Römische Befunde in Soller (Vettweiß)
Die römischen Befunde in Soller beschreiben die archäologisch fassbaren Hinterlassenschaften der Römer im Gebiet von Soller, einem Dorf in der Gemeinde Vettweiß/Kreis Düren in Nordrhein-Westfalen. Bewohnt wurde die Gegend vom germanischen Stamm der Ubier, die während der zweiten Statthalterschaft des Marcus Vipsanius Agrippa um 19/18 v. u. Z. dorthin umgesiedelt und später romanisiert worden waren. Administrativ gehörte das Gebiet zunächst zur Provinz Gallia Belgica, ab Domitian zur Germania inferior.
Die römische Besiedlung begann in diesem Bereich im Laufe des frühen 1. Jahrhunderts und verstärkte sich ab der Mitte desselben. Bei den dort ansiedelnden landwirtschaftlichen Betrieben handelte es sich einen bis fünf Hektar große Einzelgehöfte vom Typ der Villa rustica mit quadratischen und rechteckigen Grundrissen, deren landwirtschaftlichen Nutzflächen Größen von bis zu 50 Hektar erreichten.[1] Ihre Anlage zeugt von einer systematischen Raumplanung, möglicherweise lag dieser eine großflächige Limitatio zu Grunde.[2][3]
Befunde
Römischer Wasserleitungstunnel
Der Drover Berg, ein über 25 Meter hoher und zwei Kilometer breiter Höhenrücken in der Drover Heide trennt in dieser Region ein Quellgebiet von einem Gebiet mit Wassermangel. Auf Grund der topographischen Gegebenheiten musste daher zur Führung einer Wasserleitung ein 1660 Meter langer, durch den Drover Berg verlaufender Tunnel gegraben werden, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt ist.[4] Von den Ausgrabungen jener Zeit sind jedoch nicht mehr als ein paar einfache Handskizzen erhalten. Erst 1982 wurde unter der Leitung von Klaus Grewe mit wissenschaftlichen Ausgrabungen begonnen, 2007 fand eine weitere Untersuchung statt. Den Beginn der Wasserleitung stellt der Heilige Pütz dar,[5] eine römische Quellfassung bei Drove,[6] ihr Ende ist nicht gesichert. Als mögliches Ziel käme die Villa rustica in Vettweiß-Froitzheim in Betracht. Bis etwa Soller ist die Leitung noch im Gelände zu erkennen, danach ist ihr Verlauf nicht mehr nachzuvollziehen. Der Tunnel gilt als eines der bedeutendsten Bodendenkmäler und einziger bekannte antike Tunnelbau im Lande Nordrhein-Westfalen. Zu seiner Errichtung wurde die so genannte Qanatbauweise angewendet, das heißt, der Vortrieb erfolgte nicht nur von den beiden Mundlöchern aus, sondern zur Kontrolle wurden zusätzlich rund einhundert Bauschächte angelegt, mit deren Hilfe eine sehr hohe Verlaufsgenauigkeit erzielt werden konnte. Rund die Hälfte dieser Schächte sind noch heute als Erdtrichter im Gelände sichtbar. Die Abstände zwischen den Schächten schwankte zwischen 12 m und 15 m am Hang und 17 m bis 20 m auf dem Höhenkamm. Der Tunnel selber war bis zu zwei Meter hoch. Auf seinem Boden wurde eine U-förmige Leitungsrinne aus Opus caementitium errichtet, die innen mit Opus signinum wasserdicht verputzt war, ein Gefälle von 0,1 % aufwies und vermutlich eine Durchflusskapazität von 480 m³/Tag besaß. Zur Abdeckung dienten bis zu vier Zentimeter dicke Ziegelplatten.[7] Ein „Drover-Berg-Tunnel-Wanderweg“ wurde mittels Förderung der Konejung Stiftung: Kultur angelegt und 2009 offiziell eröffnet.[8]
Römische Wasserleitung
Ein weiteres Stück einer anderen Wasserleitung wurde 1981 beim Bau einer Umgehungsstraße entdeckt. Diese Leitung führte aus dem Quellgebiet des Ellebaches[9] in die umliegenden Orte, darunter auch nach Soller. Vermutlich diente sie der Versorgung einer nahen Villa rustica. Die eigentliche Leitung wird an der Fundstelle von einem etwas tiefer liegenden Kontrollbecken unterbrochen, möglicherweise befand sich dort ein Revisionsschacht. Leitung und Becken bestehen aus mit Opus signinum abgedichtetem Opus caementitium. Sie wurden in situ belassen und mit einem Schutzbau gesichert, dem unterirdischen, so genannten Minimuseum Soller.[10][11]
Römisches Töpfereizentrum
Einer der bemerkenswerteren römischen Befunde ist der Töpfereibezirk im Bereich „Donnerkuhle“ der Drover Heide, der 1932/1933 erstmals ergraben, aber nur unzureichend dokumentiert und erst 1984 publiziert wurde.[12][13] Der Ort gehörte zu einem bis zu 2,2 km breiten und rund 10 km langen „Töpfergürtel“, der sich von Düren bis Ginnick erstreckte. Die Landschaft bot dort mit ihrem Wasserreichtum sowie den natürlichen Ton-, Lehm-, Sand- und Holzvorkommen beste Voraussetzungen für das Töpfereigewerbe. Der römische Töpfer Verecundus betrieb in Soller in der zweiten Hälfte des zweiten und im ersten Viertel des 3. Jahrhunderts eine Großtöpferei, die ausschließlich zu zivilen Zwecken produzierte und in der – neben einer breite Palette an Kochgeschirr und Vorratsgefäßen – hauptsächlich Mortaria (Reibschüsseln) hergestellt wurden. Die Töpferei belieferte primär das Gebiet der nördlichen Eifel, ihre zum Teil mit VERECVNDVS F(ECIT) (Verecundus hat es gemacht) gestempelten Reibschüsseln wurden aber auch bis in die Provinz Britannia exportiert (sog. „Verecundusware“[14]).[15] Die Töpferei verfügte über mehr als ein Dutzend birnenförmige Brennöfen, von denen fünf freigelegt und sieben weitere lokalisiert werden konnten. Die Wassergewinnung erfolgte über mehrere Brunnen, von denen drei ausgegraben wurden und einer heute mit einer Überdachung geschützt ist.[16] Zu der weitläufigen Bebauung der Anlage, die sich in Fundamenten, Mauerzügen und Pfostenlöchern darstellte, gehörte neben den typischen Werkräumen, Hallen und Schuppen auch eigenen Thermen. Diese waren mit Hypokausten, Praefurnien und Kanälen ausgestattet und verfügten über einen großen, anschließenden Hof, vermutlich für gymnastische Übungen.[15] Jüngere Ausgrabungen, die neuere Erkenntnissen erbrachten, wurden 2025 durch das Institut für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn in Zusammenarbeit mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland im Rahmen einer Lehrgrabung vorgenommen. Dabei wurde ein weiterer Töpfereibetrieb mit zwei Öfen und einer Arbeitsgrube entdeckt.[3][17]
Matronenstein
Bereits 1850 war in der Gemarkung „Dinsel“ ein fränkisches Grab aus der Zeit zwischen 600 und 700 u. Z. entdeckt worden. In der Steinsetzung dieser jüngeren Grabanlage fand sich auch ein sekundär verwendeter Matronenstein aus dem 1. Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, der nach laut seiner Inschrift den gallo-römischen Muttergottheiten Matronae Textumeihae geweiht war:[18][19]
„Textume[is]/T(itus) Modest[i]/us Crispin[us]/Turbo l(ibens) [m(erito)].“
„Den (Matronen) Textumeihae (gewidmet) von Titus Modesti/Modestus Crispinus Turbo, der sein Gelübde gerne und verdienstvoll erfüllt hat.“
Der Name Matronae Textumeihae kann entweder mit „Die Göttinnen der Südleute“ übersetzt werden,[20] oder mit „Die Glückverheißenden“.[21] In der nahen Ortschaft Boich sowie in Floisdorf (Mechernich) wurden zwei weitere Weihesteine für diese Gottheiten gefunden.[3]
Präsentation und Denkmalschutz
Ein Teil der größeren Funde wurden durch die oben skizzierten Schutzmaßnahmen gesichert. Seit 2022 gibt es zudem ein ehrenamtlich betriebenes historisches Dorfmuseum.[22][23] Weitere Einzelfunde befinden sich im LVR-Landesmuseum Bonn, darunter der Matronenstein. Die Fundstellen wurden als Bodendenkmäler nach dem DSchG NRW unter Schutz gestellt.
Literatur
- Klaus Grewe, Heinz Günter Horn: Vettweiß-Soller. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 608–614.
- Dorothea Haupt: Römischer Töpfereibezirk bei Soller, Kr. Düren. Bericht über eine alte Ausgrabung. In: Beiträge zur Archäologie des römischen Rheinlands. Band 4 (= Rheinische Ausgrabungen. Band 23). Köln/Bonn 1984, S. 391–476.
- Thomas Schiffer: Auf Römerwegen durch die Eifel. Regionalia-Verlag, Daun 20206, ISBN 978-3-939722-47-2, S. 136f.
Weblinks
- Bedeutsamer Kulturlandschaftsbereich Kreuzau - Vettweiß auf der Webpräsenz KuLaDig des Rheinischen Landschaftsverbands
- Neue Forschungen im römischen Töpfereizentrum von Vettweiß-Soller, Kr. Düren auf der Webpräsenz des Instituts für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn
- Römische Töpferwerkstatt bei Vettweiß-Soller freigelegt auf der Webpräsenz des Herder Verlags
Einzelnachweise
- ↑ Villae Rusticae im Südteil der Provinz Germania Inferior auf der Webpräsenz des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA), abgerufen am 11. November 2025.
- ↑ Klaus Grewe, Heinz Günter Horn: Vettweiß-Soller. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 608–614.
- ↑ a b c Bedeutsamer Kulturlandschaftsbereich Kreuzau - Vettweiß auf der Webpräsenz KuLaDig des Rheinischen Landschaftsverbands, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ 50° 43′ 54″ N, 6° 32′ 5″ O
- ↑ Heiliger Pütz: 50° 43′ 18,34″ N, 6° 31′ 25,03″ O
- ↑ Peter Squentz: Tippeltour 269, Pause am Heiligen Pütz in Kölner Stadtanzeiger 22./23. Dezember 2007.
- ↑ Klaus Grewe: Römischer Wasserleitungstunnel. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 608–611.
- ↑ Bruno Elberfeld: Mit dem Handy in die Römerzeit in Aachener Zeitung vom 13. September 2009; Drover Berg-Tunnel-Weg auf einer privaten Webseite vom 17. Januar 2018, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ 50° 44′ 28,93″ N, 6° 32′ 11,57″ O
- ↑ 50° 44′ 14,23″ N, 6° 33′ 8,58″ O
- ↑ Heinz Günter Horn: Römische Wasserleitung. In: ders. (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 611f.; Thomas Schiffer: Auf Römerwegen durch die Eifel. Regionalia-Verlag, Daun 20206, ISBN 978-3-939722-47-2, S. 137.
- ↑ Dorothea Haupt: Römischer Töpfereibezirk bei Soller, Kr. Düren. Bericht über eine alte Ausgrabung. In: Beiträge zur Archäologie des römischen Rheinlands. Band 4 (= Rheinische Ausgrabungen. Band 23). Köln/Bonn 1984, S. 391–476.
- ↑ Neue Forschungen im römischen Töpfereizentrum von Vettweiß-Soller, Kr. Düren auf der Webpräsenz des Instituts für Archäologie und Kulturanthropologie der Universität Bonn, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ Verucundusware in Britannien auf potsherd.net (englisch), abgerufen am 11. November 2025.
- ↑ a b Heinz Günter Horn: Römischer Töpfereibezirk. In: ders. (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 611f.
- ↑ Klaus Grewe: Römischer Brunnen. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Ausgabe von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 613f.
- ↑ Römische Töpferwerkstatt bei Vettweiß-Soller freigelegt auf der Webpräsenz des Herder Verlags, abgerufen am 8. November 2025.
- ↑ CIL XIII, 07849 = Datenbank Heidelberg HD079675
- ↑ Hans Lehner: Die antiken Steindenkmäler des Provinzialmuseums in Bonn. Cohen, Bonn 1918, S. 156.
- ↑ Die Interpretation von Textumeihae aus dem Wortstamm *textuma „rechts“ oder „südlich“ und „der Folgende“ findet sich bei Günter Neumann: Die germanischen Matronenbeinamen. In: Matronen und verwandte Gottheiten (= Beihefte der Bonner Jahrbücher. Band 44). Rheinland-Verlag/Habelt, Bonn 1987, S. 103–132; Nachdruck in: Heinrich Hettrich, Astrid van Nahl (Hrsg.): Namenstudien zum Altgermanischen. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-020100-0, S. 253–289, hier S. 261 (Seitenansicht in der Google-Buchsuche).
- ↑ Die Interpretation von Textumeihae aus der glückbringenden rechten Seite bei Vogeldeutungen (Auspizien) findet sich bei Helmut Birkhan: Germanen und Kelten bis zum Ausgang der Römerzeit. Band 1, Rohrer, Wien u. a. 1970, S. 197 Anmerkung 338.
- ↑ 50° 44′ 4,6″ N, 6° 33′ 13,18″ O
- ↑ Historisches Dorfmuseum auf der Webpräsenz der Gemeinde Vettweiß, abgerufen am 10. November 2025.