wandel
Das Rathaus erfüllte im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Funktionen:
- Mittelalter: Das gesamte Erdgeschoss war eine durchgehende Markthalle, in der Bäcker und Metzger ihre Waren unter strenger Stadtaufsicht auf Fleisch- und Brotbänken anboten. Hier befanden sich auch die Stadtwaage und an der Außenseite das Längenmaß der „Bamberger Elle“ (67 cm).[2.1][2.2][2.3]
- „Fleischhäusla“: Ein abgetrennter Raum im Untergeschoss, ursprünglich von Metzgern genutzt, wurde später als Arrestzelle verwendet. Die Zeiler nannten ihn „Fleischhäusla“ (oder „Flaaschhäusla“). Dort waren zeitweise Feuerwehrgeräte untergebracht, und während des Ersten Weltkriegs wurden vier französische Gefangene einquartiert. Wie sich Liesl Brehm erinnerte, gaben diese durch ein kleines Fenster Schulkindern Zwieback, den sie wohl vom französischen Roten Kreuz erhalten hatten. Bis ins 20. Jahrhundert blieb der Raum als „Schreckmittel“ für Kinder im Gedächtnis.[2.4]
- Neuere Zeit: Vor dem Bau der Marienschule (1927) wurde das Rathaus als Schulgebäude (seit 1825 als Volksschule) genutzt.
- 1960er bis 1985: Hier war die Stadtbücherei untergebracht, bevor sie ins Rudolf-Winkler-Haus umzog.
- Heute: Für die Verwaltungsarbeit ist das historische Gebäude zu klein geworden, weshalb viele Abteilungen in die Bamberger Straße ausgelagert sind.[2.1][2.2][2.3]
Großer Ratssaal
Im ersten Stockwerk, über eine überdachte Außentreppe an der Nordseite zugänglich, befand sich der große Ratssaal – eine durchgehende Halle mit Balkendecke, getragen von mächtigen Holzsäulen. Heute lassen nur noch Teile dieser Säulen die einstige Weite erahnen.
Der Saal war der größte Raum der Stadt und diente vielfältigen Zwecken:
- Repräsentation: Hier erhielten die Bürger Speis und Trank bei fürstlichen Besuchen oder nach der Jagd.
- Feste: Bürger hielten hier ihre Hochzeitstänze ab und zahlten für die Nutzung 8 Schilling, wovon der Ratsdiener 1 Schilling für die Reinigung erhielt.
- Verwaltung: Jährlich wurden die Rechnungen über das Bürgermeisteramt und das Gotteshausamt vor dem versammelten Rat verlesen, anschließend wurde gegessen und große Mengen Zeiler Wein konsumiert. Zur Vorbereitung der Mahlzeiten diente die Rathausküche mit Speisekammer. Dort wurden Schweine und am Martinstag die Gänse zubereitet, bevor sie an Bratspießen über den Feuerböcken schmorten. Das Inventar umfasste 1714 zwei große silberne Humpen, zwei Dutzend zinnerne Teller, Löffel und Becher, Pfannen und Töpfe. Im Weißzeugschrank lagen Tafeltücher mit roten und weißen Borten sowie Serviettüchlein.[2.1][2.2][2.3]
Ratsstube und Ratsarbeit
Herzstück des zweiten Stockwerks war die kleine Ratsstube mit profilierten Balkendecken und Fachwerkwänden, wie sie heute noch in der Stadtkasse erhalten sind. Hier tagte der Rat jeweils am Donnerstag unter Vorsitz des Ober- oder Unterbürgermeisters, bei Strafsachen des Schultheißen, oft in Anwesenheit des adeligen Oberamtmannes. Neben den Ratsherren waren auch Viertelsmeister und der Ratsschreiber beteiligt.
Die Themen entsprachen weitgehend den Tagesordnungen moderner Stadtratssitzungen, mit dem Unterschied, dass damals auch Rechtsfälle wie Schlägereien, Diebstähle, Beleidigungen oder Verstöße gegen Maß und Gewicht vom Rat selbst geahndet wurden. Die Urteile führten zu Geldstrafen oder Haft in der „Krausen“, dem Stadtgefängnis, oder am Pranger.[2.1][2.2][2.3]
Keller und Speicher
Der Rathausboden wurde seit 1700 meist verpachtet, teils an das fürstliche Kastenamt zur Aufschüttung herrschaftlichen Getreides, teils an adelige Herrschaften für ihr Zehntgetreide. Die Luke für den Außenaufzug der Kornsäcke ist heute zugemauert, aber am Fachwerk noch erkennbar.
Der Rathauskeller war meist an das Gotteshaus Zeil zur Unterbringung des Gotteshausweines verpachtet. In guten Jahren lagerten dort bis zu sechs Fuder Wein. Gelegentlich wurden kleinere Mengen heimlich entnommen – etwa durch einen Anstich am Fassbauch oder mit einer Röhre aus dem Spund.[2.1][2.2][2.3]
Registratur und Archiv
Im zweiten Stock befand sich auch die Registratur, in der Ratsprotokolle, Testamentsbände, Kirchen-, Probstei- und Hochgerichtsakten sowie Rechnungen aufbewahrt wurden. 1796 wurden diese auf hochfürstlichen Befehl in Bände gebunden. Die große Hochachtung vor dem geschriebenen Wort erklärt sich daraus, dass Rechte und Freiheiten nur mit Brief und Siegel beweiskräftig waren.
Heute ist im Rathaus weiterhin das Stadtarchiv untergebracht, das neben Bürgerratsprotokollen auch Pergamenturkunden aus der Zeit um 1400 umfasst.[2.1][2.2][2.3]
Ausstattung des Ratssaals
Der neue Ratssaal wurde mit bedeutenden Kunst- und Kulturobjekten ausgestattet:
- ein gotisches Apostelrelief (zwei Altarflügelteile, nach neuester Forschung aus der alten Pfarrkirche stammend)
- eine bäuerliche Barockmadonna aus der Friedhofskapelle
- ein Kruzifix nach Nürnberger Vorbild der Gotik
- ein Zeiler Barockschrank
- eine Vitrine mit geologischen, prähistorischen und historischen Funden aus der Stadt und ihrer Gemarkung.[2.1][2.2][2.3]
Kommunale Obrigkeit
Im Rathaus wirkten neben dem Oberbürgermeister auch ein Unterbürgermeister sowie sechs Ratsherren, die gemeinsam für die bürgerlichen Angelegenheiten Verantwortung trugen. Das Gebäude war damit das sichtbare Zeichen städtischer Selbstverwaltung und kommunaler Ordnung.[2.1][2.2][2.3]
Bamberger Elle
An der südwestlichen Ecke des Rathauses ist die sogenannte „Bamberger Elle“ eingelassen – ein altes Längenmaß von 67 cm. Sie steht in direktem Zusammenhang mit den 1397 verliehenen Marktrechten und war insbesondere für den Tuchhandel verbindlich. Frühere Maße orientierten sich am menschlichen Körper; ein „Schuh“ entsprach etwa 30 cm.[2.1][2.2][2.3]
Pranger und Strafpraxis
Am Südeck des Rathauses befindet sich der historische Pranger, ein Relikt mittelalterlicher Strafpraxis. Seine Wirkung beruhte auf öffentlicher Demütigung: Verurteilte wurden angekettet und der Schande preisgegeben.
Im 17. Jahrhundert kam es zu strengen Strafen gegen „Zuchtlosigkeit“ und Sittenverfall. So sollte 1642 ein Bürger wegen Gotteslästerung öffentlich gebunden werden, wogegen der Stadtrat jedoch Einspruch erhob. Noch im 18. Jahrhundert wurden junge Leute, die „fleischliche Vermischung“ betrieben hatten, nach dem Gottesdienst mit einer Geige um den Hals und einem Strohring auf dem Kopf auf dem Markt ausgestellt. „Gefallenen Personen“ war es zudem verwehrt, in der Kirche vorne Platz zu nehmen oder bei Prozessionen anders als am Ende mitzugehen.[2.1][2.2][2.3]
Weblinks
- Das Rathaus In: zeil-am-main.de
Einzelnachweise
- ↑ Leisentritt: Wie das Fachwerk wieder in Mode kam. In: denkmal-zeil.de. Abgerufen am 19. Dezember 2025.
- ↑ Das Zeiler Rathaus. In: denkmal-zeil.de. Abgerufen am 27. November 2025.
Koordinaten: 50° 0′ 37,2″ N, 10° 35′ 40,3″ O